Archiv für den 27. Dezember 2009

Anstoß 09: Juli/August (Mussdajagaga)

Die beiden heißesten Monate des Jahres beginnen mit einer noch heißeren Meldung: Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein wird wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt. Deutschlands Sportjournalisten lernen mühsam, ein neues Wort zu schreiben: Re-tu-ko-li … nee, noch mal. Re-to-ku-li … jetzt aber: Re-ti-ku-lo-zy-ten (stimmt’s nun wirklich, liebe Leser?). Wir lernen einen weiteren neuen Namen kennen, der sich leichter schreibt: Paul Biedermann. Er versenkt bei der WM in Rom, wo Badeanzüge Weltrekorde aufstellen, den Peking-Wunderschwimmer Michael Phelps. BMW steigt aus der Formel 1 aus, Michael Schumacher (noch) nicht wieder ein – der Nacken (und vielleicht das silberne Vögelchen, das ihm, psst, etwas zuzwitschert?). Usain Bolt läuft bei der WM in Berlin die Konkurrenz in Grund und Boden, das tut auch Caster Semenya aus Südafrika, bei beiden brodelt aus unterschiedlichen Gründen die Gerüchte-Küche.
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Bei uns brodelt’s auch. Mutmaßung vor dem gescheiterten Comeback im Sommer, wiederverwendbar nach Schumachers Weihnachtsgeschenk für die Formel-1-Fans: Warum »kambäckt« Schumi wirklich? Vermutung: Aus dem gleichen Grund, aus dem sich mein Labrador-Rüde Pino das Geschlechtsteil leckt: Weil er’s kann und weil es ihm Spaß macht. Nicht die schlechtesten Gründe.
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Der »Spiegel« nennt Cristiano Ronaldo »eine Lady Gaga des Fußballs«, was dem neuen weiblichen Pop-Star gar nicht gerecht wird: Lady Gaga hat mehr im Kopf als Ronaldo im Sixpack. Nicht die Spur von Sixpack ist bei dem anderen Ronaldo zu sehen, dem Ex-Weltstar aus Brasilien. Der lässt sich das Fett im Hüftbereich absaugen. Ließe sich Ariane Friedrich Fett absaugen, würde mangels Fett das ganze Persönchen weggesaugt. Die Hochspringerin wiegt 57 Kilo bei einer Größe von 1,79 Metern.
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Die Hochspringerin, eigenwillig, unangepasst, ein bisschen zickig der positiven Art, ist eine echte Persönlichkeit. Schon an den Haaren erkennbar, dass sie nicht nach dem Strich gebürstet ist. Ariane Friedrich verliert zwar das WM-Duell, bleibt aber eine Gewinnerin 2009.
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Ein Trainer stellt sich vor. Das Lebensgefühl bei den Bayern passt Louis van Gaal »wie ein warmer Mantel«. Weil man sich beim FC Bayern immer warm anziehen muss? Und das bei diesen Temperaturen im Juli! Seltsames Bild. Aber fast prophetisch, denn van Gaal muss sich viele Wochen lang warm anziehen. Erst als es kalt wird, wird er mit den Bayern warm, und die mit ihm.
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Auf Pechstein folgt Werth: Wie oft eigentlich haben die beiden Frauen, die am Doping-Pranger stehen, Olympiagold gewonnen? Geschätzte tausend Mal, und in meiner womöglich nicht ganz objektiven Liste der erfolgreichsten deutschen Olympia-Teilnehmerinnen aller Zeiten gehören sie damit gemeinsam auf Platz zwei. Hinter Halla.
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Die Tour macht Station im Sport-Wunderland Spanien. Dass dort zwischen elf Uhr abends und acht Uhr morgens per königlichem Dekret Doping-Kontrollen verboten sind, hängt auch mit Pech (stein) und Wert(h) zusammen: Pech, dass in Deutschland Doping einen anderen Stellen-Wert hat als in Spanien. Folgerichtig gewinnt ein Spanier die Tour de France – und wehe, die fangen auch noch an, Schlittschuh zu laufen!
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Cristiano Ronaldo und Michael Jackson: In Madrid wird ein Fußballer beerdigt und in Los Angeles ein Musiker vorgestellt, oder so, und die gleiche Art Massenhysterie bricht aus. Was sind das für seltsame Gefühlsausbrüche? Sind es Schreie nach eigener echter Emotion, die, würden sie nach innen gerufen, im Nichts verhallten (auweia, Stilblüten-Gefahr!)? Aber ob Ronaldo oder Jackson – wenn ein einfacher Bub aus einfachen Verhältnissen jahrelang hysterisch gefeiert wird – der muss da ja gaga werden. Gelle, Boris?
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»Mussdajagaga« – klingt wie ein Lärminstrument in südafrikanischen Stadien. Nee, das heißt ja Vuvuzela. Solche Dinger mit ethnologischem Alleinstellungsmerkmal werden von findigen Journalisten bei nahezu jeder Großveranstaltung entdeckt. Bei Olympia 2000 in Australien hießen sie Didgeridoos. Vuvuzelas, Didgeridoos – wie ärmlich klingt dagegen unser deutsches Wort . . . Tröte.
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Unwiderlegbare Logik im »Streiflicht« der »Süddeutschen Zeitung«: »Wäre Ronaldo ein Zeitgenosse Mozarts gewesen, hätte ihm seine ganze Fußballgenialität nichts genutzt, weil es noch keinen Fußball gab.«
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Schön auch die Nachricht in der »Zeit«, dass »Victoria Beckham, die Gattin des englischen Fußballidols«, fordert: »Für Frauen ab 18 sollte eine Intimrasur Pflicht sein.« Womit die angesagteste Mode des Jahres thematisiert wird, deren wahre Verbreitung aber nicht verifiziert und nur in Fitnesscentern erahnt werden kann, wenn sich Bauch-Beine-Po-Mädchen und Biceps-Quadriceps-Pectoralis-Buben in der Sauna begegnen. Meine nicht ganz repräsentative Umfrage ergibt eine gewaltige, nun ja, Alters-Scheide, etwa um Mitte 30: Jür Jüngere selbstverständlich, für ältere absolut unmöglich. Aber lassen wir das Thema, sonst verheddern wir uns in geschmacklichen Untiefen, wie bei der Suche nach den wahren Gründen für van Gaals Schwärmerei vom warmen Mantel im heißen Juli.
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Apropos unterschiedliche Generationen: Franz Müntefering sieht im großen Altersunterschied zu seiner 40 Jahre jüngeren Freundin Michelle Schumann nur Vorteile, zum Beispiel den Kontakt mit der Jugend. Aber nicht alle freut im August diese Verbindung, die im Dezember vor dem Traualtar besiegelt werden sollte. »Zippert zappt« in der »Welt« bedauernd: »Müntefering und Westerwelle wären auch ein schönes Paar, aber jetzt hat er sich ja anders entschieden.«
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Pechstein, Werth … aller schlechten Dinge sind drei: Die Deutschen Meisterschaften im Kirschkernweitspucken in (kein Witz:) Witzenhausen werden annulliert, weil es zu »Manipulationen am Sportgerät« kam. (gw)

Veröffentlicht von gw am 27. Dezember 2009 .
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