Archiv für den 1. Januar 2010

Sport-Stammtisch

Das neue Nuller-Jahr: Eine Dekade beginnt, obwohl die alte für Zwangsrechner erst am 31. 12. 2010 endet. Same procedure wie bei der Millenniums-Debatte. Na ja, wer seinen Spaß am korinthenzählenden Erbsenknacken hat …
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Erbsenknacken? Da beginnt die Dekade leider gleich mit einem Mehrfach-Druckfehler. Berichtigung: Statt »korinthenzählendes Erbsenknacken« muss es »erbsenzählendes Korinthenka …«
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… Neustart, sonst verfranze ich mich schon in der ersten Kolumne der neuen Dekade, und wenn die Leser meine anal produzierten Korinthen auf die verbale Goldwaage legen, könnte es mir ergehen wie Leverkusens Fußball-Boss Holzhäuser in einem dpa-Druckfehler, als er dem Bayern-Interesse an Völler »entlassen« statt »gelassen« entgegen sah.
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»Verfranzen«? Hat nichts mit Beckenbauer oder weihnachtsfeierlichen Verirrungen zu tun, sondern mit dem Flugzeug-Navigator im 1. Weltkrieg, genannt »Franz«, und wenn sich der Pilot, genannt »Emil«, wegen falscher Kursangabe verflog, veremilte er sich nicht, sondern … genau!
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Auch ich habe mich verfranzt oder besser: verbeltzt. Und zwar in den letzten »Montagsthemen« der alten Dekade, kritisiert unser Gießener Leser Michael Beltz, seines Zeichens nicht nur Bruder unseres verehrten seligen Freundes und Mitkolumnisten Matthias B., sondern auch alter Kommunist der Neuen Hessischen Schule. Als solcher merkt er an, dass sein »DKP-Echo« die Schweinegrippe schon viel eher zum »Wutzeschnuppe« verhessischt habe als ich, außerdem habe sein Bruder meine Veralberung der »Leserundleserinnen, Wählerundwählerinnen und Bürgerubürinnen« schon in einem seiner frühen Programme mit »Bürgersteigerinnen« vorweg genommen, und schließlich habe ich Leverkusen einen Herbstmeister genannt, »der im Winter gekürt wird« – und das an einem Tag, der kalendarisch noch zum Herbst gehörte! Gleich drei schockierende Fehler, und wer jetzt vermutet, Michael Beltz sei ein erbsenzählender Soundso, der hat nicht den verschmitzten Matthias-B.-Ton im Ohr, mit dem er seinen Protest telefonisch zu Gehör brachte.
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Daher erlaube ich mir auch, den alten DKP-Kadermann Michael Beltz der Neuen Hessischen Schule zuzuordnen. Denn dort liest man, um über einen notorischen Antikommunisten zu schmunzeln, dessen Kolumnen. Früher gingen die Kommunisten, wenn sie mal über so einen lachen wollten, in den Folterkeller.
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Schluss mit lustig (aua, auch so ne zackige Floskel!). Im Jahrbuch von Hannover 96 steht neben einem großen Erinnerungsbild von Robert Enke auf einer ganzseitigen Anzeige von Continental der Werbespruch: »Kurze Bremswege, wenn es darauf ankommt.«
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Kurz geschluckt, aber beim Thema geblieben: Felix Magath sagte im »WamS«-Interview Ende Dezember, nach »so einer Tragödie zu fordern, wir müssten alles ändern, ist aus meiner Sicht populistisch«. Klug, unangepasst. Anderes, dem kurzfristigen Empfindsamkeits-Boom DFB-präsidial angepasst, ist längst verhallt.
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Magath in München, Wolfsburg und Gelsenkirchen: Trainer der Dekade. Auch der doppelte Nachwuchs-Europameistercoach Hrubesch gehört in diesem Ranking ganz nach oben. Eine lebende Gegenstrom-Anlage im beliebig dahinplätschernden Mainstream. Hrubesch wäre als Spieler einmal beinahe bei der Eintracht gelandet, aber: »Als ich 1978 von RW Essen in die Bundesliga wechseln wollte, war ich eigentlich schon mit Eintracht Frankfurt einig. Die Verkündung sollte nach den Aufstiegsspielen mit Essen folgen. Als ich mit meiner Frau damals von den Verhandlungen zurückfuhr, hörte ich plötzlich im Autoradio die Meldung über meinen Wechsel. Ich bin sofort bei der nächsten Ratststätte rausgefahren, habe in Frankfurt angerufen und denen gesagt, dass ich nie im Leben für sie spielen werde« (»FAS«). – Toller Kerl, dieser Hrubesch! Heutzutage platzen Wechsel, wenn sie nicht vorab verkündet werden.
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Die Meldung vom Schumacher-Comeback wurde vorab so oft verkündet, dass beim Zählen der Name des DFB-Präsidenten nicht ausreicht. Zum Topereignis der Dekadenwende die aktuelle wissenschaftliche Begleitforschung, bewiesen in einem Ratten-Experiment der Uni Kairo: Benzin im Blut macht böse und steigert das Aggressions-Potenzial. Um das zu wissen, muss man allerdings weder Formel-1-Rennen anschauen noch an der Uni Kairo forschen, sondern nur ein paar Kilometer auf hessischen Autobahnen fahren. Ratte sich, wer kann!
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Italiens Sportzeitungen haben den schlechten Ruf brachialsimpler Knalltüten. Die »Gazzetta dello Sport« widerlegt das Vorurteil: »Wir wünschen ihm, dass er aus reiner Freude an der Geschwindigkeit zurückgekehrt ist und nicht, um eine entstandene Leere in sich zu füllen. Es gibt nämlich nichts traurigeres als einen Menschen, der unfähig ist, die Normalität des Lebens zu ertragen.«
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Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.«
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Wenn Sie wollen, liebe Leser, gehen wir mit dem alten Witz gemeinsam in eine neue Kolumnen-Dekade, um ohne Ignoranz und Apathie die Normalität des Lebens zu ertragen – auch wenn dies ein ganz anderes Thema ist und mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun hat. (gw)

Veröffentlicht von gw am 1. Januar 2010 .
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