Archiv für den 29. November 2009

Montagsthemen

In Hoffenheim wurde »gerudelt« (ZDF-Poschmann): Schöne Neuschöpfung eines Tätigkeitswortes für den hässlichen Regel-Tatbestand der Rudelbildung. Auf und neben dem Spielfeld herrschte fast schon Pogromstimmung, also Bereitschaft zu organisierter Gewalttätigkeit gegen Mitglieder andersartiger Gruppierungen. Spieler gingen sich an die Gurgel, Zuschauer waren gegenüber einem zum Hassobjekt deformierten Menschen zu jeglicher Form von Verbalmord bereit, es herrschte eine Atmosphäre, die genau das Gegenteil von dem war, was betroffenheitstriefende deutschlandweite Trauerrhetorik nach Robert Enkes Tod angemahnt hatte.
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Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp ist ein erfolgreicher Mann, hat offenbar ein breites psychisches Kreuz und scheint seelisch immun gegen den Hass, der ihm entgegenschlägt. Doch wer weiß das schon so genau? Die Fassungslosigkeit über Enkes Tod war in der Öffentlichkeit gerade wegen der nie für möglich gehaltenen Tat so viel größer als im engsten Umfeld des tragischen Torwarts, das jahrelang gehegte schlimmste Befürchtungen bestätigt fand.
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Nun hat BVB-Trainer Jürgen Klopp sicher auch nicht unrecht, wenn er verlangt, die Hasstiraden gegen Hopp nicht zu hoch zu hängen, damit werte man sie nur auf. Aber gerade sein BVB-Chef Watzke hatte dem Unflat im Vorfeld den Weg geebnet, und selbst der lebensklug-kritische Klartexter Klopp hat nicht den Mumm, ein Fußball-Tabu zu brechen: Den eigenen Fans zu sagen, dass sie armselige Irre sind, wenn sie sich wie armselige Irre verhalten, und dass einzelne aufgeputschte armselige Irre in der Masse zu schlimmsten Taten fähig sind.
Woher kommt der Hass? Doppelt angelegter Sozialneid, jener des Individuums auf den steinreichen Macher und der des Klubfans fußballspezifisch auf den Emporkömmling »Hoppenheim«? Der Mäzen ahnt es: »Viele von denen, die mich heute kritisieren, wären doch froh, wenn ich sie unterstützen würde. Die Leute in der Kurve, die mich mit widerlichsten Sprüchen beschimpfen, die würden mein Geld ja gerne haben.«
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Hopp lässt in Zuzenhausen, direkt neben Hoffenheim, ein allerfeinstes Fußball-Trainingszentrum bauen. Er investiert sein Geld in Know-how, das ist aller Ehren wert, sportlich sinnvoll und glaubwürdig zudem. Fast alle Hoffenheim-Profis hatten vor ihrer Hoffenheimer Zeit einen deutlich niedrigeren »Marktwert« (wenn überhaupt, ist ein solches Wort nur in Anführungszeichen zu schreiben) als aktuell, ein echtes Alleinstellungsmerkmal in einer Branche, in der Geld Tore schießen soll, indem man es in Stars investiert statt in die Voraussetzungen, Stars zu schaffen.
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In diesem Sinne steht ausgerechnet der Milliardär Hopp viel sinnfälliger für den wahren Sport als seine Kritiker aus der Waren-Welt des Sports, einige von ihnen Pleitiers, die viel Geld, das sie nicht mal haben, sinnlos verprassen und dann über mangelnde Chancengleichheit jammern. Und auch manchen, die eigenes Geld raushauen, möchte man zurufen: Tausendmal lieber Hopps Hoffenheim als Vauwees Wolfsburg!
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»Das wird sich legen, und die Ästhetik unseres Spiels wird die Banalität des Bösen besiegen«, glaubt Heiko Walkenhorst, Vorsitzender des Akademiker-Fanclubs Hoffenheim, über die Anfeindungen gegen Hopp. Auch kluge Menschen können irren. Aber sein Wort in des Fans Gehörgang! Und der hat bekanntlich direkte Verbindung zum Gehirn. (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. November 2009 .
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