Archiv für den 2. September 2009

Eintracht-Tagebuch - Eintrag vom 2. September 2009

Liebes Tagebuch,
gestern habe ich etwas sehr Ungewöhnliches erlebt! Ein Freund namens Steffen, den ich lange nicht gesehen hatte, rief mich an, um mir freudestrahlend zu erzählen, dass ihm an der Börse trotz allgemeiner Finanzkrise ein Megadeal gelungen sei, der ihn bis zum Lebensende mehr als saniert habe. Dann lud er mich ein, ihn in seinem nagelneuen Zuhause zu besuchen. Der Zusatz »Das hier wird jemandem wie Dir besonders gefallen!« machte mich neugierig, also fuhr ich zu ihm. Spätestens, als ich auf seinem riesigen Anwesen eintraf, begriff ich, warum er so weit außerhalb der Stadt gebaut hatte. Woanders hätte es in dieser Größenordnung gar kein Grundstück gegeben. Beeindruckt hielt ich vor einem imposanten, schlossartigen Gebäude. Ich hatte noch nicht den Motor abgestellt, als mir ein Mann in einer schmucken roten Uniform entgegensprang, um mir höflich aus dem Wagen zu helfen. Das Gesicht des Mannes kam mir bekannt vor
»Sagen Sie, sind Sie nicht…Raphael van der Vaart?« »Jo, dat bin ick!« antwortete er mir. Liebes Tagebuch, Du kannst Dir vorstellen, wie verblüfft ich war. »Was machen Sie denn hier?« »Ick hab ne Vertrag untersrieben! Haben Sie Gepäckje?« »Nein«, stammelte ich und lief irritiert zur Eingangstür.
»Kapier ich nicht… der war doch gestern noch bei Real Madrid…« murmelte ich, als mir auch schon jemand die Tür aufmachte. »Hey Sir, come in, you’re welcome!« Auch das Gesicht dieses Butlers kannte ich. Fassungslos starrte ich ihn an. Das war Wayne Rooney! Ich verstand gar nix mehr! Kurz darauf befand ich mich in einer riesigen Hausbar. Ich setzte mich auf einen der edlen Platinhocker vor dem Tresen aus Mahagoni, hinter der ein mir mit dem Rücken zugewandter Barkeeper gerade dabei war, einen Cocktail zu mixen.
»Entschuldigen Sie…aber könnte ich vielleicht ein Glas Wasser bekommen?« fragte ich vorsichtig. »Si Senior!« Schon drehte er sich um. »Raúl!« schrie ich aufgeregt. »Sie sind Raúl! Wieso Sie auch? Was macht Ihr denn alle hier…?!« »Na Henni!« hörte ich plötzlich eine lachende Stimme hinter mir sagen«…ich hab doch gesagt, dass Dir das hier gefallen wird?« Grinsend kam Steffen auf mich zu, um mich mit festem Händedruck zu begrüßen. »Hallo Steffen!« sagte ich, »Danke für die Einladung! Tolles Haus, tolles Anwesen. Aber was machen diese Fußballer hier?« »Na was wohl? Sie arbeiten für mich.« »Van der Vaart, Wayne Rooney und Raúl?!« stammelte ich. »Und die anderen halt. Warte mal..!« Er klatschte laut in die Hände, und schon betrat Ioannis Amanatidis den Raum. »Ama, bitte trommel mal alle zusammen, am Besten im Salon!« Der Grieche nickte nur kurz, um gleich wieder zu verschwinden. »Amanatidis auch?« »Ja! Diese Geschichte mit seinem weggenommenen Kapitänsamt hat mir leidgetan, also hab ich ihn als Personalchef eingestellt! So, und jetzt zeig ich Dir mal den Rest.«
Kurz drauf betraten wir den Salon. »Mein Personal!« sagte Steffen stolz und deutete auf eine ganze Riege von Männern, die sich diszipliniert nebeneinander aufgestellt hatten. »Die in den weißen Jacken sind die Kellner…« Fassungslos starrte ich erst die Männer an, dann ihn. »Messi, Kaka, Frank Lampard und Zlatan Ibrahimovic sind Deine…KELLNER?« »Gut erkannt Henni!« »Und das daneben ist doch Michael Ballack! Wieso trägt der denn diese Gärtnerkluft?« »Weil Gärtner immer gerne mal eine Pause einlegen, also passt das ja!« »Wow…und Thierry Henry ist auch da. Warum im gelben Dress?« »Er ist mein persönlicher Postbote. Du weißt ja, wie schnell er immer noch ist!« Ich rieb mir erneut verwundert die Augen.
»Was macht denn Caio hier? Und wieso hat er als Einziger einen Trainingsanzug an?« »Ich hab ihn zum Fitnesstrainer gemacht. Und zwar für alle. Jetzt hat er gar keine andere Wahl, als ständig zu trainieren!« »Aha! Und wie kommt Arjen Robben hierher? Ich dachte, der wäre bei Bayern?« »Jetzt nicht mehr!« Steffen grinste breit. »Er versorgt hinten in meinem Privatzoo die Seelöwen. Ich weiß, Robben füttert Seelöwen…ein alberner Kalauer, aber das musste sein. Allein schon, um Uli Hoeness zu ärgern!«
Ich merkte, dass mich das Ganze leicht überforderte. »Steffen, kannst Du mir das alles bitte mal erklären? Wieso hast Du denn all diese sündhaft teuren Fußballer zu Deinem Personal gemacht?« »Ganz einfach! Dieser Einkaufsgrößenwahn der letzten Jahre hat mich irgendwann nur noch genervt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten mal eben zig Millionen für Spieler auszugeben, als wäre es gar nix, hat mich als Fußballfan nur noch angekotzt. Also hab ich sie den Vereinen einfach alle weggekauft und ihnen ihre Gehälter verdoppelt, damit sie auch bleiben. Ja, und jetzt geht’s mir besser, weil ich mich nicht mehr so ärgern muss!«
Nachdenklich musterte ich ihn. Denn Größenwahn mit Größenwahn zu begegnen, erschien mir nicht wirklich plausibel! Dann fiel mir etwas auf, und ich feixte ihn an. »Aber einen hast selbst Du nicht bekommen…« Er feixte zurück. »Doch, hab ich. Guck mal aus dem Fenster…« Ich tat, was er sagte. Und tatsächlich…im Hof stand, in einem wasserfesten Overall, Christino Ronaldo, und wusch mein Auto!
Einige Stunden später standen wir neben meinem blitzeblanken Wagen, um uns zu verabschieden. Plötzlich schlurfte ein gebeugter Mann in zerfetztem Gewand um die Ecke, der etwas offensichtlich sehr Schweres auf seiner Schulter trug. Als er näher kam, erkannte ich, wer der Mann war, und auch, was er da mühevoll durch die Gegend schleppte! Ein riesiges rot-schwarzes Kreuz! Steffen kam meiner Frage zuvor. »Ja, es ist Lothar Matthäus. Ich hab ihm nie verziehen, dass er damals Jürgen Grabowski kaputt getreten hat und dass er noch bis vor Kurzem immer nur fiese Sprüche zu dem Thema abgelassen hat. Das hat er jetzt davon. Hab ich mir einfach mal gegönnt…«
Beeindruckt stieg ich ins Auto. Eigentlich hatte ich beschlossen, Steffens angeberische Verschwendungsarie nicht gut zu finden. Aber Lothar Matthäus als Büßer mit einem Eintrachtkreuz - das war definitiv der originellste Spielereinkauf der letzten Jahre! Ich glaube, ich habe die komplette Heimfahrt geheult vor Lachen! Ja liebes Tagebuch, und das musste ich Dir einfach erzählen! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von Henni Nachtsheim am 2. September 2009 .
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