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Ein alter Schwede und das Böse (Lars Gustafsson: Der Dekan)

»Mir ist einmal eine Öko-Fanatikerin begegnet, die hartnäckig behauptete, Kernreaktionen seien so unnatürlich. Ich möchte wissen, ob sie irgendwann ihre grünen Jalousien hochgezogen und für einen Augenblick zum nächtlichen Sternenhimmel aufgeschaut hat.«
Der nach der Heirat mit einer US-Rechtsanwältin zum jüdischen Glauben übergetretene 68-jährige Lyriker, Philosoph und Romanautor Lars Gustafsson lebt und lehrt in Texas. In seinem neuen Roman »Der Dekan« nimmt er mit leichter Hand seine akademische Umgebung und die Campusmentalität auf den Arm.
Gustafsson, der alte Schwede, wirkt in erotischen Altherrenmomenten mit jungen Geliebten wie ein Geisteszwilling des älteren Martin Walser, geschliffene ironische Eleganz erinnert an den jüngeren Walser, und einige Kabinettstückchen bleiben unvergleichlich, wie dieses mit dem Dekan und seinem alten Kumpel Sigge, dem Verwaltungsdirektor: Die beiden Herren »hatten das sichere Gefühl des erfahrenen Universitätsmannes dafür, was Bluffobjekte und Luftschlösser und Versuche waren, Taugenichtsen aufgrund ihrer Beziehungen zur Verwaltung eine Anstellung zu verschaffen (…). Man konnte den Dekan und den Verwaltungsdirektor höhnisch zusammen lachen hören, wenn es ihnen gelungen war, eine solche Blase platzen zu lassen.«.
Aber worum geht’s eigentlich? Ein Philosophie-Dozent gerät in den Bann seines dämonischen Dekans, verheddert sich in wirren Geschichten bis hin zum Mordkomplott, flieht in eine heruntergekommene Pension am Rande der Wüste und verschwindet schließlich von der Bildfläche, vermutlich sogar freiwillig aus dem Leben. Später werden seine Aufzeichnungen gefunden, per Zufall unter dem Reservereifen im Kofferraum seines Pick-ups. Diese handgeschriebenen und zum Teil unleserlichen Texte, von einer fiktiven Herausgeberin zusammengestellt, werden vom realen Klappentext gepriesen als »ein philosophischer Thriller über das Böse – spannend, intelligent und sehr komisch.«
Gelesen und abgehakt: Philosophisch ja, Thriller nein, über das Böse ja, spannend weniger, intelligent immer, sehr komisch oft.
Den Urgrund des Romans zu erkennen, fällt schwer. Zumindest dem Rezensenten. Der gründelt daher lieber nicht im Grundsätzlichen, sondern erfreut sich an hübschen Mini-Essays über Gott und die Welt, die aus dem Dekan zwar immer noch keinen Thriller machen, aber ein alle anderen Klappentext-Elogen bestätigendes Lesevergnügen. (gw/23.10 2004))
Lars Gustafsson: Der Dekan – Hanser – 17,90 Euro – ISBN 3-446-20530-6

Baumhausbeichte - Novelle