Sport-Stammtisch
Mal was ganz anderes. Binnen- oder Inselbegabte. Genannt »Savants«, Wissende. Menschen, die auf einem Spezialgebiet Genies sind, im Alltag aber fast Pflegefälle. Dustin Hoffman spielte in »Rain Man« einen Savant, nach dem Vorbild des heute 58-jährigen Kim Peek, der 12 000 Bücher auswendig aufsagen kann. In dieser Woche staunte Deutschland über Daniel Tammet, ein Sprach- und Zahlengenie. Tammet lernte Deutsch in einer Woche, er spricht zehn Sprachen, zählt die ersten 22 514 Ziffern der Kreiszahl Pi auf und sagt, dass er viele beste Freunde hat. Sehr viele. Die Primzahlen.
Für Neurologen bieten Menschen wie Tammet die Möglichkeit, das Rätsel genialer Leistungen besser zu erforschen. Fehlende oder kaum vorhandene Verbindung beider Gehirnhälften scheint eine Rolle zu spielen, doch das will und kann ich mangels Wissen hier nicht vertiefen. Widerlegen will ich aber, Tammets phänomenales Zahlengedächtnis beruhe darauf, dass Zahlen für ihn Gestalt und Farbe besitzen. Haben sie für mich nämlich auch: Die Sieben ist gelb und groß, die Zwei schwarz und klein, die Fünf knallgrün, und natürlich ist die 16 rot und die 33 schwarz. Aber von Pi kann ich mir nicht mal die dritte Stelle hinter dem Komma merken. Woran liegt es, dass auch ich viele Zahlen mit Farben verbinde, bis zur 12 mit unterschiedlich bunten, danach bis zur 36 nur mit Rot und Schwarz, erst ab 37 beginnt die Farblosigkeit? Bin ich ein Savant? Oder war mein erstes Spielzeug eine bunte Spieluhr und mein letztes ein Roulettekessel? Antworten: einmal nein, einmal ja, einmal Antwort verweigert.
Tammet lernt Deutsch ähnlich wie seine Zahlenreihen: Er assoziiert Wörter mit Aussehen und Beschaffenheiten: »Im Deutschen beginnen Wörter, die runde kleine Sachen bezeichnen, oft mit ›Kn‹: Knolle, Knopf, Knospe. Lange dünne Sachen beginnen dagegen oft mit ›Str‹: Strand, Strecke, Strumpf. Straße.« Verblüffend. Mal im Duden überprüfen: Knallkopp, Knastbruder . . . mhmm, aber jetzt: Knirps. Stimmt! Oder: Strafraum, Strahlemann . . . , na ja, doch dann: Streckbett. Stimmt! Drauf wird man lang und schmal, weiß der kleine Savant in mir.
Kit Armstrong ist ein großer Savant. Der 16-jährige amerikanische Knabe (»kn«!) gilt als größtes Pianisten-Talent der Neuzeit, wurde vor zwei Wochen in Hannover und Hamburg umjubelt. Seine Mutter sagt, bis vor wenigen Jahren habe er seinen Kopf beim Schlafen nicht auf ein weiches Kissen gelegt, sondern auf ein mit geschmolzenen Eiswürfeln gefülltes, weil Kits Hirn ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse.
Kit Armstrong? Der Name war mir doch schon mal untergekommen? Nachschauen im Anstoß-Archiv. Ah, hier, vor fünf Monaten erst, und der Anti-Savant hat’s schon fast vergessen: Antworten von Klein-Kit aus einem Interview im SZ-Magazin, gesammelt in unserer Dienstag-Kolumne »Ohne weitere Worte«: »Haben Sie einen besten Freund? – ›Ich habe wichtigere Dinge zu tun.‹ – Aber Sie haben Freunde? – ›Ich habe Menschen, mit denen ich Musik mache.‹ – In Ihrem Alter? – ›Möglich. Ich habe sie nie gefragt, wie alt sie sind.‹ – Warum? – ›Weil Alter keine Kategorie ist, in der ich denke.‹ – Sind Sie nervös? – ›Nein.‹ – Warum nicht? – ›Nervosität ist nicht Teil meines Gemüts.‹« – Nachgereichte weitere Worte: Da laufen einem geschmolzene Eiswürfel den Rücken runter.
Armer Kn-abe.
Es heißt, Inselbegabung sei eine Folge von Asperger, einer milden Form von Autismus. Asperger? Schon meldet sich das löchrige Gedächtnis wieder: Hab’ ich mir das Wort nicht mal notiert? Ich wühle im Zettelkasten für diese Kolumne und finde Asperger unter der Anmerkung: »Einstein/Asperger/Deutschsein/ Sparta/Sohn/sehr interessant /aus Gero-v.-Böhm-Biografie/bei Gelegenheit verwenden.« – Also bitte: Albert Einstein soll erst als Zweijähriger seine ersten Worte gesagt haben, dafür aber gleich einen ganzen Satz: »Die Milch ist zu heiß.« Gefragt, warum er nicht vorher gesprochen habe: »Weil vorher alles in Ordnung war.«
Später schwor Einstein allem Deutschen ab, sprach jahrzehntelang kein deutsches Wort mehr, doch auf dem Sterbebett murmelte er als letzte Worte ein paar deutsche (die die amerikanische Krankenschwester aber nicht verstand).
Auch Einstein war wahrscheinlich Autist mit Asperger-Syndrom, gekennzeichnet durch gestörtes Sozialverhalten und Sprachstörungen in der Kindheit. Verbürgt ist, was er über seinen Sohn Eduard sagte, ein hochintelligentes Scheidungskind: »Ich bin innerlich überzeugt, dass es im öffentlichen Interesse liegt, die Methode der Spartaner nachzuahmen.«
Erfahrene »Anstoß«-Leser wissen Bescheid: Sparta! Aus der Serie »Auf der Suche nach der Seele des Sports« (2003): »Wenn ich so weiter marschiere, bin ich schon bald in Sparta. Aber dort finde ich die Seele des Sports ganz gewiss nicht. Für die Spartaner galten die Menschen als Kriegs- oder Gebärmaschinen, wer dazu nicht zu taugen schien, wurde als Säugling in die Schlucht geschmissen. Beschissen.«
Als Sohn von großen Männern geboren zu werden, ist kein leichtes Schicksal. Man denke nur an Goethes Sohn August. Auf seinem Grabstein in Rom steht: »Goethe filius«, ohne Vorname. Nur Sohn.
Aber Sohn sein kann auch – in folgendem Fall nur scheinbare – Vorteile haben. Vor Jahren saß ich im Frankfurter Waldstadion neben einem berühmten Sportmoderator, der (wie ich) seinen etwa zehnjährigen Sohn mitgebracht hatte. In der Halbzeitpause verschwanden die beiden Jungs, um sich eine Cola zu holen. Ich dachte, das könne ja dauern, bei den langen Schlangen am Kiosk. Aber ruckzuck waren die beiden wieder da. Mit Cola. Wie das? Mein Junge flüsterte mir verblüfft ins Ohr: »Der ist an allen Leuten vorbei und hat gerufen: Ich bin der Sohn von . . . « Den Namen verschweige ich lieber, erinnere mich aber an das Eiswürfel-Gefühl im Rücken.
Tja, da wären wir also doch noch beim Sport gelandet. Oder? Waren wir beim Sport nicht schon von Beginn an? Inselbegabte mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber mit gestörtem Sozialverhalten und der Unfähigkeit, mit dem normalen Leben zurecht zu kommen – war dies vielleicht eine Kolumne über Sport-Savants, deren Wohn- und Spielzimmer Wimbledon oder deren eine Hand die Gottes war? Arme Knaben des Alltags, Genies des Speziellen? Aber Genies! (gw)
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