Archiv für den 30. Dezember 2009
Anstoß 09: Dezember (Warum sieht Woods ständig traurig aus?)
Drei Hoffenheimer Fußballprofis werben im Auftrag eines Pharma-Konzerns eindringlich fürs Impfen gegen die Schweinegrippe, halten sich aber selbst nicht dran und haben ihn nun, den Schaden, durch den sie jeder Beschreibung spotten: den Wutzeschnuppe.
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Fußball ist des Fans täglich Brot, außer rund um und nach Weihnachten, da bleibt ihm nur ein Stollen. Leverkusen ist Herbstmeister – und dieser wundersame Nicht-Titel für eine wunderbare Bayer-Mannschaft führt uns zum Abschluss von »Anstoß 09« zur philosophisch-religiösen Jahresendzeit-Kernfrage: Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Na ja, klar, die Tiere kennen keinen Herbstmeister, aber das lasse ich nicht als Antwort gelten (obwohl sie nah dran ist). Doch was unterscheidet den Menschen nun wirklich vom Tier? Das Tier treibt keinen Sport!
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Zum Glück ist der Mensch kein Tier, und Sport macht ihm Spaß. Unterschied zum Sex: Danach geht’s ihm besser als dabei. Gemeinsamkeit von Mensch und Tier: Post coitum omne animal triste.
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Post coitum …? All die Jahre wunderten wir uns, dass Tiger Woods immer so traurig aus der Wäsche guckte. Jetzt wissen wir’s. Bei seiner Frequenz war er ja ständig post coitum, also chronisch triste.
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Dazu »Post von (Franz Josef) Wagner« in »Bild« an Tiger Woods: »Alle Welt ist entsetzt, dass Sie hinter dem Rücken Ihrer wundervollen Familie alles vögelten, was nicht schnell genug vom Golfplatz war. Dabei tun wir täglich dasselbe, wenn wir die Bluse einer Sekretärin anstarren. Sind wir Männer nicht alle ein bisschen Tiger Woods? Man ist hilflos als Mann.« Immerhin finden Mann und Tier bei Wagner im Verb für ihr gemeinsam liebstes Hobby zusammen.
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Aber es gibt auch andere schöne Hobbys, immer wieder zu bestaunen im RTL-Quotenhit »Das Supertalent«. Mangels eigener Kenntnis der Sendung folgt deren offenbar absoluter Höhepunkt 2009 in den Worten des allerdings leicht befremdet wirkenden Kulturkritikers der »Süddeutschen Zeitung«: »Mr. Methan hat es bis ins Halbfinale der Show geschafft, indem er einen Strauss-Walzer intonierte, oder besser imponierte – mit seinen Darmwinden. Man kann nicht gerade behaupten, dass er auf diese Weise frischen Wind ins deutsche Fernsehen gebracht hat.«
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Stimmt, wie auch das »SZ«-Fazit: »Er entblößte vor der Kamera seinen Hintern, führte ein Blasrohr in den Allerwertesten ein und pupste mit einem Dartpfeil einen Ballon kaputt. Das war der Beweis: Die Samstagabend-Unterhaltung ist wirklich im Arsch.«
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Obwohl, die Hoffnung stirbt zuletzt. Apropos Tod: Heute vor einem Jahr begann und endete der Rückblick »Anstoß 08« mit Joopie Hesters, der in der Neujahrsnacht in seinem Ferienhaus in Alpbach in Tirol stürzte und sich die Rippen brach. In Miami starb am selben Tag Nonja, 55, nach einem ähnlichen Sturz. Sie war der älteste Orang-Utan der Welt.
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Heesters bleibt der älteste lebende Künstler der Welt. Mittlerweile ist er 106 Jahre jung. Ja, jung, denn zum Geburtstag bekam er am 5. Dezember, meldet »Bild am Sonntag« schlagzeilengroß, den ersten Trockenrasierer seines Lebens geschenkt. Im »Anstoß 2010« werden wir hoffentlich berichten können, ob bei Heesters schon der Bartwuchs begonnen hat. Auf ein Neues! Frohes! Jahr! (gw)
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gw am
30. Dezember 2009 .
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Anstoß 09: November (Warum staunt Boris über den Tiger?)
Die letzten beiden Monate im Schnelldurchlauf, denn alles ist frisch in Erinnerung und muss noch nicht rückblickreif abgehangen aus hinteren Gedächtniswinkeln hervorgekramt werden. Oder? Wie war das mit Robert Enke? Der Selbstmord des depressiven Nationaltorhüters schockt eine ganze Nation, rüttelt auf, und alle sind sich einig: Wir müssen umdenken. Aber frühe Vermutung im »Anstoß« nach der Trauerfeier: »Menschenfreundlichere Konsequenzen aus dem Tod eines Torwarts, sie werden gefordert, ein Weilchen noch, weil’s zum guten traurigen Ton gehört, aber nie gezogen. Nicht weil der stählerne Ellbogen mehr sportlichen Erfolg verheißt als empfindsames Talent, nicht weil Fußball eben Fußball ist, sondern weil wir wir sind. Die Karawane der Betroffenheit zieht bald weiter, die Hunde beißen dann wieder.« Aber selbst Gesellschaftspessimisten wie ich staunen dann, wie schnell das geforderte Umdenken vergessen und die übliche Bedenkenlosigkeit praktiziert wird, zum Beispiel von den sogenannten Fans des VfB Stuttgart, die Totschlagsphantasien verbal ausleben. Motto: Bringt uns den Kopf von Markus Babbel! Der VfB-Vorstand tut’s. Armselig. Alle. Außer Babbel.
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Aber nun der Schnelldurchlauf: Formel-1-Weltmeister Button wechselt von Brawn zu McLaren, Mercedes übernimmt Brawn, Rosberg wechselt von Williams zu diesem neuen Silberpfeil-Team – der Countdown fürs Comeback kommt früh im November auf Touren und endet spät im Dezember mit dem Weihnachtsgeschenk für alle Schumi-Fans. Im Fußball feiert Bayern München nach der stimmungsvollen Umwandlung von Uli Hoeneß vom Manager zum Präsidenten ebenfalls ein wundersames Comeback, mischt die Bundesliga auf und fertigt Juventus Turin in der Champions League so glanzvoll ab wie früher im Jahr der FC Barcelona den FC Bayern. Deutschland bekommt für die WM 2010 Australien, Serbien und Ghana zugelost, was von den Experten auf einer Bandbreite von Glücks- bis Hammer-Los kommentiert wird. Paul Biedermann, Steffi Nerius und die DFB-Fußballerinnen werden zu Deutschlands Sportlern des Jahres gekürt, und ein scheinbar geheimnisvoller Autounfall von Tiger Woods stellt sich als Produkt einer krachenden Ehekrise heraus, der fleckenlos strahlende Supersaubermann wird von seiner Frau aus dem Haus und weltmedial in die Schmuddelecke geprügelt.
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Das ruft letztmals unseren Rückblick-Running-Gagger auf den Plan. Der hellhäutige Bum-Bum-Boris, Liebhaber des dunkleren Teints, staunt über den dunkelhäutigen Liebhaber des hellen Teints »Schniedel-Wutz« (»Bild«) und dessen Sammelwut: »Wie hat er das bloß organisiert?« Vermutlich nicht spontan zwischen Besenkammer und halbem Weg zum Klo, sondern mit ausgeklügelter Eincheck-Taktik in den Luxus-Suiten der Edelhotel-Welt.
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Woods, Wutz, Wutzeschnuppe: Aus Angst vor der Schweinegrippe dürfen die Fußballer in Rumänien nicht mehr auf den Rasen rotzen. Bei uns hat’s der Bundestrainer schon vor zwei Jahren verboten: Nationalspieler sollen nicht spucken, nicht schauspielern und außerhalb des Platzes nicht neureich rumprollen, fordert der »Jogi-Knigge«. Längst vergessen, niemand hält sich dran, schon gar nicht an die Forderungen zwei und drei. Und wer rotzt nicht? Fußballerinnen! Auch das ein Grund, warum ich in Sachen Frauenfußball schon längst vom Saulus zur Paula geworden bin.
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Wer ist abgedrehter, der Trainer, in dessen Auto bei einer Verkehrskontrolle Blaulicht und Schreckschussrevolver gefunden werden (Neururer), oder sein Kollege, der aufs Spielfeld stürmt und eine gegnerische Angreiferin per Bodycheck vom Platz rammt (Prokop)? Oder ist vielleicht doch jener Trainer noch abgedrehter, der einen 32-jährigen Spieler (Toni) beim Mittagessen wegen schlechter Haltung tadelt, ihn rüde am Schlafittchen packt und handgreiflich buchstäblich gerade rückt, und der seinen 67-jährigen Teamarzt (Müller-Wohlfahrt) brüsk auffordert, zum Training wie die Spieler gefälligst in kurzen Hosen zu erscheinen?
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Thierry Henry betrügt Frankreich auf Kosten Irlands nach Südafrika. Der Skandal ist nicht, dass er den Ball absichtlich mit der Hand gespielt hat – das kommt im Eifer des Gefechts vor, ebenso, dass der Schiedsrichter es nicht sieht. Aber hinterher scheinbar treuherzig festzustellen, »ich bin doch nicht der Schiedsrichter«, statt das Handspiel nach dem Tor zuzugeben, ist menschlich wie sportlich obermies. Leider aber auch gesellschaftskonform. Dass Jan Ullrich niemanden betrogen hat, Henry aber alle, bleibt daher wohl auf immer und ewig meine Außenseitermeinung – die eines weltfremden Narren. Aber für mich ist Henrys Unsportlichkeit emotional eine schlimmere Manipulation als jene, bei der abgetakelte deutsche Hinterligaspieler oder turkmenistanische Euro-League-Hinterherkicker Spiele zu manipulieren versuchen, deren Ergebnisse mich weniger interessieren als ein Sack Baumwolle, der in Ostanatolien nach der Ernte vom Traktoranhänger fällt.
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Aber der November soll nicht mit Wut und Trotz des Kolumnisten enden, sondern mit dessen tiefstem Mitgefühl. In »Bild am Sonntag« rührt Frank Elstner selbst versteinerte Männerherzen: »Ich habe wegen meines Glasauges kein räumliches Sehen. Es ist mir auch zeitlebens verwehrt geblieben, die ganze Dimension einer Frauenbrust optisch zu erfassen.« (gw)
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gw am
30. Dezember 2009 .
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