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Erlösende Komik (Simon Borowiak: “Schade um den schönen Sex”)

Orgasmus und hessische Bibelübersetzung
Meisterwerk eines Suiziddrangverhinderungsstrategen

Sollte Simon Borowiak jemals diese Zeilen lesen, wird er genervt die Augen verdrehen und murren: Schon wieder die alte Chose! Fällt denen denn nix ein, als ständig auf dem ehemaligen »e« am Ende meines Vornamens herumzureiten?
Mit der Vorab-Bitte um Entschuldigung: Humor ist, wenn Mann trotzdem lacht. Also, noch mal die alte Chose: Die »Titanic«-Redakteurin Simone Borowiak schrieb 1992 den skurrilen Bestseller »Frau Rettich, die Czerni und ich« und wurde gefeiert als ein äußerst seltenes Exemplar ihres Geschlechts. Verwunderter Tenor: Viel zu witzig für eine Frau. Robert Gernhardt witzadelte Simone Borowiak wegen ihres frauenuntypisch grandios-grotesken, männlich-bösaggressiven Humors sogar nichtsahnend (war er’s wirklich?) zum »Simon Borowiak« … tja, da arbeitete Simone schon innerlich daran, sich ihres End-»e« zu entledigen.
Es war ein harter, ein sehr harter Weg, gepflastert mit Stolpersteinen wie Alkohol, Suizidversuch, Psychiatrie, bis Borowiak mittels Geschlechtsangleichung die äußeren Konsequenzen daraus zog, sich als Mann im Frauenkörper zu fühlen.
»Middlesex«: Im wunderbaren Roman von Jeffrey Eugenides sagt der Titel schon fast alles. Wir kennen ähnliche Schicksale aus dem Sport: Die österreichische Skiläuferin, die DDR-Kugelstoßerin, die bundesdeutsche Stabhochspringerin, sie tragen schon lange ihre neuen männlichen Vornamen, und zum Glück wird der aktuelle Fall der südafrikanischen 800-m-Weltmeisterin nun diskret behandelt – spät zwar, aber hoffentlich nicht zu spät.
Borowiak therapierte das zerstörerische Lebensproblem (Eigendiagnose: »Schwermut, Todestrieb«) auf seine Weise: »Da ich Selbstmitleid eklig finde, trainierte ich mich zum Trotz auf Komik. Lachen ist Erlösung. Komik ist Lebenserhalt: Sie tröstet, relativiert Verzweiflung, gibt Hass eine zivilisierte Form – Komik ist Gott.«
Wenn Komik Gott ist, ist »Schade um den schönen Sex« göttlich komisch. Der Ich-Erzähler, ein zufrieden vor sich hin gärtnernder Hagestolz, lässt sich von seinem liebeschaotischen Freund Cromwell dazu überreden, kurz vor Weihnachten mit ihm nach Nizza zu fliegen und … ach was, der irrwitzige Roman lässt jeden Versuch einer ernsthaften Inhaltsangabe scheitern, obwohl hinter (und vor und neben) der Komik der bittere Ernst des Existenziellen lauert.
Borowiak weiß: »Bei Licht besehen bin ich inzwischen auch für die Überdosis zu feige, denn dann komme ich ja nach der Intensivstation wieder auf die Geschlossene; noch so einen Suizid überleb ich nicht.« So gesehen ist »Schade um den schönen Sex« das Meisterwerk eines Suiziddrangverhinderungsstrategen.
Aber auch das eines genialen Sexratgebers der späthormonalen Stunde. Zwar sei der Orgasmus eine unbenommen schöne Sitte, aber es gebe tausend Dinge, die wichtiger und erfüllender sind, wie »kerngesund in der Notaufnahme sitzen. Oder die Bibel ins Hessische übersetzen.« (gw/31.10.2009)

Simon Borowiak: »Schade um den schönen Sex« (Eichborn – 16,95 Euro – ISBN 978-3-8218-6102-9)

Lesepröbchen
»Grunddumme Konifere«
Wenn man eine Jahreszeit heiraten dürfte, nähme ich sofort den Herbst. Ab zum Standesamt, uns Liebende in das Grundbuch des Glücks eingetragen, und danach lägen wir beide brach in meinem Garten, zwischen der durchlöcherten Zinkbadewanne und der Haselnuss, starrten in den kaltblau schwingenden Himmel und streichelten uns gegenseitig an unseren erogenen Problemzonen, nämlich der Schwer- und der Sanftmut.
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Ja, auf Koniferen reagiere ich fast so heftig und botanisch inkorrekt wie auf Rhododendron. Oder Posaunenchöre. Oder Jugendliche.
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»Die Konifere«, sagte ich zu Cromwell, »ist die hässlichste und sinnloseste Pflanze der Welt.« »Wenn wir diesen Maßstab anlegen«, sagte Cromwell, »dann sind Erwachsene die Koniferen unter den Säugetieren.«
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Vor den Seelenfrieden haben die Götter die Liebeskirmes gesetzt.
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Alles an ihm atmete eine verheerende Einsamkeit.
(Simon Borowiak: »Schade
um den schönen Sex«)

Baumhausbeichte - Novelle