30 Jahre Sport-Stammtisch: Ver-rückte Sportgeschichte/n (28./Milli Vanilli und das Drogen-Ventil)
Manchmal, zum Glück nur manchmal haben Scherz, Satire und andere Albereien im Sport-Stammtisch Platzverbot – dann nämlich, wenn der heilige Ernst des missionarisch bewegten Überzeugungstäters zuschlägt. Zum Beispiel im Dezember 1990, als die deutsche Pop-Gruppe Milli Vanilli ihren Grammy zurückgeben musste, was für sich nun nicht unbedingt mit heiligem Ernst zu kommentieren war, im Zusammenhang mit einer anderen »Enthüllung« (Stern: DDR-Staatsdoping) von »gw« aber zu einem Rundumschlag (»Milli Vanilli und das Drogen-Ventil«) genutzt wurde. Es folgt dieser fast 20 Jahre alte Text, gekürzt, aber ansonsten unbearbeitet, also aus heutiger Sicht mit möglichen Irrungen und Wirrungen. Oder auch nicht. Urteilen Sie selbst:
Jeder, der sich dafür interessiert, muss gewusst haben, dass die beiden Milli-Vanilli-Tänzer nicht selbst singen. Produzent Frank Farian pflegt im Studio einen Sound zu mixen, den er von Tänzern optisch verpacken lässt und mit Phantasienamen wie Milli Vanilli oder Boney M. etikettiert. Schon als vor Jahren der Boney-M-Tänzer Bobby F. Krach mit Farian bekam, wurde die Methode bekannt. Der Tänzer wollte selbst singen; was bis dahin Farian höchstpersönlich für ihn getan hatte. Obwohl auch Boney M. weltbekannt war, gab’s damals keine Schlagzeilen, sondern nur nachrichtliche Pflichtübungen unter »Vermischtes« . . .
Wie bei Milli Vanilli gab es auch beim DDR-Staatsdoping genügend Veröffentlichungen mit detaillierten und belegten Informationen. Doch urplötzlich entsteht durch eine im Grunde völlig unsensationelle »Stern«-Story »der größte Doping-Skandal der Sportgeschichte«.
Dieses Phänomen ist rational nur schwer fassbar, der Sozialneid dagegen leicht nachvollziehbar. Im Grunde genommen ist Doping im Hochleistungssport eine vernachlässigbare Randerscheinung innerhalb des schwerwiegenden Drogen-Problems in unserer Gesellschaft. Es gilt in Fachkreisen als erwiesen, dass die physiologisch nachweisbare leistungssteigernde Wirkung von Anabolika-Doping bei gesunden, hochtrainierten, erwachsenen Männern weit geringer als angenommen ist. Dem Sozialneider passt diese unspektakuläre Feststellung nicht ins Konzept. Für ihn ist klar, dass ein 60-m-Diskuswerfer mit 600 Milligramm im Monat dopt, ein 70-m-Werfer mit 700 Milligramm usw. Diese epidemieartig um sich greifende Einstellung zur sportlichen Höchstleistung ist eine der größten Gefahren für den Sport überhaupt. Wenn bei Weltrekordleistungen nicht mehr interessiert, mit welchen Mitteln (Training, Talent, Technik), sondern nur noch, mit welchen »Mittelchen« sie erzielt wurden, wird es in einigen Disziplinen bald keinen sportlichen Leistungsvergleich mehr geben können. Der Respekt vor der Leistung Besserer geht in die Binsen, wenn die Schlechteren – und das sind wir alle – geringschätzig glauben, ohne Doping wären die Asse auch nicht besser als wir.
Wer sich so unverhältnismäßig »betroffen« über die Doping-Praktiken einer statistischen Randerscheinung erregt, kann damit nicht nur seinen Sozialneid abreagieren, sondern muss auch nicht befürchten, mit dem Zeigefinger auf andere zu deuten und gleichzeitig mit den anderen Fingern auf sich selbst zurückzuweisen. Wer nimmt schon Anabolika? Wer hat schon Familienangehörige, Freunde, Nachbarn oder Bekannte, die Anabolika nehmen? Welcher »Spiegel«- oder »Stern«-Redakteur nimmt Hormon-Pillen, um schneller laufen, weiter springen oder werfen zu können? Keiner! Da man also selbst nicht betroffen ist, kann man um so betroffener sein von den bösen Buben und Mädchen im Hochleistungssport, kann sie beschimpfen, verachten … und eben als Drogen-Ventil missbrauchen. Motto: Keine Sympathie mit den »Doping-Sündern«, aber mit allen anderen; denn die anderen sind wir alle. Und zu uns allen gehören auch »Spiegel«- und »Stern«-Redakteure und -Anzeigenkunden. Wer das Doping erbarmungslos geißelt, muss keine Anzeigenverluste befürchten. Aber wie steht’s bei Alkohol- und Zigaretten-Reklame? Und warum zeigen diese Publikationen nur Sympathie und Verständnis für Trinker und Raucher, Drogenabhängige und Aids-Infizierte? Sympathie und Verständnis hätte auch die den Journalisten fernere Risiko-Gruppe der Sportler – vor allem die aus der Ex-DDR – verdient, denn diese steck(t)en in einem schlimmen Dilemma der Abhängigkeit von heuchlerischen Funktionären und Sportpolitikern, die jetzt scheinheilig Untersuchungskommissionen fordern.
Sympathie und Verständnis für gedopte Sportler zu haben bedeutet nicht, Straffreiheit oder gar Freigabe von Anabolika zu fordern. Und damit sind wir zu guter Letzt auch noch bei Sartre und den Stones gelandet: Sartre konnte als Philosoph nicht existieren, ohne hochgradig gedopt zu sein. Er schluckte die Dopingliste rauf und runter, vorher konnte er keinen Satz von Belang formulieren. Dennoch kommt kein Mensch auf die Idee, die Werke Sartres wegen Dopings für ungültig zu erklären. Auch die Musik der Stones bleibt gültige Pop-Klassik, obwohl sie zum Teil im Drogen-Rausch entstanden und somit nach den Richtlinien des Sports hinfällig ist. Ben Johnsons 9,79 Sekunden wurden aber dennoch zu Recht für ungültig erklärt. Denn man darf gedopt denken und singen, aber nicht laufen und springen. Das ist scheinbar paradox und nur gerecht, denn im Sport gibt es einen direkten Transfer zwischen Spitzen- und Breitensport. Keine Mutter verbietet ihrer Tochter das Blockflötespielen, weil Jimmy Hendrix drogensüchtig war, aber viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr zum Sport, weil der Sport ins Gerede gekommen ist. So gesehen bietet der unheile Sport in einer noch viel unheileren Welt aber auch als Spitzensport mehr Chancen als Risiken. Immerhin. (gw)
Rubriken
- gw-Beiträge Anstoß (466)
- gw-Beiträge Kultur (73)
- Henni Nachtsheim SGExtra 08/09 (31)
- Henni Nachtsheim SGExtra 07/08 (17)
- Mein Eintracht-Tagebuch (21)
- Sport-Leben (4)

