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Allernichtigster Niemand auf hoher See (Carl Barks: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See)

Allernichtigster Niemand auf hoher See

Frank Schätzing führt zusammen, was zusammen gehört: Donald Duck und das Meer – Zum Quaken schön

Darauf muss auch der Leser der ersten Stunde, ein Entenhausener des Herzens, erst einmal kommen: Er ist ein Seemann, unser Donald Duck (bitte so auch aussprechen – bei »Donäld Dack« fallen uns die Federn aus dem Bürzel)!

Ausgerechnet Frank Schätzing, dessen »Schwarm« wir aus donaldischem Trotz gegen die Bestseller-Maschinerie der Branche nicht gelesen hatten, verblüfft uns mit dieser vielleicht gerade wegen ihrer Offensichtlichkeit bisher nicht ins Bewusstsein vorgestoßenen Erkenntnis. Und wie recht er doch hat – obwohl Donalds »nautische und intellektuelle Fähigkeiten eher gering« (Schätzing) sind: Die Matrosenmütze, der halbe Matrosenanzug (die andere Hälfte unten fehlt und ist steter Quell üblen Spotts, aber das ist ein anderes Thema), der genetische Vorteil der Ente gegenüber den anders gengepolten Seeleuten, die bekanntlich allesamt notorische Nichtschwimmer sind, die Lage Entenhausens am Meer, als blühende Hafenstadt, die Handelsflotte von Onkel Dagobert, der für Donald immer etwas auf dem Meer zu tun weiß, all das war uns im Detail bekannt, aber erst Schätzing führt in unserem Kopf zusammen, was zusammen gehört: Donald und das Meer.

In »Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See« hat Schätzing die schönsten See-Geschichten in der Originalfassung des kongenialen Duos Carl Barks und seiner deutschen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs ausgewählt, eingeleitet und kommentiert. Es ist inhaltlich und äußerlich ein Prachtband geworden, und obwohl wir alle Geschichten von Kindesbeinen an kennen und lieben, möchten wir beim Lesen und Schauen dieser wunderbaren Klassiker vom Goldenen Helm bis zum Goldenen Flies am liebsten vor Freude laut quaken.

Apropos Carl Barks: Als der geistige Vater von Donald im Jahr 2000 starb, im hundertsten Lebensjahr, war die Bergung der »Kursk« das Topthema in den Nachrichten, was uns an Donalds Neffen Tick, Trick und Track erinnerte, die ein Schiff hoben, indem sie Tischtennisbälle in das Wrack pumpten. Die Barks-Idee wurde später einmal tatsächlich erfolgreich bei einer echten Schiffsbergung eingesetzt. Und wer könnte je vergessen, wie Donald den Kanal durchquerte, ent(en)artet auf dem Rücken schwimmend, dabei eine Pampelmuse auf einer Nudel balancierend!

Aber auch Schätzings Auswahl macht wieder einmal deutlich, dass bei aller Wertschätzung für Barks der Aufstieg von Donald in die Herzen der intellektuell gehobenen Stände ein rein deutsches Phänomen und damit Dr. Erika Fuchs zu verdanken ist. Kein Kranz ist zu viel, der ihr geflochten wird. Denis Scheck (Moderator der Literatursendung »Druckfrisch« und eine Art Gegenentwurf zu Elke Heidenreich), Freund von Donald und Schätzing und in dieser Doppelfunktion wichtigster Anstoßgeber zu diesem Buch, schreibt in seinem Nachwort: »Erika Fuchs schuf für die deutsche Version der Enten-Comics einen eigenen Sprach-Kosmos, ein hochdifferenziertes Idiom, so stimmig und einprägsam, dass es Eingang in die Umgangssprache fand. Und keineswegs nur mit dem ›Erikativ‹, wie man in Anlehnung an den linguistischen Fachjargon ihre Verkürzungen von Stammverben wie ›Knirsch‹, ›Stöhn‹, ›Seufz‹ oder das Unzufriedenheit signalisierende ›Grummel, grummel‹ nennt. Das Motto des Erfinders Daniel Düsentrieb: ›Dem Ingeniör ist nichts zu schwör‹ ist inzwischen längst ein geflügeltes Wort unter Heim- und Handwerkern.

Der Fuchs’sche Text fügt dem Barks’schen Bild eine Dimension hinzu, die im Original nicht vorhanden ist.«

Scheck nennt als Beispiel ein schlichtes Original-»No« von Donald, dem Fuchs ein für den Charakter unseres Helden viel aussagekräftigeres »Mitnichten!« in den Schnabel legt: »Entstanden ist so ein spezifisch deutscher Donald, einer, der sich müht und abstrampelt, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, und seine frustrierten Ambitionen durch hohltönendes Bildungspathos tarnt: die Ente als verkappter Spießer, der sich in Momenten existenzialistischer Sinnkrisen schon mal als ›ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen‹ bezeichnet.«

Und dennoch lieben wir ihn, diesen allernichtigsten Niemand. Lieben ihn wie Schätzing, der in einer seiner trefflichen Kommentierungen den Vergleich zu Sisyphus zieht: »Als Kind habe ich die arme Sau immer zutiefst bedauert, Donald ist unzweifelhaft eine moderne Variante dieses unglücklichen Steinewälzers.« Aber den konnte man, wusste schon der Existenzialist und Schriftsteller Albert Camus, sich durchaus auch als glücklichen Menschen vorstellen. Oder wie Schätzing zum Schluss feststellt, begleitet mit unserem heftigen Kopfnicken und dem Versprechen, jetzt endlich seinen »Schwarm« zu lesen: »Eigentlich ist er gar kein solcher Loser, unser Donald.«

Er ist es sogar . . . »Mitnichten!«

(gw/22.4.2006)

»Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See«, ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Frank Schätzing (marebibliothek – 39,90 Euro – ISBN 3-936384-24-X)

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