Archiv für Dezember 2009

Anstoß 09: Dezember (Warum sieht Woods ständig traurig aus?)

Drei Hoffenheimer Fußballprofis werben im Auftrag eines Pharma-Konzerns eindringlich fürs Impfen gegen die Schweinegrippe, halten sich aber selbst nicht dran und haben ihn nun, den Schaden, durch den sie jeder Beschreibung spotten: den Wutzeschnuppe.
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Fußball ist des Fans täglich Brot, außer rund um und nach Weihnachten, da bleibt ihm nur ein Stollen. Leverkusen ist Herbstmeister – und dieser wundersame Nicht-Titel für eine wunderbare Bayer-Mannschaft führt uns zum Abschluss von »Anstoß 09« zur philosophisch-religiösen Jahresendzeit-Kernfrage: Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Na ja, klar, die Tiere kennen keinen Herbstmeister, aber das lasse ich nicht als Antwort gelten (obwohl sie nah dran ist). Doch was unterscheidet den Menschen nun wirklich vom Tier? Das Tier treibt keinen Sport!
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Zum Glück ist der Mensch kein Tier, und Sport macht ihm Spaß. Unterschied zum Sex: Danach geht’s ihm besser als dabei. Gemeinsamkeit von Mensch und Tier: Post coitum omne animal triste.
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Post coitum …? All die Jahre wunderten wir uns, dass Tiger Woods immer so traurig aus der Wäsche guckte. Jetzt wissen wir’s. Bei seiner Frequenz war er ja ständig post coitum, also chronisch triste.
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Dazu »Post von (Franz Josef) Wagner« in »Bild« an Tiger Woods: »Alle Welt ist entsetzt, dass Sie hinter dem Rücken Ihrer wundervollen Familie alles vögelten, was nicht schnell genug vom Golfplatz war. Dabei tun wir täglich dasselbe, wenn wir die Bluse einer Sekretärin anstarren. Sind wir Männer nicht alle ein bisschen Tiger Woods? Man ist hilflos als Mann.« Immerhin finden Mann und Tier bei Wagner im Verb für ihr gemeinsam liebstes Hobby zusammen.
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Aber es gibt auch andere schöne Hobbys, immer wieder zu bestaunen im RTL-Quotenhit »Das Supertalent«. Mangels eigener Kenntnis der Sendung folgt deren offenbar absoluter Höhepunkt 2009 in den Worten des allerdings leicht befremdet wirkenden Kulturkritikers der »Süddeutschen Zeitung«: »Mr. Methan hat es bis ins Halbfinale der Show geschafft, indem er einen Strauss-Walzer intonierte, oder besser imponierte – mit seinen Darmwinden. Man kann nicht gerade behaupten, dass er auf diese Weise frischen Wind ins deutsche Fernsehen gebracht hat.«
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Stimmt, wie auch das »SZ«-Fazit: »Er entblößte vor der Kamera seinen Hintern, führte ein Blasrohr in den Allerwertesten ein und pupste mit einem Dartpfeil einen Ballon kaputt. Das war der Beweis: Die Samstagabend-Unterhaltung ist wirklich im Arsch.«
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Obwohl, die Hoffnung stirbt zuletzt. Apropos Tod: Heute vor einem Jahr begann und endete der Rückblick »Anstoß 08« mit Joopie Hesters, der in der Neujahrsnacht in seinem Ferienhaus in Alpbach in Tirol stürzte und sich die Rippen brach. In Miami starb am selben Tag Nonja, 55, nach einem ähnlichen Sturz. Sie war der älteste Orang-Utan der Welt.
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Heesters bleibt der älteste lebende Künstler der Welt. Mittlerweile ist er 106 Jahre jung. Ja, jung, denn zum Geburtstag bekam er am 5. Dezember, meldet »Bild am Sonntag« schlagzeilengroß, den ersten Trockenrasierer seines Lebens geschenkt. Im »Anstoß 2010« werden wir hoffentlich berichten können, ob bei Heesters schon der Bartwuchs begonnen hat. Auf ein Neues! Frohes! Jahr! (gw)

Veröffentlicht von gw am 30. Dezember 2009 .
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Anstoß 09: November (Warum staunt Boris über den Tiger?)

Die letzten beiden Monate im Schnelldurchlauf, denn alles ist frisch in Erinnerung und muss noch nicht rückblickreif abgehangen aus hinteren Gedächtniswinkeln hervorgekramt werden. Oder? Wie war das mit Robert Enke? Der Selbstmord des depressiven Nationaltorhüters schockt eine ganze Nation, rüttelt auf, und alle sind sich einig: Wir müssen umdenken. Aber frühe Vermutung im »Anstoß« nach der Trauerfeier: »Menschenfreundlichere Konsequenzen aus dem Tod eines Torwarts, sie werden gefordert, ein Weilchen noch, weil’s zum guten traurigen Ton gehört, aber nie gezogen. Nicht weil der stählerne Ellbogen mehr sportlichen Erfolg verheißt als empfindsames Talent, nicht weil Fußball eben Fußball ist, sondern weil wir wir sind. Die Karawane der Betroffenheit zieht bald weiter, die Hunde beißen dann wieder.« Aber selbst Gesellschaftspessimisten wie ich staunen dann, wie schnell das geforderte Umdenken vergessen und die übliche Bedenkenlosigkeit praktiziert wird, zum Beispiel von den sogenannten Fans des VfB Stuttgart, die Totschlagsphantasien verbal ausleben. Motto: Bringt uns den Kopf von Markus Babbel! Der VfB-Vorstand tut’s. Armselig. Alle. Außer Babbel.
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Aber nun der Schnelldurchlauf: Formel-1-Weltmeister Button wechselt von Brawn zu McLaren, Mercedes übernimmt Brawn, Rosberg wechselt von Williams zu diesem neuen Silberpfeil-Team – der Countdown fürs Comeback kommt früh im November auf Touren und endet spät im Dezember mit dem Weihnachtsgeschenk für alle Schumi-Fans. Im Fußball feiert Bayern München nach der stimmungsvollen Umwandlung von Uli Hoeneß vom Manager zum Präsidenten ebenfalls ein wundersames Comeback, mischt die Bundesliga auf und fertigt Juventus Turin in der Champions League so glanzvoll ab wie früher im Jahr der FC Barcelona den FC Bayern. Deutschland bekommt für die WM 2010 Australien, Serbien und Ghana zugelost, was von den Experten auf einer Bandbreite von Glücks- bis Hammer-Los kommentiert wird. Paul Biedermann, Steffi Nerius und die DFB-Fußballerinnen werden zu Deutschlands Sportlern des Jahres gekürt, und ein scheinbar geheimnisvoller Autounfall von Tiger Woods stellt sich als Produkt einer krachenden Ehekrise heraus, der fleckenlos strahlende Supersaubermann wird von seiner Frau aus dem Haus und weltmedial in die Schmuddelecke geprügelt.
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Das ruft letztmals unseren Rückblick-Running-Gagger auf den Plan. Der hellhäutige Bum-Bum-Boris, Liebhaber des dunkleren Teints, staunt über den dunkelhäutigen Liebhaber des hellen Teints »Schniedel-Wutz« (»Bild«) und dessen Sammelwut: »Wie hat er das bloß organisiert?« Vermutlich nicht spontan zwischen Besenkammer und halbem Weg zum Klo, sondern mit ausgeklügelter Eincheck-Taktik in den Luxus-Suiten der Edelhotel-Welt.
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Woods, Wutz, Wutzeschnuppe: Aus Angst vor der Schweinegrippe dürfen die Fußballer in Rumänien nicht mehr auf den Rasen rotzen. Bei uns hat’s der Bundestrainer schon vor zwei Jahren verboten: Nationalspieler sollen nicht spucken, nicht schauspielern und außerhalb des Platzes nicht neureich rumprollen, fordert der »Jogi-Knigge«. Längst vergessen, niemand hält sich dran, schon gar nicht an die Forderungen zwei und drei. Und wer rotzt nicht? Fußballerinnen! Auch das ein Grund, warum ich in Sachen Frauenfußball schon längst vom Saulus zur Paula geworden bin.
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Wer ist abgedrehter, der Trainer, in dessen Auto bei einer Verkehrskontrolle Blaulicht und Schreckschussrevolver gefunden werden (Neururer), oder sein Kollege, der aufs Spielfeld stürmt und eine gegnerische Angreiferin per Bodycheck vom Platz rammt (Prokop)? Oder ist vielleicht doch jener Trainer noch abgedrehter, der einen 32-jährigen Spieler (Toni) beim Mittagessen wegen schlechter Haltung tadelt, ihn rüde am Schlafittchen packt und handgreiflich buchstäblich gerade rückt, und der seinen 67-jährigen Teamarzt (Müller-Wohlfahrt) brüsk auffordert, zum Training wie die Spieler gefälligst in kurzen Hosen zu erscheinen?
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Thierry Henry betrügt Frankreich auf Kosten Irlands nach Südafrika. Der Skandal ist nicht, dass er den Ball absichtlich mit der Hand gespielt hat – das kommt im Eifer des Gefechts vor, ebenso, dass der Schiedsrichter es nicht sieht. Aber hinterher scheinbar treuherzig festzustellen, »ich bin doch nicht der Schiedsrichter«, statt das Handspiel nach dem Tor zuzugeben, ist menschlich wie sportlich obermies. Leider aber auch gesellschaftskonform. Dass Jan Ullrich niemanden betrogen hat, Henry aber alle, bleibt daher wohl auf immer und ewig meine Außenseitermeinung – die eines weltfremden Narren. Aber für mich ist Henrys Unsportlichkeit emotional eine schlimmere Manipulation als jene, bei der abgetakelte deutsche Hinterligaspieler oder turkmenistanische Euro-League-Hinterherkicker Spiele zu manipulieren versuchen, deren Ergebnisse mich weniger interessieren als ein Sack Baumwolle, der in Ostanatolien nach der Ernte vom Traktoranhänger fällt.
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Aber der November soll nicht mit Wut und Trotz des Kolumnisten enden, sondern mit dessen tiefstem Mitgefühl. In »Bild am Sonntag« rührt Frank Elstner selbst versteinerte Männerherzen: »Ich habe wegen meines Glasauges kein räumliches Sehen. Es ist mir auch zeitlebens verwehrt geblieben, die ganze Dimension einer Frauenbrust optisch zu erfassen.« (gw)

Veröffentlicht von gw am 30. Dezember 2009 .
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Anstoß 09: Oktober (Alles fließt)

Rio bekommt die Sommerspiele 2016, München will die Winterspiele 2018, in Griechenland wird das Feuer für Vancouver 2010 entzündet und vor dem Sportgericht die Medaillenwertung von 2000 in Sydney, 2004 in Athen und 2008 in Peking upgedatet, nicht nur im Oktober, sondern Monat für Monat zuvor und danach – alles fließt, sagt Heraklit, denn er weiß: Niemand kann zweimal in denselben Medaillenspiegel schauen. Zum Fußball: Funkel übernimmt Hertha BSC, Neururer übernimmt sich am MSV Duisburg, der Zweitligist ist zu klein für einen, der nach fachlicher Selbsteinschätzung schon längst Real Madrid trainieren müsste. Deutschland übernimmt sich nicht an Russland, gewinnt 1:0 und sichert sich die WM-Teilnahme. Button ist schon einen Schritt weiter, nimmt nicht nur teil, sondern gewinnt auch die WM – für Schumi ein weiterer Grund zum Comeback, denn: Wenn sein Freund Brawn sogar diesen kleinen Fahrer-»Knopf« zum Weltmeister machen kann, muss die Dreier-Kombination Schumi-Brawn-Silberpfeil einfach unschlagbar sein. – Auch das noch: Agassi dopt die PR für seine Biografie (geschrieben vom US-Bestsellerautor Moehringer) mit dem späten Geständnis früherer Aufputschungen. Agassi gewann 1996 in Atlanta Tennis-Gold. Alles fließt.
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Auch Sebastian Deisler lässt seine Autobiographie schreiben. Aus einem seiner diversen PR-Interviews: »Wenn man sich einige dieser Journalisten genau anschaut, sagt man sich: Das ist ja ein Wahnsinn, dass die alles über mich schreiben dürfen! Diese Oberflächenschwimmer! Einige von denen haben keine Ahnung, kein Gewissen, aber die Macht, für Millionen Menschen ein Bild von mir zu zeichnen. Und wenn man dieses Spiel nicht mitspielt, wenn man ihren Ansprüchen nicht folgt, ist man derjenige, der als nicht normal gilt. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.« – Einen Monat später, nach einer anders endenden Depression, fragt sich das nicht nur Deisler. Zwei Monate später fragen es sich nur noch die Deislers, also kaum jemand mehr.
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Der oberste und aktivste Kriegsherr der Welt gewinnt den Friedensnobelpreis, Deutschland feiert den Literaturnobelpreis für eine Rumäniendeutsche, auch der furor teutonicus, der germanische Angriffsgeist, ist so germanisch gar nicht, denn das WM-Tor gegen Russland (Podolski-Pass, Özil-Vorlage, Klose-Abschluss) hat die integrative deutsche Erfolgsformel: Polen + Türkei + Polen = Südafrika.
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Leider gab es zu Nobels Zeiten noch keinen Sport in unserem Sinne, nur Turnvater Jahnsche Leibesertüchtigung, so dass unter den nicht vergebenen Nobelpreisen der für Sport am meisten schmerzt. Gäbe es ihn, hätten wir einige großartige deutsche Preisträger: Boris Becker, Steffi Graf, Dirk Nowitzki. Und natürlich Jan Ullrich. Ätsch.
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Ach, unser Jan. Während man Armstrong Chancen auf eine spätere US-Präsidentschaft einräumt, wird auf Ullrich die Abteilung »Schwere und Organisierte Kriminalität« des Bundeskriminalamtes angesetzt – um popelige Delikte wie Raub, Totschlag oder Vergewaltigung müssen sich die niederen Zuständigkeiten kümmern.
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»In der Menschenführung und Kommunikation habe ich Fehler gemacht. Man darf nicht verletzend sein.« Sagt van Gaal? Nein, sagt Jupp Heynckes, mit dem ich längst meinen Frieden geschlossen habe und dessen altersreife Selbsterkenntnis ich gerne als späte Entschuldigung für seine »Legatisierung der Okochas« (1994) annehme. Heynckes’ Bayern-Nachfolger hat andere Vorstellungen von Menschenführung, vor allem andere als Luca Toni, der wohl noch nie ein weibliches Wesen gesiezt hat, während van Gaal sogar von seinen Töchtern gesiezt wird. Siezen in der Familie, das machen allenfalls noch Monsieur und Madame Dupont in Frankreich, dort dient es aber nicht väterlichem Respekt, sondern eher ehelicher Erotik. »Voulez vouz coucher avec moi?«
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Was geht in einem wie van Gaal vor? Sorry, dumme Frage, kommt nicht wieder vor. Denn: »Willst du auch klug werden und keine dummen Fragen mehr stellen? Dann bestell hier das Buch von Louis van Gaal« (Internet-Werbung für das Buch »Vision« des Bayern-Coachs).
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Eine kleine Kolumnen-Pause provoziert besorgte Nachfragen. Aber ich war nur mal kurz weg. Mit mir stand ein Ehepaar mit Sohn geduldig in der Schlange, sowohl beim Abflug in Frankfurt als auch bei der Ankunft in Luxor, am Gepäckband und beim Zoll. Papa las »Bild« und schien überhaupt das exotische Leben von Herrn Jedermann nachempfinden zu wollen. Den Sohn kannte ich als Mini-Pimpf von einem legendären Foto (auf Papas Schultern – die gelben Entchen-Pantoffeln!). Im Tal der Könige in Theben-West, wo die alten Ägypter ihre Pharaonen bestatteten, konnte der prominente Mitreisende den nicht mehr lebenden Beweis für den Realitätssinn seines Wahlslogans »Reichtum für alle« begutachten: Den Pharaonen wurden prachtvolle Grabbeigaben mit auf den letzten Weg gegeben, die Gräber danach verbuddelt, damit sie niemand finden sollte … außer den Arbeitern, die jahrelang die Gräber in mühsamster Handarbeit in die Felsen getrieben hatten und sie daher später plündern, also »sozialisieren« konnten.
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Was das mit Sport zu tun hat? Die meisten Prachtsarkophage im Tal der Könige sind leer, aber nicht groß genug für das Ego heutiger Pharaonen von Lafontaine bis van Gaal.
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Apropos Ägypten. Aus dem Inhaltsverzeichnis des »SZ«-Magazins: »Wer denkt in Afrika bei 40 Grad im Schatten schon an den Penis eines Eisbären?« Na ja, vielleicht Hellmuth Karasek (75), der »Bunte« seine »ganz persönliche Verführungsmasche« verrät: »Früher habe ich bevorzugt aus dem Buch ›Der kleine Prinz‹ vorgelesen, um eine romantische Situation herzustellen.« Dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«: »Wer Karaseks Methode kopieren möchte, sollte sich vorsehen: Wenn Sie der Dame ankündigen, Sie holten nun Ihren ›kleinen Prinzen‹ raus, riskieren Sie ein Missverständnis.«
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Auch der Besenkammer-Mythos entpuppt sich als Missverständnis. Zehn Jahre danach klärt Boris Becker auf: »Es passierte auf der Treppe zwischen den Toiletten, es gab also keine Besenkammer. Ich bin zum Tatort zurückgegangen und habe gesagt: Wie zum Teufel habe ich das gemacht?«
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Wie zum Teufel hat sie das bloß gemacht, fragt sich auch Harry Rowohlt, der in seiner »Zeit«-Kolumne »Pooh’s Corner« von einer bemerkenswerten Begegnung berichtet: »Im Park hält eine Dame an der langen Leine eine Beagle-Hündin, die sich sozusagen im Handstand löst, das heißt, sie steht auf den Vorderbeinen und pinkelt dabei. Ich bleibe stehen und lobe. ›Das ist ja richtig akrobatisch.‹ Die Dame errötet leicht und sagt: ›Hab ich ihr ja auch jahrelang vorgemacht.‹« (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2009 .
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Anstoß 09: September (Himmelfahrtskommando)

Ein seltsamer Sportmonat. Nur in der Fußball-Bundesliga das übliche Ballyhoo um Nichtigkeiten. Aber doch, einen »Hammer« gibt es: Piquet junior petzt, dass ihm Briatore befohlen hatte, seinen Renault-Renner im Jahr zuvor in Singapur in die Mauer zu fahren. Der Rennstall Renault gesteht, wird auf Bewährung gesperrt, Briatore lebenslang. Ein alter Playboy als Bauernopfer?
Formel-1-Oberboss Ecclestone empört sich über Briatore: »Was er getan hat, war völlig unnötig.« Unnötig? Wenn es also »nötig« gewesen wäre, hätte Briatore seinen Fahrer dann mit Ecclestones klammheimlichem Segen in die Mauer crashen lassen? Der Erfolg scheinheiligt die Mittel. Und Briatore hat wohl nur gegen die Regel Nummer eins verstoßen: Nie erwischen lassen!
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Als Schumi noch den Vornamen Schummel trug, gab es ähnliche Betrügereien, auch unter Briatores Leitung, aber dieses angeordnete Himmelfahrtskommando hat nun doch, wie man heutzutage sagt, ein Alleinstellungsmerkmal. Welcher Mensch, außer einem gehirngewaschenen Selbstmordattentäter, befolgt den Befehl, mit 180 km/h in die Mauer zu schleudern? Selbstmordattentäter treibt ja immerhin noch die Aussicht auf 77 willige Jungfrauen im Paradies (ach, wie werdet ihr euch wundern!), aber Formel-1-Fahrer haben die 77 Willigen doch schon im Fahrerlager … ach so, Jungfrauen müssen’s sein. Eine solche hätte dort allerdings wirklich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Im Wahlkampf gibt es auch schöne Nachrichten. So kämpfen die Grünen überall gegen Schwarz-Gelb – nur in Dortmund nicht, um keine schwarzgelben BVB-Fans zu vergraulen. Wirklich wahr! Schön auch, dass jene Partei, von deren Namen mir nur einer erinnerlich ist, die SED also, ohne erkennbare Ironie plakatiert: »Reichtum für alle!« Womit sie allerdings mit erkennbar unfreiwilliger Ironie eine Gemeinsamkeit von Bundesliga und uns allen aufzeigt: Wenn alle, ob Bundesligisten oder du und ich, gleich reich sind, will jeder gleich reicher werden, denn wenn alle gleich reich sind, fühlt sich jeder gleich ganz arm dran.
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Arm dran ist auch der Trainer von Bayern München II, Mehmet Scholl. Warum jubeln ihm trotzdem sogar die gegnerischen Fans zu? Nicht trotzdem, sondern deswegen: »Ich bin vielleicht der beliebteste Trainer der Liga, weil die Fans wissen: Heute gibt es drei Punkte, viele Tore – und der Scholl ist auch noch da.« (Scholls Team ist Vorletzter mit 28 Gegentoren in elf Spielen).
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Mehmet Scholl, einer unserer langjährigen Kolumnen-Lieblinge, war nie ein Platzhirsch-Typ. Ist ja auch viel zu anstrengend, weiß der Biologe Alexander von Schilling: »Ist es auch, so wie Hochleistungssport. Die Hirsche sind abends fix und fertig.« Sechs Wochen lang dauert die Brunft. Werden die Tiere da nicht heiser?, fragt die »Welt am Sonntag«. – »Doch. Ich vergleiche das gern mit Fußball. Wenn Sie drei Stunden im Stadion brüllen, hören Sie sich am Ende wie ein Hirsch nach vier Wochen an.«
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Kann ein menschlicher Platzhirsch etwas vom Rotwild lernen? – »Der Hirsch hat natürlich Pech: Er darf nur einmal im Jahr. Aber Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der er sein Ziel verfolgt, sind vorbildlich.« (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2009 .
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Anstoß spezial: Jan Ullrich (gesammelte Auszüge aus “gw”-Kolumnen 2006 - 2009)

Alte West-Kader versuchen immer wieder, den verlorenen kalten Sportkrieg doch noch zu gewinnen, indem sie große Ossi-Sportler klitzekleinmachen: Krabbe, Ullrich, Pechstein. In allen drei Fällen gab es keine positive Dopingkontrolle, sondern nur mühsam konstruierte Indizien. (12.12.09)

Wenn »staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet werden«, kann das in prominenten Fällen (Jan Ullrich!) auch primär ein Selbstdarstellungs-Vergnügen von Strafverfolgungsbehördlern sein, die in ihrem grauen Berufsalltag gerne mal im knallbunten Kostüm auf den Medientischen tanzen wollen. (23.11.09)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2009 .
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