Archiv für April 2009
Anstoß (Wer sind die “Elmer Fudds auf Steroiden?”)
Immer nur Klinsmann, Heynckes und die Bayern, immer nur Fußball, Fußball, Fußball – gibt’s nicht auch andere Themen, anderen Sport? Doch. Wir bieten heute ein literarisches Alternativprogramm an. Bitteschön:
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Die Sonne ging unter, und die Männer warfen lange Schatten, die aussahen, als wären sie aus der gleichen schwarzen Tinte wie die Silhouetten auf ihrer Brust. Außerdem zeigten die Männer Speckgürtel, die den Stoff ihrer riesigen Trikots spannten, bis die Silhouetten nur noch flirrenden Flecken glichen, weil die Männer ständig umherrasten.
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Dieser Text ist dem Beginn des ersten Kapitels von »Tender Bar« entnommen, Debüt und Überraschungserfolg des US-Schriftstellers J. R. Moehringer. Der Roman über einen Jungen, der quasi in einer Bar aufwächst, ist jetzt auch als Taschenbuch (Fischer, 9,95 Euro) erschienen. Ich will das Werk hier nicht rezensieren (kann ich auch gar nicht, lese es noch, wirkt bislang warmherzig, anrührend und lohnend zu lesen), sondern als Texträtsel missbrauchen: Welchen Sport treiben diese Männer? Nächster Hinweis:
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Alles an diesen Männern wirkte irgendwie surreal und karikaturenhaft. Mit ihrem spärlichen Haarwuchs, den riesigen Schuhen und überentwickelten Oberkörpern erinnerten sie an Blutos und Popeyes, an Elmer Fudds auf Steroiden, nur mein langer, dünner Onkel Charlie nicht, der wie ein Flamingo mit Knieschaden über das Infield stelzte. Ich weiß noch, dass Steve einen Holzschläger schwang, so lang wie ein Telegrafenmast, und bei jedem Home Run, den er schlug, hing der Ball wie ein zweiter Mond am Himmel.
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Ha! Infield, Home Run – das muss Baseball sein! Oder? Und »Elmer Fudds auf Steroiden«, klar doch, im US-Baseball wird ja momentan ein Star nach dem anderen als Anaboliker geoutet. Aber wirklich Baseball?
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Steve stand auf dem Schlagmal, ein Babe Ruth der Bierliga, scharrte im Staub und knurrte den Werfer an, er möge ihm einen Ball geben, den er zermalmen könne. Der Werfer wirkte verängstigt und vergnügt zugleich, denn Steve blaffte ihn zwar an, grinste dabei jedoch die ganze Zeit. Sein Lächeln war wie das Licht aus einem Leuchtturm – man fühlte sich sofort ein bisschen sicherer.
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Damit wäre die Sache endgültig geklärt. Babe Ruth, die Baseball-Legende schlechthin. Rätsel gelöst. Wir lesen »gelöst« weiter.
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Egal wie das Spiel stand, sie hörten nie zu lachen auf, sie konnten nicht aufhören, und die Fans auf der Tribüne auch nicht. Ich lachte am meisten, obwohl ich den Witz nicht verstand. (…) »Warum sind die Männer so albern?«, fragte ich meine Mutter. »Sie sind eben – glücklich.« (…) Dieses Softballspiel markierte für mich den Beginn vieler Dinge, vor allem aber einer bestimmten Zeit.
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gw am
29. April 2009 .
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SGExtra: Hessisch King Kong
Mögen Sie King-Kong-Filme? Ich total! Sowohl die älteren, noch in Schwarz-Weiß, als eben auch die neueren, in Farbe und mit modernen Special Effects ausgestattet. Aber egal wann ich welche Version auch gucke, ich habe eine ganz bestimmte Lieblingsszene. Und zwar die am Anfang, in der die blonde Frau von den Eingeborenen auf einer Art riesigen Altar festgebunden wird, bis sie vom Chef persönlich, also King Kong, abgeholt wird.
In der Nacht von letzten Freitag auf Samstag habe ich diese Szene sogar geträumt, allerdings leicht verfremdet. Statt der Blondine stand nämlich ein kleiner bibbernder Handkäs auf dem Opferaltar. Die Erde fing an zu beben, große Bäume wurden beiseitegeknickt wie Zahnstocher, und dann kam auch schon das Monster.
Allerdings war das in meinem Traum kein XXL-Affe, sondern eine meterhohe, behaarte und sehr furchteinflößende Maultasche. Die schnappte sich den armen wehrlosen Handkäs und verschwand mit ihm im dichten Urwald, um sich dort über ihn herzumachen.
Warum auch immer ich diese Version ausgerechnet vorm Spiel der Eintracht in Stuttgart geträumt habe, so schlimm ist es ja in der Realität nicht gekommen. Mit ein bisschen Glück und ein bisschen mehr Abgebrühtheit hätte die Eintracht dort sogar punkten können, und das wäre vollkommen in Ordnung gewesen. Und trotz der Niederlage tat es gut, mal wieder angedeutet zu bekommen, was unter besseren Bedingungen – sprich mit komplettem und vor allem gesundem Kader – vielleicht doch in dieser Saison spielerisch möglich gewesen wäre.
Jetzt kommt mit Borussia Dortmund der nächste Brocken. Und obwohl das Spiel erst am Samstag ist, habe ich bereits letzte Nacht schon wieder etwas geträumt, was möglicherweise – ich betone »möglicherweise« – mit dem Spiel zu tun haben könnte.
Wieder stand dieser kleine Handkäs auf dem Opferaltar, und wieder fing der Dschungel an zu beben. Erneut wurden Bäume locker weggeknickt, und schon erschien das Monster. Nur dass es diesmal keine Maultasche, sondern eine überdimensionale gelbschwarze Currywurst war, deren Gesicht eigenartigerweise dem von Jürgen Klopp ähnelte. Doch dann lief es anders als im Traum letzte Woche. Der Handkäs starrte nämlich derart entschlossen in die Augen der Currywurst, dass diese unsicher stehen blieb. Plötzlich trat aus dem Dickicht hinter ihm eine große Menschenmenge hervor, fast alle in rotschwarzer Kleidung, und laute Anfeuerungen schreiend. Doch gerade als der Handkäs sich über die Unterstützung freuen wollte, begann ein kleinerer Teil der Menge ihn auszubuhen und Dinge zu rufen wie »Wir wollen dich kämpfen sehn!« oder »Dein Trainer muss weg!« – was jetzt eigentlich in dieser Szene nicht unbedingt Sinn machte. Und genau in diesem Moment erschien eine große Wolke über der Menge, deren Schäfchenform sich urplötzlich in den Kopf von Alfred Pfaff verwandelte. Und während die rotschwarzen Menschen komplett vor Ehrfurcht erstarrten, schüttelte dieser verständnislos sein Haupt. Mit tiefer Stimme wandte er sich an die Buhfraktion: »Sach ma, tickt ihr eigentlich noch ganz rischtisch? Habt ihr net begriffe, um was es grad geht? Mit eurem saubleede Geschrei werd’s ganz bestimmt net besser sondern schlimmer! Außerdem hat der Handkäs des net verdient, der hat nämlich echt viel Pech gehabt in der letzten Zeit! Also hört jetzt gefälligst uff und schaltet euer Hirn ein! Sonst sorg ich dadefür, dass ab der neuen Saison de Heynckes kimmt!« Dann zog die Wolke langsam weiter, während die Menge sich vereinte, um gemeinsam die schwarzgelbe Currywurst in den Dschungel zurückzujagen! Und da lächelte der Handkäs, weil er auf einmal wusste, dass er kein wirklicher Loser war – und dass es irgendwann demnächst auch wieder bessere Zeiten geben würde! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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Henni Nachtsheim am
29. April 2009 .
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Anstoß extra (Klinsmann/Heynckes)
Heynckes. Darauf muss man erst mal kommen. Aber nach der ersten Überraschung und trotz seines Eintracht-Frankfurt-Desasters – warum nicht Heynckes? Große aktive Namen waren nicht frei, und da Klinsmann schon alles Geschirr zerschlagen hat, kann auch ein seit zwei Jahren im Vorruhestand Lebender nicht mehr viel kaputt machen.
Außerdem bekommt Heynckes nun die einfachste Aufgabe, die ein Bayern-Trainer je hatte: Kein Champions-League-Halbfinale, kein DFB-Pokalsieg, keine Meisterschaft als Muss, sondern nur der verzagte Wunsch der Bosse auf eine Platzierung, die noch zur Teilnahme am großen internationalen Geschäft berechtigt. Bei minimalem Rückstand und einem Heimspiel gegen Gladbach als Start sind das Voraussetzungen, von denen alle Heynckes-Vorgänger nur träumen konnten. Die Latte liegt so tief, die kann er gar nicht reißen.
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gw am
27. April 2009 .
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Ohne weitere Worte
»Always look on the bright side of life!« Ein wundervoller Ratschlag, den jedermann befolgen sollte, sofern äußere Umstände – die Notwendigkeit, Geld zu verdienen etwa – nicht entschieden dagegen sprechen, sofern man also nicht Trainer des FC Bayern München ist und das täglich frisch getunte Grinsegesicht immer bloß nach Marketingtraining made in USA ausschauen kann. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Es ist überhaupt eine Ungeheuerlichkeit des Fußballs, mit welcher Regelmäßigkeit offenherzig die Kündigung eines Menschen gefordert wird. (…) Der Mathematiklehrer in der Pfalz wäre gedemütigt fürs Leben, würden Schüler und Eltern in der großen Pause mit Trillerpfeifen und Sprechchören auf dem Schulhof seine Demission verlangen. (SZ-Magazin)
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gw am
27. April 2009 .
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Montagsthemen
Vom Sommermärchen-Guru zum Watschenmann, aber wenn ihn alle niedermachen, lasse ich ihn hochleben: In der Niederlage zeigt Klinsmann wahre sportliche Größe. Respekt!
Von Klinsmanns Agonie ist die Rede. Ende vorbestimmt, nur noch nicht datiert. Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Beziehungsweise zwei Buchstaben weniger? Agonie, der Todeskampf, hat dieselbe griechische Wortwurzel wie Agon, der Wettkampf. Klinsmann ist ein Wettkämpfer.
Dennoch bleibt das vorläufige nichtamtliche Endergebnis seines Schaffens in München: Klinsmann hat dort alle Hoffnungen enttäuscht und alle Befürchtungen bestätigt.
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gw am
26. April 2009 .
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