SGExtra: Versprochen ist versprochen
»Hör gut zu, mein Bub! Wenn du jetzt für mich einkaufen gehst, und dann noch die Hofeinfahrt fegst, bekommst du was so Schönes, wie du es noch nie bekommen hast! Das verspreche ich dir – und zwar hoch und heilig! Davon wirst du ein Leben lang etwas haben!«
Ich weiß noch, wie ich in einer Mischung aus Faszination, Neugier und Gutgläubigkeit an den Lippen der Witwe Kohl hing, die ein Stockwerk über uns wohnte. Eigentlich war ich zum Kicken verabredet, und eigentlich hasste ich Einkäufe machen genauso wie Einfahrten kehren. Aber dieser unglaublich vielversprechende, ja beschwörende Ton in ihrer Stimme, und die Aussicht auf etwas unfassbar »Schönes« benebelte meine Sinne dermaßen, dass ich alle Abneigungen vergaß, um wie unter Hypnose ihren Wünschen nachzukommen.
Als alles getan und erledigt war, stand ich aufgeregt in ihrem Wohnzimmer. »Und jetzt mache ma die Augen zu!« Innerlich bebend, versuchte ich mir auszumalen, mit was sie gleich mein Leben für immer in eine bessere und sonnige Zukunft lenken würde. War es einfach ein dicker Stapel Bargeld aus ihrem Küchensafe, war es Schmuck, die Überschreibung ihrer diversen Häuser, oder würde ich einfach nur ab sofort ihr künftiger Alleinerbe sein? Dann hieß es »Augen auf« und vor mir stand ein Hund! Genauer gesagt ein Deutscher Schäferhund. Ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel, aus Porzellan und ohne Zweifel das Hässlichste, was ich bis dahin je gesehen hatte. »Der begleitet Dich ein Leben lang, glaub mir des!« Was definitiv nicht stimmte, denn bereits wenige Minuten später löschte ich das kitschige Hundeporzellanleben eiskalt aus, indem ich das Ding unter die breiten Reifen eines vorbeifahrenden Lasters warf.
Mittlerweile ist dieses Ereignis lange her, und ich habe es einfach in dem dicken Lebensordner mit dem Etikett »Nicht gehaltene Versprechen« abgeheftet. Neben politischen Wahlprogrammen, Reiseprospekten, Speisekarten, Werbespots, Immobilienanzeigen oder Sätzen wie »Die Rente ist sicher!« und »Ich bin immer für Dich da!«
Das Nichteinhalten vollmundiger Ankündigungen gehört in unserer Gesellschaft nun mal dazu. Und auch im Fußball gibt es jede Menge davon. Von »Der Trainer steht auf gar keinen Fall zur Diskussion« über »Diese Fehler werden wir abstellen« bis zu »Das war das letzte Mal, dass ich einen Gegenspieler krankenhausreif abgegrätscht habe!« Der Verein, gegen den die Eintracht am Freitagabend antritt, und den ich eigentlich von Kindheit auf sehr mag, ist auch so etwas wie ein nicht eingehaltenes Versprechen, zumindest in den letzten Jahren!
Denn Borussia Dortmund behauptet eigentlich immer, ein Spitzenverein zu sein, selbst in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft. Die teure Mannschaft verspricht zu erwartende Topleistungen, das gigantische Stadion suggeriert große Champions-League- und Weltpokal-Abende, und die Macher kündigen mittlerweile schon seit mehreren Jahren die baldige Wiederzugehörigkeit zur Beletage an, während sie in Wirklichkeit die traditionellen Werte des Vereins immer tiefer in den gelbschwarzen Katakomben unter dem Stadion vergraben. Die Einzigen, die in Dortmund halten was sie schon immer versprechen, sind die Fans, die nicht nur für riesige Besucherzahlen und beeindruckende Stimmung sorgen, sondern auch zeigen, wie leidensfähig loyale Menschen sein können.
Betrachtet man so die letzten Spielzeiten, hat Borussia diese Fans eigentlich gar nicht verdient, zumal sie dem kollektiven Bedürfnis einer ganzen Region vor allem charakterlich fast nie wirklich gerecht geworden ist! Hätte die Mannschaft, die im Laufe dieser Saison so oft seelenlos und ohne wirkliches Aufbäumen gespielt hat, am Samstag das Pokalfinale gewonnen, so wäre das zwar lindernder Trost für alle Anhänger gewesen, die Freudentränen hätten aber gleichzeitig auch den Blick auf die Realitäten verwässert und die Verantwortlichen in einem besseren Licht dastehen lassen als sie es verdient haben.
Damit man mich bitte nicht falsch versteht: ich gönne gerade diesem Verein, dessen Uefa-Cup-Fights mich noch vor gar nicht so langer Zeit begeistert haben, durchaus eine bessere Zukunft! Es würde mir allerdings reichen, wenn sie die erst ab der neuen Saison einleitet, zumal unsere Eintracht ja ihrerseits auch noch ein Versprechen einzulösen hat. Denn mit dem Spiel gegen die Bayern hat sie uns nicht nur deutlich spielerische und moralische Besserung gezeigt, sondern auch unseren Glauben genährt, dass sie die meisten der anderen Teams an einem guten Tag besiegen kann! Außerdem würde das unser leicht größenwahnsinniges Hoffen auf so was wie den UI-Cup irgendwie noch am Leben halten. Und mal ganz ehrlich: egal wie realitätsfremd das vielleicht auch sein mag – Spaß macht es allemal! In diesem Sinne!
Hendrik Nachtsheim
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