Archiv für Oktober 2009

Sport-Stammtisch

»Betrug ist typisch für unsere Kultur«, schimpft Jens Lehmann, weil ihn ein Balljunge foppt. Schadenfreudig wird der Ex-Nationaltorwart verspottet. Den Anlass der Motzerei nimmt kaum jemand wahr oder gar ernst. Doch nur weil es ein nicht gerade Verhaltensunauffälliger wie Lehmann sagt, muss es ja nicht falsch sein: Betrug – typisch für unsere Kultur?

Geiz ist geil! Ich bin doch nicht blöd! Schnäppchenmachen – noch vor dem Fußball Volkssport Nummer eins, obwohl dabei fast immer Betrogene auf der Strecke bleiben, ob auf den Finanzmärkten der Ersten oder in den Kinderarbeitsstätten der Dritten Welt. Aber die große moralische Keule muss gar nicht geschwungen werden, um die gesellschaftliche Akzeptanz des Betrugs zu bestätigen. Der Sport hat genug zu bieten.

Veröffentlicht von gw am 30. Oktober 2009 .
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Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 28. Oktober 2009

Liebes Eintracht-Tagebuch,
vor ein paar Tagen, vor dem ersten von zwei Spielen gegen die Bayern, haben meine Kumpel und ich überlegt, wie die Eintracht überhaupt gegen die »Übermächtigen« bestehen könnte. Also spielten wir im Geiste diverse Systeme sowie alle infrage kommenden Mannschaftsaufstellungen durch. Ohne auch nur einmal annähernd davon überzeugt zu sein, dass das der richtige Schlüssel zum Erfolg sei.
Irgendwie erschien uns die Aufgabe, vor allem das Spiel in München, zu schwierig, und aufgrund der bislang eher mittelmäßigen Leistungen unserer Jungs nicht lösbar.
Und als wir da gerade so saßen und nicht recht weiterkamen mit unserem »Mutmachprogramm für verunsicherte Eintrachtfans«, meldete sich der ansonsten eher stille Dieter zu Wort. Er hätte in einer Zeitungsmeldung gelesen, dass man in einem kleinen Zoo in Gaza einem Esel das Fell auf absolutes Kurzniveau geschoren und ihm dann per Farbe schwarze und weiße Streifen verpasst hatte. Und schon hatte der Zoo ein Zebra! Und da es niemand bemerkt hätte, seien die Palästinenser in den Zoo geströmt wie lange schon nicht mehr, um die neue Attraktion ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Der Trick hatte funktioniert!
Gespannt schauten wir Dieter an, denn noch wusste keiner so recht, auf was er hinaus wollte. Also, schlug dieser vor, müsse man eine ähnliche Strategie fahren. »Wenn die Eintracht zum Beispiel in den Farben vom FC Barcelona aufläuft, wo die Bayern ja letzte Saison eine traumatische Megaklatsche bekommen haben, und wenn sie dann vielleicht noch Lionel-Messi- oder Thierry-Henry-Masken tragen … dann könnte das die Münchner Spieler total verunsichern!« Für einen kurzen Moment starrten wir ihn an, wie man einen Verrückten eben so anstarrt. Dann erhoben sich alle kopfschüttelnd, um kurz drauf nach Hause zu gehen. Nein, die Aufgabe in München schien uns unlösbar.
Tja, Tagebuch, und daran sieht man mal wieder, wie sehr man sich täuschen kann. Denn wir waren am Samstag tatsächlich nah dran! Und auch wenn es übertrieben klingen mag, ich hab fast geflennt beim Siegtor für die Bayern. Nicht aus tiefer Traurigkeit, sondern vor Wut! Allein die Pose von Van Gaal beim 2:1 war so überheblich und unsympathisch, dass es schon aus ethischen sowie ästhetischen Gründen hätte nicht gegeben werden dürfen. Und auch der Kameraschwenk auf die versammelte Chefetage auf der Tribüne, passenderweise auch noch ergänzt von »Focus«-Herausgeber Helmut Markwort (»Fakten, Fakten, Fakten«), oder der Ausschnitt von Karl-Heinz Rummenigges »Brandrede« nach der Niederlage in Bordaux machten es einem unter zwischenmenschlichen Aspekten nicht wirklich leichter, auch nur ansatzweise so etwas wie einen wohlwollenden Gedanken zu entwickeln.
Genauso wenig wie die Interviews nach dem Spiel, in denen sie allesamt so taten, als wäre das Spiel gegen Frankfurt eher ein lästiger Pickel gewesen, den man zum Glück noch schnell hatte ausdrücken können, bevor man sich endlich wieder unter Seinesgleichen begeben konnte.
Nein, ich habe es dieser Ansammlung von selbstgefälligen Herrenmenschen einfach nicht gegönnt! Ganz zu schweigen von der falschen Abseitsentscheidung gegen Alexander Meier, die ein vermutlich alles entscheidendes 2:0 verhindert und uns so um den großen Triumph gebracht hat. Natürlich weiß ich, dass die Bayern überlegen waren und Oka Nikolov bis auf seinen mittlerweile ritualisierten Großpatzer schon all seine Klasse aufbieten musste, um den Rückstand zu verhindern. Aber mal ganz ehrlich – wen interessiert das? Die Bayern mussten das Spiel machen, sie mussten uns eigentlich auseinandernehmen, was sie aber nicht geschafft haben. Weil die Eintracht sich gewehrt hat, und das für ihre Verhältnisse ziemlich gut! Deswegen ist der Ausgang dieses Spiels nicht nur unbefriedigend, er ist, durch die schwarzrote Brille betrachtet, ausgesprochen schmerzhaft! Und unter dem Aspekt, dass Arroganz und Überheblichkeit eigentlich bestraft gehören, zudem auch noch ungerecht!
Aber da wir Hessen ja nicht umsonst weltweit das Patent auf unverwüstbaren Optimismus besitzen, gilt es natürlich, vor allem das Positive aus dieser Niederlage mitzunehmen. Und das ist nicht mal wenig! Denn: 1. Die Bayern sind derzeit definitiv nicht unschlagbar! 2. Im Pokal haben schon viel aussichtslosere Davids viele scheinbar unzerstörbarere Goliaths von den Beinen geholt. 3. Wer sich gegen Bayern teuer verkauft, wird danach sein Spiel zu Hause gegen Bochum, ohne viel nachzudenken, überlegen und möglichst klar gewinnen! Das wiederum führt 4. zu einem noch entspannteren Platz in der Tabelle, was 5. wiederum Leichtigkeit und Selbstvertrauen erzeugt. Und mit der kann man, egal gegen wen, eine Menge erreichen in dieser Liga. Was dann 6. wäre ..! Ja liebes Tagebuch, und jetzt, nachdem ich mir Luft verschafft habe, geht’s mir auch schon besser! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 28. Oktober 2009 .
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Ohne weitere Worte

(Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.)

Fühlt er sich nicht betrogen? Keller (Anm.: vom Merdinger Jan-Ullrich-Fanklub) sagt: »Nee. Betrogen haben mich die Banker und Politiker, die Radsportler haben mir kein Geld weggenommen.« (Süddeutsche Zeitung)

Nach der Lesung nähert sich ein junges Paar. (…) »Sie haben doch mal geschrieben: ›Autorenkino, Regietheater, Befreiungstheologie … Alles genauson Quatsch wie mittelscharfer Senf‹« »Ja.« Die junge Frau zeigt auf den jungen Mann, sagt: »Mein Mann …«, und ich denke, »Ei wei, jetzt kommt’s. Ihr Mann war mit Dom Helder Camara auf dem Jesuitenkolleg und hat mit Colt und Gesangbuch gegen die Contras gekämpft.« (»Pooh’s Corner« von Harry Rowohlt in der Zeit)

Veröffentlicht von gw am 26. Oktober 2009 .
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Montagsthemen

Alles ist relativ, aber der Fußball ist noch ein bisschen relativer. Als Spitzenreiter Bayer zu Hause gegen den Tabellenzehnten Dortmund 1:1 spielte, schlagzeilte die Bild-Zeitung am Samstag: »Heynckes nicht zu schlagen!« Hätten die schon lange nicht mehr spitzenreitenden Münchner zu Hause gegen dortmundidentisch platzierte Frankfurter 1:1 gespielt, hieße die dezentest denkbare Bild-Schlagzeile: »Van Gaal vor dem Aus!«

Nach einem 1:1 sah es lange aus, bevor das Siegtor zufallsfiel. Da die Bayern viel mehr Chancen »kreierten« bzw. »generierten«, haben sie aber verdient gewonnen. »Absolut!« Womit wir nach den beiden Synonymen für »erzeugen« ein drittes Modewort abhaken, »absolut«, die neudeutsche Form verbaler Zustimmung. Wer sagt schon noch schlicht »ja«?

Veröffentlicht von gw am 25. Oktober 2009 .
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Anstoß literarisch: Katarina Witt mit ihrem Rekordpopo

Der 2007 gestorbene Schriftsteller Walter Kempowski gehörte ganz sicher nicht zu den Freunden oder gar Kennern des Sports. Dennoch oder gerade deswegen sind die wenigen sportlichen »Stellen« in »Sirius – eine Art Tagebuch« anregende Fundstücke für alle, die dem Sport näher stehen als Kempowski.
Kempowski wurde durch seine frühen und fürs Fernsehen verfilmten Romane wie »Tadellöser und Wolff« sehr populär, blieb aber zunächst umstritten und wurde von den dominierenden progressiven Meinungsmachern des Landes als literarisch nicht vollwertig abgetan. Dass Kempowski aus politischen Gründen acht Jahre lang in Bautzen inhaftiert war und zeitlebens gegen den Kommunismus anschrieb, machte ihn in der DDR-freundlichen westdeutschen Kulturszene auch nicht gerade beliebt. Erst nach der Wende und mit der gewaltigen Collage »Das Echolot« kam die literarische Anerkennung. Die Abweisung und zum Teil Verachtung, die ihm zuvor entgegengeschlagen war, konnte er aber nie verwinden.
In die hier zitierten Sport-Anmerkungen werden einige außersportliche Textfragmente aus »Sirius« eingestreut, um dem Leser den bemerkenswerten, witzigen, seltsamen Menschen Walter Kempowski etwas näher zu bringen – und neugierig zu machen auf ihn bzw. seine Werke. (gw)

Veröffentlicht von gw am 21. Oktober 2009 .
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Mittelhessenkrimi von gw