SGExtra: Vier Fünftel
Als ich Brocken vor exakt vier Wochen zum Frankfurter Flughafen fuhr, von wo aus er in seinen Cluburlaub starten wollte, war er die personifizierte Unsicherheit. »Was mach ich denn, wann mir des da net gefällt?« »Glaub ich nicht, Du hast Dich ausreichend informiert, oder?« »Ja, aber was soll der Typ im Reisebüro mir auch erzähle? Der kann ja schlecht sagen: ›Eigentlich ist des da unne en üble, runnergerobbte Schuppe, en Freund würd ich da net hinschicke, aber was solls, wir sind ja net befreundet, also buchen Sie des!‹« »Nein, aber er wird Dir trotzdem keinen Mist verkaufen, schließlich will er ja, dass Du wieder kommst!« »Hm, ich weiß net …«
So leid mir mein kräftiger Kumpel da auch getan hatte, als er sich zögerlich Richtung Abflughalle trollte, so gespannt war ich jetzt, ihn wieder zusehen. Dann öffnete sich die Schiebetür der Gepäckausgabe, und eine dampfende Menschenmenge quoll nach draußen. Brocken darunter ausfindig zu machen war ungefähr so schwierig, wie einen Grizzly unter lauter Flamingos zu entdecken, denn zum einen ist er ungefähr doppelt so breit wie das Gros seiner Mitmenschen, dazu kommt sein stets knallroter Bluthochdruckkopf, mit dem er sich auf jeder Wanderbaustelle locker als Warnsignal was nebenbei verdienen könnte, und als ob das nicht reichen würde, trug er auch noch ein für ihn viel zu enges – oder sagen wir – die Taille extrem betonendes Eintracht-Trikot!
Bis zum Auto hielt ich noch aus, dann platzte meine Neugier aus allen Nähten. »Sag schon, wie war’s?« Für einen Moment schien er zu überlegen, vielleicht wollte er es auch nur spannend machen. Dann aber nickte er, was soviel wie Erzählbereitschaft signalisieren sollte. »Also, es fing super an – die ersten vier Fünftel waren de Hammer! Jede Menge Spaß und gute Laune. Die Animateure waren druff, die Urlauber waren druff, und ich natürlich auch. Hier, ich war so was von
euphorisch, ich hab sogar auf em Tisch mit so ‘ner Stange getanzt!« »Du hast Tabledance gemacht?!« »Sagen mer ›Stangedance‹ – de Table hat net lang gehalte. Ich sag Dir, des ging so was von ab! Einmal war ich so abgefüllt, dass ich mitten in der Nacht eine Luftmatratze geklaut hab, auf der ich dann losgepaddelt bin, um zur nächsten Insel zu komme!« »Um Gottes Willen, mitten in der Nacht aufs offene Meer! Du hättest absaufen können…!« »Na ja, de Kinderpool is ja jetzt net in dem Sinne offenes Meer – auf jeden Fall hab ich nach en paar Tagen schon gedacht, ich will gar net mer fort. Entertainment pur, schöne Mädscher, super Essen, obergeile Cocktails usw. Ich hab mich lang net mehr so gut gefühlt wie in de erste vier Fünftel.«
»Und wieso sagst Du dauernd ›vier Fünftel‹?« »Weil die letzten Tage einfach net mehr so gut waren. Die Animateure ham nachgelasse, es Esse, die Cocktails – selbst die Mädscher. So, als wär irgendwie die Luft raus. Es Beste wär gewese, es wär exakt nach em vierte Fünftel fertisch gewese, dann wärs der perfekte Urlaub gewesen!« »Hm, das tut mir leid!« »Wieso, des musses doch gar net! Ich sag ja net, dass es net gut war, ich sag nur, die letzten Tage waren net doll. Insgesamt hab ich eine Menge Spaß gehabt, also ich bin jetzt auch net unzufridde!«
»Würdest Du denn noch mal hinfahren?« »Was heißt hier ›würdest Du?‹ Weißt Du eigentlich, wie viele blöde Urlaube ich in den letzten Jahren verbracht habe? Natürlich fahr ich da wieder hin, ich hab von da aus schon gebucht!«
Für den Rest der Fahrt schwiegen wir. Ich dachte über das nach, was er mir erzählt hatte. Irgendwie mochte ich seine Einstellung. Und seine Fähigkeit, wegen ein paar blöder Tage nicht gleich alles nur schlecht zu machen, sondern sich auch an die vielen guten Momente erinnern zu können. Schließlich hielten wir vor dem Haus, in dem er wohnte. Grinsend hielt er mir die Hand entgegen. »Also, dann Danke fürs Abholen!« »Gern geschehen. Eine Frage hab ich noch, bevor ich’s vergesse: Wollen wir eigentlich am Wochenende noch mal raus zum Spiel gegen Duisburg?« Brocken starrte mich an, als hätte ich ihm gerade gestanden, seinen Vater heiraten zu wollen. »Willst Du mich verarsche? Des is der Saisonabschluss! Natürlich gehen mer dahie, ich bin sicher, dass des noch mal en super schöne Samstagnachmittag wird!« »Und die Tatsache, dass die Eintracht sich im Niemandsland der Tabelle befindet, stört Dich nicht?« »Quatsch! Peter Pan kam auch aus dem Niemandsland und hat irgendwann trotzdem ne Menge erreicht!«
Sprach’s, schwang sich mit der Eleganz eines glücklichen Wals aus meinem Auto, schnappte sein Gepäck aus dem Kofferraum, um dann noch mal urplötzlich in meinem offenen Seitenfenster aufzutauchen. »Und am Montag bestell ich meine Dauerkarte für die nächste Saison! Weil weißte was, selbst wenn Du mich fürn naives Deppsche hälst, da freu ich mich jetzt schon druff wie die Sau!« Fasziniert schaute ich ihm hinterher, bis er in der Haustür verschwunden war. »Dann bin ich auch ein naives Deppchen« – hörte ich mich murmeln, »ich freu mich nämlich auch schon.«
In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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