Archiv für den 23. September 2009

30 Jahre Sport-Stammtisch: Ver-rückte Sportgeschichte/n (27./Das Sportsystem der DDR und die Vergesslichkeit)

In Kürze zu feiern: 20. Jahrestags des Mauerfalls. Anläßlich solcher Jubiläen wird oft gefragt, was von der DDR bewahrenswert sei. Häufigste Antwort: das Sportsystem. Triumph der Vergesslichkeit? Dagegen setzen wir noch einmal unsere Argumente vom 2. Oktober 1990 anlässlich der Wiedervereinigung, als schon damals erste Rufe nach »Hinüberrettung« des DDR-Sportsystems laut wurden. Titel und Fazit: Bitte keine Wiederbelebungsversuche! Es folgt der Originaltext.

Veröffentlicht von gw am 23. September 2009 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kein Kommentar vorhanden »

Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 23. September 2009

Liebes Eintracht-Tagebuch,
heute ist mir urplötzlich bewusst geworden, dass es eine starke Ähnlichkeit zwischen meinem Kleiderschrank und meinem Seelenleben gibt. Als ich nämlich ersteren nach längerer Zeit mal wieder aufgeräumt habe, musste ich feststellen, dass ich neben ziemlich vielen neueren Kleidungsstücken auch noch einige alte Klamotten habe. Erinnerungsstücke, Geschenke, bestimmte Bühnenoutfits usw.
Und so ähnlich sieht es auch in mir aus. Ich habe überwiegend neue Gefühle, die natürlich vor allem mit Älterwerden und Erwachsenendasein zu tun haben. Zum Beispiel, das Gefühl, dass ich ständig noch dies und jenes erledigen muss und nix vergessen darf! Oder dieses alles immer hinterfragen zu müssen. Und sich ständig um alles Sorgen machen, gehört auch dazu. Natürlich gibt es auch schöne neue Gefühle, aber wenn man erst einmal erwachsen ist, gibt es eben automatisch ziemlich viele von der eben beschriebenen Art.
Und deswegen bin ich froh, dass ich auch noch ein paar von diesen alten Gefühlen habe! Denn die haben mit unbekümmerter Jugend zu tun! Wenn ich z.B. hellblaue Autos sehe, denke ich automatisch an meinen ersten VW-Bus, den ich seinerzeit mit hellblauem Heizkörperlack angestrichen habe. Ohne dass ich das steuern kann, rieche ich plötzlich wieder diesen Lack, und fühl mich wie Achtzehn. Oder ich höre diese Beatlesballade, und schon tanze ich im Geiste mit Ute aus Götzenhain in meinem Zimmer Blues. Und sobald irgendwo Vögel zwitschern, will ich sofort zu diesem kleinen Bolzplatz im Wald rennen! Als ich am Sonntag vor dem Spiel gegen den HSV auf das Stadion zugelaufen bin, fiel mir noch so ein altes Gefühl wieder ein. Ein unglaublich gutes, und es hatte mit der Eintracht zu tun! Es gab nämlich eine lange Zeit in meinem Eintrachtfanleben, da hatte ich nie, und zwar wirklich NIE Angst vor den Heimspielen! Was nicht heißen soll, dass es nicht auch damals schon mal ab und zu auch üble Packungen gab. Aber jeder von uns Fans wusste, dass die Eintracht immer genügend Potenzial und Willensstärke hatte, um an einem halbwegs guten Tag jeden zu schlagen. Die Bayern z. B. kamen immer als Favorit…nur genutzt hat ihnen das oftmals überhaupt nichts. Wenn meine Kumpels und ich durch den Wald zum Stadion gelaufen sind, dann immer voller Optimismus. Gut, zugegeben, wir haben alle immer noch mal kurz an diesen einen bestimmten Baum gepinkelt (was der übrigens erstaunlich lange gut weggesteckt hat) und danach stets am selben Bratwurststand unsere persönliche Glückswurst gegessen. Aber das waren nur zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen. Denn tief in uns hatten wir immer den Glauben, dass die Eintracht für uns alle zu Hause gewinnen will.
Dieses Gefühl liebes Tagebuch, war in den letzten Jahren tief in meinem Seelenleben verschollen. Was nicht heißen soll, dass meine Liebe und Loyalität zur Eintracht deswegen nachgelassen hätte, das nicht. Eintrachtfan zu sein, ist ja eine Art »Grundgefühl«. Aber dieser feste Glaube daran, dass wir zumindest daheim jeden »putzen« können, der war zuletzt weg. Zu viele halbgare Heimspiele, zu oft zu viel Respekt vor dem Gegner haben meine unbeirrbare Zuversicht irgendwann in banges Hoffen umgewandelt. Nun wirst Du mich vermutlich fragen, warum ich dann so lange zu Friedhelm Funkel gehalten habe. Aber das ist Quatsch, denn auch unter seiner Regie gab es gute und starke Selbstbewusstseinsphasen! Nur ist das irgendwann allen abhanden gekommen. Wie wenn ein Virus ein ganzes Dorf schwächt.
Aber diese Saison hätte das Zeug dazu, dass dieses schöne alte Gefühl wieder kommen könnte, wenn auch erst mal nur andeutungsweise. Natürlich war das HSV-Spiel kein wirklich gutes. Zwei Torchancen sind nicht gerade ein Indiz für überlegenen Angriffswirbel. Aber was mir gefallen hat, war dieser spürbare Wille der meisten Spieler. Ihr Zweikampfverhalten, vor allem in der Abwehr. Ich habe mitgefiebert wie lange nicht mehr, ich habe gute Aktionen beklatscht wie lange nicht mehr und ich hätte mich im Falle eines zweiten HSV-Treffers übergeben wie lange nicht mehr. Das war tatsächlich so ein ganz bisschen wie früher.
Dass ich danach meinen Wagen mit hellblauem Heizungskörperlack gestrichen habe, war zugegebenermaßen eine Art »retrobedingte Übersprungshandlung«. Und angesichts der Tatsache, dass es ein Leasing-Fahrzeug ist, nicht wirklich zu Ende gedacht. Aber so ist es halt, wenn man sich nach alten Gefühlen sehnt. Liebes Eintracht-Tagebuch, ich will nicht vermessen sein, aber ein Weiterkommen im Pokal und ein Sieg gegen die angeschlagenen Stuttgarter wären diesbezüglich ein Schritt in die richtige Richtung, nämlich in die von besseren Zeiten. Und ich glaube, mit diesem Wunsch steh ich nicht wirklich allein … In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 23. September 2009 .
Abgelegt unter: Mein Eintracht-Tagebuch | Kein Kommentar vorhanden »

Archiv

September 2009
M D M D F S S
« Aug   Okt »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  
-->

Mittelhessenkrimi von gw