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SGExtra: “Alte Frankfurter Schule”

Da saßen wir also in diesem Eissalon, und mein Freund Steffen schien überzulaufen vor Vaterstolz. »Ich hätt des nie gedacht, dass mein eigener Sohn mal Psychologie studiert, des ist doch de Hammer! Und was es da alles gibt. Wusstest du, dass die sogenannte Angewandte Psychologie zig Unterstufen hat?«

»Nicht wirklich Steffen!«

»Wahnsinn! Da gibt es die klinische Psychologie, die Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie, zu der wiederum auch die Wirtschaftspsychologie gehört… Dann gibt es die pädagogische Psychologie sowie die Verkehrs-, Medien-, Rechts-, Kultur, Sport- und Umweltpsychologie. Außerdem die politische, die Führungs- und die Gesundheitspsychologie! Ich glaub, des waren alle…«

»Nicht alle… Eine hast du vergessen, Steffen!«

»Was? Welche denn?«

»Die Frankfurter Aufbaupsychologie für schwer Angeknockte!«

»Spinnst du?«

»Nein! Entwickelt wurde sie bereits 1899. Das war das Jahr, in dem ein paar Leute den Frankfurter Fußball-Club Victoria gegründet haben, und das war quasi der Verein aus dem später unsere Eintracht wurde!« Steffen musterte mich mehr als misstrauisch. »Aha… und was soll das für eine Art von Psychologie sein…?«

»Ganz einfach. Die haben damals in der Vereinssatzung festgelegt, dass man Fußballspiele nicht nur bestreitet um zu gewinnen, sondern auch um sie zu verlieren!«

»Was? Was redest du denn da?«

»Ja, denn so könne man anderen Mannschaften in schwierigen Situationen helfen. Und verfassungstreu wie der Frankfurter nun mal ist, haben sich mehr oder weniger alle Spieler, die je ein Frankfurter Trikot trugen, mit bewundernswerter Regelmäßigkeit bis heute an dieses ungeschriebene Gesetz gehalten. Immer wieder gerne mal verlieren gegen vermeintlich schwächere Teams, angeschlagene Tabellenletzte oder Teams, die seit 15 Spieltagen keinen Punkt mehr geholt hatten!«

»Das gilt aber diese Saison nicht! Gegen hintere Teams hat die Eintracht fast immer gewonnen!«

»Das stimmt. Dieses Jahr kümmern sie sich mehr um die neurotischen Patienten aus dem oberen Stockwerk. Schalke z.B. neulich… Die waren so mit ihrem Vereinschaos beschäftigt und so schlecht… Trotzdem haben sie hier gewonnen. In Leverkusen den Bayer-Spielern deutlich überlegen, trotzdem nur einen Punkt gemacht. Dass Bellaid kurz vor Schluss statt ins Tor zu köpfen mit einem megakomplizierten Matrixsprung den Sieg versemmelt hat… Alles traditionelle Nächstenliebe!«

Steffen nickte bedächtig. »Ach so, ich verstehe… Und du meinst gegen Bayern…?«

»Natürlich! Man kommt ins Stadion, die Stimmung gedrückt, auf der Bayernbank graue Wolken um einen künstlich lächelnden Klinsmann. Alle scheiße drauf… Da hat sich das alte rotschwarze Gutmenschgewissen gemeldet, und den Spielern gesagt: Macht erst mal nix. Keine Gegenwehr, keine Konzentration. Wartet einfach, bis ihr zwei, drei Stück gefangen habt… Die Leute hier werden es euch danken! Und vergesst einfach den Abstiegskampf, des passt scho..!«

»Das würde einiges erklären!«

»Sag ich doch!«

»Ja, aber was ist mit Samstag und dem Spiel gegen Gladbach? Die spielen seit Wochen gut, und verlieren trotzdem. Da werden die Eintrachtspieler doch schon beim Einlaufen vor Rührung weiche Knie bekommen!«

»Werden sie nicht!«

»Aha, und was macht dich da so sicher?«

»Ganz einfach…! Ich hab mir über geheime Quellen sämtliche Handynummern der Spieler besorgt. Und dann hab ich jedem kleine Videos geschickt!«

»Was denn für Videos?«

»Zum Beispiel eines, in dem man sieht, wie Lothar Matthäus Jürgen Grabowski so übel foult, dass der danach nie wieder spielen konnte! Und dann noch eines, wie er unseren grandiosen Harry Karger, damals auch Schädel-Harry genannt, ebenfalls berufsunfähig getreten hat!«

»Ich kapiere… Und da war er Gladbacher!«

»Richtig!«

»Und du meinst, das reicht?«

»Sicherheitshalber habe ich ihnen auch noch diese Szene geschickt, wo Frankfurter nach dem Abstieg ihre Trikots in die Fans geworfen haben, und die sie total wütend zurückgefeuert haben…«

»Okay, das müsste reichen!«

»Denk ich auch!«

In diesem Sinne!

Hendrik Nachtsheim

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