Anstoß literarisch: Katarina Witt mit ihrem Rekordpopo
Der 2007 gestorbene Schriftsteller Walter Kempowski gehörte ganz sicher nicht zu den Freunden oder gar Kennern des Sports. Dennoch oder gerade deswegen sind die wenigen sportlichen »Stellen« in »Sirius – eine Art Tagebuch« anregende Fundstücke für alle, die dem Sport näher stehen als Kempowski.
Kempowski wurde durch seine frühen und fürs Fernsehen verfilmten Romane wie »Tadellöser und Wolff« sehr populär, blieb aber zunächst umstritten und wurde von den dominierenden progressiven Meinungsmachern des Landes als literarisch nicht vollwertig abgetan. Dass Kempowski aus politischen Gründen acht Jahre lang in Bautzen inhaftiert war und zeitlebens gegen den Kommunismus anschrieb, machte ihn in der DDR-freundlichen westdeutschen Kulturszene auch nicht gerade beliebt. Erst nach der Wende und mit der gewaltigen Collage »Das Echolot« kam die literarische Anerkennung. Die Abweisung und zum Teil Verachtung, die ihm zuvor entgegengeschlagen war, konnte er aber nie verwinden.
In die hier zitierten Sport-Anmerkungen werden einige außersportliche Textfragmente aus »Sirius« eingestreut, um dem Leser den bemerkenswerten, witzigen, seltsamen Menschen Walter Kempowski etwas näher zu bringen – und neugierig zu machen auf ihn bzw. seine Werke. (gw)
Beim Schwimmen biete ich kein sehr sportliches Bild: Badekappe, Antichlorbrille, Ohropax. Deshalb lege ich auch Wert darauf, dieses Etablissement nur aufzusuchen, wenn sichergestellt ist, dass sich niemand anderes in dem Becken befindet.
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Nachmittags laborierte ich am Magen, dann Gefahr von Zahnschmerz.
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TV: Abgesehen von Stalingrad war heute im wesentlichen Eiskunstlauf zu sehen. (…) Während ich mir Doppelaxel und Rittberger ansah, musste ich an die gefangenen Landser in Stalingrad denken, wie sie übers Eis rutschten. Das Nebeneinander von Leben und Sterben.
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Die Schweden mögen mich nicht. Ich habe in der DDR unverständlicherweise gegen den Sozialismus gearbeitet, und außerdem bin ich ein »Bürgerlicher«, was so viel bedeutet wie »Faschist«. (…) Übrigens: Die Kinder der deutschen Botschaftsangehörigen, die in Stockholm die Deutsche Schule besuchen, müssen DDR-Bücher benutzen.
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Widerlich finde ich auch das Springreiten. Ich habe gehört, dass die Trainer den Pferden mit einem Knüppel an die Beine hauen, damit sie Angst vor der Stange kriegen und höher springen.
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Die anderen feierten noch bis vier Uhr früh, ihr Lärm drang zu mir herauf. Sie waren wohl von Herzen froh, dass sie mich los waren.
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Indiskrete Kameras und ungerechte Schiedsrichterinnen. Und hinterher nehmen die Sportler Blumensträuße in Plastik entgegen, und dann werden sie von der Sado-Mutti in den Arm genommen und ziehen die Rotze hoch. Und über ihnen wird eingeblendet: 5,6, 5,6, 5,5 … Und dann denken sie – lächelnd! – an ihre Achillessehnen, ob die das nächste Mal noch mitmachen? Und an die Standpauke, die ihnen der Trainer halten wird und daran, dass alle Anstrengung umsonst war – und da sind wir dann wieder bei Stalingrad.
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Ich verstehe es absolut nicht, dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen.
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Katarina Witt mit ihrem Rekordpopo. Ich hoffe immer, dass sie mal stürzt: das Erhabene und das Lächerliche. (…) Ob sie nach ihrem Tod seziert wird? Das Gehirn von Einstein hat man kürzlich wiedergefunden. Bei der Witt würde man wohl kaum im Gehirn nachschauen wollen, was für spezielle Windungen sich da ausgebreitet haben. Da würde es vielleicht um das Abnorme ihrer Sehnen gehen. Beim Paarlauf guckt man sich immer nur die Frauen an.
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Vorher hatte ich ein ziemlich ekelhaftes Gespräch mit Schülern. Der Lehrer hatte sie ganz offenbar gegen mich aufgehetzt.
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TV: Fußball. Ostentative Schimpferei des Torwarts, wenn er einen Ball, durchgelassen hat: Seine Verteidiger sind schuld! (…) Ach, ich liebe Fußball. Besonders, wenn Deutschland gewinnt. Fouls sind auch was Wunderbares. In-den-Arsch-Treten sieht man leider selten. Früher, als die Engländer noch diesen zahnlosen Zähnefletscher im Sturm hatten! Nebenher einen James-Bond-Film gesehen. Die Verschwendung von Sauerstoff durch explodierende Autos wird man auch nicht mehr lange hinnehmen.
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Eiskunstlaufen oder Kunstturnen sich anzusehen, ist wegen der Wertungspunkte so unerquicklich. (…) Die Trainerinnen, wenn die so ihre Küken an sich drücken, die schwer atmenden. Und die Mädchen haben dann natürlich Zöpfe, das ist ja klar, und die sagen dann, dass sie es nie wieder tun wollen, so unartig sein und den Doppelrittberger verpatzen … Mal eine Reportage machen, von all den gealterten Turnerinnen, im Rollstuhl oder an Krücken, zwanzig Jahre danach. Die zeigen einem dann die Pokale und finden es richtig, dass sie jetzt im Rollstuhl sitzen.
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Es geht ein nihilistischer Zug durch diese Aufzeichnungen, das geb’ ich zu.
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