Archiv für den 23. Dezember 2009

Anstoß 09: Juni (Slacklining und Gummitwist)

Daum von Köln nach Istanbul, Soldo von irgendwo nach Köln, Frontzek folgt auf Meyer in Gladbach, Skibbe auf Funkel in Frankfurt, Heynckes in Leverkusen auf Labbadia, der das aber nicht hochsterilisiert, sondern hoch in den Norden zum HSV wechselt – nach Saisonende dreht das Trainer-Karussell voll auf. Einer hört ganz auf: Bernd Schneider. Wieder ein Kolumnen-Liebling weniger (Jay-Jay, Ulle und wie sie alle heißen). Hätte »Schnix« das Ego eines Effenberg, wäre er ein Weltstar geworden, ein Superkaka oder Fastmessi. Bester Fußballer der Welt war er schon – zumindest im WM-Finale von 2002, als alle Welt anerkannte, dass der beste Brasilianer im deutschen Team spielte. Der Anstoß weint. Und freut sich mit dem tollen Typen Hrubesch über die U21-Europameisterschaft. Es gibt nur einen Trainer des Jahres! Ariane Friedrich mit deutschem Hochsprung-Rekord (2,06) und Britta Steffen mit Kraul-Weltrekord stimmen auf die fußballlose Zeit ein.
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In unserer Kolumne hat sie längst begonnen. Wir lernen englisch, um uns beim Deutschen Turnfest in Frankfurt zurechtzufinden: Die »Community« hat dort eine hippe Location für ihr Mega-Event gefunden, bei »YouTurn« gibt’s »Rent a Star«, »Gymmotion« und »Slacklining« – whow, whow (gesprochen: wauwau), das Turnfest surft aber sowas von elegant auf der Timewave!
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Aber was ist Slacklining? Nie gehört. Ich vermute: »Das ist der verzweifelte Versuch einiger älterer Herren, sich bei der Jugend einzuschleimen.« Oder? Nein, da hab ich was verwechselt. Es ist die Begründung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) für die Aufnahme des Deutschen Turnerbundes in die Kandidatenliste für den »Sprachpanscher des Jahres«.
Bei der Mutter aller Sprachreinheitskampagnen, im 18. Jahrhundert, mischte auch Vater Goethe munter mit. Von ihm kam der bemerkenswerte Vorschlag, die fies fremde Nase in Gesichtserker und das ebenso lateinischstämmige Fenster in Wandaußenöffnung umzubenennen. Oder war’s gar nicht Goethe? Ist ja auch egal. Was zwar wiederum französischen Ursprung hat, aber wir Hessen wissen auch: Egal is’n Handkäs.
Aber nun ernstgemacht und durchgegoogelt: »Slacklinen ist eine Trendsportart ähnlich dem Seiltanzen, bei der man auf einem Schlauchband oder Gurtband balanciert, das zwischen zwei Befestigungspunkten gespannt ist.« - Ach sooo! Das hab ich doch damals auch schon gemacht! Bis mir die bösen Mädchen das Band weggenommen und damit Gummitwist gespielt haben. Nur weil ich bitterlich weinte, durfte ich mitspielen. Aber nicht hüpfend, sondern als Befestigungspunkt für das Seil.
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Danke, Bild! Für mein Foto des Jahres, im Juni auf dem Titel: Rudi Assauer und seine Ex Simone Thomalla auf Sylt, sie streiten sich, er wird fies handgreiflich, stößt sie über eine Mauer, drückt ihr brutal die Hand ins Gesicht – und sie tritt ihm mit vorbildlichem Spannstoß voll in die . . . ein Bild für die Göttinnen!
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Am 20. Juni boxen der Ukrainer Wladimir Klitschko und der Usbeke Ruslan Chagaev im Event-Center »auf Schalke« um die Schwergewichts-Box-WM nach Version von mindestens siebzehn Weltverbänden, und beide sprechen deutsch besser als mancher urdeutsche Jugendliche. Warum? Weil sie’s lernen mussten, um richtig viel Geld verdienen zu können. Marx hat also doch recht: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Sprach-Bewusstsein.
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Gedankensplitter in der RTL-Werbepause: Was hält die liebste Kolumnen-Zielgruppe vom Frauenboxen? Was ist die Gemeinsamkeit von Hahnen- und »Hühner«kämpfen? Dass sie von großen Gockeln für kleine Gockel veranstaltet werden? Was fasziniert Männer am Frauenboxen? Kleines Zuhältergefühl? Was fasziniert Frauen? Großes Emanzipationsgefühl?
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Chagaev gibt in der Pause zur zehnten Runde auf, RTL verpasst die Entscheidung, weil Werbung läuft. Fazit des Boxkampfes: »Es war wie das 4:0 von Barcelona gegen Bayern.« (Süddeutsche Zeitung)
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Aparte Beobachtung am Rande der neuen Doping-Debatte (Reiten, Werth): Wenn Menschen mit Tiermedizin (Kälbermastmittel Clenbuterol) und Tiere mit Menschenmedizin (Human-Psychopharmakon Fluphenazin) gedopt werden – kann es da verwundern, dass bei manchen Sportlern schon rein optisch die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen?
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»Der Anblick von Boris Becker hat ja etwas Meditatives, man bekommt eine Ahnung davon, wie es ist, ins absolute Nichts zu schauen. (»Zipperts TV-Welt« in Hörzu)
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»Wenn man etwas Tragisches sehen will, dann schnappt man sich am besten ein 19 oder 20 Jahre altes Kind und gibt ihm 50 Millionen Dollar.« (Mike Tyson, der es wissen muss, in der Welt am Sonntag) (gw)

Veröffentlicht von gw am 23. Dezember 2009 .
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Anstoß 09: Mai (Imposand)

Magath wechselt von Meister Wolfsburg zu Schalke, der Erfolg wechselt mit. Bayern München stellt Gott als neuen Chefcoach vor. Bürgerlicher Name: Louis van Gaal. Mario Gomez verkündet kurz darauf seinen Wechsel nach München, den er erst spät im Jahr nicht mehr bereuen wird. Bielefeld holt Jörg Berger als Trainer, macht mit ihm nur ein Spiel, verliert es, Berger muss wieder gehen. Skandal hin, Skandal her: Kiel holt das Handball-Double in Deutschland, verliert aber das Champions-League-Finale.
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Uns beschäftigt ein wichtigeres Thema: Wie bloß schaffen es die Motorradfahrer, die mich am Wochenende auf ihren Harleys bzw. Chopper überholen, stundenlang ihre kurios erhöhten Lenker zu umklammern? Muskelphysiologisch geht das eigentlich gar nicht, derart lange die Arme über Schulterhöhe zu halten. Ein Leser klärt auf: »Mit dem ›kurios erhöhten Lenker‹ meinen Sie einen sogenannten ›Apehanger‹. Es ist auf jeden Fall sehr anstrengend, sich in dieser extremen Haltung dem Fahrtwind entgegen zu stemmen. Damit der Winddruck einigermaßen erträglich bleibt, bewegt sich daher der Chopperfahrer eher gemütlich.«
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Noch ne Aufklärung: Gerade erst habe ich über die korrekte Aussprache von »Grafitsch«, »Walensa«, Montriohl« und »Souul« sinniert, da taucht ein neues Problem auf: Wie spricht man »Louis van Gaal« aus? Die Bild-Zeitung hat es dankenswerterweise für uns gelöst: »Lui fan Chahl«. Bleibt für mich leider unaussprechlich, dieser »Ach«-Laut in »Chahl«, bei dem das Zäpfchen mitschwingen soll. Am gleichartigen »Gamma« (»chchchramma«, nee, ich kann’s einfach nicht) bin ich schon in der ersten VHS-Stunde »Neugriechisch für Anfänger« gescheitert.
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In erhabener Peinlichkeit tappt unser ständiger Nullneun-Begleiter von einer Medienfalle in die nächste. Nun also »Boris TV« bei »Bild.de.«, ein Video-Kanal, in dem Becker »den wahren Boris« zeigen will. Original-Programmankündigung: »Heute neu im Video: das erste Date. Wer wen küsste, wer wie reagierte – reinklicken!«
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Dirk Nowitzki bekommt einen Tiefschlag anderer Art reingeklickt, der ihn sein Leben lang begleiten wird. Auf eine Heiratsschwindlerin hereingefallen. Der arme große Junge. Vernünftig, bodenständig, ein Anti-Star. Nun schreibt auch er die Schlagzeilen, die er immer vermeiden wollte, ist also fatalerweise endlich in der NBA »angekommen«. Kann man als große Nummer überhaupt eine neue Beziehung knüpfen, in der die eigene Prominenz nicht das Hauptmotiv des Gegenübers ist? Doch, es geht. Jedenfalls auf Augenhöhe. Siehe Steffi G. und Andre A.
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Ob ich Heynckes den Titel nicht gönne? Doch. Lassen wir seine Vergangenheit ruhen, seine Eintracht-Leiche im Keller. Ich gebe ja auch zu: Es war kein Mord, sondern Totschlag in minder schwerem Fall, aus Notwehr, zudem verjährt. Außerdem hätte ich niemals gedacht, zwei Gemeinsamkeiten mit Heynckes zu haben: Dass er schon nach ein paar Tagen in München seinen Hund vermisst, und dass er unter »hallux valgus« leidet, Dicke-Ballen-Großzehenschiefstand. Unterschied: So lange wie Fünf-Wochen-Trainer Heynckes lasse ich meinen Hund nicht allein, und ich kämpfe mich mit meiner scheppen Zehe heldenhaft durchs Leben, statt sie mir gerade schnippeln zu lassen.
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Eine Leserin weiß Rat: »Es gibt eine wirksame Gymnastik gegen den Hallux valgus. Sie nennt sich Spiraldynamik. Es gibt Physiotherapeuten, die Kurse anbieten und in denen Sie ausschließlich auf Mitglieder Ihrer liebsten Zielgruppe treffen.« – Danke für den verheißungsvollen Tipp! Aber ich ganz alleine unter Frauen? Da ziehe ich doch den . . . also, ich geb’s zu: Da hätt’ ich Angst.
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Ich heiße ja nicht Friedhelm »Der Furchtlose« Funkel, der von sich behauptet: »Ich habe noch nie in meinem Leben Angst gehabt.« Ich dagegen schon früh in meinem Leben, beginnend mit dem Bi-Ba-Butzemann. Aber selbst der raue Funkel in seiner rauen Männerwelt, hatte der nicht auch ein Tränchen im Auge, als er freiwillig von der Eintracht lassen muss?
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Nachrichten bei HR 1. Topmeldung: Wolfsburg ist Meister. Danach erst: Köhler wiedergewählt. – Sind das die neuen Koordinaten im deutschen Wertesystem?
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Meistgehörtes Wort im ZDF-Sportstudio zum »Wunder von Wolfsburg«: »Imposant!« Was nicht mehr zu steigern ist, es sei denn mit dem alten Kalauer: Im Po Sand, im Hintern Steine, im . . . ja, Geröll.
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Was würden Sie niemals essen? – »Menschenfleisch.« (Dennis Aogo vom HSV im Kicker-Interview) (gw)

Veröffentlicht von gw am 23. Dezember 2009 .
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