SGExtra: Hilflos in der Warteschleife
Vor ein paar Wochen habe ich morgens, so gegen 10.00 Uhr, bei einer Sanitärfirma angerufen. Eigentlich nur, um kurz die Reparatur eines Toilettenwasserkastens in Auftrag zu geben. Es klingelte dreimal, dann erklang grässliche Fahrstuhlmusik! So eine widerlich weichgespülte Instrumentalversion eines eigentlich ziemlich fetzigen Titels von Green Day. Und als wäre das nicht schon Körperverletzung genug, kroch im nächsten Moment auch noch eine supersonore und extrem schleimige Männerstimme durch den Hörer in mein Ohr, um von dort alienmäßig in mein Gehirn zu krabbeln. »Hallöchen lieber Anrufer. Toll, dass Sie uns angerufen haben! Und noch toller, dass Sie sich für uns entschieden haben! Legen Sie bitte nicht auf. Wir kümmern uns gleich um Sie! Diese Wartezeit ist natürlich gebührenfrei. Der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für Sie da, ja, er freut sich schon auf Sie!«
Angewidert – aber geduldig – setzte ich mich auf einen Stuhl, nippte am Kaffee und lauschte weiter. Kurz drauf begann die Musik, für die man den Produzenten eigentlich guten Gewissens durchaus mal ein paar Monate nach Guantanamo schicken könnte, von vorn, und der Schleimer mit der Pornofilmstimme wiederholte sein gelogenes Gesäusel.
Da es mir aber zum einen mit der Reparatur wirklich dringend und ich zudem neugierig war, wie lange es tatsächlich dauern würde, bis ich einen echten Menschen an die Strippe bekam, beschloss ich durchzuhalten und zu warten. Um die Zeit aber nicht komplett nutzlos verstreichen zu lassen, klemmte ich den Hörer zwischen Ohr und Schulter, und fing an, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Dann den Esstisch. Dann die Küche. Den Flur. Das Bad. Das Wohnzimmer und schließlich mein Auto. Gegen Abend, ich hatte gerade gekocht und gegessen, änderte der Schleimroboter plötzlich seinen Text, sagte auf einmal: »Schade, Sie rufen außerhalb der Geschäftszeit an. Versuchen Sie es doch morgen wieder!« – und weg war er.
Und während ich in den Gelben Seiten dringend nach einem Orthopäden suchte, der mir meinen komplett schiefen Hals wieder richten sollte, verfluchte ich auf das Übelste den Erfinder der Warteschleifen.
Wieso ich das so ausführlich erzähle? Ganz einfach. Weil ich am Samstag, so gegen 17.15 Uhr, wieder dieses Warteschleifengefühl hatte. Denn wie lange diese Saison auch dauert und wie lange ich auch warte – es tut sich nichts wirklich. Wir verlieren konsequent und konstant gegen alle Mannschaften vor uns, schaffen es aber zumindest, alle hinter uns postierten zu schlagen. Die Drehtür zum Spielerlazarett ist unverändert in permanenter Bewegung, denn kaum kommt einer raus, geht der nächste rein! Und auch der Abstand zu den Horrorplätzen der Liga wird weder extrem bedrohlich kleiner noch beruhigend größer.
So geht das schon seit Wochen. Ob ich deswegen irgendwelche Vorwürfe in mir spüre? Vielleicht unterbewusst? Nein! Diese Saison war einfach nicht besonders nett zu unserer Eintracht. Und so was hinterlässt irgendwann Spuren bei allen Beteiligten. Mental und körperlich.
Die Mannschaft hat sich gegen Dortmund durch die Partie geschleppt wie ein angeschossener Cowboy durch die Wüste, der sich zwar alle Mühe gibt, Widerstand zu leisten, bei dem es aber letztlich gerade mal noch zu einem einzigen Schuss reicht, bevor ihm dann kurz vorm Ziel (in diesem Fall einem Unentschieden) doch die Luft ausgeht.
Was uns jetzt bleibt ist einfach die Hoffnung, dass der Cowboy sich bis nächste Woche wieder erholt und mit frischen Kräften (wie zum Beispiel Ochs, Fink oder Inamoto) ins Duell in Hannover geht. Ein Punkt wäre schon hilfreich, drei natürlich noch besser.
Denn die würden uns ziemlich sicher aus dieser scheinbar endlosen Saisonwarteschleife befreien. Deswegen möchte ich an dieser Stelle öffentlich einen Deal anbieten. Sollte uns die Eintracht am Samstag tatsächlich von unseren letzten Ängsten erlösen, verspreche ich, als Gegenleistung und zum Zeichen der Dankbarkeit am Montag dafür noch mal bei dieser Sanitärfirma anzurufen! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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