Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Antihelden wie wir (Eric-Ambler-Werkausgabe)

Der israelisch-arabische Konflikt und der Terrorismus, der Kolonialismus und die afrikanische Tragödie, der Balkan als Pulverfass, an dem viele zündeln, die Atombombe in den Händen unkontrollierbarer Potentaten – die Albträume der Moderne haben ihre Wurzeln tief im vergangenen Jahrhundert. Fast unheimlich, wie hellsichtig Eric Ambler vor fünfzig Jahren die massenmörderischen Potenziale der Neuzeit erkannt und thematisiert hat, so dass der heutige Leser von ihm mehr über Hinter- und Beweggründe erfahren kann als in manchen aktuellen Analysen und Kommentaren.

Es ist ein seltenes Vergnügen, beim Wieder-Lesen von Lieblingsromanen nach zwanzig oder dreißig Jahren nicht nur nicht enttäuscht, sondern aufs Angenehmste überrascht zu werden. Mit der Ambler-Werkausgabe macht uns Diogenes diese spezielle Freude – seit 1996 sind dort in Neuübersetzungen alle Romane (sowie einiges Biographische) jenes Autors wiederaufgelegt worden, der das Genre entscheidend geprägt hat.

Welches Genre? Das des Krimis? Des Psycho-Thrillers? Der Polit-Satire? Des Spionage-Romans? In welche Schublade man Ambler auch stecken will, er passt nicht hinein, ebensowenig wie seine »Helden« in die Heldenrolle.

Das heißt, bei einem der für diesen Zweck wieder-gelesenen Romane (»Schmutzige Geschichte«) entpuppt sich einer der überhaupt Antiheldischsten aller Spannungsliteratur als verblüffend mutig, ähnlich wie eine Maus, die kurz vor der Agonie sich auf die Hinterbeine und der Katze tollkühn zum Kampf stellt: »Einer von uns wird diesen fetten Trottel bestimmt finden. Sicher steht er in irgendeiner Ecke und macht in die Hosen.« Doch Arthur Abdel Simpson, von dem hier die Rede ist und den wir schon aus »Topkapi« kennen, zumindest in der Verfilmung mit Peter Ustinov, er tut etwas ihm völlig Untypisches (was hier verschwiegen wird) und staunt danach: »Mit offenem Mund stand ich da. Ich konnte es nicht fassen, dass es tatsächlich passiert war.« Sogleich verpuppt er sich lieber schnell zurück in den kleinen, dicken, schmierigen Dieb, Zuhälter und Porno-Händler, diesen widerwärtigen Kerl, den wir dennoch so sehr mögen. Denn Amblers Protagonisten sind oft mittelmäßig, neigen zur Verschlagenheit und sind nie strahlende Helden, aber er lässt sie nicht allein, macht sie uns all ihrer Schwächen zum Trotz sympathisch.

Bereits in Amblers Debüt-Roman »Der dunkle Grenzbezirk« (1935) erfindet ein Wissenschaftler die Atombombe, mit der ein Balkanstaat die Welt erpressen will. In »Der Levantiner« (1971) nimmt er die Spirale des Terrors (»Die Palästinenser bemaßen Erfolge vorwiegend nach Ausmaß und Härte der gegnerischen Reaktion«) und die Ausweglosigkeit des Nahostkonflikts vorweg: Die Briten versprachen den Zionisten eine Heimstatt in Palästina und versicherten den Palästinensern, dies nicht zu ihren Lasten gehen zu lassen, aber: »Wie wollten sie das bloß bewerkstelligen? Meinten sie vielleicht, weil es um das Heilige Land der Christen ginge, könnten sie mit einer weiteren wunderbaren Brot- und Fisch-Vermehrung rechnen?«

Ein Genuss auch die autobiographischen Stücke wie in »Wer hat Blagden Cole umgebracht?« (1993), die aber unvollendet blieben. Grund: »Autobiographien sollte man Leuten aus dem Showgeschäft überlassen, alternden Schurken, die auspacken wollen, und Politikern.«

Als Eric Ambler sich dennoch breitschlagen ließ, gab er seiner Teil-Autobiographie den zweideutigen englischen Original-Titel »Here lies« . . . (gw/13.8.2005)

Eric Ambler: »Schmutzige Geschichte«
(Diogenes – 9,90 Euro – ISBN 3-257-20537-6)

In der Neuedition erscheinen alle Ambler-Romane in gleicher Ausstattung und mit ähnlichem Preis. Unsere »Top 5«: Die Maske des Dimitrios / Eine Art von Zorn / Die Angst reist mit / Schmutzige Geschichte / Das Intercom-Komplott

Baumhausbeichte - Novelle