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Sport-Leben, Teil 4 und Schluss (mit Anhang April 2005)

Ich stehe auf der Klobrille, auf Zehenspitzen, reiche bis zur Nasenspitze an das kleine Toilettenfenster und blicke auf die Straße. Ich bin sechs Jahre alt, habe Stubenarrest und schaue sehnsüchtig den Kindern beim Fußballspielen zu. Nicht nur wegen des Stubenarrestes kann ich nicht mitspielen. Dürfte ich auf die Straße, würde ich dem Fußballspielen nur räumlich näher kommen, denn die älteren Kinder dort draußen lassen keinen Sechsjährigen mitspielen, und wenn Sechsjährige mitspielen dürften, würden mich die Älteren dennoch nicht mitspielen lassen, weil ich noch nicht gut genug Fußball spiele. Ich weiß zwar, ich werde älter werden, besser Fußball spielen und die Zeit der Stubenarreste hinter mir lassen. Aber würde das Leben leichter, wenn ich sieben, acht oder gar neun Jahre alt bin? Nein.
Der Sechsjährige auf der Klobrille, der auf Zehenspitzen mit sehnsüchtigen Augen aus dem Toilettenfenster schaut, läßt seine Gedanken wandern, während die älteren Kinder auf der Straße begeistert und verbissen-ernsthaft Fußball spielen. Wie oft hat er hören müssen, wie gut Kinder es doch haben. Erst als Erwachsener werde er den Ernst des Lebens kennenlernen, jetzt sei alles nur Spaß.
Wenn die Erwachsenen ihm dies mit herablassender Freundlichkeit versichern, wird ihm angst und bange, und er würde ihnen am liebsten gegen das Schienbein treten. Die haben ja keine Ahnung, keine Ahnung mehr, denn als Kinder müssen sie doch selbst gewußt haben, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Oder wird das Erwachsensein tatsächlich noch schlimmer als das Kindsein?
Ich, der Junge auf der Klobrille, nehme mir fest vor, diesen Augenblick und diese Gedanken nie im Leben zu vergessen: Klobrille, Toilettenfenster, Stubenarrest, die Kinder auf der Straße, das Wissen, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Und das Wissen, daß Erwachsene nicht die geringste Ahnung haben, welche Gedanken Kinder sich machen, und wieviel mehr sie vom Leben verstehen, als die Erwachsenen sich vorstellen können.

Ein Jahr später bringe ich mein erstes Zeugnis nach Hause. Meine Mutter wundert sich, daß ich traurig bin. Steht der Junge unter Schock? Hat man ihn zu überschwenglich gelobt, wirkt er daher so verstört? Sie weiß, daß im Zeugnis die Gesamtnote >>Sehr gut<< steht, sie weiß sogar vom Direktor, daß ihr Sohn der beste Erstklässler dieser Schule ist. Aber sie weiß nicht, daß ich nach der Schule zuerst auf den Fußballplatz unseres Vorstadtviertels gelaufen bin.
In späteren Jahren wird man solche Stadtteile >>Problemzonen<< oder >>Brennpunkte<< nennen. Mir ist nicht bewußt, daß wir zusammen mit anderen >>Ausgebombten<< sowie >>Flüchtlingen<< aus dem Osten in einer für ehrbare Gießener Bürger etwas anrüchigen Gegend im Norden der Stadt wohnen, die von einer >>Schlammbeißer<< geschimpften Unterschicht beherrscht wird.
Ich will nur Fußball spielen. Mit den älteren Kindern. Bei gleichaltrigen oder gar jüngeren fühle ich mich fehl am Platz.
Ich liebe schlechtes Wetter, denn dann kommen weniger Kinder auf den Bolzplatz. Bei schönem Wetter sind alle meine großen Freunde da, und beim peinigenden Auswählen der Mannschaften bleibe ich unweigerlich übrig und warte bange und lange, bis einer der Spieler nach Hause muß und ich gönnerhaft als einziger noch anwesender Ersatz akzeptiert werde.
Aber bei schechtem Wetter, und wenn sich dann noch eine große Pfütze vor dem Tor ausbreitet, ist alles gut: Mein Mitspielen ist gesichert, denn außer mir stellt sich niemand mitten in die Pfütze. >>Toni Turek hält, Toni unser Fußball-Gott<< rufe ich begeistert, wenn ich links und rechts in die Torecken hechte, schlammverkrustet und klatschnaß.
Heute ist mein Wetter. Schon bei der Zeugnisausgabe kann ich es kaum erwarten, daß endlich Schulschluß ist und ich zum Fußballplatz laufen kann. Endlich! Achtlos stecke ich das Zeugnis in den Ranzen und renne los.
Es regnet nicht mehr, aber vor dem Tor glitzert die wunderschöne Pfütze. Diejenigen der Freunde, die auch bei schlechtem Wetter Fußball spielen, sind schon da. Mehr werden wohl nicht kommen. Schnell zähle ich durch: mit mir zehn Jungs, das geht auf. Ich bin bereit, mich in meiner guten Zeugniskluft in den Matsch zu werfen. Meine Mutter wird schimpfen, doch was juckt das Toni, den Fußball-Gott?
Aber warum geht es nicht los? Die anderen wühlen in ihren Ranzen, stecken die Köpfe zusammen. Ach so, die Zeugnisse. Sie vergleichen ihre Noten. Vierer, Fünfer, sogar Sechser. Ich bin beeindruckt. Die ich am meisten bewundere, haben die schechtesten Noten. Also sind schlechte Noten nichts Schlechtes.
>>Zeig mal deins!<< Arglos krame ich das Zeugnis hervor. Hoffentlich wird bald endlich Fußball gespielt.
Mein Zeugnis wird nicht kommentiert. Einer läßt es achtlos fallen. Ich spüre die Verachtung. Heute ist nicht mein Tag.
Jetzt spielen sie Fußball, ohne mich. Sie tun so, als sei ich nicht da. Mir ist klar, daß ich heute nicht mal als Ersatz eine Chance habe, wie lange ich auch warten würde.
Ich gehe. Und zu Hause wundert sich meine Mutter, daß ich so traurig bin.

Daß ich in Montreal nicht mitmachen darf, ist schlimm für mich. Aber das Nichtmitmachendürfen als Kind war mindestens ebenso schlimm.
Habe ich die Nichtnominierung vielleicht sogar unbewußt gewollt? Nicht dabei sein zu dürfen als Festhalten an der Kindheit? Will ich wieder Kind sein, mit allen Mißerfolgserlebnissen der Kindheit, aber mich unbewußt nach kindlicher Geborgenheit sehnend? Bin ich ein Fall für die Psychoanalyse? Dabei halte ich die Psychoanalyse doch für die Scharlatanerie des 20. Jahrhunderts. Andererseits: Ich halte den motorisierten Individualverkehr auch für den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts - doch fahre ich gerne wann immer ich will wohin auch immer ich will. Also, Schluß mit dem nabelbeschauenden Rumpsychologisieren.
Außerdem spiele ich jetzt wieder mit. Ich kehre auf meine Gießener Redakteursstelle zurück. Aber diesmal richtig. Alles Positive aus dem Leistungssport nehme ich mit, alles Negative bleibt draußen.
Ich werde im Beruf erreichen, was ich erreichen will. Der Sport hat mich geprägt, die Erfahrungen aus dem Sport verhelfen mir zu beruflichen Erfolgen, die mir vergleichsweise leichtfallen. In einem dreimonatigen Aufbautraining eigne ich mir autodidaktisch alles Handwerkliche an, was ich in meiner ersten beruflichen Phase versäumt habe. Auch später kümmere ich mich nicht um Arbeitszeiten, manteltariflich garantierte Rechte und Vergünstigungen, und am zeitraubenden journalistischen Imponiergehabe rund um meinen Beruf kümmere ich mich erst recht nicht. Den alten Fußballerspruch >>Wichtig is aufm Platz<< wandle ich für mich um in >>Wichtig ist, was in der Zeitung steht<<. Ich gehe in das Arbeitsleben wie in ein immerwährendes Aufbautraining. Wettkampfversagen, durch das monatelang Erarbeitetes null und nichtig wird, gibt es nicht.
Nicht im Beruf. Im Sport dagegen bleibe ich mir treu. Er ist immer noch das Wichtigste. Daß ich wieder arbeite, hat nicht nur materielle Gründe. Ich führe mein bisheriges Versagen vor allem auf die totale Sportbezogenheit zurück. Zuviel Zeit zum Überlegen. Dagegen setze ich nun Arbeit als sportliche Leistungs-Therapie. Statt komplizierte Trainingspläne zu basteln, entwerfe ich neuartige Layouts, entwickle Ganzseiten-Umbruchsysteme, konzipiere neue Resorts, denke mir im eigenen Ressort immer neue Kolumnen und Serien aus, arbeite unermüdlich, um mich nicht wieder in kontraproduktive Grübeleien über den Weg zum Erfolg im Kugelstoßen zu verrennen.
Doch die neue Ablenkungsstrategie hat nur den Nebeneffekt, daß ich beruflich vorankomme, als Erwachsener in einem erwachsenem Leben gelte und verwundert feststelle, daß ich im Alltagsleben nicht untergehe. Im Sport jedoch wüte ich um so mehr gegen die Möglichkeit, Erfolg zu haben. Je mehr ich im Beruf Wert darauf lege, daß Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen müssen, je mehr ich hier allen Aufwand erfolgreich eliminiere, der keinen Ertrag verspricht, desto mehr forciere ich im Sport den Aufwand, der keinen Ertrag verspricht.
Erste Maßnahme: Ich stelle mich vom herkömmlichen Angleiten auf die neue Drehtechnik um. Ein einigermaßen sinnloses Unterfangen, denn während ich die lineare Angleittechnik wenigstens in den Grundzügen beherrsche, bin ich ein Drehtechnik-Antitalent. Ich weiß es auch. Eine meiner ersten kindlichen Erinnerungen ist die Karussellfahrt mit meinem Vater, nach der wir beide uns auf dem Gießener Messeplatz am Oßwaldsgarten gemeinsam in einer Ecke übergeben mußten. Offensichtlich habe ich von meinem Vater nicht nur das sportliche Talent geerbt - er war einer der besten deutsche Stabhochspringer und auch Wehrmachtsmeister in einem Mehrkampf mit Turnen, Leichtathletik, 50-Kilometer-Gepäckmarsch, Handgranatenweitwurf und ähnlichen sportlichen Grundlagendisziplinen -, sondern auch Unpäßlichkeiten im Gleichgewichtssinn, die jeden Drehstoß mit Orientierungsproblemen und brechreizfördernden Schwindelgefühlen bereichern.
Dennoch stürze ich mich begeistert in die Drehtechnik. Ich kann zwar nur noch zwölfmal in der Woche jeweils knapp zwei Stunden lang trainieren - der Sonntag ist komplett trainingsfrei, da ich sonntags von früh morgens bis spät abends arbeite -, zwar muß ich die morgendlichen Trainingseinheiten schon sehr früh absolvieren, um rechtzeitig in die Redaktion zu kommen, zwar muß ich die zweite Trainingseinheit hektisch in die ruhigere Arbeitszeit zwischen Nachmittags-Routine und spätabendlichen Redaktionsschluß-Streß einpassen, doch erreiche ich schon bald auch mit der Drehtechnik meine Angleit-Trainingsweiten. Manchmal. Allerdings stelle ich schon bald fest, daß die Drehtechnik nicht meinen Vorstellungen von Kugelstoßen entspricht. War es bisher so, daß ich wenigstens im Training darauf bauen konnte, daß sich Trainingsfleiß in Kugelstoßweite umsetzen läßt, muß ich nun feststellen, daß Drehkugelstoßen ein reines Glücksspiel ist. Mal fühle ich mich schlecht und stoße weit, mal glaube ich, gut >>drauf<< zu sein und stoße unerklärlich schwach. Je mehr ich mich anstrenge, desto schlechter stoße ich, und je schlechter meine Krafttrainings-Werte sind, desto besser stoße ich. Das ist kein Kugelstoßen. Ich will nicht in der Kugel-Lotterie den Glückstreffer ziehen, ich will mir Erfolg oder Mißerfolg erkämpfen.

Bei den deutschen Meisterschaften, die 1976 erst nach den Olympischen Spielen stattfinden, ist Jan klar favorisiert, obwohl er in Montreal bereits im Vorkampf mit einer schwachen Weite ausgeschieden ist. Jan hatte bei den Olympia-Qualifikationen zwar auch die Norm verfehlt, allerdings nur knapp, war aber nach heftigen öffentlichen und internen Diskussionen großmütig als Härtefall nominiert worden. Er hatte sich furchtbar geärgert, von den verhaßten BA-L-Funktionären gnadenhalber akzeptiert worden zu sein, die für ihre edle Geste auch noch Dankbarkeit und Botmäßigkeit verlangten.
Nach seinem Versagen in Montreal begleiten ihn Hohn und Spott des BA-L und der Medien nach Frankfurt zu den deutschen Titelkämpfen.
Jan ist verunsichert. Seit dem Spätwinter nimmt er vorübergehend keine Anabolika mehr, weil er erstmals leistungsschädliche Nebenwirkungen festgestellt hatte.
Auch einige ausländische Sportler, vor allem aus den USA, starteten in Montreal nach einer dreimonatigen Anabolika-Pause, die sie allerdings aus anderen Gründen eingelegt hatten: Angst vor einem neuen Kontrollsystem, das Anabolika noch nach fast einem Vierteljahr nach der letzten Einnahme nachweisen könne.
Eine Latrinenparole. Wir Deutsche wissen es. Die dreimonatige Nachweisbarkeit ist nur nach intramuskulärer Verabreichung möglich, oral bleibt alles beim alten: maximale Nachweisbarkeit acht Tage. Auch einige US-Weltklasseathleten, die gute Verbindungen zur erstklassigen bundesdeutschen Sportmedizin pflegen, sind dopingwissensmäßig up to date. Andere erleben in Montreal scheinbar unerklärliche Einbrüche. Für mich sind das die zwangsläufigen Resultate der Anabolika-Hysterie Anabolika-Abhängiger. Parallelen zu mir? Das ist mir kein Gedanke wert.
In manches kleine Ostblockland dringen weder Latrinenparolen noch Intramuskulär-Gefahr. Die Ergebnisse sind nachlesbar: Man schaue sich die Montreal-Statistik an mit ihren stolzen Siegern, unerklärlich Gescheiterten und balkanesischen Doping-Überführten.
In seiner Verunsicherung läßt sich Jan von mir weiter verunsichern. Am Tag vor den Meisterschaften in Frankfurt folgt er nicht seiner pedantisch genormten Routine, sondern macht alles mit, was ich mache. Ich will noch an der Drehtechnik feilen, setze mich daher ins Auto, fahre im Rhein-Main-Gebiet herum und suche betonierte Waldwege, auf denen ich unbeobachtet Kugelstoßen kann. Jan fährt mit. Sobald wir eine geeignete Stelle gefunden haben, steigen wir aus und stoßen Kugel. Tauchen Spaziergänger auf, schnappen wir uns die Kugel, springen ins Auto und suchen noch einsamere Flecken. Jan stöhnt, beschimpft sich und mich als die größten Idioten überhaupt, beschwört mich, dem Wahnsinn endlich ein Ende zu machen, denn wenn wir nicht endlich aufhörten, würde morgen unweigerlich keiner von uns gewinnen.
Gewinnen! Jetzt weiß ich, warum Jan die Rhein-Main-Kugeltournee mitmacht, von der auch ich ahne, daß sie der Wettkampfleistung schaden muß. Jan will trotz seiner schwachen Form nur eines: gewinnen. Ich will trotz Normalform und unkalkulierbarer Drehstoßtechnik nur eines: persönliche Bestleistung, möglichst die allerbeste, den Weltrekord. Jan ist seit 1972 ununterbrochen deutscher Meister geworden, er wird danach bis in die 80er Jahre ununterbrochen Meister werden, der Titel 1976 brächte ihn der sportlichen Unsterblichkeit näher - und (das weiß ich noch nicht) - vermeintlich der Liebe seines Vaters.
Ich ahne nicht, daß Jan verzweifelt kämpft und mich verflucht, während wir von Waldweg zu Waldweg flüchten. Auch am nächsten Tag noch, bis kurz vor dem Wettkampf, stoßen wir im Frankfurter Umland zwischen 19 und 20 Meter weit. In seiner Verunsicherung will Jan mir keinen Vorteil gönnen. Wenn er allen meinen Wahnsinn mitmacht, wird er von etwaigen, höchst unwahrscheinlichen Vorteilen dieser Vorbereitung ebenfalls profitieren, die viel wahrscheinlicheren Nachteile aber werden sich auf uns beide gleich stark auswirken, so daß er in jedem Fall als der sowieso Bessere der Beste bleiben wird.
Jan verrechnet sich. Zunächst einmal komme ich beim Einstoßen mt der Drehung überhaupt nicht zurecht und stoße keine 16 Meter. Hektisch stelle ich mich auf die seit Wochen nicht trainierte Angleittechnik um und werde mit der schlechtesten Siegerweite seit vielen Jahren - 18,64 Meter - Deutscher Meister, Jan wird knapp geschlagen Zweiter, meine seinen rationalen Kopf vollends verwirrende Umstellung gibt ihm den Rest.
Ich bin wieder einmal verzweifelt, weil ich weit hinter meiner persönlichen Bestleistung zurückbleibe und der Weltrekord ferner liegt als der ominöse Feldstein in meiner Novembergeschichte. Jan ist untröstlich, weil die Niederlage ihn noch existentieller getroffen hat. Wie zwei große Häufchen Unglück sitzen wir nach dem Wettkampf nebeneinander im Gras des Frankfurter Waldstadions. Ein Mann kommt auf mich zu, drückt mir die Hand und beteuert: >>Dir gönne ich es von ganzem Herzen.<< Kenne ich ihn? Mir dämmert es: Dieser Mann ist der Dopingkontrolleur, der mich Ostern 1975 besucht hat.
Ich schäme mich. Denn 1976 habe ich mehr Anabolika genommen als je zuvor oder jemals später. ich werde deutscher Meister mit Meisterschafts-Negativrekord, und ich habe Jan, der seit Monaten >>sauber<< ist, die Rekordserie verdorben. Man könnte es als Ironie des Schicksals bezeichnen. Aber für uns ist es keine Ironie. Für Jan und mich ist es Tragik.

Dennoch will ich bei den Hallen-Europameisterschaften in San Sebastian erstmals im Wettkampf die Drehtechnik vorführen. Es wird aller Roulette-Dreherei zum Trotz ein merkwürdig durchschnittlicher Wettkampf. Beim Einstoßen übertreffe ich die 20-Meter-Marke, im Wettkampf streue ich auch 16-Meter-Stöße ein, doch belege ich am Ende mit knapp 19 Metern immerhin einen Platz im Endkampf. Während die Fachpresse dies als hoffnungsvollen Einstieg in die Drehtechnik wertet, beschließe ich, wieder zum Angleiten zurückzukehren.
Aber San Sebastian bleibt für mich trotz aller sportlichen Durchschnittlichkeit ein beeindruckendes Erlebnis. Am Wettkampfmorgen trotte ich vom Hotel zum Hafengelände, setze mich auf eine Mauer und schaue zu, wie mächtige Wellen den Lauf eines hier ins Meer mündenden Flusses entlang in Richtung Stadt rollen. Ein unvergeßlicher Anblick. Draußen über dem Meer muß ein Sturm toben oder getobt haben, anders kann ich mir diese gigantischen, donnernden Wellen nicht erklären. Außer mir ist hier draußen kein Mensch zu sehen. Läden und Kneipen sind geschlossen, die Stadt hat Angst, trauert um tote baskische Separatisten. Es soll eine Demonstration vorbereitet werden, hat man uns gesagt und gewarnt, den engeren Umkreis des Hotels alleine zu verlassen. Gerade deswegen sitze ich jetzt hier am Kai, einsam, zufrieden und weit weg vom Hotel.
Ich schlendere zurück. Als ich an einem schrottreifen Kleinwagen vorbeigehe, dessen Scheiben so dreckverschmiert sind, daß man nicht hineinsehen kann, fliegen die Türen auf, vier Uniformierte quellen heraus. Ich sehe Pistolen in ihren Händen, einer hat sogar ein größeres Gerät im Anschlag, wohl eine Maschinenpistole. Verdutzt schaue ich die Männer an, mißtrauisch mustern sie mich. Ich habe keine Angst. Die müssen doch sehen, daß ich nur ein Sportler bin. Am liebsten würde ich >>L´ETA cest moi<< rufen, doch diesen Gag hebe ich mir lieber für spätere, gefahrlosere Erzählungen auf. Auch die vier Uniformierten schweigen. Offenbar von meiner Harmlosigkeit überzeugt, zwängen sie sich wortlos zurück in ihre Tarnstation. Alles hat sich in völliger Ruhe in einem trotz Kneipen und Wohnhäusern menschenleeren Teil von San Sebastian abgespielt.
Kurz vor dem Wettkampf Verwirrung im Aufwärmraum unter der Tribüne. Von oben dringen Geräusche zu uns, die nichts mit Leichtathletik-Begeisterung zu tun haben können. Ist es zu dem befürchteten Zwischenfall gekommen? Bewaffnete Uniformierte dringen durch einen Nebeneingang herein, stürmen an uns vorbei nach oben. Einige Mutige von uns folgen ihnen. Ich gehe mit, bleibe aber vorsichtig hinter ihnen.
Baskische Demonstranten haben die Halle besetzt, formieren sich zu einem Protestzug um die Tartanbahn. Sympathisanten unter den Zuschauern springen über die Barriere und schließen sich an. Auch uns Sportler, die wir mit den Gedanken beim Wettkampf sind, beeindruckt die Inbrunst, mit der ein paar tausend Demonstranten ihr Kampflied anstimmen, und die gebändigte Aggressivität ihrer Disziplin, mit der sie nach einer Runde um die Bahn die Halle verlassen, ohne daß es zu Auseinandersetzungen gekommen wäre.
Doch draußen starren sie in die Mündungen von Maschinenpistolen. Militär hat die Halle abgeriegelt, die Demonstranten drängen zurück, eine Panik droht. Aufgeregte Verhandlungen. Ein hochrangiger holländischer Leichtathletik-Funktionär setzt sich an die Spitze des Demonstrationszuges, führt ihn aus der Halle heraus und an dem Militäraufgebot vorbei. Die Anführer des Zuges bedanken sich tief gerührt, mit Tränen in den Augen bei dem Holländer, der Zug löst sich auf. Die Wettkämpfe werden fortgesetzt. Gleich beginnt mein Kugelstoßen.
Die Veranstaltung ist gerettet, das Baskenproblem der Leichtathleten gelöst.
Ich beneide die Basken um ihre mühsam gebändigten Emotionen. In meiner bewundernwollenden Bewunderung stört mich auch die Vermutung nicht, daß unter diesen Emotionsbolzen einige Mörder mitmarschieren. Später, nach meinem durchschnittlichen, eher emotionslosen Wettkampf bewundere ich einen jungen russischen Hochpringer, der in einer Sternstunde der Leichtathletik unerhörte und noch nie aufgelegte Höhen überquert. Ich würde alles dafür geben, mit der aggressiven emotionalen Inbrunst der Basken kugelstoßen zu können und dann mit mir als Hauptdarsteller wie der junge Russe für eine Sternstunde der Leichtathletik zu sorgen. Aber ich bleibe nebendarstellender Bewunderer von Hauptdarstellern.

In dieser Rolle sorge ich weiterhin für eigene Verzweiflung und für anderer Menschen Belustigung.
Deutsche Meisterschaften im Hamburger Volksparkstadion. Jan befürchtet, daß es eng zwischen uns werden könnte. Wir sind gleich gut in Form, stoßen im Training mit gleicher Intensität gleich weit. Ich denke nicht an den Titel, sondern in weiser Selbstbescheidung nur an deutschen Rekord. Der ist mir aber sicher. Wenn ich dann noch den Weltrekord draufsetze, um so besser. Aber ich reiße mich zusammen und erlaube meinen Erwartungen nur den nationalen Rekord.
Um ganz sicher zu gehen, fahre ich schon um halb zwölf ins Volksparkstadion. Das Kugelstoßen beginnt um drei Uhr. Der riesige Parkplatz hinter dem Stadion ist menschen- und autoleer. Wie es der Zufall will, liegt meine Kugel im Kofferraum. Wie immer.
Wenn ich die Kugel anfasse, weiß ich, ob ich in Form bin. Wenn sie mir beim ersten Griff leicht und handlich wie ein Holzkügelchen erscheint, bin ich in Form. Ich bin in Form.
Klasse. Also zurück mit dem Holzkügelchen in den Kofferraum.
Jetzt eine Kleinigkeit essen, danach Entspannung auf einer Massageliege. Um zwei Uhr leichtes Traben mit Gymnastik, dann wieder Entspannung. Um zwanzig vor drei Beginnen mit dem Einstoßen. Punkt drei deutscher Rekord.
Ich rekapituliere meinen Zeitplan. Es ist fünf nach halb zwölf. Der Countdown zum Rekord läuft. Ich öffne den Kofferraum, hole die Kugel noch einmal heraus. Eine noch bessere Methode der Formüberprüfung ist es, die Kugel nur leicht fliegen zu lassen. Da ich immer noch alleine auf dem großen Parkplatz bin, stoße ich einmal ganz entspannt, ganz locker. Wunderbar. Die Rekordform ist da. Reicht es vielleicht auch zum Weltrekord? Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber noch ein leichter Stoß kann doch nicht schaden. Dann weiß ich hundertprozentig, woran ich bin.
Das Gefühl beim zweiten Stoß ordne ich zwischen deutschem und Weltrekord ein. Nicht eindeutige Gefühle müssen eindeutisiert werden.
Nach einer halben Stunde und Stoß Nummer zwanzig immer noch kein eindeutiges Weltrekordgefühl. Die ersten Kampfrichter und Ordner stellen ihre Autos auf dem Parkpatz ab. Jetzt wird es eng. Aber einfühlsam parken sie ihre Wagen weit von dem Mann entfernt, der auf dem Parkplatz mit Eisenkugeln um sich wirft.
Ein Uhr. Stoß Nummer sechzig oder siebzig. Eindeutiges Gefühl jetzt: keine Weltrekordform. Aber wie sicher ist der deutsche Rekord? Gerät auch dieses Vorhaben in Gefahr? Das muß ausgetestet werden.
Und jetzt wird es immer enger. Die ersten Zuschauer kommen angefahren, wollen und können auf mich keine Rücksicht nehmen, da der Parkplatz sich langsam füllt. Sie parken ganz in meiner Nähe, ich muß zielstoßen, um kein Auto zu beschädigen.
Zwei Uhr. Mehr als hundert Stöße sind absolviert. Eindeutiges Gefühl: auch der deutsche Rekord scheint nicht mehr möglich. Warum bloß? Aber Wille und Energie können Berge versetzen und Kugeln auf Rekordweiten fliegen lassen. Man darf nur nicht aufgeben.
Als ich endlich aufgeben muß, weil auf dem nun vollbesetzten Parkplatz Autos und Menschen in Gefahr geraten, gehe ich deprimiert und mit schwerem, tauben Wurfarm ins Stadion.
Jan ist schon da. Er hat sich vor einer halben Stunde ins Volksparkstadion fahren lassen, mich auf dem Parkplatz in Aktion gesehen und hat keine Angst mehr um seinen Sieg. Er mußte aber schnell wieder wegschauen, das Gesehene in einer hinteren Gehirnwindung deponieren, um es später in geselliger Runde als weitere Anekdote meines galoppierenden Wahnsinns zum besten zu geben. Jetzt aber darf er nicht an dieses Bild auf dem Parkplatz denken, als der Freund mit irrem Blick kugelstoßend zwischen den Autos hin und herhastete. Sowohl Mitleid als auch Belustigung könnten seine Leistung beeinträchtigen.
Jan wird immer dann, wenn ich besonders kraß versage, besonders weit stoßen. Wenn ich nicht dabei bin, wie zum Beispiel in Montreal, versagt auch er. In Hamburg bin ich dabei, versage besonders kraß, stoße weniger als 19 Meter und werde als Dritter sogar von einem Diskuswerfer geschlagen. Jan gewinnt mit großem Vorsprung und stößt neuen deutschen Rekord.

Seltener trage ich feiwillig zur Belustigung bei, dann aber auch zu meiner eigenen, so wie bei einem Länderkampf gegen Frankreich in Straßburg. Dort muß ich nach einer wieder einmal schlechten Leistung auch noch zur Doping-Kontrolle. Wie überflüssig. Der französische Doping-Arzt übergibt mir mit großer Geste und viel Brimborium das akkurat markierte Röhrchen. Und wo bitte geht´s zum Urinlassen? Antwort: Ich soll mir draußen eine Toilette suchen. Ratlos irre ich umher. Endlich, dort ist das Klo. Ich schließe die Tür hinter mir, drehe den lockeren Ferm*-Knopf und fülle mein Gefäß problemlos bis zum Rand. Plötzlich schlägt mir die Tür in den Rücken. Von wegen ferm*! Der Eindringling entschuldigt sich, aber ich gucke mit trockenem Röhrchen aus der nun feuchten Wäsche.
Mit höchster Konzentration ringe ich mir noch ein paar Tropfen ab, lasse Leitungswasser zulaufen und spucke wütend hinein. Die Brühe ist ja viel zu hell! Der Limonadenautomat draußen im Gang schafft Abhilfe. Zu gelb? Egal.
Dem Doping-Doktor drücke ich das Röhrchen würdevoll in die Hand. Wieder beginnt ein Zeremoniell. Das Glas wird noch einmal beschriftet, versiegelt, ich signiere hier, unterschreibe da, und dann verschwindet meine Dopingprobe im Safe.
Ich höre nichts mehr von der Angelegenheit. Vielleicht analysieren sie in Straßburg heute noch. Oder die Probe wurde ordnungsgemäß als negativ abgehakt. Anabolika waren schließlich wirklich nicht drin.
Damals vermute ich, daß mit den meisten Dopingproben ähnlich umgegangen wird. Hauptsache Doping-Test, die Analyse danach ist viel zu teuer.

Unterdessen halte ich meinen Winter-Sommer-Fahrplan akkurat ein. Wieder einmal habe ich seit Ende der vergangenen Saison ohne Anabolika und auch ohne andere unerlaubte oder auch erlaubte medikamentöse Hilfen meine geplante Leistungsfähigkeit erreicht.
Ein heftiger Wintereinbruch erschwert die letzte Trainingseinheit vor den Deutschen Hallenmeisterschaften im Februar 1978 in Sindelfingen. Tags zuvor hat sich die Kugel noch tief in den Matsch gebohrt, so daß ich sie mit der Spitzhacke aus dem aufgeweichten Boden hebeln mußte, aber über Nacht ist es kälter geworden, es hat geschneit, und nun ist es sogar zum Schneien zu kalt.
Vom Wetterbericht vorgewarnt, habe ich die Kugel über Nacht auf den Ofen gelegt. Ich reibe meine steifen Gelenke mit Sportupac ein, einem vom >>Doc<< entwickelten Öl, das die Durchblutung anregt, ohne auf der Haut zu brennen.
Nachdem Knie-, Hüft-, Schulter-, Ellbogen- und Handgelenke versorgt sowie beide Knie und das rechte Handgelenk mit Binden fest umwickelt sind, mache ich mich winterfest. Das Thermometer vor dem Fenster zeigt elf Grad unter Null, das erfordert eine Kleiderlage mehr als gewöhnlich. Ich ziehe die Badehose an, darüber eine Strumpfhose, eine enge, eine normal passende und eine weite Trainingshose. Den Oberkörper packe ich in ein ärmelloses Trikot, ein T-Shirt, einen langärmeligen Pullover, ich ziehe einen kurzärmeligen Frotteepulli, einen weiteren Pullover und einen übergroßen Kapuzenpulli darüber und zwänge schließlich noch über alles mein größtes Trikot, an dem ich während des Trainings Hände und Kugel abwischen will. Dann die fingerlosen Stoßhandschuhe, darüber enganliegende Wollhandschuhe sowie die monströsen, dreifingrigen Soldatenhandschuhe meines Vaters mit ihrem fast bis zum Ellenbogen reichenden Schaft.
Zum Abschluß Kapuze übergezogen, ein Schal um den Hals, ein Schal über den Kopf - ich bin bereit für das erste Training des Tages.
Im Winter wundere ich mich oft, daß von Kugelstoßtraining zu Kugelstoßtraining neue ausgefranste Löcher in den Kapuzenpulli geraten, der nur zwei, drei Wochen lang hält, dann ist er völlig durchlöchert. Mäuse? Ich beschäftige mich aber nicht weiter mit diesem Problem, denn meine Sportartikelfirma schickt genügend Nachschub. Erst viele Jahre später wird mir klar, daß ich die Löcher eigenhändig einstanze; denn vor jedem Trainingsstoß werfe ich die Kugel noch einmal kräftig auf den Boden, atme tief durch und hebe sie wieder von dem Stück Stoff auf, auf das ich sie habe fallen lassen, damit sie sauber bleibt. Da der Kapuzenpulli stets zuerst auf den Boden fliegt, bekommt er die meisten Attacken ab. Ihre verheerende Wirkung entwickeln sie aber nicht an der Aufschlagfläche, das hätte ich sofort bemerkt, sondern auf der Rückseite, die von der Wucht des Aufpralls in den gefrorenen Boden getrieben wird. Dort friert der Stoff kugelförmig fest. Wenn ich nach dem Training den Kapuzenpulli aufhebe, kümmere ich mich nicht um den leichten Widerstand, reiße meine Kleider eilig und heftig zusammen, denke an nichts als an das zweite Training des Tages, vor dem erst stutze ich. Schon wieder neue Löcher! Das Geheimnis begleitet mich viele Winter lang.
Zweite Trainingseinheit am Nachmittag: Im Auto kontrolliere ich die Winter-Ausrüstung - Salz, Spitzhacke, Schippe, Besen - und auf geht´s nach Wetzlar zum Schulsportplatz an der Goetheschule.
Der Sportplatz liegt zwischen Schule und Hallenbad, der Kugelstoßring direkt vor der großen Frontscheibe des Schwimmbads. Ich sehe den tief verschneiten Kugelstoßring nicht, weiß aber natürlich, wo er ist. Ich fahre meinen Wagen so nahe wie möglich heran, steige aus und stelle mich der beißenden Kälte. Mit dem Besen fege ich die obere, lockere Schneemasse vom Ring. Darunter: Eis und gefrorener Schneematsch. Ich hacke die harte Masse auf, entferne mit der Schippe die lockeren Schollen und streue fingerdick Salz auf die verbliebene, festgefrorene Masse.
Eine Runde Traben durch den Tiefschnee. Mich friert an den Füßen, denn ich habe nur ein Paar Socken und die Sportschuhe an, während der Rest meines Körpers unter den Kleiderschichten zu dampfen anfängt.
Nach der ersten Runde beginnt das Salz zu wirken, ich hacke, schippe Schollen weg, kehre. Die Lage bessert sich, aber an Kugelstoßen ist noch nicht zu denken.
Eine weitere Lage Salz, eine weitere Runde Traben. Die ungeliebte Lauferei bringt mich ins Schwitzen, auch die Füße werden wärmer.
Hacken, Schippen, Kehren. An manchen Stellen ist der Beton schon freigelegt, bald kann es losgehen.
Noch einmal Salz, aber keine Laufrunde mehr. Ich trampele und kehre einen schmalen Pfad vom Kugelstoßring hinaus auf die Anlage, bis zur Neunzehn-Meter-Marke. Zwischen sechzehn und neunzehn Meter verbreitere ich den Pfad, bis ich den Sektor für meine voraussichtlichen Stoßweiten und -richtungen geebnet habe.
Gegenüber im Hallenbad stehen die ersten Badegäste an der Scheibe und starren zu mir hinaus. Unangenehm. Peinlich. Nicht daran denken, die Leute existieren nicht, ich bin allein. Kehrend kehre ich ihnen den Rücken zu, schaue nicht mehr hin.
Die ersten Standstöße. Locker, leicht, es läuft ordentlich. Angleiten. 16 Meter, 17 Meter, 17,50, noch drei Stöße, und ich bin bei 18 Meter angelangt.
Na prima. Mein Ziel sind 19 Meter im Abschlußtraining. Scheint machbar.
Bei 18,40 Metern hakt es, ich stagniere, verkrampfe. Trainingshose aus, Kapuzenpulli weg. Ich werde nervös, denn es beginnt zu dämmern. Beeilung!
Es hakt immer noch. Kugel-Handschuhe ausgezogen, zweite und dritte Trainingshose, Pullover und Frottepulli, alles runter vom Körper und rauf auf den wachsenden Kleiderhaufen.
Ich versuche, nicht an die fast nackten Menschen in der Wärme hinter der Scheibe zu denken, die zusehen, wie ich in der Kälte vor der Scheibe immer nackter werde. Ich hebe die Schultern an und ziehe den Kopf ein, wie um mich vor den Blicken zu schützen, die ich auf meinem Nacken spüre.
Bald werde ich die Auto-Scheinwerfer einschalten müssen. Nur die helle Schneefläche und der Lichtschein von der Frontscheibe des Hallenbads sorgen noch für spärliche Helligkeit.
Das Hallenbad! Hätte ich doch nicht hinübergeschaut! An der Scheibe drücken sich Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene die Nasen platt. Ich ziehe wieder den Kopf ein und die Schultern hoch. Da muß ich durch, heute noch einmal, dann lange nicht mehr.
Nach den Stößen suche ich im Dunkeln verzweifelt nach der Kugel. Ich kann kaum die Einschlagstelle entdecken, von ihr aus schätze ich die Fortrollrichtung der Kugel, die wie ein Maulwurf nur eine leicht sich wölbende Spur unter dem Schnee hinterläßt.
Ich gehe zum Auto, bei jedem fünften Schritt fünf Sprintschritte auf der Stelle einlegend, denn die eisige Kälte hat mich fest im Griff. Mehr als drei, vier erfolgversprechende Stöße sind nicht mehr drin, Eiszapfen können nicht kugelstoßen. Ich lasse den Motor an und schalte das Fernlicht ein. Ich habe vorsichtshalber das Auto schon bei der Ankunft in die richtige Position gestellt, so daß die Kugelstoßfläche im hellen Scheinwerferkegel erstrahlt.
Im Sprint zurück. Hastig reiße ich die letzten Kleidungsstücke vom Körper. In Badehose und Trikot, wie im richtigen Wettkampf, stehe ich im hellen Scheinwerferlicht, gleite an, stoße . . . Scheiße! Abgerutscht, um die Kugel hat sich in der kurzen Pause ein dünner Eisfilm gelegt.
Panik. Ich spüre, daß ich meinem einfrierenden Körper nur noch einen Stoß abringen kann. Ich ziehe hektisch das Trikot aus und hülle die Kugel in den Stoff, der noch Körperrestwärme ausstrahlt.
Letzter Versuch. Gut, aber nicht gut genug, etwa 18,80 m. Zum Messen bleibt keine Zeit mehr.
Allerletzter Versuch. Besser, aber immer noch nicht gut genug. Nur zehn Zentimeter weiter, zwar Saisontrainingsbestleistung, aber nicht weit genug.
Allerallerletzter Versuch. Eisfilm um die Kugel, ausgerutscht.
Die Uhr läuft ab. Die Oberschenkel schmerzen vor Kälte, ein Schmerz, als wären sie mit einem Vorschlaghammer bearbeitet worden.
Die letzte Chance, der allerletzte der allerletzten Versuche. Nackt, nur mit Sportschuhen, Strümpfen und knappsitzender Badehose bekleidet, mit bandagierten Knien und Handgelenk, stehe ich im Ring und konzentriere mich. Die Kugel habe ich dorthin gesteckt, wo mein Körper das letzte Quentchen Wärme besitzt: in die Badehose. Mit beiden Händen umschließe ich dort die Kugel. Ich stehe am hinteren Kreisrand, bereit zum Stoß, in hellem Licht. Rund um mich herum ist alles dunkel, bis auf das zweite Licht, das aus tiefer Schwärze kommt: Eine kleine Menschentraube an der Frontscheibe des Hallenbades.
Ich hole die Kugel aus der Badehose, hebe sie über den Kopf, senke sie zum Hals ab, verdränge Scham, Kälte und Peinlichkeit, gleite an, stoße die Kugel mit einem quietschenden Schrei ab, gut getroffen, wunderbar, herrlich, ich laufe ihr hinterher, um ja nicht die Aufschlagstelle zu verpassen, und während ich nackt, im einsetzenden Schneegestöber meiner Kugel nacheile, hallen mir dumpf Beifall und Bravorufe aus dem Hallenbad hinterher.
Ich markiere die Einschlagstelle, stolpere blaugefroren zu meinem Kleiderhaufen zurück. Die Kälte nimmt mir den Atem, mit steifgefrorenen Fingern kann ich mich kaum anziehen. Mühevoll messe ich die Stoßweite. Ich lege das Maßband mit der Null-Zentimeter-Marke in das Einschlagloch, beschwere das Band mit der Kugel und ziehe es Richtung Abstoßbalken.
19,09 Meter. In einem seltenen Moment tiefer Glückseligkeit rechne ich hoch: 19 Meter im Winter im Training ohne Anabolika sind 20 Meter im Winter im Wettkampf ohne Anabolika sind 20 Meter im Sommer im Training ohne Anabolika sind 21 Meter im Sommer im Wettkampf ohne Anabolika sind 22 Meter im Sommer im Wettkampf mit Anabolika, wenn nicht gar 23 Meter. Mindestens. Das Leben ist schön.
Ich finde die Kugel nicht mehr. Macht nichts. Froh und munter schleppe ich meine Gerätschaften zum Auto. Ein letzter Blick zum Hallenbad. Nur ein kleiner Junge steht dort am Fenster, sieht mich nachdenklich an. Ich winke ihm leicht verschämt zu. Der Junge winkt nicht zurück.

Bei den Meisterschaften ist Jan nicht dabei. Er verzichtet fast immer auf die damals noch wenig bedeutsamen Hallenwettkämpfe. Ich werde daher mehrmals deutscher Hallenmeister und halte über zehn Jahre lang den deutschen Hallenrekord. Auch in Sindelfingen habe ich keine Konkurrenz und gewinne klar, verbessere mit 19,98 Meter meinen eigenen deutschen Rekord. Ich bejuble Sieg und Rekordstoß nicht, was Zuschauer und Journalisten verwundert. Doch warum soll ich jubeln? Ich nehme die Hallensaison genauso wenig ernst wie Jan, sie dient lediglich in meinem zweispitzigen Saisonaufbau als Endkontrolle der ersten Phase, in der 20 Meter das kleine Ziel sind. Sowohl Abschlußtraining als auch Wettkampf dienen nur dem großen Ziel, das es in einem halben Jahr zu erreichen gilt.
Doch, ein wenig stolz bin ich schon: Seit über einem halben Jahr habe ich keine Anabolika genommen, mich dennoch von den frühherbstlichen Tiefen zu dem geplanten Winter-Zwischenhoch durchgekämpft, habe bei den Landesmeisterschaften Landesrekord gestoßen und 20 Meter erreicht (um die fehlenden popeligen zwei Zentimeter scheren sich nur Korinthenkacker), und das auch noch bei einem Wettkampf mit Dopingkontrolle. Für mich ist das zwar selbstverständlich, aber nun müßte mein Weltrekord-Potential allen Fachleuten und den Journalisten bewußt sein. Hat schon einmal ein Kugelstoßer meiner Leistungsklasse bei einer Meisterschaft mit Dopingkontrollen Bestleistung gestoßen? Nein, noch nie. Also bitte, nun müßt ihr mir endlich zutrauen, was ich mir schon lange zutraue, und was ich um so eher erreiche, je mehr es mir auch andere zutrauen. Aber man erkennt die Dimensionen nicht. Ich bleibe nur für mich der kommende Weltrekordler.
Das bin ich auch noch ein halbes Jahr später. Jetzt gilt es, das Potential umzusetzen. Ich stoße schon seit Wochen im Training einen Meter weiter als im Winter vor den Hallenmeisterschaften. Seit kurzem nehme ich Anabolika. Zwar bin ich seitdem nicht besser geworden, aber das muß Zufall sein oder mit meinem Heuschnupfen zusammenhängen. An meiner naturwisenschaftlich belegten, unverrückbaren Rechnung halte ich jedenfalls fest: Ich bin ohne Anabolika einen Meter besser als im Winter, stoße also im Sommer einen Meter weiter als 20 Meter plus Anabolika-Bonus von zwei Metern.

Ich fahre mit der Gewißheit zu den Deutschen Meisterschaften, dort für eine sportliche Sensation zu sorgen. Schon während der Autofahrt nach Köln laufen mir Schauer der Vorfreude über den Rücken, in meinem Magen kribbelt es, und immer wieder läuft vor meinem inneren Auge der große Stoß ab, mit dem ich die Kugelstoß-Welt revolutionieren werde. Diese Phantasiestöße unterstütze ich im Auto zwei Stunden lang mit jenen Urschreien, die schon manchen Zuschauer im Stadion irritiert haben - bei anderen Werfern, nicht bei mir. Im Wettkampf brülle ich nie, sondern meckere beim Ausstoß höchstens mal hell und kläglich wie eine beleidigte Ziege.
Alleine und ungehört stoße ich auf der Autobahn aber derart weltrekordreife Schreie aus, daß ich heiser in Köln ankomme. Ich treffe spätnachmittags im Hotel ein, wo mich Jan erwartet. >>Bist du erkältet?<<, fragt er, nicht sehr interessiert, da sein Wettkampf-Vorbereitungsritual bereits begonnen hat, in dem ihn nichts und niemand irritieren oder gar aus dem Konzept bringen kann.
Ich winke nur unbestimmt ab. Jan tut mir ein wenig leid, da er in seiner derzeitigen Verfassung allenfalls neunzehneinhalb Meter stoßen kann, während ich sogar in meinen Minimal-Visionen nicht damit rechne, unter einundzwanzig Metern zu bleiben. Ich hoffe auf zweiundzwanzig Meter und halte in aller Bescheidenheit auch den Weltrekord für erreichbar.
Jan und ich essen im Hotel zu abend, abgekapselt von den anderen, meist schweigend, Jan konzentriert, ich aufgeregt und innerlich bebend. Ich zwinge mich zum zweiten Schnitzel, trinke noch ein Bier, danach gehen wir beide auf unsere Zimmer.
Bis zum Wettkampfbeginn werden wir uns nicht mehr sehen, denn Jan zieht sich wie immer zurück, versinkt in sein Konzentrations-Ritual. Ich aber weiß nicht, was ich tun soll.
Erst 22 Uhr, ich werde nicht schlafen können und beschließe, einen Spaziergang zu machen.
Meinen letzten Spaziergang habe ich mit siebzehn oder achtzehn gemacht, mit einem Mädchen, in der stillen Hoffnung, daß sie mir auf dem Spazierweg verfallen würde.
Ich verlasse das Hotel und schleppe meine 265 Pfund in der lebhaft pulsierenden Kölner Innenstadt einmal ums Karree. Zurück im Hotel dusche ich, lege die Wettkampfkleidung zurecht und mich ins Bett.
23 Uhr. Mein Herzschlag pulsiert heftiger als die Kölner Innenstadt, und ich habe das Gefühl zu schweben. Transzendentale Meditation? Nein, in meinen Adern rauscht das Adrenalin und versetzt mich in eine Spannung, die an Schlaf nicht denken läßt. Ich kann nicht einmal die Lider schließen. Sobald ich es versuche, muß ich nach Luft schnappen und die Augen aufreißen.
In den nächsten Stunden, zehn Zentimeter über der Bettdecke schwebend, schwitzend um den wettkampfwichtigen Schlaf ringend, wird dem kleinen realistischen Teil meines Verstandes von jeder schlaflosen Sekunde zur nächsten klarer, daß ich wieder einmal ein Desaster erleben werde, wahrscheinlich sogar das katastrophalste meiner Laufbahn.
Diese Rest-Vernunft erlebt ohnmächtig mit, wie ich Amok laufe und mir dabei einrede, daß dies Wettkampfvorbereitung sei. Um halb vier Uhr morgens stehe ich auf, ziehe mein Sportzeug an und jogge einmal ums Karree. Zwar laufe ich nicht schnell, aber immerhin, ich laufe, und zwar eine so lange Strecke, wie ich sie nie zuvor in meinen lauffaulen Kugelstoßerjahren gelaufen bin. Die Runde, die ich um den Häuserblock in der Kölner City drehe, dürfte zwei bis drei Kilometer lang sein. Außer meinem Herzschlag pulsiert hier nichts mehr. Kein Auto auf der Straße, keine Menschen zu sehen. Ich wanke wie der letzte Überlebende einer Neutronenbomben-Katastrophe an der Häuserseite des Trottoirs entlang, nur einmal zurückschreckend, als sich eine Neutronen-Leiche in einem Hauseingang als schnarchender Penner erweist.
Gegen vier komme ich zum Hotel zurück. Ausziehen, ins Bett, nein, aufs Bett legen. Eine halbe Stunde frei schwebend Adrenalin verdampfen. Ich halte es nicht mehr aus. Viertel vor fünf. Aufstehen, anziehen, joggen. Zweimal um den Block.
Um halb sechs zwinge ich mich eine Stunde aufs Bett, bevor ich aufspringe und noch einmal jogge. Drei Runden. Die Stadt erwacht. Ich bin erschöpft, aber immer noch nicht müde. Das Adrenalin rauscht nicht mehr so gewaltig wie in der Nacht, aber es rauscht noch.
Sonntagmorgen, viertel nach sieben. Ich gebe es auf, Schlaf zu suchen. Nun suche ich Ablenkung, um die Stunden bis Wettkampfbeginn überstehen zu können.
Kalt duschen, anziehen, Sporttasche packen, frühstücken (ein halbes Brötchen, mehr schaffe ich nicht), auschecken. Ich verstaue die Tasche im Auto und gehe zum Dom.
Halb neun. Ich irre auf dem Domplatz umher, lausche den Adrenalinströmen nach, die immer noch stärker sind als die aufkeimende Müdigkeit.
Die untere Rückenmuskulatur versteift sich. Zu viel gegangen, zu viel gejoggt.
Auch das noch! Locker bleiben, explosiv sein - unmöglich mit Muskel-Hartspann im LWS-Bereich. Ich setze mich vor dem Dom auf das Pflaster. Die Verspannung weicht nicht. Ich lege mich auf den Rücken, beginne mit leichter Wirbelsäulengymnastik. Einige der ersten Sonntagmorgenpassanten stutzen, andere tun so, als würden sie nichts sehen. Ich spüre peinvoll ihre Gedanken: Verrückte muß man in Ruhe lassen. Ich schäme mich, kann aber nicht aufhören. Auf dem Rücken, in der Körperhaltung des Gekreuzigten, zu dessen Ehren der gewaltige Bau hinter mir über Jahrhunderte errichtet worden war, schwinge ich das rechte Bein zum linken Arm, das linke Bein zum rechten Arm, rolle in die Vierfüßlerstellung, beuge den Rücken vom Katzenbuckel zum Hohlkreuz und zurück, langsam löst sich die Verspannung, ich atme auf, stehe auf, neun Uhr. Endlich. Um neun öffnet nebenan das Wallraff-Richartz-Museum.
Mittlerweile ahnt auch das letzte Eckchen meines Geistes, in welche Katastrophe ich hineinschlittere. Aber ich kann die Notbremse nicht ziehen. Irgendetwas in mir will sie auch nicht ziehen. Ich hätte noch etwas retten können, wenn ich zurück zum Hotel gegangen wäre und mich bis mittags um eins hingelegt hätte, egal ob mit oder ohne Schlaf. Aber statt dessen gehe ich im Museum für moderne Kunst treppauf, treppab, zwei Stunden lang, kein Stuhl in der Nähe, außer einigen verfilzten von Beuys und einem einladenden, scheinbar altmodischen Sofa, auf dem aber schon Leute sitzen. Lebensgroße, lebensechte Puppen. Auch ein Kunstwerk.
Das Adrenalin tröpfelt nur noch, der Rücken ist bretthart, ich fühle mich todmüde, aber zittrig und ziellos, hilflos aufgeregt.
Dort drüben, eine geöffnete Flipperstube! Nichts wie hin. Meine Lebensgeister erwachen, mein Optimismus meldet sich wieder. Ich schließe einen Pakt mit dem Kugelstoßer-Gott: Wenn mir ein Freispiel gelingt, schaffe ich auch meine Traum-Weiten.
Hektisch flippere ich knapp an Freispielen vorbei. Die Zeit rast. Ich flippere und flippere, kein Freispiel. Um 14 Uhr muß ich aufgeben, haste zum Hotelparkplatz, schwinge mich ins Auto und rase zum Müngersdorfer Stadion. Um halb drei muß man sich am Stellplatz melden, anderenfalls wird man von der Wettkampfliste gestrichen.
Ich stecke im Stau der anfahrenden und anwandernden Zuschauer. Um keine Zeit zu verlieren, ziehe ich mich mühsam im Auto um, während ich mich im Stop-and-go-Verfahren dem Stadion nähere. Endlich, die Abzweigung für Teilnehmer und Offizielle, ich parke, springe aus dem Auto und eile zum Stellplatz. Ein paar Minuten zu spät, aber man drückt alle Augen zu. >>Auf, Junge, beeil´ dich, die anderen werden schon ins Stadion geführt.<< Ich laufe keuchend hinterher. Vor mir dreht Jan leicht den Kopf, blickt mich aus den Augenwinkeln an, mit unbewegter Miene, voll konzentriert. Wir sprechen nicht miteinander.
Im Stadion übermannt mich bleierne Müdigkeit. An normales Aufwärmen ist nicht zu denken. Mühsam, mit schweren Gliedern, bewege ich mich auf dem grünen Rasen vor dem Kugelstoßring hin und her, spüre, daß ich bei meinen lächerlichen Sprintversuchen ungefähr so langsam bleibe wie bei meinem nächtlichen Joggen. Alle Energie-Depots leer, alles Adrenalin verrauscht, zu jedem Schritt, jeder Bewegung muß ich mich zwingen. Ich fühle mich wie in manchen meiner Träume, in denen mir mein Körper nur verzögert und schleppend gehorcht, als sei die Luft um ihn herum ein schwerer, klebriger Brei.
In diesen Minuten verschwinden auch die letzten Reste meines sonst so hilfreichen Optimismus und meiner depressionsdämmenden Selbstironie.
Mein Name ertönt über Lautsprecher, mit dem Zusatz: >>Erster Versuch des DLV-Jahresbesten.<< Ich registriere es nur am Rande. Ich spüre auch nicht die Blicke der Zuschauer, falls sie denn auf mich gerichtet sind. Ich spüre überhaupt nichts, außer dem übermächtigen Wunsch, alles hinter mich zu bringen, die Augen zu schließen, einzuschlafen, weit, weit weg zu sein.
Bei meinem ersten Versuch geschieht ein deprimierendes Wunder: Ich erwische einen technisch brillanten Versuch, wie er mir zuvor und danach in keinem Wettkampf gelungen ist und gelingen sollte. Eine perfekte Bewegung: Angleiten, linkes Bein landet leicht versetzt am vorderen Ring, das rechte Bein hebt und dreht den Oberkörper, der lange hinten geblieben war, von der Hüfte überholt wurde, in eine ideale Verwringung kam, aus der heraus der Stoßarm die Kugel in einer harmonischen, fast eleganten Bewegung auf die Reise schickt.
Kein Laut begleitet die Kugel. Kein Urschrei, nicht einmal ein kurzes, klägliches Meckern. Kurz hinter einer weißen Linie bohrt sich die Kugel in den Boden. Ein Traumstoß. Aber ich weiß, daß es ein Alptraumstoß ist. In meiner bleiernen Müdigkeit, die auch jegliche Spannung aus der Muskulatur genommen hat, bin ich im Zeitlupentempo durch den Ring geglitten. Eine Bewegung wie aus dem Kugelstoß-Lehrbuch, aber ohne jegliche Aggressivität, ohne Explosivität. Der Stoß eines Zombies. Die Linie, über die meine Kugel fliegt, jene Linie, die in meinen Träumen zweiundzwanzig Meter, manchmal sogar dreiundzwanzig Meter markiert, kennzeichnet nicht die Einundzwanzig-Meter-Marke, auch nicht die Zwanzig-Meter-Marke, sondern ist bei neunzehn Metern über den Stoßsektor gezogen.
19,07 Meter im ersten Versuch. Das ist das endgültige Aus, denn in der saft- und kraftlosen Verfassung, in die ich mich in den letzten Stunden getrieben habe, muß es absolut unmöglich sein, diesen technischen Idealstoß zu übertreffen.
Jan stößt 19,92 Meter, drei Zentimeter unter meiner bundesdeutschen Jahresbestleistung, aber viel weiter, als seine Form es eigentlich zugelassen hätte. Jan gewinnt klar, wird für die Europameisterschaften nominiert werden, es interessiert mich nicht. Völlig belanglos auch, daß ein weiterer Kugelstoßer knapp vor mir liegt. Wer vierundzwanzig Stunden zuvor im Auto mehrfach Weltrekord gestoßen hat, registriert solche Weiten nur mit verächtlicher Ignoranz.
Dennoch, ich gebe nicht auf. Vom zweiten bis zum letzten, dem sechsten Versuch, hoffe ich auf ein Wunder und verspiele damit, wie ich später erfahre, alle Chancen, für die EM nominiert zu werden. Hätte ich fünf Versuche lang redlich versucht, das noch Mögliche zu tun - fünf gültige Stöße nahe an neunzehn Meter -, wäre ich vielleicht gnadenhalber nominiert worden. Aber was ich tue, verärgert den für die Nominierungsvorschläge im Wurfbereich verantwortlichen Block-Bundestrainer. >>Du nimmst deinen Sport nicht ernst, alberst nur herum, so einen können wir nicht nach Prag schicken.<<
Selten wurde mir die unüberbrückbare Distanz, das totale Unverständnis zwischen Sportlern und Funktionären deutlicher bewußt. Ich nehme meinen Sport nicht ernst, albere nur herum . . . kann es jemanden geben, der seinen Sport ernster nimmt als ich? Gab es jemals einen Sportler, dessen nackte Verzweiflung so grundfalsch als Albernheit mißinterpretiert wurde?
Obwohl . . . auf den nichtsahnenden Zuschauer muß es schon sehr seltsam wirken, was ich dort unten im Kugelstoßring anstelle. Da völlig klar ist, daß ich die 19,07 Meter auf normalem Wege nicht mehr übertreffen kann, denke ich mir von Stoß zu Stoß neue Techniken aus. Zunächst versuche ich die Drehtechnik, die ich seit einem Jahr nicht geübt habe. Die Kugel fliegt knapp fünfzehn Meter weit, aber nicht in den Sektor, sondern als Querschläger fast im 90-Grad-Winkel zur gewollten Stoßrichtung auf die Kunststoffbahn. Anschließend probiere ich verschiedene Wahnideen durch, zum Beispiel eine Laufstoßtechnik, oder werfe vor dem Angleiten das linke Bein nach vorne oben, um mehr Schwung für das Angleiten zu bekommen, mal versuche ich dies, mal jenes, immer ungültig, immer zwischen fünfzehn und siebzehn Meter weit.
Dann ist alles vorbei.

Ich werde wie erwartet nicht für die Europameisterschaften nominiert, obwohl die Leistungs-Theoretiker im BA-L ein neues Teilnahme-Kriterium ersonnen haben: Endkampfchance. Im Sportkrieg mit der DDR zählen jetzt nicht nur Medaillen, sondern auch Endkampfplätze. Als bundesdeutschem Jahresbesten billigen mir zwar auch Realisten eine theoretische Endkampfchance zu - ich gebe mich mit solchen Un-Zielen erst gar nicht ab -, aber meine Vorstellung in Köln läßt die Nominierer den Daumen senken. Wer in der Schlacht überschnappt, mit dem können wir keinen Krieg gewinnen. Statt der drei möglichen Kugelstoß-Krieger wird nur Jan als deutscher Meister und Jahreszweitbester nominiert. Er spielt dann in Prag meine Rolle als Großversager glänzend.
Diesmal bin ich nicht nur enttäuscht, sondern auch wütend. Ich will mich rächen, aber wie? Als erfolgloser Sportler hat man kaum eine Chance, Funktionären heimzuzahlen, was sie einem antun. Nur etwas kann sie treffen: Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Neben den großen Veranstaltungen Olympia, EM und Europacup (Weltmeisterschaften werden erst später eingeführt) gelten in meinen Kugelstoßerjahren auch die Länderkämpfe als wesentliche Ereignisse. Meistens starten pro Disziplin zwei Teilnehmer, in großen Länderkämpfen wie gegen die USA kommt dem zweiten Mann fast noch mehr Bedeutung zu als dem Landesbesten. In diesen Länderkämpfen stoße ich fast regelmäßig ordentliche Weiten zwischen 19,50 und 20 Metern. Ich nehme diese Wettkämpfe nicht so ernst, bin erst in Vorbereitungs-Form vor wichtigeren Anlässen, stehe daher noch nicht unter Anabolika-Einfluß und habe keinen Grund zu versagen. Daher bin ich ein wichtiger Punktelieferant, man braucht mich. Also trete ich zurück.
Kaum habe ich den Entschluß gefaßt, der die deutsche Leichtathletik in ihren Grundfesten erbeben lassen soll, da melden die Nachrichtenagenturen, daß ein Fußballer aus Verärgerung über seine Nichtnominierung den Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet hat. Dieser Fußballer gehört zur eher namenlosen Garde von Bundesligaspielern aus der zweiten Reihe. Der Bundestrainer hat ihn, wie viele andere auch, einmal getestet, aber nicht für nationalelfreif befunden. Die Rücktrittsmeldung wird von den Kollegen der überregionalen Tageszeitungen und vom Fußball-Fachblatt unter großen Schlagzeilen verbreitet. Solche Schlagzeilen waren dem Fußballer noch nie gewidmet worden, seine Leistungen in der Bundesliga rechtfertigen später gar keine Überschriften mehr.
Mich hat man bisher ebenfalls selten als schlagzeilenwürdig eingestuft, und wenn doch, dann unter eher unsportlichen Begleitumständen. Einmal liefere ich >>Bild<< das Zitat des Tages, als ich eine wieder einmal schwache Wettkampfleistung zu erklären versuche: >>Wenn die Schnelligkeit im Ausstoß nicht vorhanden ist, geht bei mir alles in die Hose.<< Ein andermal titelt >>Bild<< in Anlehnung an einen Sex-Bestseller: >>Kugelstoß-Riese hatte Angst vorm Fliegen<< - mein Flugzeug zu einem Trainingswochenende nach Berlin erhielt auf der Rollbahn in Frankfurt eine Bombendrohung, der Pilot kurvte auf dem Flughafengelände herum und stellte die Maschine am äußersten Rand ab. Einfühlsamerweise hatte er die Passagiere während der wilden Fahrt über die Rollbahnen aufgeklärt: >>Vielleicht haben wir eine Bombe an Bord.<< An der ausbrechenden Panik beteiligte ich mich nicht, ich wollte mich nicht schämen müssen, wenn die statistisch übergroße Wahrscheinlichkeit eines blinden Alarms bestätigt würde. Daher stieg ich als letzter aus, obwohl ich lieber mit den anderen Passagieren schreiend und um mich schagend um schnellstmöglichen Ausstieg vor der Explosion gekämpft hätte.
>>Bild am Sonntag<< widmet mir in meiner einkommenslosen Vollprofizeit nach recht guter Leistung bei einem USA-Länderkampf eine Geschichte unter der mich aus sportlichen Gründen ebenfalls nicht völlig überzeugenden Hausmann-Überschrift: >>Das Putzen macht ihn immer stärker<<. Soll jetzt als Tüpfelchen auf dem Schlagzeilen-i die Meldung vom albernen Nationalmannschafts-Rücktritt eines Erfolglosen kommen, letzte der nur kuriosen Schlagzeilen von einem, der ausgezogen ist, Olympiasieger und Weltrekordler zu werden?
Ich trete zurück, teile es aber keinem mit. Ich sage in Zukunft alle Länderkämpfe aus beruflichen oder Verletzungsgründen ab. Nehme ich mir vor. Ich halte das Versprechen. Anfangs immer. Später nicht immer, aber immer seltener.
Doch langsam beginne ich zu erlahmen. Und kämpfe dagegen an. Ich will auf der außergewöhnlichen Spur bleiben, nicht akzeptieren, was mir eine lästige Stimme einflüstern will: Es hat keinen Zweck mehr, du hast dich verrannt. Wärst du konsequent auf deinem Ego-Trip der Autarkheit geblieben und hättest nie Anabolika genommen, könntest du ein sauberer, stolzer Kugelstoßer der Leistungsklasse zwischen 20,50 und 21 Metern geworden sein. So aber spinnst du dir Olympiasiege und Weltrekorde zurecht, bleibst aber ein ewiger Versager von 19-Meter-Klasse, der bei seinen wichtigsten Wettkämpfen sogar diese Marke unterbietet. Gib endlich auf!
Den Kampf gegen diese innere Stimme gewinne ich. Noch. Auf der Suche nach Außergewöhnlichem, das mich inspirieren und immun gegen die Erlahmung machen soll, spanne ich Jan ein. Bei unseren Berliner Trainingseinheiten schaut ab und zu ein schwuler Rechtsanwalt vorbei, der ein Faible für den Kraftsport hat. Ich erfahre, daß er Manager eines Profiboxers ist, der nach einem schweren Knockout wochenlang im Koma lag und nun darum kämpft, wieder in den Ring steigen zu dürfen. Das ist das Richtige für mich! Existenzkampf pur, hart am Rande des Todes, ein Boxerschicksal, das ganz Deutschland bewegt, und ein Sportler, der seinem Sport so sehr verfallen ist, daß er ihm sogar sein Leben opfern würde. Von dieser Geschichte will ich als Kugelstoßer und als Journalist profitieren. Jan verschafft mir einen Interviewtermin in Berlin mit dem Rechtsanwalt und seinem Boxer, der Clou soll ein Sparring des aus dem Koma Aufgewachten mit mir sein.
Jan fährt mich zu dem Termin im Haus des Anwalts, mit dem ich mich im Training schon durchaus vertraut und freundschaftlich unterhalten habe. Die hallenartige Wohnung ist spärlich, aber anscheinend edel möbliert. Ein Butler führt uns in einen riesigen Raum, in dem einige hochlehnige, gepolsterte, aber offensichtlich nicht zum Sitzen vorgesehene Stühle an der Wand stehen. Ansonsten ist der holzgetäfelte Raum bis auf einen Tisch im hinteren Teil leer. An dem Tisch sitzen der Anwalt, sein Boxer und dessen Trainer.
Bevor ich mit irgendeiner Floskel das Gespräch beginnen kann, fixiert mich der Anwalt mit bitterbösem Blick und fragt mit eiskalter, gut trainierter Gerichtsstimme, was ich hier überhaupt zu suchen habe. Ich bin perplex und sprachlos. Nach diesem Eröffnungsschachzug faltet mich der Anwalt nach allen Regeln seiner Kunst zusammen. Angeblich habe ich einmal im Kraftraum eine despektierliche Bemerkung über sein Schwulsein fallen lassen, einer seiner Vertrauten habe ihm dies berichtet. Ich kann mich nicht erinnern, halte es aber für möglich. Nach einem viertelstündigen Plädoyer, in dem mir schneidend das stammelnde Wort abgeschnitten wird, verkündet der Anwalt das Urteil: Mißachtung, moralische Ächtung und natürlich kein Interview. Guten Tag.
Jan sitzt schweigend neben mir. Er kennt den Mann gut, hat viel mit ihm zu tun. Aber Jan steht mir nicht bei, blickt betreten unter sich. Ich versuche, mich zu rechtfertigen. Aber schon nach den ersten Worten unterbricht mich der Anwalt, diesmal betont freundlich. Er freue sich auf das Interview. Mit ihm selbst, wird mir klar, denn der kleine, leichtgewichtige Boxer sitzt demütig am Tisch und beteiligt sich kaum am Gespräch. Er hat nichts zu sagen, der Anwalt führt das Wort, auch der Trainer bleibt stumm. Alles, was ich in den einfachen, verschüchterten Boxer hineingeheimnist habe, war zuviel. Er ist nur die Kreatur des Anwalts. Der schwadroniert nun drauflos. Kenne ich alles aus vergangenen Alkoholnächten in der Berliner Szene. Eigentlich würde der Anwalt lieber mit echten Boxern arbeiten, also Schwergewichtlern. Der Junge hier ist nur der Anfang. Er selbst boxe auch gelegentlich, und es sei ein unvergleichliches Gefühl, wenn man dem Gegner mit einem perfekten Schlag das Nasenbein zertrümmere. Jan und ich, wir sind die Richtigen. Das wär was. Und es folgt die Litanei, die ich oft genug gehört habe - nur diesmal nicht von einer betrunkenen Kiezgröße, sondern von einem nüchternen Rechtsanwalt, der als seriös gilt und darüberhinaus als Multimillionär. Als habe es die peinliche Szene zu Beginn nicht gegeben, scharwenzelt er um mich herum, macht mir Komplimente. Noch wochenlang wird er mich telefonisch verfolgen, schwärmen, wie toll und souverän ich mich in der >>bewußten Angelegenheit<< verhalten habe - als ich nur stammelte und keinen einzigen zusammenhängenden Satz formulierte. Das Zuckerbrot ist mir noch unangenehmer als die Peitsche zuvor, ich frage schüchtern nach dem Sparring. Wie gerufen kommt der Butler und führt uns zum Aufzug. Wir sinken hinab in den Keller, in dem der Anwalt ein komplettes Trainingscamp eingerichtet hat. Der Anwalt schnürt mir liebevoll die Handschuhe, und schon geht es los. Der schmächtige Boxer, halb so schwer wie ich, tänzelt, schlägt zu und trifft mich am Körper. Er schwirrt um mich herum wie eine Mücke, seine - sicher nur angedeuteten - Schläge schmerzen aber weniger als Mückenstiche. Ich wage nicht, zuzuschlagen. Das Männlein lag im Koma - auf eine weitere meiner kuriosen Schlagzeilen möchte ich gerne verzichten: >>Kugel-Riese schlägt Box-Zwerg ins Koma zurück<<.
Dennoch gibt mir weder das Sparring mit der Koma-Berühmtheit noch die erstaunliche Begegnung mit dem schwulen Anwalt einen neuen Kugelstoß-Kick. Auch das wunderbare Gefühl, einem Gegner das Nasenbein zu zertrümmern, bleibt mir fremd wie eh und je. Wie damals, als meine Eltern von Gießen nach Wetzlar umzogen und ich als Zwölfjähriger in eine neue Schule kam. Gleich am ersten Tag gab es Schwierigkeiten. Ein großer, kräftiger Junge, dem ich überhaupt nichts getan hatte, warf während der Schulstunde mit Kastanien nach mir. Nach Schulschluß hielt er mich auf dem Pausenhof auf, schubste mir gegen die Brust. Schnell bildeten meine neuen Klassenkameraden einen Kreis um uns. Erst jetzt kapierte ich: Der Junge hatte nichts gegen mich persönlich. Er war der Größte und Stärkste der Klasse, ich war größer als er, also mußte ausgekämpft werden, wer der Stärkste ist. Er schlug nach mir, traf mich am Jochbein, es tat weh. Ich schug lustlos zurück, er fiel um. Am Kinn getroffen. Ohnmächtig. Ein lucky punch. Ich bekam einen fürchterlichen Schrecken. Ist er tot? Erst nach ein paar Sekunden rappelte er sich taumelnd auf. Ich atmete auf. Seither habe ich niemals mehr einen Menschen gechlagen, und auf das Gefühl, ein Nasenbein zu zertrümmern, möchte ich auch weiterhin verzichten.
Auch andere Bemühungen, die Außergewöhnlichkeit des Kugelstoßerlebens zurückzuzwingen, haben keinen Erfolg. Die lästige Stimme wird immer lauter, das Ignorieren immer schwieriger.
Erschwerend kommt hinzu, daß ich bei einem der seltener werdenden Besuche beim >>Doc<<, eigentlich nur Jan in Freundschaft zum >>Abschmieren<< begleitend, wie die Rund-um-Vorsorge-Spritzenkur genannt wird, auf die Frage, ob ich denn keine Beschwerden habe, arglos antworte: >>Außer meinem Heuschnupfen keine.<< Heuschnupfenbehandlung scheint unter der Würde vom >>Doc<< zu sein, er ordnet an, daß mir ein Assistent Gammaglobulin spritzen solle. Der Assistent nimmt die Ampulle aus dem Kühlfach, zieht sie auf und jagt sie mir intramuskulär in den glutäus maximus. Im selben Moment spüre ich in meinem Hintern ein vorher bei derartigen Spritzen nie gekanntes Druckgefühl, das bis zum Knie hinunter und zur Wirbelsäule hinauf zieht. Kein schlimmer Schmerz, aber ich ahne sofort: Jetzt ist es aus.
Beim nächsten Training bestätigt sich meine Vermutung: Wenn ich zum Auftakt der Angeitbewegung das rechte Knie beuge, das Bein streckend zur Stoßrichtung katapultiere, wieder auf dem rechten Bein lande und nun aus den Oberschenkeln heraus mit dem Ausstoß beginne, scheint zwischen rechtem Knie und rechter Hinterbacke eine Bremse zu greifen. Es ist kein starker Schmerz, ich könnte ihn ignorieren, aber die Bremse greift dennoch. Später bestätigt mir der >>Doc<<, daß der Assistent, den er im übrigen wegen weiterer ähnlicher Anlässe schon längst hinausgeworfen habe, das Gammaglobulin nicht gekühlt und nicht so tief hätte spritzen dürfen. Die Umgebung meines Ischiasnerves sei dadurch irreparabel geschädigt worden. Es ist zwar eine für praktisch jedermann völlig harmlose Beeinträchtigung, aber ein Kugelstoßer kann mit ihr eben nicht den Körper vom gebeugten rechten Bein abstoßen, wieder auf dem rechten Bein landen und eine explosive Stoßbewegung einleiten.
Ich will das endgültige Todesurteil für mein Kugelstoßerleben immer noch nicht kampflos hinnehmen. Das darf doch nicht schon alles gewesen sein!
Ich erinnere mich an die Drehstoß-Experimente. Bei der Drehstoßtechnik gleitet man nicht vom rechten Bein wieder auf das rechte, sondern dreht über das linke auf das rechte Bein. Das kann ich noch einigermaßen. Noch fast zwei Jahre lang mühe ich mich mit dieser Technik ab. Aus ihr entwickele ich eine ganz neue Technik, die ich >>Schleuder<< nenne, eine Vorform der Drehtechnik, bei der ich mich mit dem linken Bein am hinteren Kreisrand abstoße, es über das in Kreismitte verharrende, aber eindrehende rechte Bein hinweg zum vorderen Kreisrand schleudere und aus einer starken Körperverwringung heraus die bei allen Techniken ähnliche Endphase des Ausstoßes einleite.
Manchmal stoße ich mit dieser Technik im Training knapp 20 Meter weit und träume davon, als Revolutionär der Kugelstoßtechnik nicht nur Weltrekord zu stoßen, sondern auch Leichtathletik-Geschichte zu schreiben. Im Wettkampf stoße ich mal mit der >>Scheuder<<, mal mit der Drehtechnik, wenn beides nicht klappt und die Kugel aus unerfindlichen Gründen nur 14 oder 15 Meter weit fliegt, stoße ich mit der Backenbremse und schaffe dann wenigstens noch 17, 18, seltener 19 Meter. Mit der Drehtechnik stoße ich sogar in einem internationalen Wettkampf einmal aus ebenso unerfindlichen Gründen wie bei den 15-Meter-Stößen über 20 Meter, doch ein englischer Funktionär protestiert: Ich soll mit dem linken Fuß den hinteren Kreisrand berührt haben. Ich glaube es nicht, bin mir aber wegen meiner Orientierungslosigkeit in der Drehung nicht sicher.
Ganz allmählich erlischt das Feuer. Endlich beende ich die Agonie, beschließe, daß die deutschen Meisterschaften 1981 mein letzter Wettkampf sein werden.
Das letzte Krafttraining. Zu Hause im Keller. Allein. Zum letzten Mal lege ich im Bankdrücken 200 Kilogramm auf. Nie mehr in meinem Leben werde ich solch ein Gewicht zu heben versuchen. Beim Gedanken an dieses Bankdrückfinale will ich einen Kloß in der Kehle spüren. Sicher muß ich weinen in dieser schicksalsträchtigen Stunde. In mir werden Symphonien brausen, Beethovens Zehnte wird in mir machtvoll ihre Uraufführung erleben, dann werde ich schluchzend in meinem Kraftraum zusammenbrechen.
Noch bin ich stark genug, um die 200 Kilogramm fünfmal schnell und leicht nach oben zu stoßen.
Keine Tränen, keine Symphonien. In mir hat es ausgebraust.
Zwei Tage später werde ich bei den Deutschen Meisterschaften in gleich guter Form antreten wie alle die Jahre zuvor und nur 17 Meter weit stoßen, sogar ganz ohne Versagensmechanismen. Ich bin leer. Ich würde gerne noch weiter wollen können, aber Wollen kann ich nicht mehr.
Nach dem letzten Krafttraining bleibe ich noch eine Weile auf der Hantelbank sitzen. Ich schaue auf die Jahre auf der außergewöhnlichen Spur zurück und auf die Jahre auf der gewöhnlichen Spur voraus.
Früher kam mir die Zukunft rabenschwarz vor. Ich stieg in eine scheinbar rosige Kugelstoßer-Zukunft aus und um. In all den Jahren häuften sich zunehmend die schwarzen Stunden. Enttäuschungen, Demütigungen, Selbstzerfleischung, tiefe Resignation, hoffnunglose Hoffnungen, das Anabolika-Dilemma. Es war alles ganz furchtbar, sagt mir die innere Stimme der Vernunft, auf die ich von nun an hören will.
Die Zukunft liegt nicht mehr rabenschwarz und angsteinflößend vor mir. Ich komme aus dem Tunnel heraus und blicke angst- und emotionslos in eine graue Zukunft.
Aber wenn ich zurückblicke, sehe ich hinten im Tunnel ein rosarotes Leuchten.

ENDE<

Anhang im April 2005

Sehr geehrter Herr St., lieber gw,
nachdem ich seit vielen Jahren ‘schweigend’ Ihre Kolumne genieße, möchte ich Ihnen nun doch einmal schreiben und hoffe, dass Sie ein wenig Spaß daran haben, da Sie, wie ich zu wissen glaube, Geschichten mögen.
Ich (Jahrgang 1961) bin in Wetzlar geboren und aufgewachsen, habe dann beruflich einige Jahre in Gießen gearbeitet und auch gewohnt und seit etlichen Jahren beruflich und wohnortmäßig meinen Lebensmittelpunkt wieder Richtung Wetzlar verlagert. Aus meiner “Gießener Zeit” habe ich jedoch die Angewohnheit beibehalten, zumindest samstags die Gießener Allgemeine zu lesen.
Erst vor einiger Zeit stieß ich durch Zufall auf den Anstoß online. Ihre ‘Sport-Leben’-Geschichten haben mich dabei so gefesselt, wie selten ein anderer Lesestoff, und büchermäßig habe ich in meinem Leben wirklich schon einiges bewegt. Grund für mein fast schon atemloses Online-Lesen war sicherlich das Deja-vu-Erlebnis in Ihrem Bericht.
Zur Erklärung: Ich bin in Wetzlar an der Landhege aufgewachsen, wo auch heute noch meine Eltern wohnen. Für ein Kind und einen Jugendlichen war natürlich die nähere und weitere Umgebung ein Freigehege, in dem auch der Sportplatz an der Goetheschule für jemand, der im Fußballverein und auch den Rest der Woche dem runden Leder hinterher rannte, eine zentrale Rolle spielte. Große Klasse war dabei das hinter dem Sportplatz in Richtung Hundeabrichtplatz gelegene, etwa 1972 errichtete Handballspielfeld mit rotem Kunststoffbelag und Handballtoren, das sich bei den Straßenfußballern der näheren Umgebung von Frühjahr bis Herbst großer Beliebtheit erfreute und ‘große’ Matches erlebte. Ich erinnere mich noch, wie ich zu den anderen Halbstarken im August 1974 sagte, ab sofort sollten sie mich nur noch mit ‘Weltmeister’ ansprechen.
Im Zuge der Erweiterung des Schulzentrums um die beruflichen Schulen Ende der siebziger Jahre wurde der Platz dann leider zunächst mit einer Heißluft-Behelfssporthalle bebaut, bevor dann später der Neubau der Turnhalle für die Theodor-Heuss-Berufsschule errichtet wurde. Einen Bolzplatz von solcher Qualität habe ich seitdem nirgends mehr gesehen.
Nun werden Sie schon ahnen, dass sich unsere Wege dort, ohne dass man sich nahe kam, natürlich auch gekreuzt haben. Für einen Jugendlichen war der hünenhafte Athlet, der regelmäßig dort auftauchte, mit einem Besen den Kugelstoßring traktierte, dann allerlei merkwürdige Bewegungen und Übungen absolvierte, gelegentlich wie ein Elefant mit Turbomotor über die Laufbahn rannte, schließlich mit Eisenkugeln um sich schmiss, natürlich etwas geheimnisvoll Exotisches. In einer sportinteressierten Familie wusste der Vater dem Buben natürlich zu berichten, dass es sich um den bekannten und erfolgreichen Kugelstoßer G. S. handelte, über den gelegentlich etwas in der Zeitung stand. Insofern wurde das Auftauchen des Hünen mit bewunderndem Respekt verfolgt, obwohl seine ganze Körpersprache und auch sein Gesichtsausdruck deutlich machten, dass er sein Training ungestört durchzuziehen wünschte und keinesfalls auf Smalltalk irgendwelcher Art Appetit hatte. Insofern wagte man es auch niemals, den Riesen in seiner Konzentration zu stören oder auch nur in Reichweite auslaufender Weitwurfkugeln zu gelangen.
Der Vater wusste dann irgendwann von Rangplätzen bei Deutschen Meisterschaften oder von anstehenden oder vergangenen Olympiaqualifikationen zu berichten, was den großen Kugelstoßer in Kinderaugen noch größer machte. Später, so um 1979/80, als ich an der Goetheschule vor dem Abitur stand und mich in der Leichtathletik-AG mit den Sportskanonen auf Kreis- und Bezirksebene (zumeist TV Wetzlar unter Hilmar Schwesig) unterhielt, war da auch ein Kugelstoß-Talent darunter, der als 17-jähriger so um 16 m weit stieß und damit wohl in der hessischen Spitze stand. Mit ihm fachsimpelte ich natürlich auch über G. S. und seine Trainingsmethoden, und er wusste zu berichten (ob das so stimmt, wusste ich damals nicht und weiß es heute natürlich auch nicht), G. S. habe immer nur auf Kraft trainiert und erst jetzt, zum Ende seiner Karriere, habe er die Vorteile der Schnellkraft erkannt und trainiere nun verbissen Sprints, aber das sei nun zu spät. Den kugelstoßenden Mitschüler hatte ich im übrigen als körperlich schweren, aber im Wesen freundlichen und besonnenen Kerl kennen gelernt, was mir diesen Sport und seine Streiter durchaus sympathisch machte. Soweit ich weiß, war seine Laufbahn schon mit 20 wegen diverser Wehwehchen zu Ende, aber ich nehme an, dass er sich seine Freundlichkeit bewahrt hat.
Als ich dann etliche Jahre später anfing, in der Gießener Allgemeinen zu lesen und im Impressum irgendwann den für mich lange verschollenen Kugelstoßer von einst wiederfand, war ich, Sie ahnen’s, zunächst doch erstaunt. Der Mensch steckt halt leider voller Vorurteile, und Kraftsport wird halt doch seltener mit feinem Sprachverständnis verbunden. Solcher Art tumbes Urteil war nach vielen ‘Anstößen’ natürlich längst geistiger Verbundenheit gewichen, als ich dann kürzlich die ‘Sport Leben“‘-Geschichten las, die für mich natürlich manches Detail von größerer Bedeutung enthielten, als dies vielleicht für einen Leser aus Grünberg oder Hungen zutreffend wäre, der Wetzlarer ‘Originalschauplätze’ der sechziger und siebziger Jahre natürlich nicht kennen kann.
Die Freude, die Sie Ihren Lesern mit dem Versuch der Nachdenklichkeit über so vieles, was wir Menschen so treiben, geben, bekommt für meine Wahrnehmung eine besondere Bedeutung vor dem Hintergrund Ihrer Lebenserfahrungen im und neben dem Wurfring. Die Lebensgeschichte des Ralf R. ist insofern eine reale Parallel-Parabel, die zeigt, wie es auch hätte laufen können.
So, was ich also als Bub auf dem Sportplatz am Wetzlarer Hallenbad nie geschafft habe, nämlich die persönliche Ansprache, ist nun nachgeholt. Ich habe Sie hoffentlich nicht gelangweilt. Der Sportplatz wird übrigens gerade für eine runde halbe Million generalsaniert. Allerdings auch mit einem hohen Zaun umgeben, so dass selbst ein Olympiasieger ohne Schlüssel zum Eingangstor dort keine Trainingseinheit mehr absolvieren könnte.
Manfred S. (Schöffengrund)