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Dichter ran: Zu Besuch bei Frank Schulz

Schreiben als tollkühnes Lebenswerk
Als Kritiker ein Buch feierten, das es nicht zu kaufen gab – Farce und Frust – Aus dem Leben eines Schriftstellers

Für einen, der schon immer und ausschließlich Schriftsteller werden wollte, muss es ein erhebendes, bewegendes Gefühl sein, den ersten Roman in Händen zu halten.

Frank Schulz kann dies nicht unbedingt bestätigen: Er war »eher enttäuscht«, denn die Titel-Illustration zu »Kolks blonde Bräute« gefiel ihm optisch nicht, zudem kam das Buch entgegen der Zusage des Verlags (Haffmans) nicht als Hardcover heraus. Und dann wurde die »Säufer-Novelle« (so der ursprünglich geplante Titel) zwar von der Kritik gefeiert, im ersten Halbjahr nach seinem Erscheinen (1991) aber gerade mal 765 Mal verkauft – was den Debütanten zwar nicht erschütterte (»Dass 765 Leute mein Buch lasen, fand ich gar nicht so wenig«), ihn aber auch nicht gerade finanzieller Sorgen entledigte.

Um so erstaunlicher: Während des Schreibens am »Kolk« »bekam der Ich-Erzähler immer mehr ein eigenes Gesicht«, so dass Schulz schon seinen Erstling als Teil eins einer Trilogie ankündigte – ein verwegenes Unterfangen, ja, aus bürgerlich-materieller Sicht ein tollkühnes, ein verrücktes, denn ihm ordnete Schulz alles unter.

Dass er Schriftsteller werden würde, stand für ihn früh fest: »Schon als Kind hatte ich eine Affinität zu Wörtern, zu Geschichten«, als »Zwölf-, Dreizehnjähriger plagierte ich Agatha-Christie-Krimis«, bald schon veröffentlichte er, gefördert von Klaus Modick (u. a. »Der kretische Gast«, Eichborn, 24,90 Euro, sehr zu empfehlen) erste Kurzgeschichten – und dann schrieb er den »Kolk«, zeitlich ermöglicht durch die nicht gerade schmerzhaft erlittene Entlassung als Lokalreporter und Redakteur eines Hamburger Anzeigenblattes.

Da der Debütroman viel Lob und wenig Geld einbrachte, musste Schulz wieder arbeiten. Zwar schrieb er schon an »Morbus Fonticuli oder: Die Sehnsucht des Laien«, unterbrochen aber »durch Jobs und sonstige Krisen«, letztere sehr persönlicher Art, mit Alkohol als Krisen-Brandbeschleuniger (mittlerweile trinkt Schulz seit fünf Jahren nicht mehr). »Fünf Jahre brutto« dauerte so die Arbeit an diesem zweiten Roman, der lange auf der Kippe stand, denn Schulz stand kurz vor der Pleite, machte Schulden und wurde von einem Freund gerettet, der ihm Geld lieh, um die Arbeit an dem Buch erfolgreich beenden zu können

Endlich, 1998, war »Morbus Fonticuli« vollbracht. Doch dies markiert kein glückliches Ende, sondern den Beginn einer Verlags-Farce, die sich für den Autor zu einer persönlichen Tragödie auszuweiten drohte: Wegen Unstimmigkeiten mit seinem Verleger vertraute Schulz den Roman Haffmans’ ehemaligem Vertriebsleiter Haag an, der einen eigenen Verlag (Kein & Aber) gegründet hatte, in einer Art Joint-Venture mit dem Eichborn Verlag. Dort aber fiel Haags Programm durch, auch andere Verlage lehnten ab, es kam wieder zu einer Annäherung an Haffmans, dort erschien endlich der in jeder Hinsicht riesige Roman (736 Seiten), zwei Monate später, im Dezember 2001, wurde er in Schulz’ Heimatstadt Hamburg (Hagen, das der Trilogie den Namen gab, ist das Heimatdorf) vorgestellt – und am selben Tag ging Haffmans pleite.

Unfassbar: Gleichzeitig bejubelten die Rezensenten, die ja viel zu lesen gehabt hatten, »Morbus Fonticuli« geradezu hymnisch (siehe auch »Meinungen« unten), doch kein erwartungsfroher Leser konnte das Buch kaufen, denn der Schweizer Konkursverwalter hielt den Daumen drauf. Eigentlich verwunderlich, dass der in der Szene schon hoch anerkannte, öffentlich aber fast noch unbekannte Schulz nicht im Wahnsinn landete wie der von ihm so verehrte Komiker Heino Jaeger (aber der ist ein anderes Thema, wie auch weitere Schulzsche Fixsterne wie Henscheid, Harry Rowohlt oder Arno Schmidt, doch wir wollen uns hier nicht verzetteln).

Kürzen wir ab: Von nun an ging’s bergauf. Schulz fand mit Eichborn endlich den Verlag, der »Morbus Fonticuli« auf den Markt brachte, diesmal nicht nur unter Beifallrufen der Kritik, sondern auch, dank der absurden Vorgeschichte, unter großer literaröffentlicher Aufmerksamkeit. 5000 Exemplare wurden verkauft, bei 34,90 Euro Ladenpreis gingen zehn Prozent an den Autor, der damit aus dem Gröbsten raus war. Zudem tat sich Gerd Haffmans (»vielleicht kein guter Geschäftsmann, aber mit Sicherheit ein hervorragender Verleger«) mit dem Frankfurter Versandverlag Zweitausendeins (60348 Frankfurt, Postfach, www.zweitausendeins.de.) zusammen, der »Kolks blonde Bräute« und »Morbus Fonticuli« in preislich günstigen Ausgaben anbietet.

Aber was tut einer, der finanziell endlich Land in Sicht sieht? Der bereits einen Vertrag für seinen dritten Roman hat, am »Ouzo-Orakel« schreibt, aber nicht so recht weiterkommt? »Ich setzte alles auf eine Karte.« Schulz lässt erneut sausen, was ablenkt und Geld bringt, mietet sich eine Zweitwohnung als Dichterhöhle, arbeitet dort an sieben Tagen in der Woche acht, neun Stunden lang, ist nach einem Dreivierteljahr wieder pleite, pünktlich zum Abgabetermin im April 2005, hangelt sich erneut von Job zu Job, ergattert schließlich einen verlässlicheren als Teilzeitdokumentar bei Gala, gewinnt Literatur-Preise (die Existenzgrundlage mancher Autoren) – und steigt schnell, mit 15 000 verkauften »Ouzo«-Exemplaren, auch zum öffentlich anerkannten neuen Schwergewicht in der deutschen Literaturszene auf.

Welch ein Weg! Wie hält man das aus? Und das bei all den Gekränktheiten, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten, die wir in diesem Metier und bei dessen Protagonisten vermuten? Frank Schulz protestiert gegen die Vorurteile und meint sogar, dass er »noch nicht hart genug geprüft« wurde, um gekränkt sein zu können, außerdem sei er »so eitel zu behaupten, nicht eitel zu sein«, während Empfindlichkeit, Empfindsamkeit »erst die Voraussetzung ist, Romane schreiben zu können«. Was ein wunderbarer Beruf sei, manchmal auch ein schrecklicher, »aber ich halte nichts von dieser Künstlerüberhöhung« der Selbstquälerei: »Auch sensible Briefträger können an ihrem Job leiden.«

Mittlerweile hat Frank Schulz, natürlich, den Job bei Gala wieder gekündigt. Nun ist er wirklich ein freier Schriftsteller, langfristig aber immer noch mit recht vager finanzieller Planungssicherheit. Zwar ficht das auch einen wie ihn an, hält ihn aber nicht davon ab, unbeirrt seinen schriftstellerischen Weg zu gehen.

Was wird Frank Schulz nun wohl nach dem unvergleichlichen, uns hemmungslos begeisternden (siehe »Klappentext«) »Ouzo-Orakel« schreiben? Sicher keine Säufer-Novelle mehr, die »Hagener Trilogie« ist abgeschlossen – aber auch das schwärmerische und schmerzliche Schwelgen in starken Freundschaften und ebensolchen Frauen? Was wird aus dem heimlichen Leitmotiv der Trilogie, der versteckten Liebeserklärung an die eigene Frau? Da stutzt er. Und lächelt. Will ihm noch gar nicht aufgefallen sein. Aber der Gedanke scheint ihm zu gefallen.

Und was wird aus Bodo, dem Ich-Erzähler? Wieviel Bodo steckt eigentlich in Ihnen, Herr Dichter?

Die übliche Frage, die passende Antwort: »Alles und nichts« (insgeheim korrigiert der Fragende: Na ja, wohl nicht so viel, wie der Leser vermutet, aber mehr, als der Autor zugeben will). Schulz präzisiert dann auch: »Natürlich ist er mir nahe. Aber ich bin dann doch das entscheidende Quäntchen charakterstärker.«

Zum Glück, sonst wäre Schulz längst im Nirwana mit seinem Heino Jaeger vereint. So aber können wir uns auf weitere große Schulz-Romane freuen. Es gibt noch viel zu schreiben. Dichter, ran! (gw/8.11.2007)

Die »Hagener Trilogie« von Frank Schulz

»Kolks blonde Bräute«

(Zweitausendeins – 8,90 Euro – ISBN 978-3861-505570)

»Morbus Fonticuli oder: Die Sehnsucht des Laien«

(Eichborn Verlag – 34,90 Euro – ISBN 3-8218-0726-1 / auch bei Zweitausendeins, 10 Euro)

»Das Ouzo-Orakel«

(Eichborn Verlag – 24,90 Euro – ISBN 3-8218-0729-6)

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