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Dalziel und Proteo klären auf (Krimis von Veit Heinichen und Rinald Hill)

Reginald Hills Detective Superintendent Andy Dalziel löst in England bereits seinen 21. Fall, Veit Heinichens Commissario Proteo Laurenti in Triest nun auch schon seinen vierten – beide noch und wieder in Bestform. Mit »Die Launen des Todes« bestätigt der Engländer seinen Ruf als »gegenwärtig bester Krimi-Autor in der englischsprachigen Welt« (The Independent), und der Deutsche in Italien beweist mit »Der Tod wirft lange Schatten« eindrucksvoll, warum sein Triest und nicht Donna Leons Venedig sogar in der italienischsprachigen Welt als Krimi-Topadresse gilt.
»Die Launen des Todes« sind unergründlich. Da dringt Franny Roote, ein Ex-Krimineller, den Dalziels Kollege Peter Pascoe wegen Mordes hinter Gitter gebracht hatte, nach seiner Entlassung in höchste akademische und literarische Kreise vor. Er bombardiert Pascoe mit Briefen, in denen er sich dankbar und geläutert gibt. Was Pascoe nicht glaubt, zumal Rootes neuer Lebensweg mit irritierenden Todesfällen gepflastert ist . . . Ein etwas zäher Start, aber wer am Ball bleibt, wird mit Haut und Haaren, Herz und Hirn in einen Krimi der Extraklasse hineingesogen.
Jedoch eine Warnung: Der durch und durch unkorrekte Dalziel schockt empfindsame Leserinnen: Er rülpst und furzt und »kratzt sich am Sack wie ein Pfadfinder, der ein Feuer zu entzünden versucht«, fährt seine Mitarbeiter an (»Du siehst aus wie eine Henne, die von einem Strauß gevögelt wurde und jetzt spürt, dass das Ei kommt«) und mault: »Los, steigen wir ein, bevor mir noch die Eier abfallen und den Asphalt durchschlagen.« Meine Damen! Da haben nur böse-Lese-Buben ihren Spaß . . .
So tief Dalziels Proll-Niveau sein mag (in Wahrheit ist er teuflisch schlau und hat ein goldenes Herz), so hoch ist Hills literarisches Können. Die Zeit feierte schon »Ins Leben zurückgerufen« als »einen der besten Krimis des letzten Jahrzehnts«, der Spiegel meinte, »Ruth Rendell, P. D. James oder Donna Leon sehen daneben alt aus«, und selbst die »alte« Leon pries Hills »Intelligenz, den flotten Humor, die Leidenschaft und einen Stil, der Eleganz und Anmut verbindet«. Da müssen für »Die Launen des Todes« neue Superlative gefunden werden, denn Hill übertrifft sich selbst. Leicht getrübt wird das Vergnügen nur (wieder!) durch Übersetzungs- und/oder Korrektur-Schludrigkeiten – wenn Kohlen nicht geschichtet, sondern »geschlichtet« werden, ist dies kein Einzelfall, als Kleinstdelikt aber auch noch kein Fall für Dalziel.
Veit Heinichens Proteo Laurenti kommt nicht als Ekelpaket daher wie Dalziel, aber auch nicht als kuscheliger Brunetti oder gemütlicher Guarnaccia. Er hat Ecken und Kanten, und selbst wir intimen Lese-Freunde von Proteo billigen nicht alle seine Charakterzüge und (außerehelichen) Aktivitäten. Über die muss man nicht, sollte aber auf dem Laufenden sein (also die drei Vorgänger kennen bzw. vorher lesen), um mit dem vollen Genuss in »Der Tod wirft lange Schatten« einzutauchen.
Mia, eine junge, aus Triest stammende Australierin, ist in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. In einem einsamen, unwegsamen Tal auf dem Karst muss sie sich eines zudringlichen Verehrers erwehren. Der wird später dort nackt und tot aufgefunden, erstickt an einem Ohrring(!).
Doch das ist nur der Auftakt zu Laurentis viertem Fall, in dem Triest mit seinem morbiden Charme, seiner unruhigen politischen Vergangenheit als ehemaliger Schmelztiegel der Kulturen und Insel zwischen Ost und West, die heute in die europäische Mitte gerückt ist, wieder die ideale Bühne abgibt für diesen noch relativ neuen italienischen Commissario, der seine Fälle zwar hauptsächlich für das deutsche Lese-Publikum löst, anders als Donna Leons Brunetti in Venedig und Magdalen Nabbs Guarnaccia in Florenz aber auch in Italien gerne gelesen wird.
Veit Heinichens Romane werden derzeit für das Fernsehen verfilmt. »Die Toten vom Karst« und »Tod auf der Warteliste« wurden in Italien 2003 und 2004 jeweils zu den besten drei Kriminalromanen gewählt. Heinichen, Jahrgang 57, lebt wie der ungefähr gleichaltrige Laurenti in Triest. Er könnte noch die eine oder andere Eigenart mit diesem gemeinsam haben – womit wir den Bogen zum »Lese-Bogen« unten schließen, in dem der Leser auch auf Laurenti-Spurensuche gehen kann. (gw/12.3.05)

Baumhausbeichte - Novelle