Archiv für Januar 2010

Nach-Lese (30.1.2010)

Langsam verplätschert der »Tsunami im Wasserglas«, den wir in der Premiere dieser Kolumne belächelt hatten: Die Aufregung im kulturellen Elfenbeinturm über den Umzug von Suhrkamp nach Berlin. Aber so richtig Ruhe geben die Feuilletons noch immer nicht. Die Literarische Welt legt nach. Auf immerhin zwei Seiten »begrüßt ein Chor der Suhrkamp-Autoren seinen Verlag in Berlin«, und das liest sich zum Beispiel so: »Die Leute des Suhrkamp-Verlages sind zu beglückwünschen. Frankfurt ist ja keine Stadt, sondern bloß ein unglückliches Konglomerat. Berlin ist, wenn auch keine schöne, so doch eine Stadt.« Schreibt Sibylle Lewitscharoff.
Sibylle … wer? Wie, Sie kennen Suhrkamps berühmte deutsche Großschriftstellerin nicht? Tja, solche Bildungslücken klaffen eben nur im Dunstkreis jenes unglücklichen Konglomerats, das nicht einmal eine Stadt ist. Den Namen der Hauptstadt-Dame wollen wir uns aber zu merken versuchen: Sibylle Lewitsoundso.

Hessische Lokalpatrioten verstehen keinen Spaß. Das haben sie (na gut: wir) mit vielen anderen Glaubenskämpfern gemeinsam. Seit Henryk M. Broders Buch-Polemik »Hurra, wir kapitulieren!« steht der begnadete Zyniker Broder unter Dauerbeschuss von deutschen Islamkritik-Kritikern. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung werfen sie ihm und »seinen Schwestern« (gemeint sind islamischstämmige Islamkritikerinnen wie Necla Kelek oder Hirsi Ali) »die Logik« vor, »mit welcher Broder begründen will, warum er jede Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus als irrelevant zurückweist«. Broders Logik: Zwar seien 99,9 Prozent der Muslime friedlich, aber wenn sie sich von 0,1 Prozent als Geiseln nehmen lassen, muss man ihre Haltung zu unserer Gesellschaft zumindest hinterfragen dürfen. Und noch ein echter Broder: Er befürwortet den Bau von Moscheen in Rom … wenn Christen und Juden in Mekka Kirchen und Synagogen bauen dürfen.

Werter Herr Broder: Das! Geht! Nicht! Meinen jene, die ihn als »Hassprediger« abstempeln. Aus Broders Antwort im Tagesspiegel: »Jammertürken, die ständig darüber klagen, wie sie diskriminiert werden, sind sehr beliebt. Ebenso Jammerjuden, die in jeder Talkshow erzählen, wie viele Angehörige sie im Holocaust verloren haben und wie sehr sie sich heute vor der NPD fürchten. Meine Schwestern und ich jammern aber nicht, wir sind aggressiv und offensiv und legen uns auch mit den Milieus an, aus denen wir kommen.« Allerdings!

Aber ob Christen, Muslime oder Juden: Es gibt »Konkurrenz für Gott«, seit »Forscher auf der Suche nach der Formel des Lebens« sind und »Die Schöpfung im Labor« (Spiegel-Titelgeschichte) nachspielen. Allmächtiger! Auch dieses Thema hatten wir schon in unserer Kolumnen-Premiere, denn es drängt immer vehementer in die deutschen Feuilletons. Neu ist allerdings, welch bedeutende Rolle eine deutsche Stadt spielt: »Wenn demnächst die erste von Menschenhand gebaute Kreatur die Weltbühne betritt, dann werden einige der wichtigsten Bauteile aus Regensburg stammen« (Spiegel), denn von dort aus beherrscht die Firma Geneart des deutschen Biochemikers Marcus Graf den Weltmarkt an künstlich produzierten Genen.

Regensburg! Schon klimpert das Assoziationskettchen: Soeben erst in der Bild-Zeitung gelesen, dass des Papstes Bruder in Zorn entbrannt ist, weil er nicht einsehen will, dass vor seiner Kirche in Regensburg absolutes Parkverbot herrscht. Der greise und körperlich hinfällige Georg Ratzinger fährt regelmäßig zum Beten in die Stiftskirche und kassiert ebenso regelmäßig Knöllchen, weil er sein Auto direkt vor der Kirchentür parken lässt. Selbst der Einspruch des Bruders half nichts: Das Parkverbot bleibt – denn päpstlicher als der Papst sind deutsche Verkehrsrechtsordner allemal. Für Bild Grund genug, Georg Ratzinger in die tägliche Rubrik »Verlierer des Tages« aufzunehmen.

Da war doch mal was mit einem anderen großen Katholiken … ? Googelnd werden wir im Spiegel-Archiv fündig: Ratzingers Intim-Freundfeind Hans Küng war 1989 als Geisterfahrer auf einer Autobahnzufahrt erwischt worden, gab zwar zu, nicht der Papst zu sein (»Ich bin nicht unfehlbar«), behauptete aber, »sinnierend und unbewusst« die Zufahrt als Abfahrt genommen zu haben. Das Gericht glaubte ihm nicht, sondern urteilte, Küng habe die Abfahrt verpasst und die kurz darauf folgende Zufahrt bewusst genommen, um nicht bis zur nächsten Abfahrt weiter fahren zu müssen. Folge: Drei Monate Fahrverbot für Küng. Dessen auch kirchenmoralisch anfechtbares Fazit: »Es ist vor einem deutschen Gericht nicht sinnvoll, etwas zuzugeben.«

Und noch einmal Regensburg: In der stets unterhaltsamen FAS-Kolumne »Fragen Sie Reich-Ranicki« will ein Leser aus der Ratzinger-Stadt wissen: »Was halten Sie von Ihrem Freund Karasek. Er schreibt oft über Frauen. Ist das ein interessantes Thema?« – Antwort des Kritiker-»Papstes«: »Von Karasek halte ich sehr viel. In der Tat, ich glaube, dass Frauen als Thema der Literatur interessant sind. Unter uns: Ich kenne kein interessanteres Thema. Allerdings war ich in Regensburg nur sehr kurz.« – Keine päpstliche, aber eine herrliche Antwort.

Und nun zu einem ganz anderen Thema: Herbert Groenemeyer: Dem Zeit-Feuilleton »sitzt noch immer der Schreck« über Groenemeyers »Ruhr-Hymne in den Gliedern«, denn »es war der gewiss schlimmste Auftritt, seit die Berliner Philharmoniker bei der Expo in Hannover gemeinsam mit den Scorpions Wind of Change aufgeführt haben«.

Scorpions? Sie hören auf, kündigt Rudolf Schenker (61) in der Bild-Zeitung an: »Wir wollen nicht, dass es unwürdig wird.« Allerdings bereiten die Scorpions nun eine zwei- bis dreijährige Abschiedstournee vor, soviel zum Thema »unwürdig«. Auch die Süddeutsche Zeitung fragt, ob es »etwas mit Würde zu tun hat«, »wenn eine Handvoll Greise ihre dünnen Arme und knochigen Hände zur geballten Faust recken und mit dünner Stimme ›Like a Hurricane‹ brüllen«.

Georg Ratzinger, Herbert Groenemeyer und die Scorpions, das bedeutet auch: Regensburg, Ruhrpott und Hannover.
Wir im Dunstkreis eines anderen unglücklichen Konglomerats, das nicht einmal eine Stadt ist, machen diese großfeuilletonistische Häme nicht mit. Die überlassen wir den Sibylle Lewitsoundsos. (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Januar 2010 .
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Liebe in Zeiten des Todes (Jenseitsnovelle von Matthias Politycki)

»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten. Schepp witterte es auf der Stelle.«
Und nun stelle man sich vor, man ist dieser Schepp, ein Anfangs-Sechziger, und wie er überzeugt davon, »ein glücklicher Mensch« zu sein.
Nein, man stelle es sich lieber nicht vor, denn für Schepp beginnt der Morgen (und für uns die »Jenseitsnovelle«) mit dem zärtlichen Blick auf den Rücken der geliebten Ehefrau, die schon in der Frühe im Arbeitszimmer sitzt und seine Manuskripte redigiert. »Dann beugte er sich zu Doro hinab. Wieder schlug ihm der Geruch entgegen, ganz und gar fremd jetzt in seiner Süßlichkeit, mit einer Beimischung von Schweiß und Urin und – er schrak zurück.«
Unerträglich? Lesen an dieser Stelle nur in den Schmerz Verliebte weiter? Das wäre schade, denn Matthias Politycki hält noch einiges bereit, das zu verpassen fahrlässiger Verzicht auf den Genuss eines literarischen Kleinods bedeuten würde.
Obwohl auch den Leser Doros letzte hingeschriebene Worte schockieren: »Ohne Dich, Schepp, begreif es, ohne Dich. Meinetwegen fährst Du, jetzt spreche ich es aus, fährst Du zur Hölle!« Und kryptisch die allerletzten Worte: »jetzt auch noch diese … na … darüber reden wir noch.«
Schepp bleibt im Arbeitszimmer sitzen, neben seiner toten Frau, spricht mit ihr und mit sich. »In welch konfuser Manier geschrieben, von welcher Doro? So unbeherrscht kannte er sie gar nicht, so wüst, so direkt.«
Die Liebe ist ein Alptraum ist die Liebe.
Mehr sollte dem interessierten Leser nicht vorab verraten werden. Der Schluss schon gar nicht. Nur sein Beginn, diese Wiederholung nach 121 Seiten:
»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre!« (gw/23.1.2010))

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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Klappentext (23.1.2010)

Bei allem satirischem Respekt: Trotz vieler irrwitziger »Titanic«-Einfälle bleibt die Vorgängerin »Pardon« das Maß aller Dinge. Beide aber sind geprägt von der Neuen Frankfurter Schule (NFS), und die muss man, weil nicht jeder ein Liebhaber des höheren Schwachsinns ist, ausnahmsweise mal unsatirisch nüchtern vorstellen: Gründungsmitglieder der NFS waren F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und noch einige andere Größen des Genres, zur »zweiten Generation« gehörten u. a. Gerhard Henschel und Simon Borowiak, die in jüngster Zeit auf dieser Bücherseite gebührend zu Wort und Buch gekommen sind. Der Name der NFS spielt ironisierend auf die berühmt-berüchtigte soziologisch-philosophische Frankfurter Schule der Horkheimers und Adornos an.
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Das grundlegende historische Werk zur NFS stammt von Ex-»Titanic«-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt: »Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule«. Hier lernen wir auch die unterlegene Alternative für den wohl bekanntesten Zweizeiler der Neuen Frankfurter Schule (Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche«) kennen: Robert Gernhardt verlor in der erbittert geführten und dem Vernehmen nach erst durch brutale Waffengewalt entschiedenen Diskussion mit seiner Version: »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche«.
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Vielleicht wurden die Elche den Molchen vorgezogen, weil man sonst tierisch nahe am Lurch von Heinz Erhardt geblieben wäre, dessen unsterblicher Vierzeiler im Lauf der Jahre bereits zwölf Mal (sagt unser Archiv) zum »Anstoß«-Motto in unserem Sportteil wurde: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«
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In der im Sachbuch-Potpourri erwähnten »Griechenland-Zeitung« (Tipp: kostenloses PDF-Probe-Abo im Internet bestellen!) lesen wir jahreszeitlich brandaktuell, dass in Galaxidi am Golf von Korinth am letzten Karnevalstag, dem »Kathari Devtera« (Reiner Montag), die traditionelle »Alevromountzouromata« (Mehlschlacht) stattfindet, bei der sich die Einwohner, bewaffnet mit Schutzbrillen, Mundschutz und Kuhglocken, mit buntem Mehl bewerfen. Man tritt wohl keiner der beiden Humor-Richtungen zu nahe, wenn man behauptet, dass Neue Frankfurter Schule und Karneval (griechischer sowieso) es ablehnen würden, gemeinsam in einer multihumorkulturellen Gesellschaft »abzuschunkeln« (bähh, eines dieser ekligen »ab«-Verben!).
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Apropos Griechenland: Bei einer der letzten Wahlen zum »Diagram Prize«, der dem seltsamsten Buchtitel des Jahres verliehen wird, hatten »Höhepunkte in der Geschichte des Betons«, »Oraler Sadismus und die vegetarische Persönlichkeit« und auch der wertvolle Ratgeber »Wie man riesigen Schiffen ausweicht« keine Chance, selbst die wichtige Studie »Menschen, die nicht wissen, dass sie tot sind« belegte nur Platz zwei hinter dem Siegertitel »Griechische Landpostboten und ihre Entwertungsnummern«. Wirklich wahr!
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Zu guter Letzt: Nur Matthias Politycki hält mit seiner »Jenseitsnovelle« heute die Fahne der Belletristik hoch. Beinahe hätten wir das Buch nie vorgestellt, denn es lag, nach begonnener Lektüre, lange auf dem Nachttisch des Rezensenten, der Depression und Alpträume befürchtete. Irgendwann aber schlug der Ängstliche vorsichtig hintere Seiten auf … tja, mehr wird auch hier nicht verraten, außer dass die Lektüre mit frischem Mut fortgesetzt wurde. Was auch anderen ängstlichen Lesern anzuraten ist (ohne hinten reinlinsen zu müssen, das tat für sie und Sie:) (gw)

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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Dem Wahnsinn auf der Spur (30 Jahre Titanic)

Eigentlich ist das Satireblatt viel älter. Denn schon 1962 wurde »Pardon« gegründet, und »Titanic« ist nichts anderes als die Fortsetzung mit anderem Namen, aber gleichen Mitteln und selben Personen – Gernhardt, Knorr, Poth, Traxler, Waechter und wie sie alle heißen. Nur ging ihnen ihr Herausgeber Hans A. Nikel tierisch auf den Geist, der »Pardon« in eine Art Zeitgeist-Illustrierte umwandeln wollte. Nach und nach verließen sie ihn und waren schon fast alle weg, als Nikel im November 1977 auf dem »Pardon«-Titelblatt in heiligem Ernst verkündete: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet, gläubiger Anhänger von Guru Maharishi und fest davon überzeugt, im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können, mit Meditation als Kerosin.
Statt zu resignieren, weil wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann, gründeten Gernhardt & Co., die Väter der Neuen Frankfurter Schule, ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit 30 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Satire-Spur zu bleiben.
»Das Erstbeste aus 30 Jahren« erinnert an die Höhepunkte des »Titanic«-Schaffens: »Meine erste Banane« von »Zonen-Gabi« (mit geschälter Gurke in der Hand und erstaunlicher Ähnlichkeit mit Angela Merkel, obwohl die heutige Bundeskanzlerin damals völlig unbekannt und noch nicht einmal »Kohls Mädchen« war), und natürlich auch an Chefredakteur Bernd Fritz, der in »Wetten, dass…?« behauptete, er könne die Farben von Buntstiften an deren Geschmack erkennen, worauf Deutschlands ewig größter Betrugsskandal das Land erschütterte.
Kleine, feinere Coups: Als der »Stern« Hitlers Tagebücher veröffentlichte, konterte »Titanic« mit seinem Poesiealbum, und als ihre ureigene Generation ‘68 ihr zwanzigjähriges »Betriebsnudeljubiläum« feierte, startete »Titanic« eine Solidaritätsaktion für den »am längsten inhaftierten deutschen Gefangenen«. Hunderte von Gesinnungsgenossen unterschrieben daraufhin den »Titanic«-Aufruf »Freiheit für Rudi Dutschke«. Dumm nur, dass der schon ein paar Jährchen tot war.
Humor ist Glücksache, schwarzer Humor Geschmacksache, und manchem vergeht das Lachen (was beabsichtigt sein dürfte), wenn er auf der letzten Seite des Jubiläums-Bandes zwei gut gelaunte Szenepärchen auf dem Weg ins Abendvergnügen zeigt, angeführt von einem, der seinen In-Tipp verkündet: »Ich kenne da ein Lokal, nicht ganz billig, aber die Großeltern der Wirtin sind in Auschwitz umgekommen.«
Schwarzer Humor muss weh tun. Kein Wunder, dass »Titanic« auch mit Strafanzeigen überzogen wurde. Aber nur einmal wurde es gefährlich für das Blatt, als es das Gesicht Engholms in das Barschel-Badewannenfoto montierte: Engholm gewann den Prozess, erhielt 40 000 Mark Schadenersatz, und die Anwaltskosten von knapp 200 000 Mark ließen die »Titanic« fast untergehen. Aber sie hielt durch und schwimmt weiter auf dem Satire-Meer, auch wenn es immer schwieriger wird zu provozieren. Selbst der Titel »Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!« schaffte es nicht auf einen Platz in der Empörungs-Top-Ten, obwohl ein lachender Kurt Beck das Titelbild zierte.
Kurt … wer? Nicht nur die Satire hat es schwer, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.
(gw23.1.2010)

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe (Dave Eggers: “Wo die wilden Kerle wohnen”)

Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe

Max und die wilden Kerle – Ein Meister des kreativen Schreibens – Originalität und ironische Übertreibung

Mit seinem Debütroman »Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität« ist Dave Eggers ein Meisterwerk gelungen. Zu behaupten, das Buch würde seinen Titel zu Recht tragen – fast noch untertrieben! Wer es nicht gelesen hat, sollte schleunigst in den nächsten Buchladen rennen. Versprochen, es lohnt sich! Ein ganz besonderes Buch, ein Kleinod der Belletristik. Allein der Einsatz der kursiven Schrift zur Belebung des Geschriebenen und zur Verdeutlichung der Ironie ist so grandios gelungen, dass es scheint, so, genau so, möchte kursive Schrift verwendet werden. Und: Er schaffte es, nach dem unerwartet großen Erfolg (Pulitzer-Preis-Nominierung, Platz 1 der US-Bestsellerliste) nachzulegen, die in den folgenden Jahren erschienen Werke sind durchweg lesenswert. Kein Wunder also, dass die New York Times ihn einen »umwerfend talentierten Schriftsteller« nennt. Die Erwartungshaltung an sein neues Werk, eine Romanadaption des Kinderbuchklassikers »Wo die wilden Kerle wohnen«, ist daher besonders groß.
Das Original, hauptsächlich Bilderbuch, gesäumt mit gerade mal 333 Wörtern, stammt von Maurice Sendak, ist 1963 erschienen und wohl Pflichtlektüre in jedem gut geführten Kinderhaushalt. Dave Eggers hat sich nun daran gemacht, diesen Klassiker in einen Roman zu verwandeln (aktuell läuft in den Kinos auch die Verfilmung. Das Drehbuch stammt ebenfalls von Eggers).
Die Geschichte ist schnell erzählt: Max ist ein achtjähriger Junge, die Eltern leben getrennt, die Mutter ist fast nur mit dem neuen Freund und der Arbeit beschäftigt. Seine pubertierende Schwester Claire scheint jegliches Interesse an ihrem kleinen Bruder verloren zu haben. Nach einem Streit verlässt Max das Haus, rennt in den Wald, findet ein Boot und segelt los. Das Ziel: Max’ Vater, der in der angrenzenden Stadt lebt. Doch nach tagelanger Reise erreicht er ein ganz anderes Ziel: Die Insel, wo die wilden Kerle wohnen. Er freundet sich mit den destruktiven, jedoch liebenswerten Monstern an und wird sogar zu ihrem König erkoren. Gemeinsam durchleben sie wilde Abenteuer, die erst enden, als Max den Gefühlen eines normalen Achtjährigen erliegt: Heimweh und Hunger lassen ihn die Heimreise antreten.
Eine tolle Adaption, wobei die Phase vor dem eigentlichen Abenteuer besser gelungen ist. Das liegt wohl daran, dass Eggers hier seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, während der nachfolgende Teil zwar sprachlich ohne Frage originell geschrieben ist, der Plot jedoch ein wenig zu kindlich und überspitzt wirkt, was wohl dem Diktat der Vorlage geschuldet ist. Dennoch, mit seiner Formulierungs- und Sprachkunst schafft es Eggers, im Kopf des Lesers wundervolle Bilder entstehen zu lassen. Darüber hinaus ist die Interpretation des jungen Max bemerkenswert gut gelungen. Allein die Passagen vor der abenteuerlichen Reise zu den wilden Kerlen wecken eine starke Sympathie. Das närrische, aufmüpfige Verhalten, dem eine nur Kindern innewohnende Kompromisslosigkeit zugrunde liegt, der milde Sarkasmus sowie die inbrünstige Liebe zur Mutter werden authentisch und einnehmend dargestellt.
Dass die Abgeklärtheit der Gedankengänge phasenweise eher an einen Erwachsenen denken lässt, stört nicht. Im Gegenteil: Eggers schafft es dadurch, dem Buch eine Komponente zu verleihen, die das Kinderbuch-Genre verlässt und den Roman für Erwachsene zugänglich macht.
Dave Eggers ist ein Meister des kreativen Schreibens. Wie er auf spielerische Art und Weise mit der Sprache umgeht, macht ihm so schnell keiner nach. Durch Originalität und ironische Übertreibung werden seine Romane immer wieder zu einem besonderen Genuss. In diesem Werk muss man zwar eher mit der sprachlichen und weniger der inhaltlichen Originalität des Autors vorlieb nehmen, aber trotzdem, auch dieses Dave-Eggers-Buch macht Spaß. Nicht das Debüt-Meisterwerk übertreffend, ein weiteres Buch der Kategorie »lesenswert« jedoch allemal.
Harald Schmidt hat einst über ein wesentlich schlechteres Werk gesagt: »Jugend der Welt – kauf dieses Buch und lies es!« Bei Romanen von Dave Eggers kann man sich dieser Aufforderung nur anschließen.
Christoph Hoffmann

Dave Eggers: »Bei den wilden Kerlen« (Kiepenheuer & Witsch – 18,95 Euro – ISBN: 978-346-204176-7)

Veröffentlicht von gw am 21. Januar 2010 .
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Baumhausbeichte - Novelle