Archiv für den 3. Januar 2010

Montagsthemen

Wenn Wintersport mangels anderer Masse Zeitungssportseiten und Fernsehnachrichten füllt, womit beginnen dann die »Montagsthemen«? Mit dem ganzjährigen Themen-Füller Nummer eins. Also Bayern München. Auch eine Art Wettbetrug, zumindest massive Wettbewerbsverzerrung, dass Breno und Ottl nach Nürnberg ausgeliehen werden. Schlagartig steigen die Chancen des »Clubs«, dem Abstieg zu entgehen. In seinem opulenten Kader hat der FCB noch ein paar weitere Restposten, die manipulierend (sportartspezifischer: pedikulierend) in den Abstiegskampf geworfen werden könnten. An eigene Konkurrenten leihen die Bayern nur aus, wenn sie brav sind wie Bayer Leverkusen und traditionell den Schwanz einziehen, sobald’s ernst wird. Bayern München als Pate der Bundesliga, oder: Die Ware Sport ist nicht der wahre …
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… nee, nicht schon wieder. Schwänzchen eingezogen und dorthin gewedelt, wo alle sind: Wintersport. Aber auch hier bewegen wir uns abseits der präparierten Loipen und Pisten, diese aber aufmerksam beobachtend wie einst jene schamlosen Zuschauer, von denen der legendäre Fernsehreporter Heinz Mägerlein berichtet hatte, sie stünden »an den Hängen und Pisten«. Schön ist das nicht!
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Doch was ist schon schön? Zum Beispiel die Flüge der Skispringer im V-Stil. Allerdings wurde Jan Bokloev als Froschhüpfer verspottet, als Schanzen-Schande beschimpft und wegen unschöner Haltung mit Punktabzug bestraft, als er seine V-Erfindung erstmals vorstellte. Erst als sich herausstellte, dass man mit dem »V« weiter fliegt als mit parallel geführten Skiern, wurde das »V« zum Schönheits-Ideal erhoben – seitdem gibt’s Punktabzug für jeden, der »unschön« springt.
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Fußnote der Sportgeschichte: Bokloev erfand seinen auftriebsverbessernden Stil nicht kreativ, sondern unbewusst, als er bei einem Trainingssprung ins Trudeln geriet und die Skispitzen instinktiv zur Notlandung spreizte.
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Im ewigen Notlandungs-Ranking wurde Bokloev erst am 15. Januar 2009 von Chesley Sullenberger als Nummer eins abgelöst. Flugphobisten wie ich hoffen nun, dass Sullenbergers Kollegen es nicht auf die Skispitze treiben, um den Helden vom Hudson an der Ranking-Topposition abzulösen.
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Um im Deutschland-Spezialranking (heutige Sportkolumnen mit dem wenigsten Wintersport) nach vorne zu kommen, setzen wir uns klimatisch weit ab zu jener Wüsten-Rallye, die noch »Dakar« heißt, obwohl sie nicht mehr in Afrika wüst rumralliet, sondern in Südamerika durch Argentinien und Chile. Auch dort gab es jetzt schon zum Auftakt einen tödlichen Unfall, aber dennoch ist es nur ein sehr böses Gerücht, dass es einen Fairdrive-Pokal gibt für den Piloten, der die wenigsten Zuschauer tot fährt.
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Die Strecke führt zwar auch in Südamerika durch die Wüste, sogar durch die trockenste der Welt (Atacama), doch paradoxerweise musste die erste Etappe wegen Überschwemmungen gekürzt werden. Aber auch das hat Tradition: Schon vor einigen Jahren, damals noch in Afrika, blieb bei der Rallye Dakar ein Volkswagen in der Wüste im Wasserloch stecken – seitdem warten wir vergeblich darauf, dass ein deutsches Boot beim America’s Cup mit Dürreschaden ausscheidet.
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Überhaupt steht die »Dakar« im Ranking der tollsten Stücke des Absurden Theaters schon längst auf der »Pole«, die tief im vergangenen Jahrhundert noch von Ionesco und Beckett gehalten wurde. Das Absurde Theater, etwas über hundert Jahre alt, will »die Sinnfreiheit der Welt und den darin orientierungslosen Menschen darstellen« (Wikipedia). Info: Im echten Dakar ist Glockengeläut verboten, weil es die Gefühle der Moslems verletzt. Wir haben Verständnis. Hauptsache, bei uns ruft der Muezzin vom Minarett.
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Nein, sö böse spätstarten wir nicht ins neue Jahr. Es kommt ja schließlich auch schon früh Freude auf. Bei mir. Weil die Amis unsere Kolumne lesen und mir nacheifern. Beweis: »In meiner womöglich nicht ganz objektiven Liste der erfolgreichsten deutschen Olympia-Teilnehmerinnen aller Zeiten gehören sie (Pechstein und Werth) gemeinsam auf Platz zwei. Hinter Halla.« (»Anstoß 09«). Und schon kupfern mich die Yankees ab, allerdings nur halbherzig: Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres wurde die Galopper-Stute Zenyatta Zweite hinter Serena Williams. Diese gilt unter ihren Konkurrentinnen zwar ebenfalls als »ein Tier«, was jedoch nicht menschenverachtend, sondern höchst achtungsvoll gemeint ist.
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Mit Hochachtung und Sympathie verabschieden wir uns auch von Luca Toni, der den Bayern sogar zum Ausstand das Trainingslager in Dubai finanziert. Wobei vom eingesparten Monatsgehalt noch einiges übrig bleibt, denn in Phantasialand kracht’s im Gebälk der absurden Theaterkulisse, bald gibt’s Dubai-Reisen schon als Schnäppchen bei Aldi.
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Ach, Luca Toni. Die vielleicht längste italienische Fußball-Praline der Welt. Deutschland liebte ihn, das halbe (meist, aber nicht nur weibliche) Land wirft ihm rote Unterhosen hinterher. Denn in Italien schenkt man sich zu Silvester »biancheria intima rossa«, rote Unterwäsche, die für ein »anno erotico e sessualmente appagato« sorgen soll – für ein erotisch und sexuell ausgefülltes neues Jahr. – Liebe LeserInnen: Egal, wer in Ihrer Beziehung die (Unter-)Hosen anhat: Hauptsache, sie sind rot. Ihnen allen ein ausgefülltes neues Jahr! (gw)

Veröffentlicht von gw am 3. Januar 2010 .
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