Sport-Leben, Teil 3
Daß Jan sein Leben später konsequent zerstören wird, hätte ihm 1975 niemand zugetraut. Ich ihm schon gar nicht.
Eher traut man mir Selbstzerstörung zu. Ich mir auch. Noch geht Jan seinen Weg unbeirrt, erfolgsbesessen und mit hoher konventioneller Vernunft, während ich gegen meinen etwaigen Kugelstoß-Erfolg Amok laufe und scheinbar gleichzeitig alles dem erhofften Kugelstoß-Erfolg unterordne.
Ich bin nun auch offiziell ein 20-Meter-Stoßer, habe den vorolympischen Wettkampf gewonnen und gehöre zum Olympiakader. Ich könnte frohen Mutes das Wintertraining aufnehmen.
Das Olympiajahr müßte mein Jahr werden. Aber als die Olympianormen festgesetzt werden, melden sich lästige Zweifel. Olympische Spiele sind Einladungswettbewerbe des Veranstalters, des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Alle Länder, in denen das IOC eine nationale Filiale hat, ein Nationales Olympisches Komitee (NOK), können an den Olympischen Spielen teilnehmen.
Es gibt jedoch Teilnahmebeschränkungen, damit die Zahl der Wettkämpfer überschaubar bleibt. In der Leichtathletik darf allerdings jedes NOK zumindest einen Teilnehmer unabhängig von seiner sportlichen Qualifikation nominieren. Daher tauchen in den olympischen Vorkämpfen immer wieder >>Exoten<< auf. Es erfreut den Zuschauer, wenn der >>Exot<< im 3000-Meter-Hindernislauf im Wassergraben badet, beim Hammerwerfen vergeblich mit der Zentrifugalkraft kämpft oder sich beim Speerwerfen fast ersticht. Das ist Sport, das ist Olympia!
Wenn ein NOK mehr als einen Teilnehmer – maximal drei sind möglich – nominieren will, müssen die potentiellen Olympioniken eine vom IOC festgelegte Qualifikationsnorm erfüllen. Diese muß wenigstens einmal in einem Zeitraum von zwölf Monaten vor den Olympischen Spielen übertroffen werden.
Ich kenne diese offizielle IOC-Norm nicht, denn sie spielt in Deutschland West und Deutschland Ost keine Rolle. Die IOC-Norm muß irgendwo zwischen 19 und 19,50 Metern liegen. Ich habe sie jedenfalls mehrfach übertroffen, und da es in Deutschland niemanden außer Jan gibt, der weiter stößt als ich, stünde in jedem anderen Land der Welt meine Olympiateilnahme außer Zweifel.
Aber während die DDR aus naheliegenden Gründen finanzieller, kontrolltechnischer, zwang- und druckausübender Art nur echte Medaillenkandidaten nominiert, übernimmt die reiche, demokratische Bundesrepublik dieses dopingfordernde Zwangssystem eines diktatorischen Unrechtsregimes, weil die Sportstrategen der Bundesrepublik alles nachäffen, was die medaillenstarke DDR vormacht. Der kalte Krieg tobt auch im Sport, und die Funktionäre toben mit.
Aber nur in Deutschland. In den USA oder bei deren anderen kapitalistischen Verbündeten geht es sportlicher zu.
Der Nominierungsmodus der US-Amerikaner ist hart, aber fair und gerecht. Es gibt keine Mauscheleien. Funktionäre und Politiker können keinen Druck auf die Sportler ausüben, strategische Machtspielchen wie in Deutschland sind bei der Olympia-Nominierung nicht möglich. Wer bei den Trials, dem US-internen Ausscheidungs-Wettkampf, Platz eins, zwei oder drei belegt und die IOC-Norm erfüllt, hat das Recht auf seinen Olympiastart erkämpft. Es gibt keine internen US-Normen, keine geheimen Nominierungsgremien. Nur der Sportler entscheidet. Wer verletzt ist oder einen schlechten Tag erwischt, hat Pech gehabt. Aber wer sich bei den Trials durchsetzt, dem kann niemand den Olympiastart verwehren, selbst wenn die US-Funktionäre lieber den verletzten Favoriten oder den wegen vorübergehender Formschwäche bei den Trials schechtplazierten Weltrekordler nominieren würden.
Da jedes Land pro Disziplin nur drei Teilnehmer zu den Olympischen Spielen schicken kann, müssen die USA in ihren starken Wettbewerben, vor allem dem Sprint und den Sprüngen, Weltklassesportler zu Hause lassen. In ihren schwächeren Diziplinen, zum Beispiel dem Kugelstoßen der Frauen, nehmen aber selbst die sportstarken USA Athletinnen und Athleten mit zu den Olympischen Spielen, die in Deutschland als Versager verachtet und geschmäht würden und deren Anspruch auf Olympiateilnahme man als unverschämte Anmaßung abschmettern würde.
Das IOC stellt Normen auf, die hoch sind, aber zweifelsfrei ohne Doping erreicht werden können. Zudem garantiert der Olympia-Veranstalter jedem Land einen >>sozialen<< Startplatz ohne Normerfüllung. Die US-Amerikaner, wie der gesamte reiche Westen außer Deutschland, richten sich nach den IOC-Vorgaben. Ihnen allen kann man nicht den Vorwurf machen, durch Norm und Nominierungsmodus das Doping zu fordern und zu fördern. Aber genau dies geschieht in der Bundesrepublik.
Bei einem Treffen in Frankfurt werden dem bundesdeutschen Olympiakader die internen deutschen Normen vorgestellt und erläutert. Ich rechne mit einer Richtweite von 20 Metern, die ich irgendwann im Juni einmal erreichen muß. Das kommt mir problemlos machbar vor. Bis dahin will ich wie immer ohne Anabolika auskommen. Nach der Nominierung werde ich im Trainingslager eine Dianabol-Kur einlegen, die Pillen rechtzeitig vor dem Olympiawettkampf absetzen und mit guten Chancen um die Goldmedaille und den Weltrekord kämpfen.
Doch die vorgestellte Norm beendet meine Planspiele. Man zwingt mich zu einer neuen Strategie.
Wer als Kugelstoßer für die Bundesrepublik in Montreal an den Start gehen will, muß mindestens 20,60 Meter weit stoßen. Nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal, und das bei drei vorgegebenen internationalen Wettkämpfen drei bis sechs Wochen vor Olympia.
Das ist ein Hammer!
Zwar zweifle ich in meiner Realitätsferne nicht, daß ich diese Norm schaffen werde. Aber sie liegt derart hoch, daß ich mich den üblichen Gepflogenheiten anpassen und schon frühzeitig Anabolika nehmen muß.
Wer zweimal hintereinander in großen internationalen Wettkämpfen über 20,60 Meter stoßen kann, muß mindestens das Potential eines 21-Meter-Stoßers haben. Ich glaube zwar, daß ich mir auch ohne Anabolika das 21-Meter-Potential antrainieren kann. Ich habe es schließlich schon beim Sieg im vorolympischen Wettkampf bewiesen. Aber Potential ist nicht gleich Leistung. Wäre es mir möglich, ohne Anabolika zweifelsfrei die 20,60-Meter-Doppelnorm zu schaffen? Ich traue mir die Weite zwar zu, aber nicht zweifelsfrei. Alle anderen mit dem Leistungssport Vertrauten trauen niemandem die Norm ohne Anabolika zu.
Man kann noch streiten, ob diese Norm im Männer-Kugelstoßen dopingfrei erreichbar ist. Aber unsere armen bundesdeutschen Kugelstoßerinnen bekommen eine ähnlich hohe Richtschnur vorgelegt, die weit mehr als zwei Meter über der offiziellen IOC-Norm liegt. Niemand kann bestreiten, daß diese intern drastisch erhöhten Olympianormen nachdrückliche, offizielle und öffentliche Aufforderungen zum Doping sind, und zwar von allerhöchsten Stellen. Je höher das verantwortliche Gremium, desto größer die Macht und desto kompromißloser die Dopingforderung.
In der Bundesrepublik entscheidet eine große Koalition über die Olympiateilnahme: Deutscher Leichtathletik-Verband (DLV), Deutscher Sport-Bund (DSB), Deutsche Sporthilfe, Nationales Olympisches Komitee (NOK) sowie der Bundesausschuß zur Förderung des Leistungssports (BA-L), die direkt dem Bundesinnenminister unterstellte graue Eminenz des deutschen Sports.
Vor dem BA-L haben alle Angst. Diese Theoretiker und Beamten des Sports wollen die Bundesrepublik auf DDR-Niveau bringen. Dazu studieren sie, auch unter konspirativen Bedingungen, den DDR-Spitzensport und ahmen alles nach, was sie in unserem Gesellschaftssystem nachahmen dürfen. Zu ihrem großen Leidwesen dürfen sie nicht alles übernehmen, was der DDR-Sport, gesellschaftlich bedingt, an Zwangsmaßnahmen auf Lager hat.
Der BA-L behilft sich mit den bei uns praktikablen Zwangsmitteln. An erster Stelle steht das Geld. Der BA-L dreht den aus öffentlichen Mitteln gespeisten Geldhahn nach Gutdünken auf und zu. Verbände, die alle Vorgaben erfüllen, werden großzügig alimentiert. Verbände, die einen sporthumanen Sonderweg gehen, gibt es nicht – ihnen würde der Geldhahn zugedreht: Kürzung der Förderungsgelder, Streichung von hauptamtlichen Stellen, und zu allem Überfluß würden sie noch von den Wachhunden der großen Doping-Koalition, den Medien, verbellt und zuammengebissen, wenn sie einen 20-Meter-Kugelstoßer oder gar eine 19-Meter-Stoßerin für Olympia vorschlügen.
Ich bin sicher, der Bundestrainer würde mich auch ohne Normerfüllung für Olympia nominieren, wäre er alleinverantwortlich. Selbst der DLV würde einen 20-Meter-Stoßer nach Montreal schicken, fürchtete er nicht den BA-L und die Medien. Aber gegen die wahren Mächtigen in der bundesrepublikanischen Demokratie, die mit Steuergeldern und Meinung manipulieren, haben sie nicht die geringste Chance.
Für uns Sportler bedeutet das: Wer nicht für Olympia nominiert wird, fällt aus der Sporthilfe-Förderungsgruppe A. Dadurch sinkt die monatliche Zuwendung von rund 650 auf 150 Mark, außerdem besteht keine Möglichkeit mehr, Jahresleistungsprämien zu bekommen, denn diese gibt es nur bei Olympiateilnahme – gestaffelt von Endkampfteilnahme bis Olympiasieg
Doch mich interessiert das Geld nicht. Nur die Olympiateilahme zählt.
Ich klage auch unser System nicht an. Ich kenne es, ich bin in ihm aufgewachsen, es kommt mir selbstverständlich vor, und ich ziehe es damals wie heute allen direkten Zwangssystemen vor. In der DDR hätte ich so gut wie keine freie Entscheidung. Bei uns aber hindert mich niemand daran, öffentlich gegen die Anabolika-Norm zu protestieren, den Leistungsport aufzugeben und, wenn ich unbedingt nach Montreal will, ins Reisebüro zu gehen und einen Flug zu buchen.
Natürlich tue ich all dies nicht, und da ich nur als Kugelstoßer nach Montreal will, unterwerfe ich mich unserem indirekten Zwangssystem und dem Doping-Gebot der großen Koalition.
Wenn schon, denn schon. Wenn ich die olympischen Saisonplanungen schon nicht nach meinem Konzept gestalten kann, mache ich es diesmal halt wie alle anderen. Ich nehme schon im Aufbautraining Anabolika. Überhaupt mache ich alles anders als sonst, denn erstmals beteilige ich mich nicht an Hallenwettbewerben. Nur Training, Training, Training, und zwischendurch kurze Dianabol-Kuren. Inzwischen wird in Fach- und Allgemeinpresse beratschlagt, ob die Normen nicht zu niedrig seien. Nicht die IOC-Normen, sondern unsere intern erhöhten! Was hat ein 20,60-Meter-Kugelstoßer in Montreal zu suchen? Der blamiert doch nur sich und uns vor dem sozialistischen deutschen Feind! Genüßlich sieben meine Journalistenkollegen schon vorab aus, erfinden den Kampfbegriff >>Olympiatourist<<, von denen wir keine in unserer Mannschaft haben wollen.
Und alle wissen, daß sie Doping fordern und fördern. Bundesrepublikanisches Staatsdoping: Ihr wißt, was ihr zu tun habt! Aber laßt euch nicht erwischen! Wenn ihr nicht dopt, werdet ihr aussortiert und mit Geldentzug und medialer Verachtung gestraft. Wenn ihr euch erwischen laßt, ebenfalls, aber noch heftiger – wir lassen uns von Doping-Dummköpfen nicht unsere weiße Weste beflecken!
Ich akzeptiere diese Spielregeln. Bigotte Heuchelei gehört zum öffentlichen Spiel. So richtig zum Kotzen wird sie aber erst zwanzig Jahre später, wenn die gleiche große Doping-Koalition aus Sportverbänden, Politik und Medien in öffentlichen Entrüstungsorgien das DDR-Staatsdoping >>bewältigt<< und die eigene Vergangenheit des Staatsdopings der eleganteren Art unbewältigt läßt.
Bevor sich der erste Sportler dopingschämt, haben sich die früheren Führungskräfte von DLV, DSB, Sporthilfe, NOK, BA-L und die ebenfalls wissentlich dopingfordernden Journalisten zu schämen. Die meisten leben ja und könnten sich noch schämen. Auch der oberste Dienstherr des BA-L, der damalige Bundesinnenminister.
Zu befürchten ist allerdings, daß sie Unwissenheit beteuern. Wir Sportler nehmen ihnen diese Unwissenheit nicht ab. Die große Doping-Koalition log damals und lügt heute.
Fast noch schlimmer wäre es allerdings, wenn sie nicht lügen. Denn dann wüßten wir, daß im bundesdeutschen Sport jahrzehntelang fachlich inkompetente, ahnungslose und dumm daherschwadronierende Schwachköpfe das Sagen hatten. Trotz mancher Zweifel vor allem an höheren Würden-, Mandats- und Machtträgern will und kann ich daran nicht glauben.
Von meinen freiwilligen Trainingskontrollen spricht niemand mehr. Keine Kontrollen, keine Berichte. Aber die Aktion wird nie beendet, so daß ich scheinheilig darauf pochen könnte, der erste und einzige rund um die Uhr dopinggetestete Sportler der Welt zu sein.
Wenn ich ein bißchen cleverer und kaltschnäuziger wäre, könnte ich meinen Olympiastart wahrscheinlich sogar erzwingen. Schaffe ich die Norm nicht, müßte ich kurz vor der Nominierungsrunde mit Hinweis auf meine weltweit einzigartige Anti-Doping-Aktion öffentlich Empörung mimen und die deutschen Sportverantwortlichen anklagen, daß sie mich für meine vorbildliche Vorreiterrolle mit Olympiaverbannung bestrafen. Und wenn man mich dann immer noch nicht nominiert, hätte ich zwanzig Jahre später wenigstens meinen goldenen Platz im Geschichtsbuch des Sports sicher: als Märtyrer der Anti-Doping-Bewegung.
Ich muß der Versuchung, eine solche erfolgversprechende Heuchel-Rolle zu spielen, nicht widerstehen, da ich erst gar nicht in Versuchung gerate. Ich komme nicht einmal auf die Idee, den Märtyrer zu mimen. Die Verhältnisse sind klar: Ich will zu Olympia, daher soll und muß ich dopen. Wenn ich die verlangte Doping-Norm nicht schaffe, wäre es unsportlich und unwürdig, meine Olympiateilnahme lügend und heuchelnd zu erdrohen oder zu erbetteln.
Ich glaube, selbst wenn ich von Beginn der freiwilligen Testaktion bis zum letzten Qualifikationswettkampf dopingsauber geblieben wäre, hätte ich keine öffentliche moralische Empörung ausdrücken können.
Ich fürchte allerdings, daß ich dennoch keine Goldmedaille in Moral und Ethik verdient habe. Meine Einstellung ist kein Beweis für sportliche Tugend, sondern Indiz für Hilflosigkeit eines Einzelgängers. Daß ich in späteren, konventionelleren Jahren glaube, durch den Verzicht auf Heuchelei eine Chance verpaßt zu haben, spricht gegen den Angepaßten von heute und für den Sonderling von früher, auf den ich verwundert und distanziert zurückblicke.
Da ich zum Olympiakader gehöre, komme ich in den Genuß neuer Aufmerksamkeit. Die beiden großen deutschen Sportartikelfirmen, die den Weltmarkt unter sich aufteilen, kämpfen auch um die Vorherrschaft im Olympiakader. Das heißt, der größere der beiden Konzerne versucht, dem kleineren auch noch dessen Kaderangehörige abspenstig zu machen. Der kleinere wehrt sich und startet ebenfalls Abwerbungsversuche.
Jeder Leichtathlet von mindestens nationaler Klasse, zu der auch ich seit einigen Jahren gehöre, wird von einer der beiden Sportartikelfirmen ausgerüstet. Kleidung, Schuhe, alles mögliche Sport- und Freizeitzubehör wird dem Sportler auf Anforderung kostenlos ins Haus geschickt. Die Zuwendungen werden streng nach Leistung und Popularität rationiert, wobei die kleinere Firma schon bei kleineren Leistungen großzügiger ist. Daher konnte ich bereits als 17-Meter-Stoßer Sportschuhe und Trainingsanzüge bei ihr kostenlos bekommen, während die andere erst bei 18-Metern-Stoßern ihre Gabenverteilung begann. Seitdem bin ich meinem Ausrüster treu geblieben. Was nicht schwierig war, da die größere Konkurrenz noch kein Interesse an mir gezeigt hatte.
Mit meiner Firma bin ich sehr zufrieden. Ich kleide mich nicht nur im Sport vollständig mit dieser Marke ein. Das kleine Raubtier-Emblem schmückt meine gesamte Garderobe, die allerdings nicht sehr reichhaltig und zudem frei von Anzügen und Krawatten ist. Das bei der Kleidung gesparte Geld brauche ich, um die sportgerechte Ernährung, in meinem Fall die Muskel-Mast, finanzieren zu können.
Als Olympiakader-Mitglied bin ich nun auch für den Marktführer interessant. Rein statistisch allerdings nur. Man will im Olympiakader prozentual noch stärker vertreten sein, daher wirbt man auch um einen wenig bekannten Athleten aus der zweiten oder dritten Reihe.
Fast fühle ich mich wichtig, als der Repräsentant dieser Firma bei mir zu Hause auftaucht, die Brieftasche zückt und zweitausend Mark in drei Streifen nebeneinander auf den Tisch blättert. Das Argument gefällt mir.
Ich kenne und mag den Geldboten. Er ist ein früherer Europameister, ein Mann der Tat, der keine unnötigen Worte verschwendet. Er hat mich ja auch schon überzeugt. Zweitausend Mark! Das sichert meine Eiweißzufuhr für zwei Monate.
Mein Problem: Auch mit dem Repräsentanten meiner Firma verstehe ich mich gut. Den ehemaligen Mittelstreckler von internationalem Format, der später auf Landesebene als Politiker Karriere macht, würde meine Treulosigkeit sehr enttäuschen. Was soll ich ihm sagen? Am besten gar nichts. Im Pakt mit meinem neuen Ausrüster wird auch dem Wunsch Rechnung getragen, daß der eine Repräsentant den anderen über den Markenwechsel informiert.
Ich Feigling halte das für die beste Lösung. Bis einige Tage später das Telefon klingelt und ein erzürntes Raubtier in meine Ohrmuschel faucht. Er kenne mich gut genug, um mir schaden zu können. Von nun an werde er sich bei jedem Wettkampf an den Kugelstoßring stellen und mich anklagend anschauen. Sonst nichts, nur anschauen. Er wisse schließlich, wie sensibel und anfällig ich im Wettkampf reagiere.
Da ist was dran. Mehr noch aber überzeugt mich sein Vorschlag, ihm die Treue zu halten, dem Kollegen von der anderen Marke das Geld zurückzugeben, das er mir natürlich zur Verfügung stelle. Dann bliebe alles beim alten, aber ich sei zweitausend Mark reicher.
Ich bekomme von dem einen zweitausend Mark und behalte die zweitausend von dem anderen. Irgendwann wechsle ich dann doch die Marke. Weder das Geld noch der Wechsel scheint die beiden Firmenrepräsentanten länger zu beschäftigen. Sie drehen jetzt größere Räder, Konkurrenz kommt auf, da kann man sich nicht mehr um kleine Rädchen kümmern. Mir soll´s recht sein. Bei keinem bleiben Mißstimmungen zurück, bei mir aber viertausend Mark. Ob ich Skrupel habe? Nein.
Skrupel bekomme ich aber, als ein Film-Team des deutschen Fernsehens meine Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in einer Langzeit-Reportage begleiten will. >>Kraftproben<< heißt die Sendereihe des WDR, die mit der ersten Folge über einen legendären Gewerkschaftsführer begonnen hatte. Und nun ich. Eine 45-Minuten-Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im ersten Programm sogar. Noch gibt es keine privaten Programme, daher werden viele Millionen zuschauen. Mir wird schwummrig.
Außerdem bin ich mißtrauisch. Wollen die mich fertigmachen? Mir ist klar, daß ich mit meinem monströsen Aussehen, meinen Ernährungsgewohnheiten, dem extremen Training, meiner scheinbar sinnlosen Ausschließlichkeit ein gefundenes Fressen bin, das nur darauf wartet, in die Pfanne gehauen zu werden. Schließlich leben wir in den intellektuellen 70er Jahren, in denen Körperbezogenheit nahe an der Grenze zum Schwachsinn angesiedelt wird. Wenn öffentlich vorgeführt wird, wie meine Körperbezogenheit diese Grenze weit überschreitet und sogar nur Mittel zu einem obskuren Zweck ist, würde ich zum Gespött der Nation.
Es gibt noch keine Fitneßbewegung. Die wenigen Jogger, die Dauerläufer heißen, werden gutmütig bespöttelt. Bodybuilding keimt noch in den verborgenen Winkeln verrufener Bahnhofsgegenden. Arnold Schwarzenegger, in der Szene schon eine Legende, ist in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Die wenigen, die ihn schon einmal gesehen haben, halten ihn für ein abartiges Kuriosum. Wie würden sie dann erst mich verlachen, der nicht für die Gesundheit läuft, nicht als Muskelplastik Geld verdienen will, sondern sich zur Unförmigkeit hochmästet und wie ein Verrückter Eisen stemmt und Kugeln stößt, was ungesund ist und selbst im Optimalfall weder Geld noch Ruhm verspricht.
Die Filmer – ihr Chef heißt auch so und wird später wahre Größen porträtieren – wollen mich beruhigen. Sie versichern mir, ich könne ihnen vertrauen. Ich vertraue ihnen nicht, willige aber schließlich ein. Ich weiß nicht warum. Sind es die zweitausend Mark Aufwandsentschädigung? Ich kann sie gut brauchen, schließlich bin ich bis auf freie Mitarbeit bei meinem früheren Arbeitgeber erwerbslos. Aber ich fürchte eher, daß ich mich geschmeichelt fühle und es genieße, im Mittelpunkt des Interesses von Film- und Fernsehschaffenden zu stehen. An das Risiko der Bloßstellung will ich nicht denken – bis zum Sendetermin im nächsten Sommer.
Sie filmen und interviewen mich in mehrwöchigen Abständen im Krafttraining, beim Kugelstoßen, beim Essen und Trinken, beim Anrühren und Austrinken von Eiweißkonzentraten, auch bei Terminen als freier Journalist und schließlich bei den entscheidenden Wettkämpfen der Olympiaqualifikation.
Als der Sendetermin naht, wird mir immer mulmiger. Die zweite Folge der >>Kraftproben<< läuft vor der >>Sportschau<< an jenem Sonntag, an dem ich die letzte der drei Möglichkeiten habe, die Olympianorm zu erfüllen. Ich weiß, mich kann nur ein Wunder retten. Nach all diesen Anstrengungen schmählich versagen, als bedauernswertes, zu verachtendes oder zu belächelndes Unikum – oder alles zusammen – vorgeführt werden, womöglich in den Interview-Zusammenschnitten noch mit ungeschnittenen Denkpausen und Stammel-Statements bösartig bloßgestellt werden . . . mir wird immer mulmiger.
In den Monaten zuvor beantworte ich ehrlich alle Fragen. Selbst auf die Gretchenfrage lüge ich nicht, mache mir und dem Interviewer sophistisch weis: Nein, ich nehme keine Anabolika. Brauche ich nicht. Sie sehen ja, wieviel ich esse, wieviel ich trainiere. Bei maximalem Training und maximaler Eiweißaufnahme gibt es maximalen Erfolg, der auch durch Anabolika nicht optimiert werden kann. Ist doch klar, oder? Sage ich und will ich meinen.
Das sagte ich und wollte es auch meinen, als ich die Trainingskontrollaktion startete.
Das werde ich auch später sagen und meinen wollen.
Aber wehe, mein Optimismus wird beeinträchtigt und Zweifel kommen auf – schon will ich nicht mehr meinen, was ich weiterhin sagen muß. Und bei diesen wahnwitzigen Olympianormen kann ich Zweifel nicht mehr unterdrücken.
Immerhin, die Filmer fragen mich nur einmal nach Anabolika, zu Beginn der Dreharbeiten, und zu diesem Zeitpunkt nehme ich kein Dianabol. Ich zögere es so weit wie möglich hinaus. Erst im Februar lege ich eine Zwei-Wochen-Kur ein. Sinnigerweise in der ersten Trainingspause nach fünfmonatigem Aufbautraining. Als ich mit dem zweiten Teil der Olympiavorbereitung beginne, spüre ich keine positive Wirkung. Im Gegenteil, denn nach der zweiwöchigen Pause habe ich Gewicht verloren, bin im Krafttraining zurückgefallen und stoße zunächst einen drittel Meter weniger als zuvor. Ich beschließe, von nun an bis zur Olympiaqualifikation mehrere einwöchige Anabolika-Phasen einzulegen. Das beruhigt.
Beunruhigend wäre etwas anderes – wenn ich als Großmeister im Verdrängen nicht auch dies problemlos wegstecken würde: Die Eiweißkonzentrate, die ich seit einigen Jahren legal und legitim einnehme, haben neben hohem Eiweiß- auch hohen Milchzuckeranteil. Milchzucker wirkt bei Verstopfung stuhlgangfördernd. Ich habe keine Verstopfung, führe mir täglich große Mengen Milchzucker zu und leide zudem offensichtlich unter Milchzuckerunverträglichkeit. Mit dem Effekt, daß ich regelmäßig spätestens eine Stunde nach dem Hinunterwürgen der Eiweißpampe diese wieder in gleicher Konsistenz ausscheide. Nur die Farbe hat sich geändert.
Wenn ich Anabolika schlucke, tue ich dies stets in Verbindung mit der Eiweißaufnahme. Werden die Hormone direkt mit dem Eiweiß aufgenommen, wirken sie am besten. Habe ich beschlossen. Aber können die Anabolika, können die Eiweißmengen überhaupt wirken, wenn schon eine Stunde später . . . ?
Ist dies auch der Grund, warum ich in der nüchternen, einbildungs- und placebowirkungsfreien Rückschau weder negative Gesundheits- noch positive Leistungswirkungen feststellen kann? Habe ich wegen der jahrelangen Input-Output-Automatik die anderen Kugelstoßer unbekannten Gewichtszunahmeprobleme? Schließlich wiegt Jan immer fast fünfzig Pfund mehr als ich, obwohl ich mich mäste wie kein anderer. Bin ich deswegen jenseits der 50 gesünder als in meinen Sportjahren, ohne feststellbaren Langzeitschaden?
Des älteren Herren Freud ist des Kugelstoßers verdrängtes Leid. Soll ich es einmal mit Testosteron versuchen, dem neuen Modepräparat, das erst viel später auf der Dopingliste erscheint, noch nicht nachweisbar ist und als erlaubte Substitution betrachtet wird? Testosteron gibt es nur in Zäpfchenform. Ich versuche es. Mein Schließmuskel macht seinem Namen alle Ehre. Endlich läßt er sich erweichen, nimmt das geschoßartige Gebilde gnädig auf. Aber nur, um es eine Sekunde später wie aus der Pistole geschossen im hohen Bogen herauszukatapultieren. Ich denke an meine Filmcrew. Das wären Aufnahmen!
Obwohl ich in meiner Olympia-Torschlußpanik keine Skrupel mehr kenne, bleibt dieser Selbstschuß die einzige Erfahrung mit Testosteron. Selbst mir ist dieses Zäpfchenladen zu unappetitlich, zu würdelos.
Testosteron und Captagon einmal und nie wieder. Ansonsten niemals irgendwelche verbotenen Substanzen oder Drogen. Nicht einmal Haschisch, das um mich herum die meisten in der Tasche und in der Blutbahn haben. Ich rauche nicht und trinke – bis auf die Berliner Ausnahme – nur mein Gewichtsmittel Bier. Bleibt Dianabol – wegen der kurzen Verweildauer womöglich wirkungslos. Gegenüber der Mehrzahl meiner nichtanabolen Altersgenossen ein fast vorbildlich drogenfreies Leben . . .
In die Olympiavorbereitung fällt sogar auch die einjährige Totalabstinenz nach dem Berliner Istaf-Fiasko. Das kann in gewissen Situationen hinderlich werden. Jan und ich begutachten im Heidelberger Leistungszentrum deutsche Nationalspielerinnen. Sie werden von ihrem asiatischen Trainer getriezt. Werner würde nie wagen, uns so zu behandeln. Eine fällt uns wegen ihrer figürlichen Vorzüge besonders positiv auf. Wir laden sie ein, sich mit uns über Sport zu unterhalten. Abends in der Altstadt. Meinungsaustausch über Trainingsprobleme. Vielleicht können wir von ihr was lernen. Sie ist einverstanden. Darf aber nicht weg. Der Trainer gewährt keinen Ausgang. Wir glauben es nicht. Gibt es so etwas im deutschen Sport um unser Kugelstoßen herum?
So etwas gibt es. Wir klopfen an die Tür des Trainers, gehen hinein und tragen unser Anliegen vor. Kategorische Ablehnung. Wir bitten und betteln. Der kleine Mann steht auf, kommt ganz nahe heran. Mir ist das leicht unangenehm. Daß Jan Menschen sogar haßt, die nahe an ihn herankommen und ihn dabei gar noch berühren, weiß ich. Aber Jan weiß, daß diese Empfindlichkeiten im Dienst der guten Sache zurückstehen müssen. Der Volleyballtrainer prüft Jans Oberschenkel, meine Oberarme, tastet unsere Rückenmuskulatur ab. Wir beißen die Zähne zusammen. Wir blicken uns an, sind uns ohne Worte einig: Erst wenn der Kleine sich in primäre Geschlechtsregionen verirrt, wird´s knallen.
Es knallt nicht. Wir können gehen, dürfen die Nationalspielerin mitnehmen. Sie kann es kaum glauben. Wie habt ihr das denn gemacht? Na ja, halt so.
Doch an erster Stelle steht das Kugelstoßen. Ihm wird alles untergeordnet. Ohne das Kugelstoßen würde ich hilflos auf dem stürmischen Meer des Lebens treiben, das Kugelstoßen ist mein Rettungsanker.
Wer solche Sätze liest, dem könnte schlecht werden. Wenn ich solch einen Satz von einem anderen lesen müßte, würde mir auch schlecht. Aber ich meine diesen Schwulst nicht nur ernst, ich weiß genau, daß er noch wahrer ist, als er kitschig klingt.
Ich lerne abseits vom Kugelstoßen Trennung, Trauer, Schock, Tod, Verlust kennen, und nur das Kugelstoßen hilft mir, existentielle Katastrophen scheinbar unversehrt zu überstehen. Ich kann mir Trauerarbeit nicht leisten, da sie die Trainingsarbeit negativ beeinflussen würde. Auch wenn die Kehle wie zugeschnürt ist, auch wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, weiß ich immer, was jetzt auf jeden Fall getan werden muß: Eiweiß anrühren, in langen, tiefen Schlucken die brennende Kehle hinunterlaufen lassen, Trainingsvorbereitungen treffen, drei Stunden intensiv Gewichte heben, jede Bewegung ist programmiert, muß getan werden. Nichts darf versäumt werden, alles muß seinen gewohnten Gang gehen, sonst ist alles vorbei.
Nicht einmal Fernsehserien wie >>Holocaust<< darf ich sehen, und bei Hunger- und sonstigen Katastrophenszenen in der >>Tagesschau<< schließe ich die Augen. Nichts darf ich an mich herankommen lassen, weil kugelstoßfremde Gefühle kugelstoßschädlich sind.
Bis kurz vor dem ersten Qualifikationswettkampf laufen meine Vorbereitungen wie geplant. Ich bin gut in Form und zuversichtlich, schon bei diesem ersten Wettkampf, einem Länderkampf gegen die Sowjetunion in München, die Norm erreichen zu können. Ich bin mit 29 Jahren im besten Kugelstoßer-Alter, habe hervorragend trainiert, stoße im Training mit der Acht-Kilo-Kugel über 19 Meter. Die fünfzehnpfündige Wettkampfkugel, mit der ich über einen Meter weiter stoßen kann, werde ich erstmals wieder in München in die Hand nehmen. Für diesen Augenblick habe ich jahrelang trainiert, mein ganzes Leben auf den größtmöglichen Wettkampf ausgerichtet, auf die Olympischen Spiele. Nun muß und werde ich mich qualifizieren.
Am Abend vor dem großen Tag beginnt meine akute Wettkampfvorbereitung, indem ich mit Bekannten Darts spiele. Wir spielen bis tief in die Nacht, das Werfen der leichten Pfeile macht meinen Stoßarm immer schwerer. Ungerührt schaue ich mir zu. Ich weiß, was ich anstelle, hindere mich aber nicht daran. Stundenlang stehen – die Rückenmuskulatur verkrampft. Stundenlang Pfeilewerfen – mein Wurfarm schmerzt, wird taub, die ungewohnte Bewegung stört die Blutzirkulation. Ich werfe unverdrossen weiter.
Am Morgen fahre ich mit dem Auto nach München. Mir fallen die Augen zu. Kurze Schlafpausen an Raststätten. Dennoch erreiche ich schon Stunden vor dem Wettkampf das Olympiastadion. Um die Müdigkeit zu vertreiben, komme ich auf die glorreiche Idee, mich jetzt schon in der Olympiahalle mit der Acht-Kilo-Kugel einzustoßen. Na bitte, es läuft doch! 18 Meter aus dem Stand, so weit wie noch nie. Mit der Angleittechnik stoße ich normalerweise zwischen zwei und zweieinhalb Metern weiter. Einfache Hochrechnung: 18 Meter aus dem Stand mit der Achter = 19 Meter aus dem Stand mit der Siebener = 21,25 Meter mit Angleiten mit der Siebener plus einen Meter Bonus wegen der stimulierenden Wettkampfatmosphäre = Weltrekord.
Ich mache weiter, zwei Stunden lang, weil ich immer schlechter werde, aber nicht schlechter werden will. Müde und matt lege ich ein kleines Nickerchen auf der Hochsprung-Matte ein. Danach will ich vor dem Wettkampf mein Selbstbewußtsein mit lockeren 20-Meter-Stößen stärken.
Unsanft werde ich geweckt. Schnell, schnell, es geht gleich los. Im Stadion begrüßt mich das Film-Team, wünscht mir viel Glück.
Der beste meiner sechs Wettkampfstöße landet bei 18,72 Meter. Es gewinnt der neue russische Weltrekordler, der kürzlich mit der Drehtechnik 22,00 Meter gestoßen hat und auch heute leicht über 21 Meter kommt. Es sieht so einfach aus. Ein emotionslos und fast unsportlich wirkender russischer Bär, der jede Bewegung nur auf Anweisung seines Trainers macht. Wieder ein Weltrekordler, der sich in seinem ganzen Kugelstoßer-Leben weniger Kugelstoß-Gedanken gemacht hat als ich in jeder Stunde des Tages.
Mein Film-Team fragt mich etwas. Ich antworte irgendetwas. Ich fühle keine Enttäuschung, keine Wut, keine Trauer. 18,72 Meter.
Jetzt interviewen sie den Bundestrainer. Werner sagt es unverblümt: Der Olympia-Traum ist ausgeträumt. Ich stehe reglos daneben. In meiner Apathie denke ich nur: gelungene Schlußszene für den Versager-Film.
Bei den nächsten beiden Qualifikationen steigere ich mich unwesentlich auf 19,40 und 19,62 Meter. Von dem Film, der während der letzten Qualifikation läuft, will ich nichts wissen. Ich lasse ihn mir nicht aufnehmen, lehne auch spätere, nett gemeinte Aufforderungen des Teams ab, nach Köln zu kommen und dort den Film gemeinsam anzuschauen. Ich will nichts mehr damit zu tun haben.
Ich werde nie in meinem Sportlerleben einen internationalen Preis gewinnen. Aber der >>Kraftproben<<-Film >>Eine Kugel für Montreal<< wird auf einem Film-Festival preisgekrönt. Ich soll mit sehr viel Anteilnahme und Sympathie porträtiert worden sein. Ich schäme mich für mein Mißtrauen. Man sagt, das Nichterreichen des sportlichen Zieles habe dem Film einen anrührend tragischen und daher preisverdächtigen Touch gegeben. Der Oscar für den besten männlichen Versager-Hauptdarsteller wird mir aber nicht verliehen.
Später sehe ich auch Gutes in meinem Versagen. Ich bin uninteressant geblieben, bin kein wehrloses Objekt der Doping-Diskussion, sondern diskutiere fleißig mit. Niemand kann mir eine Medaille aberkennen wollen, da ich keine Medaille gewonnen habe.
Ich bedauere aber, daß mir das Erlebnis verwehrt wurde, an Olympischen Spielen teilzunehmen, zu erfahren, wie ich mich in einer solchen Extremsituation verhalten hätte. Wäre ich über mich hinausgewachsen? Hätte ich fürchterlich versagt?
1972 bin ich sportlich gescheitert, 1980 werden weltpolitische deutsche Erfüllungsgehilfen uns allen die Olympiateilnahme verbieten, und 1976, auf dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit, verwehren mir deutsche Doppelmoral, der in Deutschland heißeste kalte Krieg und die außer Rand und Band geratenen Sportfunktionäre, Sportpolitiker und Sportjournalisten das ersehnte Erlebnis Olympia.
Wir Sportler liefern vielen Kritikern nur den willkommenen Anlaß, Heuchelei, doppelte Moral und Profilneurose auszuleben. Auch als Zielscheiben für Haß und Neid eignen wir uns bestens. Davon spüre ich selbst nichts – Haß und Neid richten sich gegen die Großen des Sports, unbedeutende Athleten wie ich bleiben wenigstens davon verschont.
Schon vor meiner Rückkehr in den Beruf des angestellten Sportjournalisten nach dem Scheitern 1976 versuche ich, Interesse und vor allem mehr Verständnis für meinen Sport zu wecken. Bin ich nicht in einer privilegierten Situation? Ich lebe einerseits in der Welt der Sportler, in der Journalisten allenfalls geduldet, manchmal für die eigenen Zwecke eingespannt, meist aber gleichzeitig gefürchtet, gehaßt und verachtet werden, andererseits bin ich doch selbst ein Journalist und könnte auf beiden Seiten für mehr Verständnis werben.
Dabei denke ich vor allem an mehr Verständnis für mich. Dazu müßte ich aber aus meinem mittelhessischen Zeitungs-Getto ausbrechen und für die großen überregionalen Zeitungen schreiben. Nur was? Habt mich lieb und seid beeindruckt, was ich für ein toller Kugelstoßer bin? Hört endlich auf, über Anabolika zu geifern?
Mal sehen, ob ich das auch dezenter, scheinbar empfindsamer ausdrücken kann. Zwischen zwei Trainingseinheiten setze ich mich an den Schreibtisch und blicke sinnierend hinaus ins novembrige Novemberwetter. Ich schreibe:
>>Der Feldstein, der seit Jahren die angestrebten 20 Meter markiert, ist im Nebel kaum zu erkennen.<<
Klingt gut. Nebulös, aber irgendwie gedankenschwer. Klingt auch sympathisch bescheiden. Zwar markiert auf keiner meiner Kugelstoßanlagen irgendein Stein irgendeine Traumweite, doch ziehe ich manchmal Linien bei 22, 23 oder gar 24 Metern, schaue beeindruckt zum Kugelstoß-Kreis zurück und bewundere meine zukünftigen Leistungen. Aber der erste Satz paßt, der Rest fließt fast von alleine:
>>Das Ziel der ersten Trainingswoche heißt 16 Meter, um diese Marke wird gekämpft, sie wird selten erreicht. Fünf Wochen Trainingspause ließen die Muskeln schmelzen, die Kraft schwinden. Der erstaunte Ausruf eines Bekannten (“Du siehst ja fast aus wie ein normaler MenschÜ) ist kein Kompliment für einen Kugelstoßer, der 25 Pfund hart erarbeitetem Körpergewicht nachtrauert. Wen die Leidenschaft für seinen Sport in Regionen gedrängt hat, die als abnorm gelten, den bewegen derartige Sprüche nur noch als Indikator der körperlichen Verfassung.
Und die ist miserabel: Bis auf das i-Tüpfelchen ausgeklügelte Trainingsprogramme hieven die Leistungsfähigkeit in Höhen, die für Außenstehende nur noch durch das Reizwort Doping faßbar bleiben. Die zur Erholung des strapazierten Körpers unumgängliche Pause nach Saisonende aber bewirkt einen dramatischen Verfall des Erkämpften. Ängste und Zweifel keimen auf, wenn sich die Kugel nach mächtiger Anstrengung bei fünfzehneinhalb Metern in die aufgeweichte Erde bohrt, Hoffnungslosigkeit macht sich breit, wenn beim Bankdrücken 150 Kilogramm die Brust eines Athleten zu zermalmen drohen, der Wochen zuvor mit 200 Kilogramm zu spielen fähig war.
Auf der durchnäßten Anlage rollt die Kugel nach dem Aufschlag kaum zwei Meter weiter. Bei knapp 18 Metern bleibt sie liegen. 18 Meter: Im November die Weite eines Übermenschen. 20 Meter? Utopisch.
Sich jetzt wieder an Spitzenleistungen heranzukämpfen, bedeutet sechsmonatige Fron. Fünf bis sechs Stunden täglich Gewichtheben und Kugelstoßen, ab und zu Lauf, Sprung, Gymnastik. Dazu Essen und Trinken, vom Grundbedürfnis zum Trainingsmittel pervertiert. An die Arbeit: 6000 Tonnen Eisen, 600 Liter Milch, 200 Pfund Fleisch und 50 Pfund Eiweißkonzentrat warten darauf, in den nächsten sechs Monaten bewältigt zu werden. Und wenn nicht Grippe oder Muskelriß ein Wörtchen mitreden, Knochen, Sehnen, Magen und Darm mitspielen, dann ist man vielleicht im nächsten Jahr wieder mit vorne dabei.
Novembergedanken eines Kugelstoßers. Wäre es nicht besser, die Außenseiterrolle des Monstrums abzulegen und in den Schoß der schlankheitsgläubigen Gesellschaft zurückzukehren? Geld oder Popularität bleiben für einen Kugelstoßer ja doch unerreichbar.
Aber wer einmal das Gefühl ausgekostet hat, die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit zu berühren, in manchen Bereichen das Drei- und Vierfache des Durchschnittsmenschen leisten zu können und, Krönung und schönster Lohn aller Anstrengungen, in einem glücklichen Augenblick eine durch hochentwickelte Körperkraft fast schwerelos scheinende Eisenkugel auf eine neue Bestweite zu stoßen, dem können auch ernste Selbstzweifel im November die Hoffnung und Freude auf neue Höchstleistungen nicht gänzlich rauben.
Wer als Kugelstoßer den Herbst ohne Schaden an seinem Leistungswillen übersteht, kann im Sommer als fröhliches Monstrum intolerante, ewignovembrige Kritiker lächelnd tolerieren.
Wäre doch nur der November schon vorüber.<<
Ich bin von mir beeindruckt. Die >>Novembergedanken eines Kugelstoßers<< werden gedruckt. Weitere Artikel folgen, werden in großen deutschen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Einige Sätze sind mir besonders wichtig, ich baue sie in viele Texte ein:
>>Es ist ebenso einfach wie unredlich, im internationalen Vergleich Spitzenleistungen zu fördern und zu fordern, gleichzeitig aber mit dem moralischen Zeigefinger auf “Doping-Sünder” zu zeigen und damit das Problem auf einige wenige Individuen zu verengen. Wenn schon moralischer Zeigefinger, dann auf den gesamtgesellschaftlichen Hintergrund und auf den von ihm geprägten Spitzensport. Solange Nationales Olympisches Komitee, Sporthilfe, Bundesausschuß Leistungssport und die Spitzenverbände – allesamt laut offiziellen Verlautbarungen schärfste Anabolika-Verurteiler – in der Bundesrepublik Förderungs- und Nominierungs-Kriterien erlassen, die sie ohne Einnahme von Anabolika gar nicht für erreichbar halten, bleibt die ethisch-moralisch begründete öffentliche Entrüstungs-Diskussion in Sachen Anabolika eine Spielwiese für selbstgerechte Heuchler.<<
Nur etwas stört mich: Die Kollegen setzen meinen Namen nie kommentarlos unter meine Texte. Stets folgt der Zusatz, daß es sich >>bei dem Autor um den zweitbesten deutschen Kugelstoßer handelt<<. Ich höre geradezu den ungeschriebenen Ausruf: Der Dicke kann ja schreiben! Ich fühle mich vorgeführt wie ein rosa Elefant, der buchstabieren kann. Da mich außerdem mit Ausweitung der Doping-Problematik ein unheiliger Zorn auf meine Journalisten-Kollegen packt, beende ich die überregionale Darbietung der Elefantendressur. Ich konzentriere mich wieder auf meine eigene Zeitung, in der ich wie nirgendwo sonst heftige, wütende Artikel schreiben kann.
In meinem mittelhessischen Zeitungs-Getto tobe ich gegen überregional tätige Kollegen. Einige von ihnen schätze ich hoch, respektiere sie, manche bewundert der alte Bewunderer sogar, auch erkenne ich an, daß zwei der vier großen deutschen Zeitungen einen hervorragenden Sportteil haben, aber wenn es um Doping geht, reagieren sie wie Pawlowsche Hunde, wittern geifernd ein gefundenes Fressen. Ich bin sicher, daß nicht das Doping der Spitzensportler, sondern die Art und Weise, wie über Doping gesprochen und geschrieben wird, das große Übel ist. Als eine große Illustrierte aus geringem Anlaß – man hatte ein paar DDR-Dokumente aufgespürt – den >>größten Doping-Skandal<< aufdeckt, schreibe ich unter dem Titel >>Milli Vanilli und das Drogen-Ventil<<:
>>Jeder, der sich dafür interessiert, muß gewußt haben, daß die beiden Milli-Vanilli-Tänzer nicht selbst singen. Produzent Frank Farian pflegt im Studio einen Sound zu mixen, den er von Tänzern optisch verpacken läßt und mit Phantasienamen wie Milli Vanilli oder Boney M. etikettiert. Schon als vor Jahren der Boney-M.-Tänzer Bobby F. Krach mit Farian bekam, wurde die Methode bekannt. Der Tänzer wollte selbst singen; was bis dahin Farian höchstpersönlich für ihn getan hatte. Obwohl auch Boney M. weltbekannt war, gab´s damals keine Schlagzeilen, sondern nur nachrichtliche Pflichtübungen unter “VermischtesÜ
Wie bei Milli Vanilli gab es auch beim DDR-Staatsdoping genügend Veröffentlichungen mit detaillierten und belegten Informationen. Es wäre Selbstüberschätzung, eigene Artikel zum Beweis zu nehmen. Aber nicht nur in unseren Kolumnen wurde umfassend informiert, auch in den großen Presseerzeugnissen wie “Bild” und “Spiegel” gab es immer wieder Insider-Enthüllungen über das Staatsdoping. Und urplötzlich entsteht durch eine im Grunde völlig unsensationelle “SternÜ-Story “der größte Doping-Skandal der Sportgeschichte” (Sport-Informationsdienst). Die One-Issue-Gesellschaft, die sich immer nur mit einem Hauptthema gleichzeitig beschäftigt, stürzt sich unmotiviert auf Schlagzeilen, deren Informationsgehalt seit Jahren bekannt und nur für Kleingedrucktes gut war.
Dieses Phänomen ist rational nur schwer faßbar, der Sozialneid dagegen leicht nachvollziehbar. Er muß als mitverantwortlich für das völlig unangemessene Hochschaukeln der Anabolika-Problematik angesehen werden. Im Grunde genommen ist Doping im Hochleistungssport eine vernachlässigbare Randerscheinung innerhalb des schwerwiegenden Drogen-Problems in unserer Gesellschaft. Daß sich die 99,99-Prozent-Gruppe der Nicht-Spitzensportler dennoch so unverhältnismäßig “betroffen” über die Doping-Praktiken einer statistischen Randerscheinung erregt, dürfte auch mit sportlichem Sozialneid zusammenhängen, der die Existenz des Leistungssports bedroht.
Es gilt in Fachkreisen als erwiesen, daß die physiologisch nachweisbare leistungssteigernde Wirkung von Anabolika-Doping bei gesunden, hochtrainierten, erwachsenen Männern weit geringer als angenommen ist. Dem sportlichen Sozialneider paßt diese unspektakuläre Feststellung nicht ins Konzept. Für ihn ist klar, daß ein 60-Meter-Diskuswerfer mit 600 Milligramm im Monat dopt, ein 70-Meter-Werfer mit 700 Milligramm usw. Diese epidemieartig um sich greifende Einstellung zur sportlichen Höchstleistung ist eine der größten Gefahren für den Sport überhaupt. Wenn bei Weltrekordleistungen nicht mehr interessiert, mit welchen Mitteln (Training, Talent, Technik), sondern nur noch, mit welchen “Mittelchen” sie erzielt wurden, wird es in einigen Disziplinen bald keinen spitzensportlichen Leistungsvergleich mehr geben können. Der Respekt vor der Leistung Besserer geht in die Binsen, wenn die Schlechteren – und das sind wir alle – geringschätzig glauben, ohne Doping wären die Asse auch nicht besser als wir.
Winston Churchill hat über unsere Nation die vielzitierte Bosheit verkündet, man habe die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu den Füßen. Wenigstens im Sport scheint dies zu stimmen, denn in keinem anderen Land der Welt verehrt man die Stars so inbrünstig und läßt sie so tief fallen wie in Deutschland.
Heldenverehrung und Heldenvernichtung, hemmungslose Bewunderung und ans Pathologische grenzender Sozialneid bilden nur einen Hintergrund der übergroßen Doping-Schlagzeilen, der andere ist das “Drogen-VentilÜ. Warum erregen sich 99,9 Prozent so unverhältnismäßig “betroffen” über die Doping-Praktiken einer statistischen Randerscheinung? Etwa weil es sich auf gedopte Spitzensportler so gefahr- und konsequenzlos schimpfen läßt? Man kann damit nicht nur seinen Sozialneid abreagieren, sondern muß auch nicht befürchten, mit dem Zeigefinger auf andere zu deuten und gleichzeitig mit den anderen Fingern auf sich selbst zurückzuweisen. Wer nimmt schon Anabolika? Wer hat schon Familienangehörige, Freunde, Nachbarn oder Bekannte, die Anabolika nehmen? Welcher “Spiegel” oder “SternÜ-Redakteur nimmt Hormon-Pillen, um schneller laufen, weiter springen oder werfen zu können? Da man also selbst nicht betroffen ist, kann man um so betroffener sein von den bösen Buben und Mädchen im Hochleistungssport, kann sie beschimpfen und verachten, . . . eben als Drogen-Ventil mißbrauchen. Motto: Keine Sympathie mit den “Doping-SündernÜ, aber mit allen anderen; denn die anderen sind wir alle. Und zu uns allen gehören auch “SpiegelÜ- und “SternÜ-Redakteure und -Anzeigenkunden. Wer das Doping erbarmungslos geißelt, muß keine Anzeigenverluste befürchten. Aber wie steht´s bei Alkohol- und Zigaretten-Reklame? Und warum zeigen diese Publikationen nur Sympathie und Verständnis für Trinker und Raucher, Drogenabhängige und Aids-Infizierte? Sympathie und Verständnis hätte auch die den Journalisten fernere Risiko-Gruppe der Sportler – vor allem die aus der Ex-DDR – verdient, denn diese steck(t)en in einem schlimmen Dilemma der Abhängigkeit von heuchlerischen Funktionären und Sportpolitikern, die jetzt scheinheilig Untersuchungskommissionen fordern.
Sympathie und Verständnis für gedopte Sportler bedeutet nicht, Straffreiheit oder gar Freigabe vor Anabolika zu fordern. Und damit sind wir zu guter Letzt auch noch bei Sartre und den Stones gelandet: Sartre konnte als Philosoph ohne massives Doping nicht existieren. Er schluckte die Dopingliste `rauf und `runter, vorher konnte er keinen Satz von Belang formulieren. Dennoch kommt kein Mensch auf die Idee, die Werke Sartres wegen Dopings für ungültig zu erklären. Auch die Musik der Stones bleibt gültige Pop-Klassik, obwohl sie zum Teil im Drogen-Rausch entstanden und somit nach den Richtlinien des Sports hinfällig ist. Aber Ben Johnsons 9,79 Sekunden wurde dennoch zu Recht für ungültig erklärt.
Man darf gedopt denken und singen, aber nicht laufen und springen. Das ist scheinbar paradox und nur gerecht, denn im Sport gibt es einen direkten Transfer zwischen Spitzen- und Breitensport. Keine Mutter verbietet ihrer Tochter das Blockflötespielen, weil Jimmy Hendrix drogensüchtig war, aber viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr zum Sport, weil der Sport ins Gerede gekommen ist. So gesehen bietet der unheile Sport in einer noch viel unheileren Welt aber auch als Spitzensport mehr Chancen als Risiken. Immerhin.<<
Manchmal versuche ich auch, mit Ablenkungsmanövern meinem Kugelstoßen zu helfen. Zum Beispiel indem ich frage: >>Kann frau im Spitzensport Frau bleiben?<<:
>>Vor einem Jahr schrieb Birgit P., ehemalige Junioren-Europameisterin im Kugelstoßen und deutsche Basketball-Nationalspielerin, eine Diplomarbeit über lesbische Frauen im Spitzensport.
Vor wenigen Tagen klingelte das Redaktionstelefon. Am Apparat: Brigitte B., ehemalige Deutsche Diskusmeisterin. Die Sportwissenschaftlerin beabsichtigt, einen deutschen Doping-Report der letzten 20 Jahre zu erarbeiten, und bat um Beweismaterial. Das Gespräch endete mit der resignierten Erkenntnis von Dr. B.: “Dann kann eine normale Frau ja überhaupt keinen Leistungssport mehr treiben.Ü
Vor Jahren beschäftigten wir uns mit dem “bizarren Ghetto FrauensportÜ. Wir fragten: Wann ist eine Frau eine Frau? Die Antwort damals müßte auch heute noch gültig sein: Nur wer mehr als 20 Prozent weiblichen Chromosomenanteil aufweisen kann, ist eine Frau (“normal” sind 80 bis 90%). Und eine hundertprozentige Frau hat in der Regel nicht die geringste Chance, im sportlichen Vergleich mit einundzwanzigprozentigen mitzuhalten.
Die Abhängigkeit vieler Spitzensportlerinnen von Trainern oder sonstigen Bezugspersonen ist seit Jahren Biertisch- und Schlagzeilen-, aber auch Forschungsthema. Es gibt Trainer, die unter vier Augen offen zugeben, daß sie mit dem “Trainingsmittel” Hörigkeit arbeiten. Bis zum Zerfall des Real-Sozialismus galt der Aufbau eines Hörigkeits-Drucksystems insgeheim als Alternative des West-Sports, den sozialismus-immanenten Wettbewerbsvorteil des materiellen Drucks auszugleichen. Wer nicht mit Entzug der Auslandsreise oder sonstiger Privilegien drohen konnte, drohte eben mit Streicheleinheits- und Liebesentzug.
Für lesbische Frauen bietet der Leistungssport, wie Birgit P. empirisch nachgewiesen hat, die Möglichkeit, Anerkennung und neues Selbstwertgefühl zu finden, außerdem – und das ist nicht schlüpfrig, sondern realistisch gemeint – die eigene Veranlagung in einem idealen Umfeld auszuleben. Da lesbische Sportlerinnen aber auch durch ihre physische und/oder psychische Konstitution mit besonders ausgeprägtem Ehrgeiz und erhöhten Erfolgschancen an den Start gehen, trägt die nicht hörige und nicht lesbische Frau ein weiteres Handicap im spitzensportlichen Leistungsvergleich.
Das dritte Handicap der “normalen” Frau im Spitzensport: ihr geringer männlicher Chromosomenanteil. Öffentliches Interesse an dieser Variante des Frauensports wurde erstmals geweckt, als sich der Arzt und Hobby-Tennisspieler Dr. Richards in den 70er Jahren geschlechtsumwandeln ließ, sich als Renee Richards dem Navratilova-Clan anschloß und bei den Frauen-Profiturnieren mitspielen wollte.
Die drei beschriebenen Handicaps könnte die “normale” Frau ausgleichen. Wenn sie es – vernünftigerweise – nicht tut, trägt sie ein viertes: den Verzicht auf chemische Manipulation. Hormondoping bewirkt bei Frauen verblüffende Leistungssprünge, weil es – da männliche Sexualhormone – vermännlichend wirkt. Das spezifisch weibliche Muskel-Fett-Verhältnis verändert sich hin zum männlichen Habitus, die hormongedopte Frau wird sogar ohne zusätzliches Training schneller, stärker, ausdauernder.
“Wenn das so ist, kann eine normale Frau ja überhaupt keinen Leistungssport mehr treiben” – muß man sich damit zufriedengeben?<<
Als nach der Wiedervereinigung die Sport-Bürokraten dem DDR-Sportsystem nachweinen, wüte ich auch in Erinnerung an die BA-L-Kopien von früher: >>Bitte keine Wiederbelebungsversuche!<< Ohne zu überlegen hämmere ich den Text in die (damals noch: Schreibmaschinen-) Tasten:
>>Prominente Vertreter unserer staatstragenden Parteien plädieren, vom Glanz der Medaillen geblendet oder geistig erblindet, für ein Sportsystem, dessen Erfolg nur im Rahmen eines Unrechts-Systems möglich war.
Haben die großdeutschen Medaillenjäger denn vergessen, daß die DDR nur ein Sportriese auf Stelzen war, konzentriert auf wenige Spitzensportler in ausgesuchten Sportarten?
Haben sie vergessen, daß viele Sportarten in der DDR überhaupt nicht vorkamen oder verkümmerten? Schauen wir uns nur einmal die Sportarten an, zu denen man einen Schläger benötigt: Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash, Golf, Hockey, Eishockey – was hatte die DDR hier zu bieten? Nachahmenswert?
Wissen sie denn nicht, daß die DDR-Trainer und -Sportwissenschaftler nicht besser als andere waren, sondern nur die schlechteren Lebensbedingungen in der DDR zu ihrem Besten nutzen konnten? Wenn eine 18jährige Bundesdeutsche nach Mallorca wollte, mußte sie ein paar Monate sparen, die Gleichaltrige aus der DDR aber jahrelang hart trainieren, denn nur der Erfolg im Sport konnte Auslandsreisen und einige – an bundesdeutschen Maßstäben gemessen bescheidene – Lebensstandard-Vorteile verschaffen. Nachahmenswert?
Wissen sie denn nicht, daß die hochgelobte Talentförderung in Wahrheit eine Talent-Zwangsrekrutierung war? Wenn bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, daß er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Handball hatte, dann mußte er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Handball spielte. Nachahmenswert?
Wissen sie denn nicht, daß eine Kosten-Nutzen-Rechnung den DDR-Sport an das Ende einer Weltwertung stellen würde? Hinter einer DDR-Medaille stehen so viele Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler wie in der Bundesrepublik hinter zehn und mehr Medaillengewinnern. Nachahmenswert?
Wissen sie denn nicht, daß das DDR-Sportsystem kein Prachtstück, sondern ein Sargnagel des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden war? Und nicht nur ein Sargnagel, sondern der Henker des Sports in der DDR überhaupt! Denn im Sport kann “SpitzenÜsport immer nur den kleinen, spektakulären oberen Bereich abdecken und muß auf dem “BreitenÜsport basieren. Im DDR-Reagenzglas ließ die SED aber einen künstlichen Staatssport mixen und mit einer sportlichen Genmanipulation das Horrorgebilde DDR-Spitzensport entstehen, während der gesamte Breitensport wegrationalisiert wurde. Nachahmenswert?
Die DDR ist zusammengebrochen, mit ihr der DDR-Spitzensport. Da ist nichts mehr zu retten, auch nichts “hinüberzurettenÜ. Der DDR-Sport kann nicht isoliert betrachtet werden, er war in seiner Summe genauso schlecht und unmenschlich wie das gesamte System.<<
Nach solchen Ausbrüchen fühle ich mich ein wenig besser. Ich achte aber auf gerechte West-Ost-Verteilung meiner Aggressionen, denn >>Auch bei uns gab es Staatsdoping<<. Unter dieser Schlagzeile schreibe ich:
>>Falsche Moral nimmt in der öffentlichen Doping-Entrüstung überhand. Ehemalige Funktionäre, Trainer und Sportler aus der DDR stehen, meist zu Recht, in der Schußlinie – aber jahrzehntelang hatten sie als Vorbilder gedient. Und zwar für uns alle, auch für unsere Funktionäre und unsere Medien. Was zu beweisen ist. Ohne Enthüllungen, Schuldzuweisungen, “Enttarnungen” und voyeuristische Lustgewinne aus “Doping-DokumentenÜ. Schwarz auf weiß war es jahrzehntelang zu lesen, öffentlich, jedermann zugänglich und heute in allen Zeitungsarchiven nachlesbar: In der Bundesrepublik gab es organisiertes, flächendeckendes Staatsdoping, angeordnet von höchsten Gremien des Staates, organisiert von deren Unterorganisationen, und überwacht von Presse, Funk und Fernsehen.
Zum Beispiel das Kugelstoßen 1976: IOC-Olympianorm, wenn ein Land mehr als einen Teilnehmer stellen wollte: 19,40 m (ein Teilnehmer war frei, egal mit welcher Leistung). Intern erhöhte Olympianorm, in konzertierter Aktion von DLV, NOK, DSB und BAL beschlossen: 20,60 m, zu erbringen bei mindestens zwei Olympia-Ausscheidungswettbewerben (entspricht einem Spitzenwert über 21 m). Es ist nachweisbar, daß es Athleten gab, die ohne Anabolika deutlich über 19,40 m stoßen konnten und durch die erhöhte Norm und den durch sie gegebenen Anabolika-Zwang um die Teilnahme gebracht worden sind.
Noch einmal: Jeder, wirklich jeder, der nominierte oder die Nominierungen als zu umfangreich kritisierte, mußte wissen, daß seine Nominierungs-Kriterien nur mit Hilfe von Anabolika zu erreichen waren. Wer sich im nachhinein damit herausreden will, daß er es nicht wußte, sollte zurücktreten oder seinen Beruf aufgeben wegen erwiesener Inkompetenz.
Perverse Schlußfolgerung: Wer die Doping-Dosierungen in der alten Bundesrepublik kannte und jene der DDR jetzt kennt, muß den DDR-Sportärzten und -Funktionären bessere Wahrung der Sorgfaltspflicht gegenüber den Athleten bescheinigen als den westlichen. Hier wusch man sich die Hände scheinbar in Unschuld, dabei steckten sie tiefer im Doping-Sumpf als anderswo.
Die Geschichte wäre noch um einige Kapitel zu erweitern. Kolbe-Spritze, Luft-in-den-Darm-Posse, Anabolika-Testserien mit menschlichen Versuchskaninchen – allesamt bekannte, in Archiven nachprüfbar Vergehen wider die eigene Moral, begangen entweder von den falschen Moralisten von heute oder von den honorigen Gremien, denen sie angehörten. Und angehören. Nicht der Anaboliker war pervers, sondern die Situation, in der er lebte.<<
Aber ich suche weiterhin auch nach Verständnis, bei allen, auch bei den von mir so heftig angegriffenen Journalisten und Funktionären. Doch weder mein Zorn noch die Bitte um Verständnis finden einen Weg aus dem Mittelhessen-Getto heraus, auch diese denkwürdige Geschichte nicht:
>>Erinnern Sie sich noch an die “Luft-im-DarmÜ-Affäre? Nein? Vor Olympia 1976 wurde dem Bundesausschuß Leistungssport (BA-L) eine Methode zum Verkauf angeboten, mit der man Schwimmern eine bessere Wasserlage verschaffen konnte. Und zwar . . . indem man ihnen Luft in den Darm pumpte!
Wer von der Geschichte tatsächlich noch nichts gehört hat: Das ist kein anrüchiger Scherz, sondern schon Sportgeschichte (wie `76 auch die “Kolbe-SpritzeÜ, die erlaubt war, aber bekanntlich kontraproduktiv wirkte). Nie ganz geklärt wurde, warum man die Luft-im-Darm-Methode nicht (wirklich nicht?) anwandte. Die einen sagen, man sei sich nicht über den Preis für das Aufpump-Patent einig geworden, die anderen, geeignete Räumlichkeiten, sprich Pump-Stationen, hätten in den Schwimmstadien gefehlt, wir dagegen meinten witzelnd, das logistische Detonations-Problem der plötzlich-totalen Luftentweichung beim Startsprung sei nicht zufriedenstellend gelöst worden.
Ungefähr zur gleichen Zeit bot uns ein pfälzischer Erfinder ein Knochenmehlpulver (>>man kann auch Menschenknochen nehmen<<) an. Wer täglich ein paar Eßlöffel davon runterwürge, spüre einen Doppel-Dopingeffekt, denn das Knochenmehlkonzentrat wirke leistungsfördernder als Anabolika und Amphetamine zusammen. Ein kleiner Nachteil sei allerdings die stark verstopfende Nebenwirkung, berichtete der Knochenmehl-Genius bedauernd, aber das nehme ein leistungswilliger Spitzensportler wohl auf sich. Dem war beizupflichten, und nicht nur das – damit war vielleicht auch der Stöpsel für die oben beschriebene Leckage gefunden. . .
Warum wir noch einmal auf die alten Geschichten zurückkommen? Dieser Tage erreichte uns der Anruf einer älteren Dame, die um die Adresse des Pfälzers bat. Sie sei per Zufall auf den Artikel gestoßen und habe darin gelesen, daß dieses Knochenmehlkonzentrat nach Meinung seines Produzenten nicht nur bei Spitzensportlern, sondern auch bei Bandscheibengeschädigten Wunder wirke. Sie verspreche sich ein Ende ihrer Schmerzen, die noch kein Arzt habe lindern können.
Der Wunsch war der Sportredaktion nicht neu. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung telefonierten und schrieben in gleicher Sache viele Bandscheibengeplagte. Ihnen sagten wir das Gleiche wie der letzten Anruferin – Blutarmut wird nicht durch den Verzehr von Blutwurst behoben, eine lädierte Bandscheibe nicht durch das Essen von Knochen- bzw. Knorpelmehlkonzentrat wieder aufgebaut.
Die Dame ließ sich aber nicht beirren. Sie wollte die Adresse. Sie bekam sie.
Letzte Mittel in Grenzbereichen. Wem kein Arzt hilft, der versucht sein Glück beim Wunderheiler. Wer schneller schwimmen will, läßt sich den Darm aufblasen.
Und da wären wir wieder beim Spitzensport und seinen Manipulationen. Wir fragten die Dame nämlich noch, was sie von der Luft-im-Darm-Geschichte halten. “Pfui Teufel” empörte sie sich, “wie ekelhaft, da hört der Sport doch wirklich auf!Ü
Tja. Und was die Aufpump-Genies von der alten Dame und ihrer Bandscheiben-Therapie halten, dürfte nicht schwer zu erraten sein.
Letzte Mittel in Grenzbereichen. Der Gesunde und der Nicht-Spitzensportler verurteilen sie gleichermaßen. Wer sich aber in Grenzsituationen hineinversetzen, kann, wird diese letzten Mittel zwar nicht billigen, könnte aber wenigstens mitleidiges Verständnis für ihre Anwender aufbringen.<<
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