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Die etwas andere Geschichte eines Deutschen (Erich Ebermayer: „Eh ich’s vergesse“)

Ein kaum glaublicher Zufall: Als Dirk Heißerer, Vorsitzender des Thomas-Mann-Förderkreises, im April 2004 in Weiden einen Vortrag über das Europabild Thomas Manns hielt, kam danach die Rede auf einen Freund der Familie Mann. Dieser, Erich Ebermayer (1900 – 1970), war Jurist, Sohn eines hochangesehenen Oberreichsanwalts und ein recht erfolgreicher Schriftsteller der 20er und frühen 30er Jahre, aber schon lange vergessen, obwohl er noch nach dem Krieg die Drehbücher für die Erfolgsfilme »Canaris« und »Die Mädels vom Immenhof« geschrieben hatte. Ebermayer lebte in seinen letzten gut 30 Lebensjahren auf Schloss Kaibitz in der Oberpfalz, wohin Heißerer fuhr, um im seit Ebermayers Tod vernachlässigten Archiv des Autors womöglich Mann-Material zu finden.

Das, worauf er stieß, als »Sensation« zu bezeichnen, ist keine der heute üblichen Übertreibungen, sondern Feststellung eines literarischen Zufallsfundes allererster Güte. Ebermayers Erinnerungen an seinen »Wahlvater« Gerhart Hauptmann, an seinen verehrten »Meister« Thomas Mann, an dessen Sohn Klaus, den frühen Freund, an Stefan Zweig, seinen besten Freund, sowie an Gustaf Gründgens und Emil Jannings, die beiden Egomanen, die Karriere im, mit und durch den Nationalsozialismus machten, sind kulturhistorisch enorm wertvolle, erhellende Innenansichten. Auch wenn sie in eigener Sache manches verschleiern – zum Beispiel die »öffentlich nie eingestandene Homosexualität« (Jan Brandt in der FAS), die für Ebermayers vergleichsweise gut aushaltbaren Probleme im Dritten Reich wohl eine größere Rolle spielte als die eher dezente, schmiegsame Opposition, in der Ebermayer zu den Nazis stand.

Auch wenn dieses ganz und gar erstaunliche Buch vor allem ein Plädoyer zur eigenen Rechtfertigung ist, zieht es den Leser in seinen Bann wie die ganz und gar andere »Geschichte eines Deutschen«. Sebastian Haffner floh frühzeitig nach England und schrieb dort schon 1939 seinen späteren Bestseller. Haffner hatte die Wahl, auch Erich Ebermayer hatte sie und entschied sich anders. Beziehungsweise: Er entschied sich überhaupt nicht. Er blieb einfach, mit der Betonung auf einfach, nicht als Nazi, sondern in der inneren Emigration, die in seinem Fall die am wenigsten unangenehme Möglichkeit war, das Dritte Reich zu überleben.

Marcel Reich-Ranicki und Victor Klemperer hatten keine Wahl. Die Memoiren des einen und die Tagebücher des anderen gehören zusammen mit Haffners Werk zu den wenigen Büchern des letzten Jahrzehnts, die unverzichtbar sind: Erschütternde Dokumente, die unter die Haut gehen – auch weil die Autoren durchaus widersprüchliche Charaktere und gewiss keine unumstrittenen Sympathieträger waren oder sind.

Wie hätten sich Reich-Ranicki und Klemperer verhalten, wenn sie nicht als Juden geboren worden wären? Schon die Frage fällt schwer. Nicht einmal sie selbst könnten sie beantworten. Obwohl in Klemperers Tagebüchern mehr als nur durchschimmert, dass er sein Judentum eher als zufällige Last empfand, die ihm die akademische Karriere vermasselte. Das schien ihn fast schlimmer zu treffen als die später offen widerwärtige Drangsalierung und die permanente Lebensgefahr, in der ein ehrpusseliger, eitler, selbstbezogener konservativer Karriere-Akademiker der ersten Tagebuch-Jahre zu menschlicher, fast übermenschlicher Größe wächst.

Not macht Helden. Ebermayer war kein Held und nie in Not, auch wenn er das etwas anders sehen will. Zwar wurden einige seiner Bücher 1933 wegen »zersetzender pazifistischer Tendenzen« verboten, zwar schied er 1934 aus der Anwaltschaft aus, da er »die Rechtspflege im Dritten Reich nicht mitzumachen vermochte«, wie er später behauptete, aber wohl dem, der sich in die innere Emigration auf ein Schloss zurückziehen und die Drehbücher für einige der erfolgreichsten Filme der Nazi-Zeit (wie »Musik liegt in der Luft«) schreiben konnte.

Thomas Mann verachtete ihn dafür, tief, maßlos, unversöhnlich. Darüber ist Ebermayer nie hinweggekommen, auch wenn er es nicht zugibt. Wie er manches nicht zugibt.

Amüsant, aber auch bezeichnend, wie und was Ebermayer in freundlicher Ironie über seinen guten Freund Benvenuto schreibt, Gerhart Hauptmanns vergötterten und verzogenen Sohn: »Er mochte es einfach nicht, dass man ihn im Hotel Adlon, wo er sich nahe der Wilhelmstraße eingemietet hatte, gegen elf wachklingelte und sanft ermahnte, sich doch einmal kurz im Amt sehen zu lassen. Dr. Stresemann, mit Vater Hauptmann befreundet und damals deutscher Außenminister, hatte dem Vater zuliebe den Sohn als Attaché angenommen. Einmal erzählte er (…), er habe den jungen Mann von einer Abteilung in die andere versetzt, um ihn zu entlasten, bis er schließlich in der Abteilung gelandet sei, wo er die ›illegale Einwanderung tschechischer Ammen ins Reichsgebiet‹ zu bearbeiten hatte.«

Benvenuto stammte wie Ebermayer aus einer großbürgerlichen Familie, die auch ihren Sorgenkindern ein sorgenfreies Leben ermöglichen konnte. Einer wie Benvenuto würde heute, ohne solche Patronage, nicht bei tschechischen Ammen, sondern eher bei den Kindern vom Bahnhof Zoo landen – als eines von ihnen.

Einer wie Ebermayer nutzte die Freiräume, die ihm einflussreiche Beziehungen gewährten, zum komfortablen Überleben in der inneren Emigration. Dass diese immerhin ein solches Buch erst möglich macht, würde vielleicht sogar Thomas Mann versöhnen. Ein klein wenig. (gw/21.12.2005)

Erich Ebermayer: »Eh’ ich’s vergesse« – LangenMüller
19,90 Euro – ISBN 3-7844-3028-7

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