Archiv für den 21. Dezember 2009
Anstoß 09: März (Kakerlaken im Stadion)
Der THW Kiel verdankt seinen Vornamen nicht dem Technischen Hilfswerk, der verdienstvollen Katastrophenschutzorganisation, und dennoch behaupten Spötter, der Kieler Klub heiße THW, weil er ein sehr eigenes technisches Hilfswerk zur Vermeidung von Niederlagen einsetze. Mit den Bestechungsvorwürfen gegen Kiel beginnt im März dann auch eine in diesem Jahr nicht endende Handball-Schlammschlacht. Mein Beitrag dazu: THW ist die Abkürzung von Turnverein Hassee-Winterbek und Hein Dahlinger der größte Sohn des Vereins. In den frühen Glanzzeiten von Hein und THW spielten die Handballer zu elft auf einem Fußballplatz im Freien und nicht zu siebt auf dem Kleinfeld in der Halle, wer einen aufrechten Feldhandballer mit Freibier zum Verlieren anstiften wollte, dem wäre der Schoppen über den Kopf geschüttet worden, und bestochene Schiedsrichter hätte man am Lattenkreuz aufgehängt. Nicht am Hals, man war ja kein Mörder. Eher am empfindlichsten Teil des Mannes, ein Schiedsrichter also an der …
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… moment mal, der lügt doch, der »gw«, schallt’s mir aus jüngerer Ecke entgegen. Später Geborene zweifeln nicht an der Strafaktion, ähnliches sehen sie ja täglich auf RTL 17 & Co. Nein, völlig unglaubhaft scheint ihnen, dass Handball mal zu elft auf dem Fußballplatz gespielt wurde.
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Sei’s drum, das in Verdacht geratene Handball-Schiedsrichterpaar Lemme/Ullrich wird jedenfalls milder bestraft als mit Lattenkreuz-Hängen. In Bremen tritt Werder-Vorstandschef Born nach »Bereicherungsvorwürfen« zurück, ein sehr apartes Wort, im Motorsport übernimmt »Superhirn« Brawn das Team Honda und beginnt, die Formel 1 aufzumischen, und bei der Hallen-EM in Turin springt Sebastian Bayer mit phänomenalen 8,71 m ins Rampenlicht.
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Lustvoll-schaudernde Leser-Anfragen: »Wetten, dass« gesehen? Den unglaublichen Boris und sein oberpeinliches Hochzeitsversprechen? Daneben die Braut, die das unwürdige Spektakel sogar zu genießen schien? Bitte kommentieren! So ähnlich (nur deftiger) rappelt’s in der Mailbox, aber nein, tut mir leid, ich hab’s nicht gesehen. Ich kann’s mir jedoch lebhaft vorstellen. Zu seinem nachsportlichen Leben fällt mir immer wieder nur ein: Boris Becker war ein wunderbarer Tennisspieler. Und wenn Sie und ich, liebe Leser, als siebzehnjährigste Leimener Wimbledon gewonnen hätten, minderjährig in die Herzen der Deutschen, den Jet-Set und in die Schlagzeilen der bunten Weltpresse katapultiert worden wären . . . mit uns hätte es wahrscheinlich ein noch schlimmeres Ende genommen.
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WM-Silber von Martin Schmitt, das ist eine große Leistung von historischer Dimension, erinnernd an die Comebacks von Ulrike Meyfarth oder Franziska van Almsick nach jahrelangem Frust und böser Medien-Häme (»Springende Seekuh« bzw. »Franzi van Speck«). Vor Schmitt ziehe ich meine Mütze wie Napoleon 1808 in Erfurt seinen Dreispitz vor Goethe: »Voilà, un homme!«
Immer mehr Schläger, Krawallmacher und sonstige Deppen entdecken den Fußball als ideale Bühne, um sich aggressiv und kriminell auszutoben. Außerdem hält sich das Eigenrisiko in angenehm engen Grenzen: Stadionverbot (haha!) statt Knast, verletzt werden fast ausschließlich Polizisten, und wenn man Glück hat, sieht man sich selbst im Fernsehen und kann noch den Enkeln bei youtube zeigen, welch toller Hecht der Opa einst war. Mit Kirmesschlägereien verfeindeter Nachbardörfler dagegen kann man nur in der Dorfkneipe renommieren, außerdem ist Kirmes nur an einem, Fußball an jedem Wochenende.
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Wissenschaftliches Experiment des Monats: Für seine Versuchsanordnung hat der Psychologe R. Zajonec ein Stadion mit Rundbahn gebaut, auf der er Kakerlaken laufen lässt. Sind die Tribünen mit Kakerlaken-Zuschauern besetzt, laufen die Kakerlaken-Sportler viel schneller als vor leeren Rängen. Kakerlaken sind halt auch nur Menschen.
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Der »Spiegel« liefert einen Erklärungsversuch für die Kieler Affäre: »Zum Eklat kam es, als Schwenker, der in Trennung lebt, bei einem Heimspiel seine neue Freundin in die Kieler Gesellschaft einführte und Serdarusics Frau Mirjana die Neue an der Seite von Schwenker vor Sponsoren, Gesellschaftern und Gästen beleidigte.« Ein für den üblichen »Spiegel«-Stil viel zu langer und verschachtelter Satz. Dabei genügen doch, wie so oft, drei Wörter: Cherchez la femme!
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Welt am Sonntag zur Diskussion um die Verhaltensauffälligkeiten von Jens Lehmann: »Das klingt alles so, als halte ein aus der Geisterbahn Entsprungener die Bundesliga in Atem.« Wiederverwendbar für alle folgenden Monate des Jahres. (gw)
Veröffentlicht von
gw am
21. Dezember 2009 .
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