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Die Zumutungen der Welt (Ralf Rothmann: Junges Licht)

Unter den Erbärmlichkeiten und Peinlichkeiten, die einen Jungen in zartpubertärem Alter heimsuchen, kann keine grausamer und erniedrigender sein als diese Frage eines hübschen älteren Mädchens: »Aber du wichst schon, oder?«
Man möchte mit Ralf Rothmanns zwölfjährigem Helden Julian – und er ist ein Held! – vor Scham im Boden versinken, als die frühreife Nachbarstochter Marusha diese hochnotpeinliche Frage stellt, die weniger Frage als achtlos dahingeworfene Feststellung ist.
Als es im Revier noch Kohlezechen gibt und die Fußballer der frühen Bundesliga Szymaniak oder Koslowski heißen, lebt Julian mit Vater, Mutter und kleiner Schwester zur Miete bei einem Kumpel seines Vaters. »Kumpel« ist der Hausbesitzer nur als Bergmann – ein Freund ist er ganz und gar nicht. Vater und Sohn freundlich gesinnt ist nur seine Stieftochter – eben diese Marusha. Leider harmlos für Julian, leider gefährlich für den Vater.
Die Sommerferien beginnen, gerade rechtzeitig vor einer drohenden schulischen Katastrophe für Julian. Viel Gelegenheit zum Aufatmen und Genießen bleibt dem Jungen nicht. Das Geld für einen Familienurlaub fehlt, daher fahren Mutter und die – von Rothmann sehr liebevoll gezeichnete – kleine Schwester alleine zu Verwandten ans Meer, der Vater malocht weiter unter Tage, Julian bleibt mit ihm zu Hause, wird von allen Seiten bedrängt und geplagt. Vom Hausbesitzer, dessen schwül-schmierige Aufdringlichkeit ihn anekelt, ohne dass er den pädophilen Hintergrund schon verstünde. Von stumpfen, brutalen Spielkameraden, die ihre bösen Späße mit ihm treiben. Vom stillen, aber autoritären Vater, dessen Ansprüche er erfüllen will und selten kann. Von seinen undefinierbaren Gefühlen, wenn Marusha sich ihm nähert – mal wie einem kleinen Bruder, mal seltsam kokett.
Doch trotz all seiner Bedrängungen, seiner Angst, seinem scheinbaren Versagen müht sich Julian unverdrossen mit dem Leben ab, das auf ihn zukommt und ihn zu überrollen droht.
Ralf Rothmann ist ein wunderbares, wohl zum Teil in der eigenen Biographie wurzelndes Buch gelungen, das nicht hoch genug zu loben ist. Sein kleiner Held »übt sich in stiller Feiung gegen die Zumutungen der Welt« (schöner Satz aus der »Spiegel«-Rezension), jener Welt zwischen Proletariat und Kleinbürgertum des Ruhrgebiets der 60er Jahre.
Ach ja, und auch das Zweitpeinlichste übersteht Julian in schreckerstarrter Duldsamkeit: Die Mutter, für die sich Rothmanns Sympathie in Grenzen hält, stellt den Jungen buchstäblich bloß und zwingt ihn (im Beisein Marushas!) die Hosen runterzulassen und sich zu waschen – in den verknäulten Feinripp-Unterhosen jener Zeit, die so unfein klumpend zwischen den Beinen baumeln.

Lange nicht mehr solch einen rundum gelungenen, authentischen, zu Herzen gehenden Roman gelesen.
Sie sind selten geworden, die schönen Momente, in ein Buch einzutauchen und zu spüren: Das ist es. Dafür lesen wir.
»Junges Licht« leuchtet hell in trüber Literatur-Landschaft.
(gw/18.12.2004)

Baumhausbeichte - Novelle