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Sport-Stammtisch

Während die würdigsten Reaktionen auf Robert Enkes Tod von Fußballern wie Michael Ballack und auch von vielen Fans kamen – geschocktes Schweigen, fassungslose Trauer –, war man außerhalb des Sports schnell mit geschwätzigen Schuldzuweisungen bei der Hand. Tenor: Sport ist Mord, Seelenmord, sensible Menschen gehen in der rauen Sportwelt unter, »echte« Kerle beschweigen ihr Inneres, wenn sie denn überhaupt ein solches haben, und überhaupt: Sport in seiner extremen Leistungsfixiertheit hat keinen Platz für Schwäche, für Versagensängste, für Seelenpein. Gibt es also, wie manche Intellektuelle behaupten, eine »Mauer zwischen Sport und Geist«?

Das Thema beschäftigt uns schon lange, die erste Anstoß-Kolumne stand 1979 unter eben diesem Titel: »Mauer zwischen Sport und Geist«: Viele Intellektuelle glauben, hieß es da, »dass im Sport nur der Erfolg haben kann, der sich desensibilisiert, gefühllos macht oder gefühllos ist für alles das im Leben, was problematisch ist, womit sich ein denkender und fühlender Mensch auseinandersetzen muss. Das wirkt auf empfindsame Intellektuelle abstoßend, lässt sie nicht einmal kritisches Interesse für diese cleveren, sorglosen Sonnyboys empfinden, denen alles das fehlt, wodurch sich sensible, sozial engagierte, reflektierende, betroffen und mitfühlend reagierende Intellektuelle ausgezeichnet fühlen. Doch sind dies nicht alles Vorurteile? Nicht jeder Sportler ist ein Kaiser Franz oder eine Gold-Rosi; viele scheitern an sich selbst oder an anderen, manchen dagegen gelingt der Weg nach oben auch ohne Desensibilisierung.«

Die ungewöhnlich tiefe, umfassende Trauer – hat sie auch mit eigenem Schuldbewusstsein zu tun? Denn was dem Sport vorgeworfen wird, könnte fast jeder von uns sich selbst vorwerfen. »Er hatte Angst, seinen Sport und sein Privatleben zu verlieren«, begründete Teresa Enke die Verheimlichung der Depression. Wir wissen nur zu genau, dass diese Angst berechtigt war. Offenheit hätte mit großer Wahrscheinlichkeit den Verlust des WM-Platzes bedeutet, jeder Fehlgriff, jede Gemütsregung wäre einschlägig interpretiert und diagnostiziert worden. Unprominenten Menschen wie dir und mir ginge es nicht anders, wenn wir unsere wie auch immer gearteten Schwächen offenlegten. Auch weil wir das wissen, bedauern und doch nicht ändern (wollen?), fühlen wir uns von Enkes Tod so stark betroffen.

Zu den vielen unbeantwortbaren Fragen gehört eine, die man kaum zu stellen wagt: Depressionskranke Menschen gelten als besonders sensibel – wie innerlich zerrissen, verzweifelt müssen sie sein, wenn sie ihr Leben dennoch auf eine Art beenden, die andere Menschen in Verzweiflung und auch Depression stürzen kann, die Ehefrau, die schon ihr Kind verloren hat, die beiden Lokführer?

Dazu kommt der »Werther-Effekt«, von dem jetzt wieder zu lesen ist, die Nachfolge-Taten bei Selbstmorden von Prominenten. Dabei war Werther nur eine Erfindung Goethes, allerdings eine auf Tatsachen beruhende. Die Hintergründe muss ein Kolumnist, dessen »w« im »gw« »Wetzlar« (als zweite Heimatstadt bedeutet), natürlich auswendig referieren können: In seinem Roman übernahm Goethe, der zuvor in Wetzlar am Reichskammergericht (nicht gerade fleißig) gearbeitet hatte, die Schilderung von Werthers Tod fast wörtlich dem schriftlichen Bericht von Kestner (Verlobter von Charlotte Buff, die »Lotte« im Werther) vom Tod Jerusalems, eines jungen Wetzlarers, der sich aus Liebeskummer umgebracht hatte. Mit der Veröffentlichung der »Leiden des jungen Werthers« begann eine bisweilen tödliche Werther-Begeisterung: Viele junge Männer kleideten sich wie der Werther des Romans und liefen in blauem Frack, gelber Hose und gelben Stulpenstiefeln mit leidender Miene umher, pilgerten nach Wetzlar, sangen traurige Lieder, warfen Rosen auf Jerusalems Grab, und die Zahl der Selbstmörder erhöhte sich enorm, bei einigen von ihnen fand man den Roman am Ort ihrer Tat, oft waren die Stellen angestrichen, die sich auf Werthers Tod bezogen.

In literarischen Kreisen lastete mancher Kritiker diesen gefährlichen Empfindsamkeits-Überschwang dem Dichter an, es gab unfeine Parodien, die bekannteste schrieb Friedrich Nicolai: »Die Freuden des jungen Werthers.« Goethe antwortete, dünnhäutig und zotig dichtend: »Der setzt sich nieder auf das Grab / Und legt sein reinlich Häuflein ab, / Schaut mit Behagen seinen Dreck, / Geht wohl eratmend wieder weg, / Und spricht zu sich bedächtiglich: / Der arme Mensch, er dauert mich, / Hätt’ er ge… so wie ich, / Er wäre nicht gestorben.« – Goethes Wut auf Nicolai überdauerte Jahrzehnte, noch ein Vierteljahrhundert später schrieb er über ihn in den Xenien: »Nicolai reiset noch immer, noch lang wird er reisen, Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg.«

Mit diesem drastischen Versuch, der Melancholie zu entfliehen, zurück zum Sport: Bevor Enkes Tod erkennen ließ, »wie völlig unbedeutend unser aufgeblasenes Bundesliga-Geschäft ist« (Heribert Bruchhagen), füllte Bayern München fast alle Schlagzeilen, für viele die Sensibilitäts-Antithese schlechthin, für manche der Klub des Herzens. Der scheidende Manager Uli Hoeneß verkörpert beide Extreme. Legendär seine private Menschenfreundlichkeit, berüchtigt seine Abteilung-Attacke-Aggressivität. Die ließ er jetzt im Zeit-Interview von der Kette. Bayern habe kein Konzept? »Lächerlich!« Kein System? »Dummes Zeug!« Lahm? »Hat in fast allen Punkten unrecht«. Rensing? »Die letzten Chancen, hier erster Torwart zu werden, hat er sich durch die Interviews genommen.« Sogar Trochowski, Klient des selben Beraters wie Lahm und Rensing, bekommt sein Fett weg: »Der kann normalerweise keine zwei Sätze geradeaus sprechen, und jetzt spricht er über Fußballpolitik!« Beeindruckend aber, dass Hoeneß auf die Meinung des Interviewers, van Gaal passe nicht zum FC Bayern, das lateinische Zitat »quod erat demonstrandum (was zu beweisen war) aus dem Stand in korrektes Latein umwandelt: »Quod esset demonstrandum!« (was zu beweisen wäre).

Ob Bruchhagen bei seinem Liga-Wort auch an Michael Skibbe gedacht hat, der ihm mit mainpopulistischem Gerede das Leben schwer macht? Allerdings hat der Trainer in einem Punkt leider recht, denn in der sportlichen Ebene unterhalb Bruchhagens gibt es einige beklagenswerte Leerstellen, besetzt zum Teil seit Jahrzehnten von Mitarbeitern, zu deren Kernreferenz zum Beispiel »ehemaliger Fanklubleiter« gehört.

Apropos Leerstelle: Damit noch einmal zu den geschwätzigen Schuldzuweisungen. Die ärgerlichste geht auf das Konto eines Politikers: »Mich bedrückt auch, dass weder seine Sportskameraden in der Nationalelf, noch Trainer, noch der Mannschaftsbetreuer in der Nationalelf irgendetwas gemerkt haben. Das spricht dafür, dass selbst in so einem Team, wo jeder für den anderen dasein sollte, es menschlich offenbar nicht ganz so ist, wie es sein soll.« Früher einmal trug dieser Mann zum Unterhaltungswert einer Harald-Schmidt-Show bei, indem er sich vom Meister minutenlang verkackeiern ließ, ohne es zu merken. Heute ist er nicht nur Minister, sondern offenbar auch Depressions- und überhaupt General-Experte, eine wahre Zierde seiner Partei, und man fragt sich nur, was ein seriöser, vertrauenerweckender Politiker wie Hermann Otto Solms insgeheim davon hält, dass all diese Brüderles und Schwesterles mit aufgebläh-blähter Takelung an ihm vorbei in die große Karriere segeln. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

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Mittelhessenkrimi von gw