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Frage-/Lesebogen (Odo Marquard, Philosoph)

Liebster erster Satz: Die wundervollen Einleitungssätze des ersten Abschnitts von Kierkegaards »Die Krankheit zum Tode«.
Mein 1. Buch: Dierckes Schulatlas aus der Schulzeit meiner Eltern.
Zur Zeit lese ich: Hermann Lübbe, »Modernisierungsgewinner. Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral«, München: Fink, 2004.
Als nächstes Buch lese ich: Harald Weinrich, »Knappe Zeit«, München: Beck, 2004.
Wann, was, wo lesen Sie? Ich lese eigentlich immer, wenn ich nicht schlafe oder schreibe. Im Bett abends oder nachts Krimis (in Krimis passiert nichts). Tagsüber am liebsten das, was ich nicht lesen muss (aber die Pflichtlektüren gehören dann auch dazu: Gutachtenlektüren, Fachlektüren). Obendrein bin ich Quartalleser: immer wieder einmal suchthaft, und nie nur ein Buch allein.
Lieblingsbuch: Jacob Burckhardt, »Weltgeschichtliche Betrachtungen«.
Lieblingsautor: Nur einer? Aber z. B.: Manès Sperber.
Liebster Roman-Held: Oblomow in Iwan Gontscharows gleichnamigem Roman.
Liebste Roman-Heldin: Philine in Goethes »Wilhelm Meister«.
Dieses Buch hat mich klüger gemacht: Hegels Rechtsphilosophie.
Dieses Buch hat mich geärgert: Alle Bücher, die die Gießener Universitätsbibliothek annektiert hat, statt sie als Philosophische Bibliothek im Zentrum für Philosophie zu belassen. Ein philosophisches Institut ohne Buch ist wie eine Klinik ohne Patienten.
Unterschätzter Autor: Joachim Ritter (1903–1974).
Wieviele Bücher lesen Sie im Monat im Schnitt? 10 bis 30.
Wieviele Bücher stehen in Ihrem Bücherschrank? Etwa 3000. In den Bücherregalen stehen vor allem die, die noch nicht herausgefallen sind und dann auf der Erde liegen. Wenn ich Glück habe, werden sie aufgeschichtet, wenn ich Pech habe, gehen sie als Lawinen nieder.
Wieviel Geld geben Sie im Monat für Bücher aus? 100 bis 200 Euro; dazu kommen die Bücher, die mir geschenkt oder zugeschickt werden und die ich aus Bibliotheken ausleihe.
Wenn mein Bücherschrank überfüllt ist . . .: Das sind die Bücherregale immer. Ich versuche, vor lauter Büchern in mein Arbeitszimmer immer gerade noch hineinzukommen und die Schreibmaschine zu erreichen.
Liebster Schluss-Satz (ich bastle gern selber welche): »Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt. Stil ist, wenn man trotzdem schreibt.« (Marquard, »Zukunft braucht Herkunft«, Stuttgart: Reclam, 2003, S. 290).

Odo Marquard (76), gebürtiger Hinterpommer, ist emeritierter Professor für Philosophie in Gießen und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Wortkünstler (»Inkompetenzkompensationskompetenz«) und ehemalige Freund der Frankfurter Schule ist zum Konservativen geworden, »um die liberale bürgerliche Demokratie zu bewahren«: »Ich verweigere die Bürgerlichkeitsverweigerung.« (gw/23.10.2004)

Baumhausbeichte - Novelle