Archiv für den 29. Dezember 2009

Anstoß 09: Oktober (Alles fließt)

Rio bekommt die Sommerspiele 2016, München will die Winterspiele 2018, in Griechenland wird das Feuer für Vancouver 2010 entzündet und vor dem Sportgericht die Medaillenwertung von 2000 in Sydney, 2004 in Athen und 2008 in Peking upgedatet, nicht nur im Oktober, sondern Monat für Monat zuvor und danach – alles fließt, sagt Heraklit, denn er weiß: Niemand kann zweimal in denselben Medaillenspiegel schauen. Zum Fußball: Funkel übernimmt Hertha BSC, Neururer übernimmt sich am MSV Duisburg, der Zweitligist ist zu klein für einen, der nach fachlicher Selbsteinschätzung schon längst Real Madrid trainieren müsste. Deutschland übernimmt sich nicht an Russland, gewinnt 1:0 und sichert sich die WM-Teilnahme. Button ist schon einen Schritt weiter, nimmt nicht nur teil, sondern gewinnt auch die WM – für Schumi ein weiterer Grund zum Comeback, denn: Wenn sein Freund Brawn sogar diesen kleinen Fahrer-»Knopf« zum Weltmeister machen kann, muss die Dreier-Kombination Schumi-Brawn-Silberpfeil einfach unschlagbar sein. – Auch das noch: Agassi dopt die PR für seine Biografie (geschrieben vom US-Bestsellerautor Moehringer) mit dem späten Geständnis früherer Aufputschungen. Agassi gewann 1996 in Atlanta Tennis-Gold. Alles fließt.
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Auch Sebastian Deisler lässt seine Autobiographie schreiben. Aus einem seiner diversen PR-Interviews: »Wenn man sich einige dieser Journalisten genau anschaut, sagt man sich: Das ist ja ein Wahnsinn, dass die alles über mich schreiben dürfen! Diese Oberflächenschwimmer! Einige von denen haben keine Ahnung, kein Gewissen, aber die Macht, für Millionen Menschen ein Bild von mir zu zeichnen. Und wenn man dieses Spiel nicht mitspielt, wenn man ihren Ansprüchen nicht folgt, ist man derjenige, der als nicht normal gilt. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.« – Einen Monat später, nach einer anders endenden Depression, fragt sich das nicht nur Deisler. Zwei Monate später fragen es sich nur noch die Deislers, also kaum jemand mehr.
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Der oberste und aktivste Kriegsherr der Welt gewinnt den Friedensnobelpreis, Deutschland feiert den Literaturnobelpreis für eine Rumäniendeutsche, auch der furor teutonicus, der germanische Angriffsgeist, ist so germanisch gar nicht, denn das WM-Tor gegen Russland (Podolski-Pass, Özil-Vorlage, Klose-Abschluss) hat die integrative deutsche Erfolgsformel: Polen + Türkei + Polen = Südafrika.
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Leider gab es zu Nobels Zeiten noch keinen Sport in unserem Sinne, nur Turnvater Jahnsche Leibesertüchtigung, so dass unter den nicht vergebenen Nobelpreisen der für Sport am meisten schmerzt. Gäbe es ihn, hätten wir einige großartige deutsche Preisträger: Boris Becker, Steffi Graf, Dirk Nowitzki. Und natürlich Jan Ullrich. Ätsch.
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Ach, unser Jan. Während man Armstrong Chancen auf eine spätere US-Präsidentschaft einräumt, wird auf Ullrich die Abteilung »Schwere und Organisierte Kriminalität« des Bundeskriminalamtes angesetzt – um popelige Delikte wie Raub, Totschlag oder Vergewaltigung müssen sich die niederen Zuständigkeiten kümmern.
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»In der Menschenführung und Kommunikation habe ich Fehler gemacht. Man darf nicht verletzend sein.« Sagt van Gaal? Nein, sagt Jupp Heynckes, mit dem ich längst meinen Frieden geschlossen habe und dessen altersreife Selbsterkenntnis ich gerne als späte Entschuldigung für seine »Legatisierung der Okochas« (1994) annehme. Heynckes’ Bayern-Nachfolger hat andere Vorstellungen von Menschenführung, vor allem andere als Luca Toni, der wohl noch nie ein weibliches Wesen gesiezt hat, während van Gaal sogar von seinen Töchtern gesiezt wird. Siezen in der Familie, das machen allenfalls noch Monsieur und Madame Dupont in Frankreich, dort dient es aber nicht väterlichem Respekt, sondern eher ehelicher Erotik. »Voulez vouz coucher avec moi?«
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Was geht in einem wie van Gaal vor? Sorry, dumme Frage, kommt nicht wieder vor. Denn: »Willst du auch klug werden und keine dummen Fragen mehr stellen? Dann bestell hier das Buch von Louis van Gaal« (Internet-Werbung für das Buch »Vision« des Bayern-Coachs).
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Eine kleine Kolumnen-Pause provoziert besorgte Nachfragen. Aber ich war nur mal kurz weg. Mit mir stand ein Ehepaar mit Sohn geduldig in der Schlange, sowohl beim Abflug in Frankfurt als auch bei der Ankunft in Luxor, am Gepäckband und beim Zoll. Papa las »Bild« und schien überhaupt das exotische Leben von Herrn Jedermann nachempfinden zu wollen. Den Sohn kannte ich als Mini-Pimpf von einem legendären Foto (auf Papas Schultern – die gelben Entchen-Pantoffeln!). Im Tal der Könige in Theben-West, wo die alten Ägypter ihre Pharaonen bestatteten, konnte der prominente Mitreisende den nicht mehr lebenden Beweis für den Realitätssinn seines Wahlslogans »Reichtum für alle« begutachten: Den Pharaonen wurden prachtvolle Grabbeigaben mit auf den letzten Weg gegeben, die Gräber danach verbuddelt, damit sie niemand finden sollte … außer den Arbeitern, die jahrelang die Gräber in mühsamster Handarbeit in die Felsen getrieben hatten und sie daher später plündern, also »sozialisieren« konnten.
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Was das mit Sport zu tun hat? Die meisten Prachtsarkophage im Tal der Könige sind leer, aber nicht groß genug für das Ego heutiger Pharaonen von Lafontaine bis van Gaal.
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Apropos Ägypten. Aus dem Inhaltsverzeichnis des »SZ«-Magazins: »Wer denkt in Afrika bei 40 Grad im Schatten schon an den Penis eines Eisbären?« Na ja, vielleicht Hellmuth Karasek (75), der »Bunte« seine »ganz persönliche Verführungsmasche« verrät: »Früher habe ich bevorzugt aus dem Buch ›Der kleine Prinz‹ vorgelesen, um eine romantische Situation herzustellen.« Dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«: »Wer Karaseks Methode kopieren möchte, sollte sich vorsehen: Wenn Sie der Dame ankündigen, Sie holten nun Ihren ›kleinen Prinzen‹ raus, riskieren Sie ein Missverständnis.«
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Auch der Besenkammer-Mythos entpuppt sich als Missverständnis. Zehn Jahre danach klärt Boris Becker auf: »Es passierte auf der Treppe zwischen den Toiletten, es gab also keine Besenkammer. Ich bin zum Tatort zurückgegangen und habe gesagt: Wie zum Teufel habe ich das gemacht?«
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Wie zum Teufel hat sie das bloß gemacht, fragt sich auch Harry Rowohlt, der in seiner »Zeit«-Kolumne »Pooh’s Corner« von einer bemerkenswerten Begegnung berichtet: »Im Park hält eine Dame an der langen Leine eine Beagle-Hündin, die sich sozusagen im Handstand löst, das heißt, sie steht auf den Vorderbeinen und pinkelt dabei. Ich bleibe stehen und lobe. ›Das ist ja richtig akrobatisch.‹ Die Dame errötet leicht und sagt: ›Hab ich ihr ja auch jahrelang vorgemacht.‹« (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2009 .
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