Archiv für den 2. Dezember 2009

Sport-Stammtisch

Ein junger, sportlicher Mann, der glaubt, dem Erwartungsdruck nicht standhalten zu können, geht auf den Schienen einem herannahenden Zug entgegen. Es ist Dienstagabend, und auf den Tag genau vor vier Wochen starb Robert Enke. Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, überlebt – denn er ist Darsteller aus der Krankenhaus-Erfolgsserie »In aller Freundschaft«.
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Solch eine beklemmende TV-Szene zu senden: Vor vier Wochen, vor drei Wochen, vor zwei Wochen undenkbar. Vor einer Woche unwahrscheinlich. In dieser Woche möglich. Im öffentlichen Gedächtnis ist der Fall Enke abgehakt, einen Nachschlag gibt es nur noch in diversen Jahresrückblicken.
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Aber unterschwellig wird uns der Tod des depressiven Nationaltorhüters noch lange begleiten. Wie viele gesunde Menschen kommen nun auf die Idee, den Depressions-Boom langfristig und mit kaltschnäuzigem Bedacht für sich zu nutzen, zum Beispiel, um – ein heikelheißes Eisen! – frühzeitig beruflichen Zwängen zu entfliehen? Zu solch egoistischer Verhöhnung der echten Depressionskrankheit kann es keine Statistik geben, eine andere gibt es wohl, sie bleibt aber unter Verschluss, um die Nachahmungsgefahr nicht zu vergrößern: Wie viele gemütslabile Menschen fallen dem »Werther«-Effekt zum Opfer? Dennoch ist eine Zahl durchgesickert: Seit Enkes Tod soll sich die Zahl der Selbstmorde auf Gleisen verdreifacht haben.
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Mehr Offenheit! Mehr Verständnis! Mehr Miteinander! Mittlerweile sind die schönen hehren Worte verhallt. Es gibt zwar das vielstrapazierte Wort von der Nachhaltigkeit, um die sich viele fürsorglichst kümmern, von der Umweltbewegung bis zur wortungetümigen »Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme« (knackiger als »Rürup-Kommission« bekannt), doch Gefühlsnachhaltigkeit ist leider noch nicht in Mode gekommen. Der Beweis wurde am letzten Bundesliga-Spieltag auf und neben nahezu allen Plätzen erbracht.
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Wie in Hoffenheim. Dass der dortige Mäzen vor allem in nachhaltig wirkendes Know-how investiert, ist aller Ehren und keiner Schmähung wert. Meine Hoffnung, »der Gehörgang des Fans hat bekanntlich direkte Verbindung zum Gehirn« (Montagsthemen), stößt jedoch auf Widerspruch: »Aber, lieber (gw), seit wann besitzen denn diese Sorte ›Fans‹ überhaupt ein Gehirn? Das hat ja sogar bei Herrn Watzke, der ein solches besitzen dürfte, zeitweise den Betrieb eingestellt! Also weg mit der falschen Hoffnung, dass dieser Pöbel (fälschlich Fans genannt) irgendwann zur Einsicht kommt – meint Ihr treuer Leser Hartmut Kuehn aus Bad Nauheim.«
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Das Loblied auf Dietmar Hopp habe ich so ausdauernd gesungen, dass ich in Bestechungsverdacht geraten könnte. Aber erstens schmiert mich weder Hopp noch leider sonst jemand, zweitens bin ich kein abgehalfterter Drittligafußballer. Und so singe ich ein letztes Mal: »Jetzt müssen wir streiten, keiner weiß wie lang, / ja für ein Leben ohne Zwang / Dann kriegt der Frust uns nicht mehr klein, wir halten zusammen, keiner kämpft allein, / wir gehen zusammen ja nicht allein.«
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Die alte Hymne bewegter linker Herzen. Text: Diether Dehm, reich an Geld und linkem Gedankengut. Früher: Stasi-IM. Heute: IM Bundestag für die Linken. Und immer, wenn Hoffenheim im eigenen Stadion ein Tor schießt, ertönt für die Spieler des Real-Milliardärs Dietmar Hopp die Hymne des Pseudo-Antikapitalisten Dehm. Falls Hopp den Hintergrund des Hoffenheimer Tor-Liedes kennt, erhält er noch einen Bonuspunkt für Selbstironie.
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Abschweifung für Altstalinisten: Als Stalin starb, schrieb die hochgeehrte Schriftstellerin Anna Seghers, dass sich nun »Millionen Menschen verwaist fühlen«. Ich würde es andersrum ausdrücken: Stalin hat noch mehr Millionen Menschen verwaist als Hitler. Leider wird ein anderer deutscher Schriftsteller immer wieder bestätigt: »Der Sozialismus lebt von der Vergesslichkeit und bezieht seine Legitimation aus der Zukunft.« (Walter Kempowski)
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Zurück zum Sport und zu einer weiteren Leser-Kritik der angenehmen Art, hier zu meiner Alberei beim Jung-Rücktritt: »Es ist leider nur ein wenig gelungenes Wortspiel: ›Aber dass so Jung wie noch nie ein Minister im neuen Amt zurücktreten musste …‹ Schließlich haben wir schon in der Schule gelernt, dass wir über Namen nicht spotten sollten, weil deren Träger sich diese nicht aussuchen konnten«, mailt »Ihr alter Freund und Fan« Wolfgang Happich, »zudem ist es leider sachlicher Unsinn. Der Minister mit der meines Wissens kürzesten Amtszeit ist mein Jahrgangskollege (als damaliger Abiturient in Dortmund) Reinhard Rauball, jetzt BVB-Präsident und DFL-Oberhirte. Der damalige NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement hatte Reinhard Rauball zum Justizminister ernannt. Dieser befand sich auf dem Weg von Dortmund nach Düsseldorf zur Vereidigung, als bekannt wurde, dass gegen ihn als Notar beim OLG Hamm ein Verfahren wegen Gebührenübererhebung eingeleitet worden war. Also trat Reinhard Rauball von seinem Amt, in das er soeben berufen worden war, vor der Vereidigung zurück. Sozusagen der schnellste denkbare Rücktritt.«
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Leser Happich hat recht, Namensscherze bewegen sich journalistisch auf ähnlichem Niveau wie Korrespondentenberichte, in denen der berühmte einheimische Taxifahrer zu Wort kommt. Aber Rauball (wem sagt die »Eurogas«-Affäre noch was …?) als schnellster Rücktreter? Nö, das giltet nich, Rauball war ja nur Landesminister, und das nicht mal in Hessen!
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Wieder mal verplaudert. Und noch so viele Themen auf dem Notizblock! Minarette. Na ja, haben mit Sport nicht allzu viel zu tun. Dass ein Referendum in der Türkei gegen Kirchenglocken 90 Prozent Ja-Stimmen erhielte, behaupte daher auch nicht ich, sondern die türkische Kolumnistin Nazli Ilcak (zitiert in der SZ). Dass an BSE (mancher mag sich noch vage an die Vor-Schweinegrippe-Katastrophe erinnern) in zehn Jahren nicht mehr Menschen starben als durch das Trinken von parfümiertem Lampenöl (ein echtes Kinder-Risiko), sage auch nicht ich, sondern Gerd Gigerenzer, der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Ich sage aber Ihnen, liebe Leser, dass diese Kolumne der Schatten ist, den die WM-Auslosung vorauswirft, denn am Samstag ist aus aktuellem Anlass kein Platz für ausuferndes Stammtisch-Gerede.
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Für mich gilt es daher, jahreszeitlich inne zu halten und an das Schicksal meiner männlichen Altkollegen im Bienenstock zu denken: In diesen Tagen werden die nutzlosen Drohnen von fleißigen Arbeiterinnen brutal gepackt und aus dem Bau geworfen. Wir verhungern und erfrieren elendiglich.
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Wir? Da ist wohl gerade die männliche Empathie mit mir durchgegangen. Mensch, haben wir ein Glück! (gw)

Veröffentlicht von gw am 2. Dezember 2009 .
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Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 2. Dezember 2009

Liebes Eintracht-Tagebuch,
als ich noch zur Schule ging, hatten wir einmal aufgrund großen Lehrermangels einen Dozenten von der Uni Frankfurt als Aushilfslehrkraft, der uns für ein halbes Schuljahr in Physik unterrichtete. Der gute Mann war schon über siebzig und durchaus das, was man gerne einen »alten Kauz« nennt. Da er schwerhörig war und sich zudem gerne mal vergaloppierte, indem er mit einem Thema anfing, dieses urplötzlich verließ, um mit etwas komplett anderem weiterzumachen, das er wiederum mit was ganz Neuem beendete, gerieten die Stunden bei ihm immer zu einer Art ›Happening‹. Was aber nicht heißen soll, dass er nichts draufhatte!
Einmal fragte ich ihn nach dem Unterricht, in dem es nach Quantenphysik und Thermodynamik schließlich um die zukünftige Entwicklung des Universums gegangen war, wie wahrscheinlich das denn alles sei. Worauf er antwortete: »Wissen Sie, junger Mann, das mit der Wahrscheinlichkeit ist so eine Sache. Weil vieles, was wahrscheinlich ist, bei genauer Betrachtung dann doch wahrscheinlich eher unwahrscheinlich ist!« Dieser Satz hat mein Leben nachhaltig verändert! Denn an diesem Tag hat er eine neue Leidenschaft in mir geweckt! Und zwar die für Prognosen! Ja, ich liebe Prognosen! Natürlich nicht solche, die auf Berechenbarkeiten basieren wie z. B. die vor politischen Wahlen. Die sind ja langweilig. Nein, ich meine die, die vor allem aus Annahme und Gefühl heraus entstehen!
So wie z. B. bei meinem Opa mütterlicherseits! Jeden Tag stand er in seinem Garten und schaute in den Himmel. Wenn er dann kopfschüttelnd meinte: »Morje wird es schütte wie aus Kübeln und saukalt!«, stieg das Thermometer am nächsten Tag dank durchgehend strahlender Sonne auf 30 Grad! Wenn es hieß: »Am Sonntag mache mer alle zusamme an de Baggersee!« saßen wir genau dann zusammen am Fenster und verfolgten das heftigste Gewitter des Jahres. Wenn er ankündigte, aufgrund seines persönlichen Biohochs endlich das marode Dach zu reparieren, fesselte ihn sein noch maroderer Rücken ans Bett. Und als er sich sicher war, dass sein VW-Käfer noch »locker 90 000 Kilometer« schaffen würde, blieb dieser prompt bei der kurzen Fahrt zum Edeka nicht nur liegen, sondern wurde kurz darauf verschrottet.
Aber, liebes Tagebuch, nicht nur mein Opa konnte sich irren. Im Jahr 1926 hat z. B. ein Mann namens Lee De Forest im Hinblick auf das Fernsehen gesagt: »Theoretisch und technisch mag das Fernsehen denkbar sein, aber kommerziell und finanziell sehe ich es als Unmöglichkeit an. Es ist müßige Zeitverschwendung, davon zu träumen.« De Forest war übrigens Erfinder, hielt über 180 Patente und gilt als Vater des amerikanischen Radios.
Im Fußball gibt es auch Tag für Tag Prognosen. In meinem Freundeskreis z. B. war die Niederlage der Eintracht in Berlin bereits vor dem Spiel beschlossene Sache. »Des is doch eh klar, die sind doch schon immer des personifizierte Aufbaumittel für Totgeglaubte. Die kriegen fünf Stück, fertisch!« Auch ich war eher suboptimistisch, gebe ich zu. Aber auch wenn der Gegner eher schwach war, haben uns die Eintracht-Spieler dennoch gezeigt, dass man schnell viel vorhersagen, man sich aber auch schnell viel irren kann! Und genau dies nährt meine Hoffnung in diesen Tagen. Stell Dir doch mal vor, Tagebuch, dass diese Mannschaft uns hier plötzlich alle Lügen straft. Dass sie ihre spielerische Limitiertheit durch extremen Einsatz kompensiert und endlich das Feuer zeigt, dass wir ihr nicht so recht zutrauen. Dass Skibbes Lust am Angriffsfußball keine Seifenblase bleibt, sondern immer mehr erkennbar wird! Dass Korkmaz sich und uns wieder daran erinnert, dass er bei der letzten EM als Nationalspieler die Massen begeistert hat. Und dass die wirklich starken Mainzer, allen Unkenrufen zum Trotz, besiegt werden!
Mal ehrlich, das wäre doch einfach nur großartig, wenn sich all die derzeitigen Prognosen in Sachen Eintracht in Luft auflösen würden. Ich weiß, was Du jetzt denkst, Tagebuch. Dass das unrealistisch ist, und ich vollkommen übertreibe. Mag sein. Aber ich erinnere mich an ein Wochenende, da hat mein Opa mir zugeflüstert, dass er spüre, dass es mit seiner Manneskraft für immer und ewig vorbei sei. Und am nächsten Morgen lief unsere Oma kopfschüttelnd und selig grinsend durch die Gegend! Weil es eben nichts gibt, was es nicht gibt. Auch im Fußball. Und deswegen, liebes Tagebuch… lass das doch einfach mal so stehen! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 2. Dezember 2009 .
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