Anstoß extra (Skibbe: “Völlig neu aufstellen”)
»Wenn es so weitergeht und wir nicht in allen Bereichen Vollgas geben, werden wir schwächer, schwächer und schwächer. Wir müssen uns völlig neu aufstellen, damit wir in der Bundesliga konkurrenzfähig sind.« Skibbe redet … sich raus. Er schiebt Heribert Bruchhagen den Schwarzen Peter zu (Lincoln!) und lenkt von sich selbst ab. Nicht vom eigenen Versagen, denn Skibbe ist genauso viel oder wenig erfolgreich wie sein ungeliebter Vorgänger Funkel. Aber er lenkt ab von eigenen früheren Worten, lenkt ab von verkündetem Anspruch und ernüchternder Wirklichkeit.
Der Eintracht-Trainer verbündet sich mit der FFFF, der Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten, zur großen Koalition gegen Bruchhagen, den einsamen Sachwalter des Realismus. Tenor: Viel Geld ausgeben, das man nicht hat, für Spieler, die auf dem Markt sind. Also Bayern- statt Magath-Methode (siehe auch »Montagsthemen«). Unterschied: Die Bayern haben wenigstens das Geld dafür.
Clever und smart führte sich Skibbe bei der Eintracht ein, fütterte Fans und Medien mit ihren Lieblingsspeisen, und schon fraßen und fressen sie ihm aus der Hand. Der neue Trainer versprach, obwohl er sehenden Auges den vorhandenen Kader begutachtet hatte, attraktiven, offensiven Fußball, dazu das Vordringen in bisher quasi offiziell verbotene obere Tabellenbereiche, und als Sahnehäubchen lobte er Caio, des Fans liebstes Kind, über den grünen Klee.
Die clevere PR-Aktion, attraktiveren Fußball spielen und auf Problem-Caio setzen zu wollen, ließ den gewohnheitsmäßig hyperventilierenden Fan in vorauseilender Begeisterung schier lustkollabieren. Damit verschaffte sich der Trainer einige Wochen Ruhe vor der selig bekifften Meute. Klar war aber auch, dass diese sich danach keine kleinen Funkel-Brötchen mehr backen lassen wollte. Skibbe musste funkeln, nicht wie Funkel lediglich funzeln. Damit ließ er sich selbst nur die Alternative, zu scheitern oder sich in jenen Trainer zu verwandeln, der als einziger alle Fans glücklich machen könnte: Zampano Fantastico.
Bei Amtsantritt hatte Skibbe zu erkennen gegeben, dass Caio intern (also von Funkel /Bruchhagen) falsch eingeschätzt wurde, dass aber er den Basilianer zu dem machen werde, den die FFFF-Fans in ihm sahen. Im Oktober ruderte Skibbe, mit seinen typischen verbalen Girlanden, im FR-Interview verklausuliert zurück: »Es ist ein Missverhältnis zwischen Erwartungshaltung, die wir alle haben, und Leistungsfähigkeit, die er im Moment zeigt. Er ist ein guter Fußballer, aber Spielgeschwindigkeit, Tempo im Spiel, Umschalten von Offensive auf Defensive und Defensive auf Offensive – das geht für ihn in der Bundesliga einfach noch zu schnell. Er ist nicht auf einem Niveau, um uns wirklich helfen zu können.«
Gleiches drückte der »Anstoß« vor eineinhalb Jahren etwas »deutschlicher« aus: »Caio spielt Mädchenfußball auf hohem Niveau, technisch anspruchsvoll, aber zu unathletisch, unspritzig und durchsetzungsschwach für die raue Männer-Ligawelt.«
Mittlerweile rücken auch Frankfurter Fans und Medien vom Brasilianer ab, der physisch und psychisch zu träge für die illusionär erhoffte Entwicklung ist. In Leverkusen beendete Skibbe, möglicherweise endgültig, die Caio-PR-Aktion mit untypisch kurzem Klartext, die schnelle Auswechslungs-Höchststrafe erklärend: »Schlecht gespielt, raus, neuer Mann.«
»Neuer Mann«, das scheint Skibbes Weisheit letzter Frankfurter Schluss zu sein. Preiswerter und länger vorhaltend wäre die Schalker Notlösung à la Magath. Aber für diese, und da hat Skibbe dann doch Recht, muss sich Frankfurt »völlig neu aufstellen« und Tugenden zeigen, die der FFFF abgehen: Langfristige Aufbauarbeit, klug sichtend (»Holz« und die Scouts, ein Thema für sich!), fachlich fundiert, pragmatisch und dennoch kreativ, realistisch zielorientiert, geduldig dicke Bretter bohrend – und nicht das kleine, unscheinbare Pflänzchen, das unter Bruchhagen/Funkel vielleicht etwas zu brimboriumslos herangezüchtet wurde, auf der Suche nach Orchideen traumtänzerisch zu zertrampeln. (gw)
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