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Die Todesangst der Fotografierten (Maarten ‘tHart: In unnütz toller Wut)

»Warum ist es bloß ein solch unerträglicher Gedanke, dass man sterben wird? Was ist daran so schlimm? Alles wird so, wie es schon einmal war (…), bevor man geboren wurde. Die Äonen währende Finsternis vor der Geburt, die raubt einem doch auch nicht den Schlaf? Dann braucht man sich doch keine Sorgen wegen der ewigen Finsternis nach dem Tod zu machen.«
Aber sie machen sich Sorgen, die Leute von Monward. Eine Fotografin ist in das ruhige, idyllische Provinznest in Südholland gekommen, hat Aufnahmen von 200 Einheimischen gemacht, ist wieder verschwunden, hat den Bildband veröffentlicht – und nun sterben die fotografierten Monwarder wie die Fliegen.
Ist Lotte Weeda – so heißt die Fotografin und auch der holländische im Gegensatz zum aufgebretzelten deutschen Titel – der Satan in Frauengestalt? Hat die Sensenfrau alle Fotografierten zum Tode verurteilt? Immer mehr sterben, immer höhere Wellen schlägt die Hysterie im Ort.
Massenwahn im Mikrokosmos. Während in David Gutersons »Unsere Liebe Frau vom Wald« eine Marienvision die Psychose und damit auch einen Touristenboom auslöst (»Die Bücherseite« vom 6. November), bewirkt die Monwarder Satansvision eine tödliche Furcht vor dem Tod in einem sterbenden Dorf. Machtlos meldet sich die Vernunft zu Wort, in Person des Ich-Erzählers in Maarten „t Harts grotesk-grandiosem Roman »In unnütz toller Wut«: Dass die porträtierten Monwarder fast durchweg alt waren, oft sehr alt, krank dazu, dass die Sterbequote im statistischen Rahmen bleibt, all das kann die unnütz tolle Wut nicht dämpfen. Und mittendrin der Erzähler, der über Leben und Tod, Gott und die Welt, also über Monward philosophiert, polemisiert, bisweilen auch schwadroniert.
Maarten „t Hart ist ein großer Ironiker, und wie alle Könner dieses Metiers lässt er seine Leser rätseln, wo die Ironie endet und wo das Sendungsbewusstsein beginnt. Wenn alle Fernsehzuschauer ahnten, wieviel ernsthafte Überzeugung Harald Schmidt unter dem Deckmantel der Ironie absondert, könnten sie in Massen vom Glauben an ihren Messias des höheren Zeitgeistes abfallen. Auch Maarten „t Hart bemäntelt seinen missionarischen Eifer beschwichtigend mit dem bewährten Stilmittel des ironischen Gestus unironischer Inhalte.
Der Ich-Erzähler ist ein Schriftsteller fortgeschrittenen Alters, der sich in ein südholländisches Dorf zurückgezogen hat, sich um seinen Hund und die Natur kümmert, Atheist ist und dennoch in der Kirche die Orgel spielt . . . und noch einige Gemeinsamkeiten mehr mit seinem Autor hat. Auch das Monward des Romans wirkt wie eine Kopie von Warmond, dem Wohnort „t Harts. Dort tauchte ebenfalls eine Fotografin auf, ihr Bildband existiert. Selbst die groteskeste Figur hat ein reales Vorbild: Es gab ihn, den schmerzensverrückten Taxifahrer, dessen Freundin bei einem Flugzeugunfall ums Leben kam, und der nun jedesmal, wenn er wieder von einem Absturz erfuhr, todessüchtig als Geisterfahrer über die Autobahn raste – mit Fahrgästen auf der Rückbank.
Dass Klonen der bessere Sex ist, gehört wohl zu den verschmitzteren Ernsthaftigkeiten „t Harts. Dass nur klassische Musik Musik ist und Beatles oder Stones Lärmbelästigung produzieren, kommt als trutzige Standortbestimmung des Klassik-Puristen gänzlich unironisch daher. In sich schon leider nur zu unironisch wahr ist die Tragik, »wenn du mehr in den anderen verliebt bist als er in dich. Der kann dann bestimmen. Wer am meisten liebt, hat die geringste Macht.« Den Umkehrschluss, dass der Lieblose immer am mächtigsten ist, überlässt der Autor dem Leser.
Maarten „t Harts Mutter, eine christliche Fundamentalistin, liest keines der Bücher ihres Sohnes. Der Vater hatte schwer daran zu tragen, dass sein Sohn Biologie studierte – nur die Hoffnung, dass er Darwin widerlegen könnte, hielt ihn aufrecht. Später wurde Maarten „t Hart Rattenexperte für Werner Herzogs »Nosferatu«-Film, noch später spielte er sogar eine Nebenrolle in einem Film von Theo van Gogh. Nach dessen Ermordung haben sich die Niederlande verändert – aber nur ihr städtisch geprägter Teil. Muslimischer Fundamentalismus spielte und spielt auf den Dörfern keine Rolle. Die haben ihren eigenen Fundamentalismus, latenten Massenwahn inklusive. Monward bleibt Warmond bleibt Monward. (gw/31.12.2004))

Maarten „t Hart: »In unnütz toller Wut« – Piper – 19,90 Euro – ISBN 3-492-04636-3

Baumhausbeichte - Novelle