Archiv für den 28. Dezember 2009

Anstoß 09: September (Himmelfahrtskommando)

Ein seltsamer Sportmonat. Nur in der Fußball-Bundesliga das übliche Ballyhoo um Nichtigkeiten. Aber doch, einen »Hammer« gibt es: Piquet junior petzt, dass ihm Briatore befohlen hatte, seinen Renault-Renner im Jahr zuvor in Singapur in die Mauer zu fahren. Der Rennstall Renault gesteht, wird auf Bewährung gesperrt, Briatore lebenslang. Ein alter Playboy als Bauernopfer?
Formel-1-Oberboss Ecclestone empört sich über Briatore: »Was er getan hat, war völlig unnötig.« Unnötig? Wenn es also »nötig« gewesen wäre, hätte Briatore seinen Fahrer dann mit Ecclestones klammheimlichem Segen in die Mauer crashen lassen? Der Erfolg scheinheiligt die Mittel. Und Briatore hat wohl nur gegen die Regel Nummer eins verstoßen: Nie erwischen lassen!
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Als Schumi noch den Vornamen Schummel trug, gab es ähnliche Betrügereien, auch unter Briatores Leitung, aber dieses angeordnete Himmelfahrtskommando hat nun doch, wie man heutzutage sagt, ein Alleinstellungsmerkmal. Welcher Mensch, außer einem gehirngewaschenen Selbstmordattentäter, befolgt den Befehl, mit 180 km/h in die Mauer zu schleudern? Selbstmordattentäter treibt ja immerhin noch die Aussicht auf 77 willige Jungfrauen im Paradies (ach, wie werdet ihr euch wundern!), aber Formel-1-Fahrer haben die 77 Willigen doch schon im Fahrerlager … ach so, Jungfrauen müssen’s sein. Eine solche hätte dort allerdings wirklich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Im Wahlkampf gibt es auch schöne Nachrichten. So kämpfen die Grünen überall gegen Schwarz-Gelb – nur in Dortmund nicht, um keine schwarzgelben BVB-Fans zu vergraulen. Wirklich wahr! Schön auch, dass jene Partei, von deren Namen mir nur einer erinnerlich ist, die SED also, ohne erkennbare Ironie plakatiert: »Reichtum für alle!« Womit sie allerdings mit erkennbar unfreiwilliger Ironie eine Gemeinsamkeit von Bundesliga und uns allen aufzeigt: Wenn alle, ob Bundesligisten oder du und ich, gleich reich sind, will jeder gleich reicher werden, denn wenn alle gleich reich sind, fühlt sich jeder gleich ganz arm dran.
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Arm dran ist auch der Trainer von Bayern München II, Mehmet Scholl. Warum jubeln ihm trotzdem sogar die gegnerischen Fans zu? Nicht trotzdem, sondern deswegen: »Ich bin vielleicht der beliebteste Trainer der Liga, weil die Fans wissen: Heute gibt es drei Punkte, viele Tore – und der Scholl ist auch noch da.« (Scholls Team ist Vorletzter mit 28 Gegentoren in elf Spielen).
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Mehmet Scholl, einer unserer langjährigen Kolumnen-Lieblinge, war nie ein Platzhirsch-Typ. Ist ja auch viel zu anstrengend, weiß der Biologe Alexander von Schilling: »Ist es auch, so wie Hochleistungssport. Die Hirsche sind abends fix und fertig.« Sechs Wochen lang dauert die Brunft. Werden die Tiere da nicht heiser?, fragt die »Welt am Sonntag«. – »Doch. Ich vergleiche das gern mit Fußball. Wenn Sie drei Stunden im Stadion brüllen, hören Sie sich am Ende wie ein Hirsch nach vier Wochen an.«
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Kann ein menschlicher Platzhirsch etwas vom Rotwild lernen? – »Der Hirsch hat natürlich Pech: Er darf nur einmal im Jahr. Aber Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der er sein Ziel verfolgt, sind vorbildlich.« (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2009 .
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Anstoß spezial: Jan Ullrich (gesammelte Auszüge aus “gw”-Kolumnen 2006 - 2009)

Alte West-Kader versuchen immer wieder, den verlorenen kalten Sportkrieg doch noch zu gewinnen, indem sie große Ossi-Sportler klitzekleinmachen: Krabbe, Ullrich, Pechstein. In allen drei Fällen gab es keine positive Dopingkontrolle, sondern nur mühsam konstruierte Indizien. (12.12.09)

Wenn »staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet werden«, kann das in prominenten Fällen (Jan Ullrich!) auch primär ein Selbstdarstellungs-Vergnügen von Strafverfolgungsbehördlern sein, die in ihrem grauen Berufsalltag gerne mal im knallbunten Kostüm auf den Medientischen tanzen wollen. (23.11.09)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2009 .
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