Archiv für den 16. September 2009
30 Jahre Sport-Stammtisch: Ver-rückte Sportgeschichte/n (26./Johnson und der Super-GAU)
Am Abend des 26. September 1988 platzte in Seoul die Bombe: Sprint-Olympiasieger Ben Johnson gedopt! Der Super-GAU des Sports kam zu spät für die meisten durchweg überraschten Zeitungsredaktionen, um dem Anlass entsprechend angemessen zu reagieren. Unsere Leser dagegen staunten, dass wir tags darauf eine Sonderseite mit ausnahmslos eigener, ausführlicher Kommentierung im Blatt hatten. Grund: Wir waren nicht überrascht, denn »gw« hatte im Vorfeld der Olympischen Spiele schon im Juli eine Titelgeschichte für die evangelische Wochenzeitschrift »Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt« (DAS, heute: »chrismon«) geschrieben. »Das Stück Aufklärung war für den Sportanteil gedacht, doch bei der Lektüre drängte es spontan auf die Titelseite« war im DAS-Editorial zu lesen, da die Redaktion die Brisanz erkannt hatte. In den Zeitungs-Redaktionen aber kam die damals provozierende Botschaft im Titel noch nicht an, die später zur Binsenwahrheit wurde: »Fast jeder dopt, und keiner gibt’s zu.«
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gw am
16. September 2009 .
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Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 16. September 2009
Liebes Eintracht-Tagebuch,
heute möchte ich dir von einer interessanten Begegnung erzählen. Als ich nämlich vor ein paar Tagen auf einer kleinen Autobahnraststätte nahe der Wetterau nach dem Tanken im pickepacke vollen Restaurant einen Kaffee trank, fragte mich jemand, ob der Platz an meinem Tisch noch frei sei. Ich nickte, und ein Typ in Handwerkermontur, ca. Mitte 30, mit einem breiten, freundlichen Grinsen im sonnengegerbten Gesicht, setzte sich zu mir.
Als er sein Glas zum Trinken ansetzte, fiel mir plötzlich ein außergewöhnlich großer, silberner Ring mit einer aufwendigen Gravur an seiner ölverschmierten Hand auf. »Das ist aber kein Ehering, oder?«, fragte ich, um mich auch schon im nächsten Moment über meine Distanzlosigkeit zu ärgern. Allerdings schien es ihn eher zu freuen, dass ich ihn auf das auffällige Stück angesprochen hatte.
»Naa, den hab ich gewonne! In Bulgarien – is echtes Sterlingsilber!« »Wow, gewonnen! Darf ich fragen bei was?« »Ja klar, beim Berg nuffmache!« Als er meinen fragenden Blick sah, klärte er mich auf. Er erzählte mir von einem alljährlich stattfindenden und ausgesprochen speziellen Bergsteigerwettkampf im bulgarischen »Rilagebirge«, bei dem tatsächlich jeder mitmachen dürfe. Ziel sei einfach, den Gipfel des landeshöchsten Berges namens »Mussala« zu erreichen, und zwar egal wie! Es gäbe keinerlei Auflagen, keinerlei Regeln und keinerlei Nachweispflicht bergsteigerischer Erfahrungen. Jeder könne mitmachen.
»Da warn über 500 Teilnehmer aus der ganzen Welt! Von dene Profis mit ihren superteuren Ausrüstunge bis hin zu Bauern auf ihren Mulis! Des Einzische was zählt, ist, wer zuerst obbe ankommt – fertisch!« Auch wenn ich mir das als ein mit Gesetzen, Vorschriften und Regeln aufgewachsener Deutscher nicht gleich so recht vorstellen konnte, faszinierte mich die Geschichte.
Ich deutete neugierig auf den Ring. »Und Sie haben gewonnen?« »Naa, des net. Die ersten Plätze habbe sich die gestopften Jungs mit ihre Luxusausrüstungen geschnappt. Die hatte aber werklisch auch alles dabei. Edelstahl-Schraubkarabiner, zwölfzackische Allroundeisen zum unner die Schuhe montiern, dreifach verschweißte Seilbinden mit besonders hohem ›Save-Faktor‹, was immer des aach heißt – aaner hatte sogar einen von de NASA entwickelten Brustschutzkorb! De Hammer!« »Und mit was für einer Ausrüstung sind Sie da hoch?«»Ei mit dene Sache, mit denen ich sonst bei mir in de Geschend, also im Raum Ortenbersch, wandern geh. Damit ging’s aach!« »Und wievielter sind Sie geworden?« »Ei Vierter.« »Im Ernst?« »Ja, wenn ich’s doch sach. Ich mein, natürlich bin ich technisch net so gut wie die annern, mittedrin hab ich aach Fehler gemacht – ich weiß ja selber, dass ich mich noch verbessern kann. Aber dadefür hab ich Bock gehabt, und immer dran geglaubt, dass ich des auch ohne die ganze Sache pack. Und des hat ja unnerm Strich auch geklappt!«
Liebes Tagebuch, ich war beeindruckt! Sich mit bescheidenen Mitteln gegen die mit der extra teuren Spezialausrüstung zu behaupten, das war eindeutig der Beweis, dass zumindest manchmal ein großer Wille stärker sein konnte als dicke Kohle. Wie auch immer, als wir kurz drauf beide draußen neben seinem kleinen Transporter standen, sagte ich ihm, wie großartig ich das alles fand und dass ich ihm nachträglich von ganzem Herzen gratuliere. »Des is nett«, antwortete er bescheiden.
Ich deutete auf den Aufkleber mit dem mir so vertrauten Adler auf der Hecktür. »Auch Eintracht-Fan?« Er nickte grinsend. »Und, wie geht’s aus gegen Hamburg?« fragte ich ihn. Natürlich kannte ich seine Antwort – nämlich, dass mit der richtigen inneren Haltung alles möglich sei. Erwartungsvoll nickte ich ihm zu. »Was soll ich Ihne sagen, des wird brutal schwer. Ein Punkt, mehr wird net drin sein!« Dann stieg er ein und fuhr los.
Wenn auch enttäuscht, spürte ich trotzdem sofort, dass er recht hatte. Und dass es vollkommener Quatsch war, aus seiner Bergbesteigungsgeschichte eine Art »Eintracht-Metapher« basteln zu wollen. Den Kopf über mich selbst schüttelnd, lief ich zu meinem Auto, als er plötzlich noch mal neben mir hielt. »Annererseits hätt ich in Bulgarien auch net gedacht, dass ich des so gut pack! Tschö!« Dann verschwand er in Richtung Autobahn. In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
Veröffentlicht von
Henni Nachtsheim am
16. September 2009 .
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