Archiv für den 18. November 2009

Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 18. November 2009

Liebes Eintracht-Tagebuch,
in Amerika, genauer gesagt in Hollywood, gab es bis vor ein paar Jahren einen ausgesprochen lustigen Komiker namens Chris Farley. Er war das, was man einen »Physical Comedian« nannte. Einer, der mit seiner Körpersprache und Mimik die Leute zum Lachen brachte. Was ihm leichtfiel, denn außer über sein Talent verfügte er auch noch über einen unglaublich voluminösen Körper, den er in seinen Auftritten und Filmen immer wirksam einzusetzen wusste. Leider wurde er nicht sehr alt, gerade mal dreiunddreißig. Als Todesursache wurde vor allem sein Drogenkonsum genannt, was in Hollywood ja vorkommen soll. Und da damit soweit alles erklärt war, ging man nach kurzer Trauerzeit wieder zur Tagesordnung über.
Außer einigen engen Freunden. Diese nämlich machten öffentlich, dass Chris Farley stark gelitten hätte unter seinem Markenzeichen, das ihm einerseits zwar Erfolg, andererseits aber dafür gefährliche Fettsucht beschert hatte. Die Angst, im Erfolgsfall einer Diät als »dicker Komiker« fallen gelassen zu werden, hätten ihn, den ohnehin schon extrem Unsicheren, in die Verzweiflung und deshalb über Drogen und Exzesse letztendlich in den Tod getrieben.
Natürlich weißt Du, warum ich Dir das schreibe! Denn auch wenn Robert Enke kein übergewichtiger Komiker sondern gut trainierter Sportler war, drängen sich natürlich gewisse Parallelen auf. Die Angst, den Erwartungen nicht zu genügen, oder einem bestimmten Bild nicht zu entsprechen, ist ja kein sporteigenes Phänomen, sondern allgegenwärtig. Was eigentlich absurd ist, denn den Menschen ohne Schwachpunkt gibt es auf diesem Planeten ja definitiv nicht, und gerade die Defizite der anderen erlauben uns selbst oftmals einen milderen Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten.
Wenn man aber zu tief drinsteckt in diesem Fassadenspiel, wenn es bedrohlich um die Existenz geht und man den Mut oder die Kraft verloren hat, sich dagegen zu wehren, ist es für viele Menschen oft zu spät. So wie bei Robert Enke. Oder eine meiner besten Freundinnen, Andrea, die ich genau deswegen vor ein paar Jahren verloren habe. Auf ihre Versagensängste folgten Depressionen und dann Krebs. Natürlich hat mich ihr Tod wesentlich härter getroffen als der eines Fußballers, den ich nur aus dem Fernsehen kannte. Trotzdem hat mich seine Geschichte bewegt, und ob ich deswegen nun Bestandteil einer trauernden Massenbewegung bin oder nicht, ist mir ehrlich gesagt, komplett egal.
Nicht egal hingegen sind mir all die Reaktionen und Lippenbekenntnisse innerhalb seiner Branche! Natürlich versprechen jetzt alle Besserung und umsichtigeren Umgang miteinander, und wahrscheinlich meinen sie es dieser Tage auch ernst. Aber soll ich Dir was gestehen, Tagebuch? Ich glaube nicht, dass sich wirklich etwas ändern wird! Natürlich ist der Schock bei allen groß, und vor allem in den Führungsgremien beim DFB usw. müssen sie erst einmal lernen, mit etwas umzugehen, was sie bis dato nicht kannten.
Aber vor rund zwei Jahren hat sich mit Sebastian Deisler schon mal einer gemeldet, der auch unter schweren Depressionen gelitten hat. Auch da haben alle ernst und angemessen ihr Bedauern bekundet, und angekündigt, sich des Themas anzunehmen. Aber ein paar Wochen später war das Thema dann doch keines mehr, so dass es kurzerhand von der dringlichen »to do-Liste« gestrichen wurde, und stattdessen dann im »Das machen wir später«-Ordner verschwand.
Wobei das kein Vorwurf sein soll. Profifußball ist mit Sicherheit ein anstrengendes, oft an die Nerven der Verantwortlichen gehendes Tagesgeschäft, bei dem es tausend verschiedene Dinge zu beachten und zu handhaben gilt. Und in dem Oberflächlichkeit eine ähnliche Funktion hat wie die Lackveredelung bei einem Luxuswagen. Und der soll nun mal vor allem glänzen, gut aussehen und möglichst wenige Kratzer bekommen, denn nur so kann man ihn möglichst teuer verkaufen. Und genau deswegen ist eben schon immer zu wenig Platz für die tieferen, wirklich ernsten Themen. Und das wird sich, allen derzeitigen Emotionen zum Trotz, nicht maßgeblich ändern. Außerdem ist Fußball schon immer eine riesige Spielwiese für Alphatiere. Und die haben von Natur aus viel zu viel mit sich selbst zu tun. Vielleicht unterbrechen sie mal, wie an diesem traurigen vorletzten Dienstag, für einen Moment ihr Trommeln auf dem eigenen Brustkorb… aber für längeres Innehalten oder gar Reflexion ist das Alphatier an und für sich einfach nicht geschaffen!
Damit Du mich nicht missverstehst, liebes Tagebuch… ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich mit all meinen Bedenken komplett falschliege! Nur glaube ich es nicht so recht. Ach so, und bevor ich es vergesse… die Eintracht spielt am Samstag gegen Gladbach. Eigentlich ein wichtiges Spiel. Trotzdem verspüre ich aufgrund der letzten Tage eher eine Art Gleichgültigkeit. Aber mach Dir keine Sorgen, Tagebuch, die alte Aufgeregtheit, das Fiebern und Warten auf den nächsten Spieltag kommen bestimmt bald wieder. So wie alles andere vermutlich auch … In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 18. November 2009 .
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