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Der Welt die Realität austreiben (Bernd Pfarr)

Bernd Pfarrs gesammelter Sondermann, ein Prachtband dank Witwe – Lobpreisung mit Abschweifungen

Das Bild: Ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser. Der Text, ein hoch empörter Ausruf: »Ist das noch Fußball!?«
Ist das noch Humor? Manche schmeißen sich weg, andere schauen ratlos auf Bernd Pfarrs Cartoon, ein Running Gag unserer Sport-Kolumne »Anstoß«, und suchen vergeblich nach dem Witz im Witz.
Was ist Humor? Wie wird er definiert? Berufenere haben sich daran abgearbeitet, wir lassen das lieber und geben zu: keine Ahnung. Nur eine vage Vermutung: Humor ist Ausdruck einer Lebenshaltung. Jeder hat seine(n) eigene(n). Und lacht sogar selbst nicht immer über das Gleiche. Auch der größte Freund des schwarzen Humors wird nicht mit dem Entsetzen Scherz treiben und dem trauernden Angehörigen eines Opfers den tollen Witz vom Flugzeugabsturz erzählen. Aber wenn er selbst im abstürzenden Flugzeug sitzt, da würde er den gleichen Witz vielleicht sich selbst und seinem Nebenmann erzählen, als Sterbehilfe für Fortgeschrittene. Denn eine Form der Lebenshaltung, eine Art Humor zeichnet sich zwar durch Diskriminierung von Minderheiten aus, aber nur der kleinstmöglichen aller Minderheiten, dem eigenen Ich.
Auch über Bernd Pfarrs Sondermann kann nicht jeder lachen, und über den, der zum Beispiel über »Sondermann streikt« nicht lacht, sollte man auch nicht humorverächtlich lachen – es sei denn, derjenige lacht dann doch, weil er den Witz zu verstehen vorgibt: »Neger kann nicht deutsch, hahaha.« Den wahren Witz im Pfarr-Cartoon, ihn kann man nicht erjagen, nur erfühlen.
Manchmal aber hilft beim Humor etwas Fachwissen. Wer bei Pfarrs Turmspringer nicht weiß, dass in beinahe jeder Sportreportage, fast jedem Sportlerinterview ein entrüstetes »Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun« auftaucht, wird den Witz nicht voll auskosten können.
Abschweifung: Auch bei James Thurbers lakonischem Text zu seiner Zeichnung eines Fecht-Duells ist ein bisschen Fachwissen hilfreich: Mit »Touché!« gab man im Fechten der vorelektronischen Ära vornehm und fair auf Französisch an, getroffen zu haben oder zu sein – beim großen US-Humoristen Thurber, auch als Zeichner ein Lakoniker, fliegt der abgeschlagene Kopf eines in der Tat getroffenen Fechters durchs Bild, der auch mit seinem letzten Wort noch Contenance bewahrt: »Touché!« (James Thurber, 1961 gestorben, kam 2006 durch Enzensbergers »Andere Bibliothek« zu späten Ehren in Deutschland / James Thurber: »Vom Mann, der die Luft anhielt« – Eichborn – 28,50 Euro – ISBN 3-8218-4566-X).
Auch Bernd Pfarr ist schon tot, viel zu früh gestorben, 2004, gerade mal 45 Jahre alt. Krebs. Seit 1987 bis zu seinem Tod entstanden im Satire-Blatt Titanic über 500 Blätter mit dem sonderbaren Sondermann, die nun endlich komplett in einem großen Prachtband erschienen sind, herausgegeben von Pfarrs Witwe Gabriele Roth-Pfarr.
Bernd Eilert, Klassenkamerad aus der neuen Frankfurter Schule: »Bernd Pfarr hat sich mit seinen Zeichnungen gegen die Verbesserung der Welt entschieden und für die Verbesserung der Laune des Betrachters.« Mit Verlaub: Nicht jedes Betrachters, es kommt auf dessen Haltung an. Mario-Barth-Fans werden nicht unbedingt etwas anfangen können mit dem Bild des im Zimmer an der Wand stehenden Mannes mit dem kleinen Hut und dem zart-innigen Text: »Manchmal hatte Sondermann keine Lust zum Fotografieren. Dann stand er still im Zimmer und schmiegte seine Hand weich an die Tapete.« Nicht zum Brüllen witzig, sondern zum Weinen schön.
Einige der Sondermann-Bilder wurden von einer Titanic-Redakteurin namens Simone Borowiak betextet. Sie dichtete auch, ohne Pfarr-Bildvorlage, unter dem Titel »Hessen nimmt Abschied« über den an Aids gestorbenen Queen-Sänger Freddy Mercury: »Mit fünfundverzisch war schon Schluss, / Des kam vom vielen Koitus. / Der Fred war schwul als wie die Nacht, / drum hat er’s auch nicht lang gemacht. / Dabei konnt’ der doch so schön singe! / Was muss er da noch Kerls bespringe! / Wär er net rein in jedes Bett, / könnt’ er noch leben, unsän Fred.« Zu witzig für eine Frau? Deshalb heißt Simone nach einer Geschlechtsumwandlung Simon. Was nun wirklich nicht witzig ist, aber vielleicht einen weiteren Weg zur Lebenshaltung Humor weist: Wer die Irrwitzigkeit des Lebens am eigenen Leib und in der eigenen Seele hautnah spürt, der hat die kürzeste psychosomatische Verbindung zu irrem Witz. Das ist manchmal nur mit Alkohol auszuhalten, scheinbar – mehr dazu lese man in Simon Borowiaks einzigartigem Erfahrungsbericht »Alk«, »ein Fachbuch von einem Betroffenen ohne Betroffenheit, im Dienst von Aufklärung, Verständnis, Naturwissenschaft und Komik« (Simon Borowiak).
Nicht fehlen bei dieser Humor-Haltung darf Frank Schulz beziehungsweise sein alter ego Bodo Morten, der vier Jahre lang freiwillig zolibitär lebte, nachdem ihn das WEIB in den Suff und Wahn getrieben hatte (»Das Ouzo-Orakel« – Eichborn – 24,90 Euro – ISBN 3-8218-0729-6). Ein wundersames, wunderbares, sprachmächtiges, unfassbar witziges deutsches (ja, trotz Ouzu und Hellas) Heimatbuch. Lesen!
Apropos Elke Heidenreich. Sie schreibt, wie Bernd Eilert, ein schönes Sondermann-Nachwort, Robert Gernhardt ein ebensolches Vorwort, wenige Wochen vor seinem Tod. Tote unter sich: »Die Realität ist lebensfeindlich und phantasielos. Deswegen finde ich die Unvernunft häufig ausgesprochen anregend und komisch und lebenswert« (Pfarr), aber eine »Unvernunft, die nicht mit Vernunftlosigkeit, gar Blödsinn verwechselt werden darf« (Gernhardt). Ein Lebender ergänzt: »Komposita wie ›Hamstermusspender‹, ›Walfischtranzerstäuber‹ oder ›Giraffenhirnextraktpistole‹ bringen Bernd Pfarr seinem erklärten Ziel erfreulich nahe« (Henscheidt), das da wäre: »Am liebsten würde ich der ganzen Welt die Realität austreiben« (Pfarr). Mit seinem Sondermann, der sich »im Laufe seines Wirkens vom spießbürgerlichen Bürotrottel zu einer Kultfigur entwickelt« (Gernhardt) hat, ist ihm das vortrefflich gelungen. (gw/29.12.2007)

Baumhausbeichte - Novelle