Sport-Stammtisch
meine liebste zielgruppe klagt, in dieser sportkolumne sei in letzter zeit viel zu viel vom sport die rede, meist in seiner verschärften form des fußballs. kompromiss: heute null fußball – aber viel sport, und zwar in seiner ganzen barocken Fülle. Natürlich ab sofort wieder mit Majuskeln, denn große Anfangsbuchstaben bei Hauptwörtern sind eine schöne spätbarocke Mode, die bis heute erfolgreich aller sozialistischen Gleichmacherei widersteht. Am hartnäckigsten versuchte die DDR, mit konsequenter Kleinschreibung das elitäre große Hauptwort klein zu kriegen. Weg sind sie. Kleinschreibung und DDR. Und das ist auch gut so.
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Dennoch regt sich Mitleid, daher milde in memoriam ddr (oder als müder Gag, wie’s beliebt) der majuskelfreie Einstieg in die Kolumne. Mitleid, weil alte West-Kader immer wieder versuchen, den verlorenen kalten Sportkrieg doch noch zu gewinnen, indem sie große Ossi-Sportler klitzeklein machen: Krabbe, Ullrich, Pechstein. In allen drei Fällen gab es keine positive Dopingkontrolle, sondern nur mühsam konstruierte Indizien. Dass in den Sportarten von Krabbe, Ullrich und Pechstein in der absoluten Weltspitze niemand einen Konkurrenten betrügt (oder jeder jeden), ist leider ebenso wenig zu beweisen wie die drängende Vermutung, dass beim vierten großen deutschen Dopingfall (Baumann) alte Ost-Kader zahnpastamäßig zurückgeschlagen haben.
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Um nicht stammtischschwadronierend alles in einen Topf zu schmeißen: Der Fall Pechstein ist komplizierter als die anderen und der – womöglich hilflose – Versuch, die Dopinggeister, die der Sport selbst gerufen hat, zurück in die Flasche bzw. ins Reagenzglas zu bannen. Allerdings hat der Jagdeifer dazu verführt, Pechstein wegen nur eines verdächtigen Parameters (Erhöhung der Retikulozyten) hastig zu verurteilen, bevor der neue Blutpass gültig wird, bei dem neun Parameter auffällig sein müssen, um den indirekten Dopingbeweis führen zu dürfen.
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Bleibt der Dopingnachweis sportrechtsgültig, wird Pechstein auch einige ihrer Goldmedaillen verlieren. Die olympischen Ergebnislisten werden sowieso neu geschrieben, ach was, nicht nur einmal neu geschrieben, sondern ab sofort regelmäßig upgedated, was für den Sport ebenso hässlich ist wie das Wort klingt. Die ganze sportvernichtende Absurdität versinnbildlicht das upgedatete olympische 100-m-Ergebnis von Sydney 2000: Aus Gold für Jones, Silber für Thanou und Bronze für Lawrence wird 2009: Gold für niemanden, Silber für Thanou und Lawrence, Bronze für Ottey, wobei Thanou, die Dopingflüchtige von Athen 2004, delikaterweise die ihr aus moralischen Gründen vorenthaltene Goldmedaille einklagen will, während die dopingverdachtsgestählte Ottey mit Bronze ein unmoralisches IOC-Geschenk erhält.
Bei den Paralympics wird schneller upgedated (jetzt aber Schluss mit dem fiesen Wort!): Als Spanien 2000 in Sydney Basketball-Gold für geistig Behinderte gewann, flog schon ein Jahr später auf, dass die Spieler ihre Behinderung nur vorgetäuscht hatten. Wer derart fies betrügt, ist allerdings ein echter Idiot. Rigoros strichen die Paralympier alle Wettkämpfe für geistig Behinderte aus ihrem Programm, zumal eine Überprüfung ergeben hatte, dass sich zwei Drittel aller Teilnehmer nur blöd gestellt hatten.
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Fast zeitgleich mit dem indirekten Dopingfall Pechstein wurde jetzt beschlossen, bei den Paralympics 2012 in London die geistig Behinderten wieder zuzulassen. Vermutlich auf Drängen des IOC, denn wenn man alle Sportarten streicht, in denen manipuliert wird, schnurrte London 2012 auf eine Zwei-Tage-Veranstaltung zusammen: Eröffnungs- und Schlussfeier.
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(Kleiner) Abstecher zum Fußball: Bei der WM der geistig Behinderten müssen die Fußballer seit Sydney einen IQ-Test machen, zugelassen wird man nur mit einem Intelligenzquotienten unter 75. Der Werbespruch ist ja schon doof genug, aber hier würde er mit Disqualifikation bestraft: »Ich bin doch nicht blöd!« Vorschläge, mit welchen Nachrückern aus der Bundesliga man Ausfälle wegen zu großer Klugheit kompensieren kann, verkneif’ ich mir lieber.
Apropos Manipulation: Haben Sie auch gelesen, dass Hacker in den Computer der Climatic Research Unit (CRU) der Universität von East Anglia, der meistzitierten und einflussreichsten Klimawarnerin, eingedrungen sind? Die Hacker haben interne Mails veröffentlicht, in denen sich CRU-Forscher verständigten, ihnen nicht genehme Daten zu unterdrücken, um ihre Prognose der bevorstehenden Klimakatastrophe nicht zu gefährden. In der allgemeinen Klimabewegtheit, einer anthropozentrischen Anmaßung, der Mensch könne das Klima im Guten wie im Schlechten stärker beeinflussen als ein müdes Stirnrunzeln der Sonne, hört man nicht viel davon, auch nicht davon, dass die angekündigte Erderwärmung in den letzten zehn Jahren nachweislich ausgeblieben ist. Wem soll man nun glauben, den Apokalyptikern oder den Abwieglern? Für beide geht es um ein weltweites Billionengeschäft. Am besten ist, man vertraut nur dem alten Graffito an einer Gießener Behördenwand: »Ich glaub euch nix!« …
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… und tut privat sein Bestes für die Umwelt. Zum Beispiel, indem man nur in Taxis einsteigt, die statt mit Benzin mit Elektrizität »betankt« werden. Es gibt sie ja, sie heißen »Hedags«, vor dem Einsteigen muss man aber erst eine Zeitreise hundert Jahre zurück machen, und zwar nach Hamburg, denn nur damals und dort fuhren die »Hedags«, rote, batteriebetriebene Taxen. Benzintaxen waren nicht erlaubt, des Gestanks wegen (gelesen in: Kempowski, »Aus großer Zeit«).
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Tja, in der Gegenwart sollte ich mich wohl besser an den Titel eines US-Bestsellers halten, der im März 2010 bei uns erscheint: »Born to run«, dessen Autor Christopher McDougall beschwörend behauptet: »Ich wollte das letzte Geheimnis des modernen Sports lüften und entdeckte eine jahrtausendealte Weisheit wieder: Wir alle sind zum Laufen geboren.«
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Wir alle? ICH NICHT! Ich HASSE das Laufen! Mein Kompromiss zwischen persönlicher Abneigung und Umwelt-Verpflichtung: Ich laufe nicht, ich fahre. Aber mit dem Rad. Da wird’s nicht der Erde warm, sondern mir. In vollbarocken Majuskeln: (GW)
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