Archiv für den 4. November 2009

Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 4. November 2009

Liebes Eintracht-Tagebuch,
heute muss ich Dir was gestehen. Nach der fiesen Bayernwoche war ich doch ziemlich besorgt was die psychische Verfassung der Eintrachtspieler betraf. Und skeptisch und zugleich unglaublich neugierig, ob Michael Skibbe die Jungs wirklich wieder aufrichten und auf das Bochumspiel einstellen konnte. Als ich dann auch noch las, dass er sich mit der Mannschaft zwecks Selbstfindung an einen geheimen Ort zurückzuziehen gedenke, hielt ich es nicht mehr aus. Ich schlich mich heimlich zum Abfahrtsort des Mannschaftsbusses, kroch in einem unbemerkten Ort in das Gepäckfach und fuhr so heimlich einfach mit. Ja, ich weiß, das gehört sich nicht, aber ich musste einfach wissen, was der Trainer vorhatte.
Die Fahrt dauerte nicht lange, dann hielt der Bus auch schon wieder. Als alle ausgestiegen waren und ich definitiv nichts mehr hörte, verließ ich mein Versteck. Und wunderte mich nicht schlecht, denn ich befand mich auf einem Hinterhof inmitten des Frankfurter Universitätsgeländes. Ich betrat ein große Gebäude, und schon nach kurzer Suche hatte ich sie gefunden. Skibbe hatte die komplette Mannschaft samt Trainerstab in einem Hörsaal versammelt! Und nun saßen sie dort, wo sonst die Studenten den Professoren lauschten. Leicht unsicher aber durchaus gespannt. Genau wie ich, kauernd in einer dunklen Ecke des Saales, von der aus ich alles gut beobachten konnte. Ein Techniker fuhr das Licht runter, schaltete einen Beamer ein, und schon erschien auf einer riesigen Leinwand das Gesicht eines ausgesprochen berühmten Mannes. »Na,« fragte Skibbe forsch, »wer ist das?« Was einfach zu beantworten war, denn diesen listigen Blick unter den weißen Wuschelhaaren plus der rausgestreckten Zunge hatte jeder schon irgendwann mal gesehen. »Albert Einstein« riefen die Spieler. Nur Benjamin Köhler grölte »Urban Priol!«, wofür er einen kurzen strengen Blick seines Trainers erntete.
»Richtig, das ist Albert Einstein! Wer weiß Näheres über ihn?« »Das war ein Wissenschaftler, der hat was mit so ner Theorie gemacht!« Patrick Ochs schien sich auszukennen. »Richtig!« nickte Skibbe, »er schuf die Relativitätstheorie! Aber die jetzt hier zu erklären, würde zu lange dauern, und deshalb sind wir auch gar nicht hier. Albert Einstein gilt als einer der bedeutendsten Köpfe aller Zeiten …« »Uwe Seeler auch« rief erneut Köhler, der sich königlich über seinen eigenen Joke amüsierte. Skibbe, dies überhörend, schaute eindringlich in die Runde. »Stellt Euch vor, dieser außerordentlich kluge Mann würde noch leben, und Ihr würdet ihm begegnen! Würdet Ihr auf ihn hören, wenn er Euch etwas sagt?« »Ja logo! Von so einem kann man immer lernen!«
Dem leicht griechischen Akzent nach hatte Ioannis Amanatidis diesmal geantwortet. Aber auch die anderen Spieler nickten bejahend. »Schön, dass Ihr das auch so seht. Denn Albert Einstein hat eine Menge kluger Dinge gesagt … und ein paar davon würde ich Euch gerne mit auf den Weg geben. Also … dann passt mal gut auf! Hier Beispiel Nummer eins.« Schon erschien auf der Leinwand, fett gedruckt und bestens lesbar, ein erstes Zitat Einsteins: »Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung!« Fragend schaute Skibbe in die Runde. »Und? Was bedeutet das für uns?« Erneut war es Amanatidis, der antwortete. »Dass wir statt dauernd Interviews lieber Gas beim Spiel geben sollten!« Skibbe nickte zufrieden.
Schon erschien Zitat Nummer zwei. »Gott würfelt nicht!« Jetzt meldete sich Marco Russ. »Dass das 0:4 gegen Bayern kein Zufall war …!« »Richtig« ergänzte Skibbe, » …sondern eine Tatsache. Und zwar eine ziemlich bittere … Hier Beispiel Nummer drei …« »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« »Ich glaube, das soll heißen, dass wir gegen Bochum anders rangehen sollten als wie im Pokalspiel …« »So was in der Richtung wollte ich hören Oka! Dazu passt übrigens auch das hier …« »Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.« Alle nickten, alle hatten verstanden, dass man die Klatsche vom Mittwoch einfach vergessen sollte.
Und schon gab es den nächsten Satz zu lesen: »Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt!« Diesmal dauerte es einen Moment, bis sich einer, im Schweizer Dialekt, zu interpretieren traute. »Das könnte bedeuten, dass wir uns beim Spiel auch mal trauen sollten, etwas Neues,Unerwartetes zu probieren, odrr?« Jetzt strahlte der Trainer, denn auch in diesem Moment bestätigte sich, dass es richtig gewesen war, Pirmin Schwegler zu verpflichten. »Sehr gut Pirmi! Und was soll uns das hier sagen …?« »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.« Jetzt sprang zu aller Überraschung Caio, dessen Dolmetscher ihm bislang alles übersetzt hatte, von seinem Sitz auf. »Das soll heißen, dass man soll nie das machen, was alle machen. Je eigensinniger desto besser!! »Nicht ganz« murmelte Michael Skibbe leise, »nicht ganz. Aber wenn ich ihm das jetzt genauer verklickern will, dauert das Tage …«
Stattdessen gab er dem Saaltechniker das Signal, das nächste Zitat zu zeigen. »Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stets unwiderstehlich zum Missbrauch!« Schon kam von weit hinten die Antwort. »Das hat nichts mit uns zu tun, damit ist Schalke 04 gemeint!« Die Stimme kannte jeder im Saal, also nickten alle nur stumm. Wer würde Heribert Bruchhagen schon widersprechen wollen? Stattdessen erschien der nächste Satz. »Holzhacken ist deshalb so beliebt, weil man bei dieser Tätigkeit den Erfolg sofort sieht.« »Damit bin ich gemeint!« Verlegen hatte sich Maik Franz von seinem Platz erhoben. »Das soll heißen, dass ich nicht technischer spielen soll als ich kann, sondern lieber zur Sache gehen soll! Damit mir so eine Scheiße wie gegen Bayern nicht noch mal passiert.« Skibbe war sichtlich angetan von all diesen Einsichten.
»Gut Männer, eins zeig ich Euch noch, dann war’s das für heute!« Noch einmal schauten alle konzentriert auf das, was da vorne stand. »Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt!« Eine gefühlte Ewigkeit starrten sämtliche Spieler auf diesen Satz, während ratlose Stille den Raum erfüllte. Endlich sagte einer was. »Ich bin müde, ich muss ins Bett!« »Ich muss auch nach Hause, ich hab vergessen, meine Playstation auszuschalten …« Sofort erhoben sich alle, um sich Richtung Ausgang zu bewegen.
Ja liebes Tagebuch, mit diesem Zitat hatte der Trainer seine Jungs offensichtlich dann doch überfordert. Aber den Rest schienen sie begriffen zu haben. Denn am Sonntagabend haben sie, nach einer schwierigen Woche, gewonnen! Ob der Einstein-Effekt allerdings auch beim Spiel in Leverkusen greift, weiß ich nicht so recht, die sind immerhin Erster und ausgesprochen gut drauf! Aber vielleicht sollten wir uns für den Moment einfach erstmal nur über den Dreier gegen Bochum freuen. Denn wie hat der kluge Mann mit den weißen Haaren auch sinngemäß gesagt… »Die Zukunft kommt früh genug …« Und wo er Recht hat, hat er Recht! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 4. November 2009 .
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