Archiv für den 22. Dezember 2009
Anstoß 09: April (Meipfterliches)
Bei den Europameisterschaften in Mailand verliert Fabian Hambüchen seinen Prestige-Titel am Königsgerät Reck, gewinnt aber erstmals den sportlich ungleich wertvolleren Mehrkampf. Der FC Bayern verliert mehr als nur Prestige beim 0:4-Untergang in Barcelona, wobei das Ergebnis den schmachvoll Geschlagenen noch schmeichelt. Kurz darauf wird Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann nach knapp zehnmonatiger Amtszeit entlassen, was alle aufatmen lässt, wahrscheinlich auch Klinsmann selbst.
Endergebnis seines Schaffens in München: Klinsmann hat dort alle Hoffnungen enttäuscht und alle Befürchtungen bestätigt. Aber wenn sich Deutschland nicht am »Sommermärchen« berauscht, sondern wie jede große Fußballnation das Ausscheiden im Halbfinale einer Heim-WM nüchtern als relatives Versagen eingeordnet hätte, wäre Klinsmann niemals Bayern-Trainer geworden. Also bitte nicht alle Schuld auf den Motivationsgaukler und Pseudomodernisten abladen.
*
Nächster Aufreger: Podolski ohrfeigt Ballack, indirekt aber Löw. Denn einen menschlich und mannschaftlich untadeligen, aber bei den Fans – bis zum Spätherbst-Hoch – ungeliebten Kuranyi zu feuern, der in seiner Enttäuschung nur sich selbst wehtut, einen »Prinz Poldi«, der prollig zuschlägt, aber mit einer läppischen 5000-Euro-Spende davonkommen zu lassen, das hat mehr als ein Geschmäckle nach dem Weg des geringsten Widerstands, Feigheit und Populismus.
*
Dass ich Caio einen »Mädchenfußballer auf höchstem Niveau« nenne, findet die eine Hälfte der zweigeteilten Eintracht-Fans voll daneben, aber keine einzige Fußballerin kritisiert es. Denn im Gegensatz zur FFFF (Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten) registriert Frau auch feine Unterschiede: »Mädchenfußballer« schreibe ich, nicht »Frauenfußballer«. Nie würde ich Birgit Prinz als »Mädchenfußballer« beleidigen!
*
Panders scharf geschlagene Ecke führt in München zum Schalker Siegtor. Panders Hereingaben sind als brandgefährlich bekannt, merkwürdigerweise wurde er aber einst in einem ZDF-Feature wegen seiner »Bratpfannenflanken« gerühmt, was danach oft gedankenlos nachgeplappert wurde. Erst viel später stellte sich heraus, dass der Sprecher, ein Sport-Laie, den Original-Text falsch nachgesprochen hatte, denn Panders Flanken hießen dort »Brandfackeln«. Alter »Anstoß«-Witz dazu: Womit das gelungen ist, was andere Pazifisten (»Schwerter zu Pflugscharen«) nie verwirklichen konnten: »Brandfackeln zu Bratpfannen!«
Im Zeit-Magazin schreibt Florian Illies über eine Begebenheit zu DDR-Hoch-Zeiten: »Als DDR-Kulturminister Johannes R. Becher am Ostseestrand eine FKKlerin sah, die im Adamskostüm das Neue Deutschland las, herrschte er sie an: ›Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?‹ Da schlug die Dame die Zeitung nieder, und Becher erkannte, dass es Anna Seghers war, die von der DDR tief verehrte Schriftstellerin.«
*
Für mich schon im April die absolute Nummer eins des Jahres unter den dienstäglichen »Ohne weitere Worte«-Zitaten, denn die umwerfende Pointe kommt noch: »Wenig später musste Becher Anna Seghers in Berlin den Nationalpreis 1. Klasse verleihen. Als der Kulturminister zu sprechen anhob und die ›liebe Anna‹ rühmte, rief sie in den vollen Saal hinein: ›Für dich immer noch: Sie alte Sau.‹«
*
Liebespaar des Monats: »Zwei große Ungeliebte haben sich gefunden. Zwei, die sich nie mit einem ›K‹ im Namen begnügten.« (Der Stern über Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer)
*
Über »Bild« kann man sagen und meinen, was man will, aber welcher Redakteur wird nicht grün vor Neid, wenn er unter einem Jubel-Foto des fast zahnlosen Eishockey-Spielers Stefan Ustorf die »Bild«-Schlagzeile liest: »Keine Zähne, aber Meipfter«?
(gw)
Veröffentlicht von
gw am
22. Dezember 2009 .
Abgelegt unter:
gw-Beiträge Anstoß |
Kein Kommentar vorhanden »
Rubriken
- gw-Beiträge Anstoß (466)
- gw-Beiträge Kultur (73)
- Henni Nachtsheim SGExtra 08/09 (31)
- Henni Nachtsheim SGExtra 07/08 (17)
- Mein Eintracht-Tagebuch (21)
- Sport-Leben (4)
