Sport-Leben, Teil 2
Ich erlebe die Extreme wie in einem Film. Dreidimensionales Kino, mit mir als Hauptdarsteller. Wie in Träumen, in denen man weiß, daß man träumt, schaue ich mir interessiert zu.
Der Blutfleck an der Decke, die Ohnmacht unter fünf Zentnern Eisen: spannende Unterhaltung, aber nicht bedrohlich. Alles nur mein ganz privater, eigener Kinofilm.
Manche Rahmenhandlung fasziniert mich. Immer öfter treffen Jan und ich uns in Berlin, seiner Heimat, und trainieren gemeinsam. Zu dieser Zeit werden wir als die beiden einzigen bundesdeutschen Kader-Kugelstoßer geführt. Es gibt einen Jahres-Lehrgangsetat für das bundesdeutsche Kugelstoßen, aus dem wir unsere Trainings-Treffen in Berlin finanzieren. Der Bundestrainer ist selten dabei. Wir sind autark. Das förderungswürdige deutsche Kugelstoßen besteht nur aus Jan und mir. Wir organisieren alles selbst, planen unser Training unbeeinflußt von Sportfunktionären. Wir sind mündige Athleten und fühlen uns anderen Sportlern hoch überlegen, die sich von Trainern und Funktionären gängeln lassen. Wir machen, was wir wollen. Niemand kontrolliert uns.
Nach dem Abend-Training ziehen wir >>um die Häuser<<. In der Berliner Szene sind wir gern gesehene Gäste. Jan kennt man, mich lernt man kennen.
Vor allem die kleinen und großen Gangster lieben uns. Wir haben die Figur und das körperliche Gewaltpotenzial, die sie gerne hätten, aber weder mit Geld kaufen noch sich aus eigener Kraft erarbeiten wollen oder können. Zudem sind wir völlig harmlos, keine Kiez-Konkurrenz. Nur große, starke Teddybärchen. Pitbulls der siebziger Jahre, allerdings garantiert nicht bissig.
Es vergeht kaum eine Nacht, ohne dass mich einer zur Seite nimmt und meine künftige Karriere plant: >>Ein paar Aufbaukämpfe, dann gehen wir in die USA. Schau dich doch bloß mal an, du bist größer, stärker und schneller als Ali. Den haust du doch aus dem Ring.<< Selbst Größen der Berliner Szene kriegen leuchtende Augen, wenn sie meine und ihre Zukunft vor Augen sehen. Ich fühle mich geschmeichelt. Im Gegensatz zu meinen Managern in spe verstehe ich zuviel vom Sport, um diese Schwadroniererei auch nur ansatzweise ernst zu nehmen, aber ich lehne mich amüsiert in meinem Kinosessel zurück und schaue und höre mir diesen Film gerne an. Und nebenan redet ein anderer das gleiche Zeug auf Jan ein. Irgendwann müssen wir beiden frühen Klitschkos, trotz (Bluts-)Brüderschaft, wohl gegeneinander um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft boxen. Andere begnügen sich vorerst mit ideeller und materieller Förderung des Kugelstoßens. Die materielle wird leider nur angekündigt, nie sehe ich einen Pfennig der versprochenen privaten Sporthilfe.
Einmal hoffe ich auf einen Großsponsor. H., der aussieht wie ein farbloser, leicht schmieriger kleiner Beamter, verspricht mir ab sofort monatlich ein paar Tausender. Wir sitzen in geselliger Runde in H.´s Bar. Hinter dem Tresen schaltet und waltet eine betonhart hochtoupierte Blondine, assistiert von einem Wirtschafter. H. redet auf mich ein. Ich höre aufmerksam zu, was jener Mann zu meinem sportlichen Fortkommen zu sagen hat, der in den fünfziger Jahren mit seiner >>Pension C.<< an einer der aufsehenerregendsten Polit- und Spionageaffären der jungen Bundesrepublik beteiligt war.
Hanne stößt mir in die Seite, winkt verächtlich ab. >>Hör nicht auf ihn. Der hat Probleme.<< Hanne, Bruder der legendären Unterwelt-Größe Klaus, ist eifersüchtig auf H., der ihm die Aufmerksamkeit seines Teddybärchens abspenstig macht. >>Nichts gibt’s mehr von dem<<, flüstert Hanne mir ins Ohr. Warum? >>Kiek mal da<<, Hanne deutet verstohlen zum Tresen, und ich sehe mörderisches Funkeln in den Augen der Beton-Blonden und des Wirtschafters, die H. nicht aus ihren bitterbösen Blicken lassen.
Die Blonde ruft nach H., der verärgert aufsteht und nach hinten geht. Ich achte nicht mehr auf den entgangenen Sponsor, denn um mich herum geschehen amüsante Dinge. Ich lehne mich im Kino-Sessel zurück und versuche, mir nichts entgehen zu lassen. Was schwierig ist, da Hanne seine Liebe zu mir entdeckt hat und mich in ein stundenlanges Gespräch verwickelt, das erst morgens kurz vor sechs enden wird. Zum Glück besteht das Gespräch darin, dass Hanne pausenlos auf mich einredet und ich nach jedem dritten Satz verständnisvoll nicke. Hannes Standard-Satz: >>Verstehst du, was ich meine?<<
Bei dieser Art Konversation kann ich meine Aufmerksamkeit anderen Szenen zuwenden. Der bullige Otto, auch ein bunter Berliner Hund, später in Bau-Skandale verwickelt, lacht dröhnend, greift einem kleinen Mann, der ihn hingebungsvoll anschaut, mit zwei Fingern zärtlich an die Nase - und dreht sie mit einem laut knirschenden Geräusch kräftig um 180 Grad. Alles wiehert, das Männchen schreit heulend auf, stürzt hinaus, kommt aber schon Sekunden später leise mitwiehernd zurück. Otto drückt ihm einen Schmatz auf die Stirn. Ich verstehe, dass es auch noch eine andere Art von Teddybärchen gibt.
Hanne hat sich vor Lachen verschluckt, geht auf die Toilette, versichert mir aber, dass er gleich wieder zu mir zurückkomme. Mit mir könne er sich viel besser unterhalten als mit den anderen Typen hier.
Ein persischer Zuhälter nutzt die Chance, nimmt mich in Beschlag und drängt mich, seine neueste Errungenschaft kostenlos zu testen. Die Dame steht daneben und lächelt still vor sich hin. Ich lehne überschwenglich dankend ab, weiß aber nicht, wie ich es begründen soll, ohne den Herrn zu beleidigen. Hier ist es so spannend und unterhaltsam, da will ich mich nicht in ein Hinterzimmer abschieben lassen. Hanne enthebt mich aller Sorgen, als er zurückkommt, funkelt er den Perser böse an. >>Dann halt morgen<<, droht dieser, ich stimme dankbar zu, die Dame lächelt immer noch still vor sich hin.
Am Nebentisch wehrt sich Jan mit Händen und Füßen gegen ein ähnliches Angebot. Eine großbusige Klassefrau bedrängt ihn, will, dass er mit ihr nach Hause geht. Jan will nicht, ich verstehe ihn. Warum die Party verlassen, wenn es so richtig gemütlich wird? Aber etwas freundlicher könnte er seine Ablehnung ausdrücken, meine ich, Jan ekelt sich ja fast. Und warum haben alle ihren Spaß dabei? Sie feuern die Dame an, ergötzen sich an Jans Abwehr. Hanne sieht meinen fragenden Blick und klärt mich auf. Frauen mit großem Busen haben nicht immer die primären weiblichen Geschlechtsmerkmale, die man sich vorstellt. Jedenfalls nicht hier.
Gegen drei Uhr löst sich die Runde auf. Jan, Hanne und ich verlassen H.´s Bar. Ich sehe H. nur einmal wieder - vierzehn Tage später, als halbverbrannte Leiche auf dem Titelblatt der Bild-Zeitung. Ich denke an Hannes Voraussage: >>Nichts gibt´s mehr von dem.<< Der Mord wird nie aufgeklärt. Und ich denke an die mörderischen Blicke der Betonblonden und des Wirtschafters. Angeblich wurden beide verhaftet, aber schnell wieder freigelassen. Keine Beweise. >>Verstehst du, was ich meine?<<
Wir gehen in den Spiel-Klub vom Roten Paul. So ähnlich heißen hier alle. Der Rote Paul ist ein Freund von Kutte Bauch, Kutte ist ein Freund von Jan, Jan heißt hier Jan die Gießkanne, weil er beim Seven-Eleven den Würfelbecher wie eine Gießkanne handhabt, und an der Tür hält Pistolen-Manne eiserne Wacht. Er sieht aus wie die Karikatur eines Kriminellen in Filmen der schwarzen Hollywood-Serie: weißer Anzug, schwarzes Hemd, weißer Schlips, schwarzer, breitkrempiger Hut, Halfter mit Inhalt unter dem geöffneten Jackett. Pistolen-Manne wird wegen Mordes gesucht, aber nicht sehr intensiv, denn die Polizei weiß angeblich, dass er hier arbeitet, läßt jedoch heute nacht mit einer gewaltigen Razzia einen anderen Spielklub auffliegen. Dieser Klub hier ist sicher, denn im Berlin jener Jahre weiß man so etwas sehr genau.
Nichts los beim Roten Paul. Auf in den nächsten Klub. Immer die gleiche Szenerie: unauffälliges Geschäftshaus, nächtliche Fahrstuhlfahrten in einsam-hallende obere Stockwerke, Klingeln an einer Tür ohne Namensschild, irgendein Pistolen-Manne öffnet vorsichtig, lächelt breit, begrüßt die Jungs mit ihren menschlich-harmlosen Pitbulls, führt uns formvollendet wie ein britischer Butler ins Paradies, in dem willige Damen, jede Menge Champagner und dicke Davidoffs auf die Spieler warten, die zunächst nur Augen für den Roulette-Kessel haben.
Jan blickt schon sorgenvoll auf die Uhr, er denkt ans Morgen-Training, ich nicht. Aber er ist kein Spielverderber. Ich häufe Berge von Chips vor mir auf. Wie fast immer habe ich in geduldigem, überlegtem Spiel, langsam steigernd auf einfache Chancen setzend, einen bemerkenswerten Gewinn angehäuft, den ich mit dem Ellbogen vor neugierigen Blicken zu schützen versuche. Ich bin zweitausend Mark vorne! Eine für mich enorme Summe, mit der ich mich aber nicht zufrieden gebe. In einem scheinbar unbeobachteten Moment schiebe ich mein ganzes Chips-Gebirge auf Rot, versuche krampfhaft, mit dem Ellbogen diese spektakuläre Aktion zu tarnen. Aber alle haben schon darauf gewartet, und wer mich noch nicht kennt, den macht Jan mit quiekenden Schreien und ausgestrecktem Arm aufmerksam. Ein wahrer Freund. In diesem Moment, der sich im Lauf der Jahre dutzende Male wiederholt, weiß ich mit aller Bestimmtheit, dass die Kugel auf einer schwarzen Zahl landen wird. Alles ist verloren, alle juchzen, denn ich habe wieder einmal alle Erwartungen erfüllt.
Erst danach erfüllt Jan echte Freundespflichten. Er wehrt, gegen meine erbitterten Proteste, alle gut oder schlecht gemeinten Versuche ab, mir Kredit zu gewähren, indem er jede Verantwortung für meine spätere Zahlungsfähigkeit und vor allem Zahlungswilligkeit ablehnt.
Manchmal schenkt mir der Spielveranstalter, Kutte Bauch, der Rote Paul oder wer auch immer, ein paar Chips, die ich wieder zu einem kleinen Berg anhäufe und erneut komplett verliere. Ich weiß, dass ich nie gewinnen kann, denn wenn ich einmal meinen Chips-Haufen verdoppele, lasse ich ihn auf dem Feld stehen und verliere alles in der nächsten Runde. Parallelen zum Kugelstoßen fallen mir nicht auf.
>>Da ist noch ein Licht!<<, wird zum geflügelten Wort. Ich stoße es triumphierend aus, wenn wir am frühen Morgen eines der Etablissements verlassen, Jan aufatmend den Heimweg anpeilt, ich aber noch nicht genug habe. So auch diesmal. Selbst Nachtmensch Hanne ist müde. Aber er erfüllt meinen Wunsch. Jan fügt sich murrend.
Das letzte Licht fällt aus einer Morgenkneipe, in der sich die Könige der Nacht und einige ihrer Vasallen zum Frühstück treffen. Jan und ich nutzen die Gelegenheit, um Eiweiß nachzufüllen, was in der kräftezehrenden Nacht zu kurz gekommen ist. Jägerschnitzel mit Pommes, extragroße Portion für mich. Hanne kontrolliert in der Küche, ob das Essen für seinen Schützling auch ordentlich zubereitet wird.
Wir essen. Hanne schaut zufrieden zu. Draußen ist es hell. Ein schmächtiges Kerlchen wieselt herein, schaut sich um, entdeckt Hanne, kommt zu uns, zieht Hanne am Ärmel. Das Wiesel zieht einen Ring aus der Tasche, hält ihn hoch. >>2000 Mark<<, flüstert Wiesel. Hanne läßt sich nur ungern in seinen Fürsorgepflichten stören. Unwirsch blickt er Wiesel an, nimmt den Ring, grinst, steckt ihn ein und beachtet Wiesel nicht mehr. Tags darauf fleht uns Wiesel an, buchstäblich händeringend, bei Hanne um das Geld oder den Ring zu bitten.
Am Tresen sitzt Ali, der Perser. Mit Persern hat es Hanne irgendwie, aber mit diesem herrscht Waffenruhe. Sie haben es vor Jahren bei einem legendären Showdown zwischen Deutschen und Persern ausgeschossen. >>Ali hatte zwölf Kugeln im Leib<<, lobt Hanne seinen ehemaligen Widersacher, >>er war so gut wie tot. Zeig´s meinem Freund mal, Ali.<< Ali zieht das Hemd hoch und präsentiert stolz seine Einschußnarben in Bauch und Brust. Ich bin beeindruckt. Hanne registriert es mit einem stolzen Lächeln.
Erst gegen sechs Uhr schafft es Jan, mich zum Nachhausegehen zu überreden. Wir verschieben das Vormittagstraining auf 13 Uhr, um noch genügend Schlaf zu bekommen. Schnell noch ein Liter Eiweißkonzentrat auf das Jägerschnitzel geschüttet, dann wird geschlafen.
Ich sehe Hanne nie wieder. Er wird Opfer seines Berufes. Eines Tages wird er erstochen aufgefunden.
Ich denke noch oft an Hanne., diesen merkwürdigen, verrückten Kerl. Sein >>Verstehst du, was ich meine<< habe ich noch heute im Ohr.
Am liebsten gehen wir in die Rosita-Bar. Als Haupterwerbsquelle werden hier zwar betrunkene Touristen von splitternackten Gesellschafterinnen abgezockt, aber >>die Rosita<< ist auch beliebter Treff der Szene-Typen sowie ihrer prominenten auswärtigen Gäste, von denen ich einige in sehr menschlichen Situationen erlebe und kennenlerne.
Am Abend vor dem ISTAF, dem Leichtathletik-Meeting im Olympiastadion, planen wir hier eine spektakuläre Reise durch die Berliner Nacht für einige Weltrekordler und Olympiasieger. Sie sollen nach dem ISTAF etwas erleben, was sie nie vergessen werden!
Ströme von Kuba libre fließen. Meine Freunde gießen mir auch Cola in den Bacardi, aber sparsam. Dennoch schmeckt es wie Cola, und ich trinke es wie Cola.
Wir ziehen los und begutachten alle Etappenorte, die wir morgen unseren Gästen vorführen wollen. Es sind schließlich einige hochverehrte Idole von mir dabei. Wenn ich denen schon nicht mit meinem Kugelstoßen imponieren kann, sollen sie wenigstens wegen anderer Dinge staunen! Jan und ich nehmen zu Testzwecken einige Programmpunkte vorweg. Meine zuverlässige Alkohol-Amnesie wird darüber gnädig einen Schleier breiten, aber andere erinnern mich ungnädig feixend oft genug an Höhepunkte der Generalprobe, mit denen die Premiere nicht mithalten kann.Meinen ISTAF-Auftritt muß ich absagen. Das heißt, Jan sagt für mich ab, ich bin zur Absage nicht in der Lage. Zwar versuche ich kurz vor Wettkampfbeginn, mit dem Sprung in das Abkühlbecken einer Sauna fit zu werden, doch zwingt mich der Kälteschock endgültig in die Knie. Ich kann nicht mehr reden, mich nicht mehr bewegen, ich will sterben.
Beim ISTAF wird 45 000 Zuschauern bedauernd mitgeteilt, dass ich wegen einer plötzlichen Erkrankung nicht antreten kann. Man nimmt es gefaßt hin. Von den 45 000 kennt kaum jemand meinen Namen. Schmerzlicher werde ich danach vermißt. Die Weltrekordler und Olympiasieger haben zwar ihren Spaß, aber unsere Berliner Freunde versichern uns, dass der Vorabend sehr viel unterhaltsamer gewesen sei.
Als ich wieder in der Lage bin aufzustehen, führt der erste Weg auf die Waage. Ein heilsamer Schock. In den vergangenen 30 Stunden habe ich exakt zwanzig Pfund abgenommen. Zwar hatte ich das ISTAF sowieso nur als Saison-Abschluß ohne Leistungsanspruch eingeplant, doch wirft mich dieser Substanzverlust fast um. Zwanzig Pfund in 30 Stunden. Unfaßbar.
In den Wochen danach geht es mir schlecht. Ich kann die trainingsfreie Zeit nicht genießen, fühle keine Vorfreude auf das Wintertraining. Bange lasse ich eine Untersuchung beim Vereinsarzt über mich ergehen. Meine Leberwerte grenzen an Gelbsucht.
Ich habe es geahnt. Die Rache der Anabolika. Mein letztes Stündchen hat geschlagen. Zum Vergleich lasse ich mich auch vom Kollegen des >>Doc<< untersuchen. Die Werte sind besser, aber immer noch besorgniserregend.
Erst der >>Doc<< kann mich beruhigen. Er weiß vom ISTAF, von der Bacardi-fast-ohne-Cola-Nacht, und diagnostiziert Alkoholvergiftung.
Ich nehme mir vor, ein Jahr lang keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Wenn ich meine sportlichen Vorsätze ebenso gut in die Tat umsetzen könnte, wäre ich Weltrekordler. Nach einem Jahr ohne Alkohol lasse ich mich in Gießen von einem Sportmediziner untersuchen, von dem ich annehme, dass er von Kugelstoßern und anderen Extremsportlern wenig Ahnung hat. Ich absolviere den üblichen Test, der Sportmediziner ist von meiner Leistungsfähigkeit begeistert, ich bin auch begeistert, denn bei diesem Test haben mich nur zwei Zahlen interessiert: die beiden Leberwerte. Gottseidank, völlig normal. Das Leben geht weiter.
Ich trinke wieder Alkohol, aber vorsichtiger, und ausschließlich Bier. Ich muß akzeptieren, dass ich in keiner Beziehung so robust bin wie andere. Wladislaw zum Beispiel, der Olympiasieger von München, trinkt Wodka wie Wasser, selbst kurz vor dem Wettkampf. Wenige Stunden vor dem berühmten Meeting im Züricher Letzigrund poltert er in mein Zimmer, im Schlepptau sein Landsmann, der Hochsprung-Weltrekordler, der genauso groß ist, aber kaum halb so schwer. Wladislaw sieht beeindruckend aus. Er ist erst heute aus Schottland zurückgekommen, wo er einen Wettkampf im Baumstammweitwerfen gewonnen hat. Er hat noch das verschwitzte schottische Wettkampf-T-Shirt an, darunter ziert ihn ein kurzer Schottenrock. Die dicken, weißen Beine stecken unbestrumpft in Sportschuhen. In der Hand schwenkt er eine Flasche Wodka, die er nun zusammen mit mir leeren wird - zum Zeichen unserer unverbrüchlichen Freundschaft.Ich kenne ihn kaum. Erstmals sehe ich ihn am Abend vor einem Wettkampf in Nizza, als Jan und ich frustriert im Speisesaal unserer Hotels sitzen, da uns die Bedienung hinter dem Selbstbedienungs-Tresen trotz höflicher Bitten keine Extraportion bewilligt hat. Mißmutig sehen wir zu, wie die anderen Sportler, sogar hungerleidende Langstreckler, die gleichen Portionen auf die Teller geklatscht bekommen wie wir. Dann schiebt sich Wladislaw in der Schlange der Sportler voran. Er ist weder größer noch schwerer als ich, aber er füllt den Raum. Er steht vor der Bedienung, die uns den Zuschlag verweigert hat. Auch ihm gibt sie nur die Standardportion auf den Teller. Wladislaw rührt sich nicht. Er sagt nichts. Stille. Plötzlich scheppert sein Teller. Wladislaw klopft mit ihm wütend-fordernd auf den Tisch. Die Bedienung erschrickt fast zu Tode und beeilt sich, den Teller vollzuhäufen. Wladislaw grunzt und geht weiter. Neidisch sehen wir dem übervollen Teller nach, von dem ein Fleischbrocken herunterfällt. Wladislaw dreht sich um, beordert die Bedienung mit einem lässigen Fingerzeig herbei, sie stolpert heran, er deutet auf den Fleischbrocken am Boden und geht weiter.
Ich schaue Jan ins Gesicht. Er denkt das gleiche wie ich. Wladislaw hat etwas, was wir nicht haben - und was uns zur Weltklasse fehlt. Etwas Undefinierbares, Animalisches.
Auch Wilt Chamberlain hat es. Der 2,18-m-Basketballer, sein 100-Punkte-Rekord in einem NBA-Spiel wird immer unerreichbar bleiben, steht einmal, gekleidet wie Pistolen-Manne, als schwarzweißer Turm in einer Züricher Nobeldiskothek. Wir feiern den Wettkampf im Letzigrund, wobei ich natürlich wieder einmal keinen Grund zum Feiern habe, und plötzlich steht diese unerhörte Erscheinung in der Tür. Steht nur da. Am Rand der Tanzfläche, unbewegt, scheinbar uninteressiert. Eine spricht ihn an. Er mustert sie, schüttelt den Kopf. Eine andere. Wieder Kopfschütteln. Eine dritte löst sich auf der Tanzfläche von ihrem Partner, geht wie in Trance auf Chamberlain zu. Er begutachtet sie kritisch. Von oben bis unten. Dann nickt er, packt ihre Hand und schleppt die verzückt blickende Frau aus der Disko. Auch damals haben Jan und ich uns resigniert angeschaut.
Das zweite Mal treffe ich Wladislaw in Berlin bei der Eröffnung einer Sauna, einem getarnten Bordell, das wiederum den Spielklub im Hinterzimmer tarnen soll. Wladislaw gehört zu den Eröffnungs-Stargästen, die wir unter den weltbesten Werfern rekrutiert haben. Getränke und Frauen frei. Während ich im Hinterzimmer bleibe, schreibt Wladislaw Berliner Nacht-Geschichte. Er beglückt sieben professionelle Schöne - die sehr anspruchvollen Damen waren in der Tat beglückt! - , und sich selbst verwöhnt er mit zweieinhalb Flaschen Wodka.
Die eine Flasche in Zürich muß Wladislaw alleine trinken. Nach einem kleinen Schluck spucke ich das lauwarme Zeug angeekelt auf den Boden. Wladislaw lacht dröhnend und verächtlich, küßt seinem schmalen Hochspringer schmatzend auf den Mund und schreibt mich als Freund ab.
Nach seiner Karriere wird Wladislaw wegen Goldschmuggels verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Später wird er in einen mysteriösen Todesfall verwickelt. Die Polizei findet eine Leiche in seinem Badezimmer. Genaueres erfährt man nicht, bleibt hinter dem noch eisernen Vorhang verborgen. 1998 stirbt Wladislaw bei einem nächtlichen Autounfall, schlafend auf der Rückbank.
Der Entschluß, >>Vollprofi<< zu werden, scheint sich trotz finanzieller Probleme auszuzahlen. Die Herbst- und Wintermonate erlebe ich in einem einsamen Rausch - abgesehen von den Abstechern nach Berlin, die ich in drei- bis vierwöchigem Turnus einlege. Zu Hause pendelt sich mein Tagesablauf in anstrengende, aber befriedigende Routine ein. Essen, Morgen-Training, Essen, Trainingsplanung und -periodisierung, Essen, Abend-Training, Essen, Trainingsablauf für den nächsten Tag festlegen, Essen bzw. Trinken, Malzbier, >>echtes<< Bier, und, wenn mir der Zeiger auf der Waage nicht gefällt, als Betthupferl ein weiterer Eiweiß-Schock-Drink, mit dem ich meinen armen Magen auch morgens begrüße.
Das morgendliche Eiweiß-Ritual: Ich rühre >>Prallo-K<< in zwei Liter Milch ein, setze den Topf an den Mund und trinke in langsamen, großen Schlucken den übelriechenden Brei. Wenn ich diese erste Trainingseinheit des Tages komplikationslos bewältigt habe - ohne Brechreiz, ohne Verzagen vor den letzten, besonders abstoßenden Breiklümpchen auf dem Boden des Topfes - , lasse ich meinem Magen eine Stunde Zeit, die Eiweißmasse zu bewältigen. Erst dann trainiere ich. Im Lauf des Tages trinke ich weitere zwei Liter. Manchmal muß ich mich übergeben. Aber immer hole ich das Vergeudete nach.
>>Prallo-K<< bekomme ich von Jan zu einem Sonderpreis. Jan hat bei einer Tierfutterfirma überschüssige Mengen Eiweiß billig eingekauft, eine Firma gegründet und Anzeigen in Sportzeitschriften geschaltet. Seitdem verkauft er den Tierfutter-Überschuß teuer im bundesweiten Versandgeschäft als >>Prallo-K<<. Werbespruch: >>Prallo-K in den Darm bringt Kraft in den Arm.<<
Alles läuft gut. Ende September 1974 starte ich nach vierwöchiger Pause - die weniger schöne Kuba-Libre-Pause folgt erst ein Jahr später - mit 107 Kilogramm Körpergewicht, 14,32 m mit der Acht-Kilo-Kugel und 165 Kilogramm im Bankdrücken. Mitte Februar wiege ich - nach knapp fünf Monaten Training und ohne ein Milligramm Anabolika oder ähnliche fremde Hilfe - 127 Kilogramm, drücke 230 Kilogramm auf der Bank und verbessere meinen deutschen Hallenrekord auf 19,84 Meter.
Da langsam die öffentliche Anabolika-Diskussion beginnt und sich zunächst fast ausschließlich auf das Kugelstoßen konzentriert, habe ich eine Idee: Im Jahr 1975 stehen keine wichtigen Wettkämpfe auf dem Programm. Alle Aufmerksamkeit gilt schon jetzt den Olympischen Spielen in Montreal. Auch ich habe nur dieses Ziel. Daher wäre es ziemlich unerheblich, wenn ich 1975 nur 21 Meter weit stoße und mir den Weltrekord für Montreal aufhebe. Olympiasieger zu werden ist schön, mit persönlicher Bestleistung schöner, und mit der weltbesten aller persönlichen Bestleistungen am allerschönsten. Und zuvor, im Jahr 1975, könnte ich den unwissenden Kugelstoß-Kritikern das Maul stopfen.
Überall lese ich, dass wir Kugel-Monster ohne Anabolika kaum 17 Meter weit stoßen könnten. Ein indischer Vegetarier, der 17 Meter stößt, wird uns als leuchtendes Vorbild dargestellt, er gilt als der wahre Weltrekordler. Der Schriftsteller Hagelstange, Freund und selbsternannter Kenner des Sports, schätzt die sportliche Leistung eines >>gutgewachsenen Zwölf-Meter-Stoßers<< höher ein als die eines >>monströsen, gedopten 20-Meter-Kolosses<<. Ich entwickele einen bohrenden, nagenden Haß auf Hagelstange und Co., die vor allem im Journalismus ihr Unwesen treiben. Und ich bin doch auch Journalist, und zwar kein schlechter, wenn auch vorübergehend im Ruhestand. Was kann ich tun, um den Negativ-Trend gegen meine Sportart zu stoppen? Ich hatte jahrelang meine Außenseiter-Rolle kaschiert. Ich schere nicht wie andere Außenseiter aus der Gesellschaft aus, sondern flippe aus, indem ich in den Schoß der Gesellschaft einflippe. Bis zur Entdeckung der Anabolika als öffentlichkeitswirksamer Diskussionsstoff hat man mich, zwar ohne große Aufmerksamkeit wie bei den populäreren Disziplinen, aber ruhig und mit Respekt meinen Sport machen lassen. Man ist interessiert an meiner Leistung, fördert sie finanziell und ideell, und wenn ich aufgefordert werde, unser Land und unsere Wirtschaft gut zu vertreten, finde ich dies zwar lächerlich, freue mich aber auch, eine Nische als >>anständiger Bürger<< gefunden zu haben. Die Anabolika-Diskussion aber stößt mich zurück in die Rolle eines verachteten Außenseiters dieser Gesellschaft.
Also, was tun? Ich beschließe, mich und das Kugelstoßen zu retten. Ich verzichte für 1975 schweren Herzens auf den Weltrekord, werde mich mit 21 Metern begnügen und daher diesmal auch im Sommer keine Anabolika nehmen. Ich rufe den Leichtathletik-Chef einer Nachrichtenagentur an und erläutere ihm mein Vorhaben: >>Ich will beweisen, dass man ohne Anabolika über . . . << - ich stocke, im letzten Moment rettet mich meine Rest-Vernunft, statt 21 sage ich: - >> . . . 20 Meter weit stoßen kann. Ich bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.<< Der Agentur-Mann, von Haus aus Langstreckler, ist begeistert. Solch ein Narr kommt ihm gerade recht. Er schreibt einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erscheint. Er organisiert die Kontrollen. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten deutschen Dopingjäger, wird auf mich angesetzt. Sie sind sicher, dass sie mich packen werden. Mir soll´s nur recht sein.
Ich fühle mich herrlich. Endlich vom Anabolika-Joch befreit! Mehr als mir bewußt war, habe ich darunter gelitten, dass mein geplanter jährlicher Leistungshöhepunkt stets mit fremder Hilfe zustande kommen sollte. dass ich ohne Anabolika 21 Meter weit stoßen müßte, steht für mich zweifelsfrei fest. dass ich ohne Anabolika 20 Meter weit stoßen kann, habe ich schließlich schon bewiesen. Bisher allerdings nur mir selbst - andere, auch Fachleute, hatten es nicht geglaubt, dass ich in den Aufbaumonaten aus Prinzip keine Anabolika einnehme.
Ich trainiere. Alles läuft wie geplant, wie immer. Ich hoffe auf viele Kontrollen. Aber niemand kommt. Das ärgert mich, denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung verfestigt: Jeder, der 20 Meter und mehr stößt, nimmt Anabolika. Auch die Fachleute vertreten diese Meinung, und vor allem Kugelstoßer, die mangels Talent und/oder mangels Trainingsfleiß bei 14, 15, 16 oder 17 Meter stehengeblieben sind, unterstützen diese These und stellen sich als lebende Beweismittel zur Verfügung. Manch einer redet sich zum verhinderten Weltrekordler hoch. Ich stehe allerdings direkt daneben im selbstillusionären Wolkenkuckucksheim, denn ich rede mich nicht zum verhinderten Weltrekordler hoch, sondern fühle mich sogar als verhinderter 22-Meter-Weltrekordler. Aber nur 1975 - danach geht die Anabolika-Post ab in Richtung 23 Meter!
Auch die Kugelstoßer nahe meiner Leistungsklasse, vor allem die deutschen Konkurrenten, die ich in den letzten Jahren überholt habe, bleiben mißtrauisch. Sie glauben, ich trickse, oder argwöhnen, dass ich vom sozialen, chancengleichen Anabolika-Doping auf etwas anderes übergewechselt bin, auf ein wirksameres Mittel, das ich ganz für mich alleine habe.
Wahrscheinlich hätte ich auch so gedacht. Es wäre Betrug, ein unverzeihlicher Verstoß gegen Fairneß und Chancengleichheit, wenn man ein leistungssteigerndes Mittel nimmt, das andere nicht kennen. Schließlich war für mich die Grundvoraussetzung, mit dem Kugelstoßen zu beginnen, der weltweite Leistungsvergleich auf chancengleichem Niveau. Beim Sprint kann man die persönlichen Bestleistungen wegen der Unterschiede von Laufbahnbeschaffenheit und Windgeschwindigkeit nicht objektiv vergleichen, sogar beim Diskuswerfen kann die Scheibe bei günstigem Gegenwind im Extremfall fast zehn Meter weiter fliegen als bei ungünstigen Windbedingungen. Nur beim Kugelstoßen ist der weltweite Leistungsvergleich gegeben - wenn alle sich an alle Vorgaben halten. Und zu den Vorgaben gehören eben auch die Anabolika. Meinen Verzicht sehe ich als selbstgewähltes Handicap im Dienste einer guten Sache.
Auch ich bin nicht frei von Argwohn, dass andere Kugelstoßer unbekannte Mittel einnehmen, die der Leistung einen enormen Schub geben. Mißtrauisch beobachte ich - einige Jahre nach meinem Anabolika-Verzicht-Test - den netten Jean-Pierre, einen liebenswürdigen, ausgeglichenen, aggressionslosen Menschen, der vor dem Züricher Meeting mit einem Unbekannten in einem Zimmer des Nova-Hotels verschwindet und eine Stunde später als ein anderer Mensch herauskommt. Das Weiße in seinen Augen leuchtet, er stampft an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen, er bewegt sich wie ein gerade erst eingefangenes wildes Tier im Käfig. Er wird Landesrekord stoßen.
In diesen Jahren glaube ich noch an die Anabolika und bringe mein regelmäßiges Wettkampfversagen nicht mit ihnen bzw. einem unbewußten Schuldkomplex in Verbindung. Mein Versagen begründe ich mehr mit einem psychischen Nachteil. Ich bin nicht wie Wladislaw, nicht wie Wilt Chamberlain, nicht wie Jean-Pierre nach der Rückkehr aus dem Zimmer. Mir fehlt die Aggressivität, das bedingungslose Gewinnenwollen, die Bedenkenlosigkeit, die totale Konzentration auf das Hier und Heute. Das glaube ich im Sommer, wenn ich meine Hallenstarts vergessen habe, bei denen ich mit aggressiver Konzentration vergleichsweise erfolgreich bin.
Als ich Jean-Pierre zum Tier werden sehe, vergesse ich meine guten Vorsätze. Seit Monaten trage ich eine Packung Captagon mit mir herum. Ich weiß, dass viele Sportler in vielen Sportarten sich damit aufputschen. Ich schrecke vor der Einnahme zurück. Zwar ist Captagon nicht nur im Sport verbreitet, zwar würden Dopingtests bei Staatsexamen zu akademischer Entvölkerung führen, zwar hat Jean-Paul Sartre in seinem Existentialisten-Leben keinen Satz von Belang formuliert, ohne hochgradig gedopt gewesen zu sein, zwar würden Hit-Aberkennungen bei Drogen-Mißbrauch Musikprogrammgestalter in den Wahnsinn treiben, müssten von Beatles bis Techno fast alle Popmusiker lebenslang dopinggesperrt werden - doch man darf gedopt denken und singen, aber nicht laufen und springen. Später, in meinem zweiten journalistischen Leben, werde ich es zu erklären versuchen. Jetzt kann ich es nicht erklären, sondern nur als wahr empfinden. Daher fühle ich mich erstmals auch bewußt als Doping-Sünder, als ich die Captagon-Packung öffne und zwei Pillen schlucke.
Eine halbe Stunde später wächst in mir ziellose Aufgeregtheit. Mein Puls trommelt. Ich kann nicht mehr stillsitzen. Meine Nerven flattern, und ich flattere herum, renne die Laufbahn rauf und runter, verrenke meinen Körper in heftigen, ungewohnten Gymnastik-Übungen. Das Captagon treibt mich in hektischen Aktionismus, aber hinter dieser künstlichen Aufgeregtheit gähnt ein kraftloses Nichts. Mein bester Wettkampfstoß landet bei 17,70 Metern, Minus-Rekord.
Nie wieder. Das Teufelszeug landet in einem Papierkorb im Stadion. Aber in mir wirkt es weiter, stundenlang. Nachts ist an Schlaf nicht zu denken, mein Pulsschlag treibt mich hinaus. Ich irre alleine durch die Straßen. Auf einer Parkbank zähle ich morgens um fünf die Herzschläge. Immer noch 150 in der Minute. Tocktocktocktocktock.
Doch im Frühjahr 1975 denke ich nicht an Captagon, sondern genieße die neue Rechtschaffenheit des kategorischen Anabolika-Verzichters. Als es am Ostersonntag abends gegen elf Uhr läutet und der Doping-Jäger vor der Tür steht, empfange ich ihn mit jubelnder Freude. Endlich! Seit acht Monaten habe ich keine einzige Pille geschluckt, und jetzt werde ich getestet. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test wird es nicht einmal in zwanzig Jahren geben: ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt. Der Dopingtester erscheint wie aus heiterem Himmel, drückt mir das Röhrchen in die Hand, das sofort gefüllt werden muß. Keinerlei Manipulationschance. Selbst kurz vor dem Ende unseres Jahrhunderts wird es bei den Dopingtests noch Schlupflöcher geben, Vorankündigungen und stundenlange Verzögerungsmöglichkeiten, obwohl man weiß, dass bei den neuen Doping- und Doping-Verschleierungsmitteln wenige Stunden genügen, um >>Sauberkeit<< vortäuschen zu können.
Ich habe Verschleierung nicht nötig. Ich bin sauber, und ich bin stolz darauf. Dieses befriedigende Gefühl läßt mich sogar daran denken, in Zukunft auch im Sommer immer auf Anabolika zu verzichten. Einundzwanzig Meter sind doch auch ganz schön, vor allem, wenn man weiß, dass man der einzige Ungedopte unter den Spitzenstoßern ist.
Der Dopingfahnder läßt sich von meiner guten Laune anstecken. Stolz und freudestrahlend erzählt er von seinem Hobby: Urinproben bekannter Sportler. Er sammelt sie zu Hause in einer Vitrine. Ein schönes Hobby. Ich befürchte aber, dass meine Urinprobe auch in die Vitrine wandert, und zwar ohne Labor-Untersuchung. Ich bedränge den Pipi-Fetischisten, meinen Urin auch ja untersuchen zu lassen. Er verspricht es, doch ich traue ihm nicht. Er kommt nie wieder. Als ich ihn später bei einem Wettkampf treffe, mahne ich weitere Kontrollen an. Er beruhigt mich: dass ich unter Kontrolle stehe, sei die Hauptsache, wie viele Kontrollen gemacht würden, sei nebensächlich. Ich befürchte, dass kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer besteht. Der Agentur-Sportchef widmet dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr, der Apotheker kommt nie mehr.
Die anabolikalose Freiluftsaison hat begonnen. Alles läuft in den gewohnten Bahnen. Doch langsam werde ich nervös. Auch in anderen Jahren stoße ich in den Aufbaumonaten nicht weiter als jetzt, im Gegenteil, im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bin ich in fast allen Kontrolldisziplinen stärker. Zu größeren Wettkämpfen trete ich in dieser Phase nie gerne an. Es gibt nur zwei Pflichttermine: den Vor- und den Endkampf der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Mein Verein nimmt diesen Wettbewerb im Gegensatz zu mir sehr ernst, man ist stolz auf eine ganze Reihe von deutschen Meistertiteln. Selbstverständlich besteht Teilnahmepflicht. Ich stoße 18,70 Meter weit, morgens um neun Uhr und bei so vielen Teilnehmern, dass zwischen jedem der vier Versuche (mehr gab es bei diesen Wettkämpfen schon damals nicht) 40 Minuten nervtötende und leistungsmindernde Zwangspause liegen. Ich könnte zufrieden sein. Alles im Lot. Es läuft. Ich stecke noch voll im Aufbautraining, habe noch viele Wochen Zeit, im kommenden Wettkampftraining schneller, explosiver und sicherer zu werden. Doch ich werde nervös, weil ich nicht die Selbstsicherheit besitze, Einflüsterungen Gutgesinnter und hämische Kommentare vergrätzter Konkurrenten zu ignorieren. >>Das schaffst du nie, du mußt den Stoff nehmen, sofort, ehe alles zu spät ist!<< >>Wo bleiben denn die 20 Meter? Dein neues Mittelchen wirkt wohl nicht?<< Tenor: >>Das hast du nun davon!<< Ich kapituliere.
Mit einem hochrangigen Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und dem Trainer meines Vereins spreche ich die Strategie ab. Wie kann ich in den Schoß der Anabolika-Gesellschaft zurückkehren? Unser Plan: Den nächsten freiwilligen Dopingtest werde ich ablehnen. Mit meiner Aktion habe ich, soll ich sagen, dem Verband, dem Verein und vor allem meinen Sportkameraden einen Bärendienst erwiesen. Es sei egoistisch und unsportlich, mich als weißes unter lauter schwarzen Schafen öffentlich erkennen zu geben. Das müsse ich aus Fairneßgründen revidieren. Ich sei und bleibe zwar ein anständiger, sauberer Leistungssportler, aber ab sofort würde ich nicht mehr mit einer eigensinnigen, mir nützlichen und anderen schadenden Einzelaktion vorpreschen. Kontrollen - ja bitte, ja gerne, aber nur nach dem Zufallsprinzip und bei Wettkämpfen, wie das 1975 üblich ist. Über diese Erklärung hinaus haben mir, so die Strategie, Verband und Verein Sprechverbot auferlegt, bei Zuwiderhandlung könnte ich gesperrt werden, es tue mir leid, das verstehe man ja wohl, wenn es noch Fragen und Forderungen gäbe, solle er sich schriftlich an Verein und Verband wenden.
Eine Zentnerlast fällt von mir ab. Ich gehöre wieder dazu. Alle sind wieder freundlich zu mir.
Aber ich nehme keine Anabolika. Noch nicht. Noch zu früh. Aber der Entschluß alleine genügt.
Ich werde wieder Anabolika nehmen, alles wird gut.
Schnell, viel schneller als im Trainingsplan vorgesehen, nähere ich mich den 20 Metern.
Jan kommt in diesen Wochen nicht voran. Er hat keine Chance gegen mich. Er weiß es und tritt erst gar nicht an. Er meldet sich beim Verband als verletzt von einem Länderkampf gegen die USA in Durham ab. Man glaubt ihm nicht, zwingt ihn unter Androhung von Repressalien, die Reise in die USA mitzumachen. Ich werde als Ersatzmann nominiert.
Jan versichert mir, auf keinen Fall anzutreten. Mein Einsatz im Länderkampf ist daher sicher. Nur wir beide wissen es. Er will mich coachen, wünscht mir alles Gute. Aber nicht das Beste.
In Durham kommt zu den Wladislaws der Kugelstoß-Welt ein neuer Name, der seitdem ein weiteres Symbol für das ist, was mir fehlt: Terry. Terry hat kürzlich einen neuen Kugelstoß-Weltrekord aufgestellt, die Bestleistung von Al auf 21,85 Meter verbessert.
Drei Stunden vor dem Wettkampf, ich tigere im Vorstartfieber unruhig in meinem Zimmer hin und her, sehe ich Terry zum erstenmal. Beim Blick aus dem Fenster - wir sind im College von Durham untergebracht - sehe ich ihn auf dem Campus.
Er spielt Football.
Wenige Stunden vor dem großen Länderkampf, erster Höhepunkt der vorolympischen Saison, wirft sich Terry mit drei anderen kräftigen Jungs den eiförmigen Ball über sechzig, siebzig Meter hinweg unentwegt zu. Fasziniert schaue ich zu. Die Footballspieler sind mit Feuereifer bei der Sache, sie schreien und rennen, und sie werfen den Ball mit voller Kraft. Das ist so ungefähr das Leistungsschädlichste, was man vor einem Kugelstoßwettkampf anstellen kann, denke ich, der in dieser Beziehung allerdings schon seinen eigenen Schädlichkeits-Weltrekord aufgestellt hat und diesen Jahr für Jahr verbessern wird.
Eine Stunde später gehe ich über den Campus zum Stadion. Sie spielen immer noch. Terry beachtet mich nicht, er kennt mich nicht. Woher auch. Er ist nicht der Typ, der Fachzeitschriften liest oder sich über Konkurrenten informiert. Terry brüllt, schwitzt, lacht und wirft. Er muß doch schon einen total ermüdeten Stoßarm haben!
Der Wettkampf beginnt. Ohne Terry. Wo ist der Weltrekordler? Was bei uns hektische Aktivitäten und einen mittelschweren Skandal nach sich ziehen würde, interessiert die Amis anscheinend nicht.
Ich stoße 19,76 Meter, weiter als der zweite Amerikaner, der eine Bestweite von mehr als 21 Meter hat, und natürlich auch klar weiter als der zweite Deutsche. Ich führe, was mich kaum, die Mannschaftsleitung aber sehr interessiert. Aufmunternde Worte und Schulterklopfen, auch von Funktionären, die ich nicht kenne. Mich beschäftigt nur meine Leistungsfähigkeit, und die ist okay, läßt hoffen auf große Weiten beim Saisonhöhepunkt, den vorolympischen Wettkämpfen in wenigen Wochen in Hannover.
Plötzlich taucht Terry auf. Verschwitzt keuchend, verschmitzt grinsend. Hat sich halt verspätet. Er nimmt die Kugel, geht in den Ring, stößt 20,40 Meter und verschwindet wieder. Ich nehme an, zum Footballspielen.
Ich bin größer, schwerer, stärker, schneller und explosiver als Terry. Meine Technik ist nicht schlechter als seine. Warum ist Terry Weltrekordler und nicht etwa ich? Warum hat er etwas, das ich nicht habe, etwas, das mit Athletik und Sport nichts zu tun hat, aber im Sport entscheidend ist? In diesen Momenten spüre ich, dass ich die Antwort auf die Frage des Philosophen ahne: Warum ist etwas und nicht etwa nichts? Der kleine Unterschied zwischen dem Etwas und dem Nichts ist der große Unterschied zwischen Kugelstoß-Weltrekordler Terry und mir.
Nach der Rückkehr aus den USA nehme ich erstmals seit einem Jahr Anabolika. Zwei Tage vor den Vorolympischen Spielen in Hannover wandle ich mein Abschlußtraining in Wetzlar in einen offiziellen Wettkampf um. Zwei Kollegen aus dem Turnverein stellen sich als Staffage zur Verfügung, da zu einem Wettkampf mindestens drei Teilnehmer gehören müssen. Nach den ersten Stößen auf zehn und zwölf Meter verzichten sie. Ich bin alleine im Wettbewerb. Ich will erstmals in einem Wettkampf 20 Meter weit stoßen. Ich habe noch am Morgen und am Tag zuvor schweres Krafttraining absolviert, um ja nicht schon in Wetzlar deutschen Rekord zu stoßen. Nach zwei Tagen Pause, ausgeruht und topfit, will ich in Hannover mindestens 21 Meter stoßen, vielleicht sogar schon über 22 Meter, Weltrekord. Alle werden staunen.
Der erste Teil des Vorhabens funktioniert. Zwar muss ich an den ersten einen zweiten Wettkampf anhängen, zwar klappt es nach mehr als zehn Stößen über 19,90 m erst im dritten Wettkampf mit den 20 Metern, doch bin ich mit den erreichten 20,12 Metern sehr zufrieden, die ich meinem vom harten Training erschöpften Körper schließlich noch abringe.
Dass diese Art des Wettkämpfens nicht ganz korrekt ist, macht mir nichts aus. Die 20,12 Meter sind nur eine Zwischenstation, eine Duftmarke, die ich setze, damit ich in Hannover mit leistungssteigernder Hochachtung empfangen werde.
Ich platze fast vor Kraft und Explosivität. Wieder beginne ich unvernünftigerweise mehr als zwei Stunden vor Wettkampfbeginn mit dem Kugelstoßen. Da der Ring noch gesperrt ist, stapfe ich mit meiner überschweren Acht-Kilo-Trainingskugel von einer Ecke des Innenraums in die andere und stoße vor mich hin, von Offiziellen und Kampfrichtern verfolgt. Es ist verboten, im Innenraum unkontrolliert kugelzustoßen. Ich nicke, packe meine Kugel und gehe in die nächste Ecke, in der der nächste erboste Kampfrichter mich des Feldes verweist. So vergeht die Zeit, und als der Kugelstoßring endlich freigegeben wird, platze ich nicht mehr vor Kraft und Explosivität.
Doch ich bin an diesem Tag einfach zu stark, um völlig zu versagen. Ich gewinne, besiege einige der besten Kugelstoßer der Welt. Ich stoße in den ersten fünf Versuchen jeweils knapp an 20 Meter heran, meine beste Weite wird mit 19,99 gemessen.Dabei mache ich selbst für meine Verhältnisse anfängerhafte technische Fehler, denn mein Über-Ich bleibt wachsam und verordnet 19,99 Meter als gerechte Strafe. Im sechsten und letzten Versuch will ich auch mein Über-Ich besiegen, doch da verkündet der Stadionsprecher, dass ich bereits als Sieger feststehe und nun zum letzten Stoß des gesamten Wettkampfs antrete. Zum ersten- und letztenmal in meinem Kugelstoßerleben schenken mir Zehntausende im Stadion - und Millionen vor dem Bildschirm? - ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Eine Schar von Fotografen, durch die Lautsprecheransage aufgeschreckt, sprintet von den anderen Wettkampfstätten herbei. Als ich am hinteren Rand des Kugelstoßkreises zum Stoß ansetze und mich weit über mein rechtes Anschubbein kauere, blicke ich in zwanzig oder dreißig aus nächster Nähe auf mich gerichtete Kameraobjektive. Die Fotografen hocken, liegen und stehen über- und aufeinander. In diesem Moment fällt jegliche Wettkampfspannung von mir ab. Ich empfinde die Situation plötzlich als völlig absurd. Warum stehe ich auf einmal im Mittelpunkt? Warum ist es für die Fotografen eine berufliche Notwendigkeit, mich beim Kugelstoßen abzulichten? Warum hat mein Sieg bei diesem Wettkampf eine solche Bedeutung? Das ist doch albern! Ich muß lachen, verkneife es mir aber. Die Fotografen sollen bloß nicht denken, ich fühle mich geschmeichelt und grinse deshalb blöde vor mich hin! Halbherzig gleite ich an, auf Lachverhinderung konzentriert, und lasse die Kugel ungestoßen nach vorne aus dem Kreis fallen.
Die Fotografen bekommen trotzdem ihr Bild. Ich habe den Halleneuropameister besiegt, vor allem aber auch Al, den Exweltrekordler und immer noch bekanntesten Kugelstoßer der Welt. Al muß sich süßsauer lächelnd neben mich stellen. Auf den Bilder sieht Al gegen mich wie ein kleiner Junge aus. Ich bin 10 Zentimeter größer und zu diesem Zeitpunkt über 25 Kilogramm schwerer als er. Selbst der skeptische Bundestrainer gibt zu: >>Jeder andere außer dir hätte heute mindestens 20,50 Meter gestoßen.<< Ich nehme es nicht als Anerkennung, sondern als Beleidigung. Wenn alles richtig geklappt hätte, wäre ich jetzt Weltrekordler, lieber Werner!
Als letzter wichtiger Wettkampf der Saison steht der Europapokal auf dem Programm. Pro Nation und Disziplin darf nur ein Sportler teilnehmen. Da ich in Topform bin und Jan immer noch nicht richtig fit ist, rechne ich mit meiner Nominierung. Doch Jan wird nominiert. Der Bundestrainer rechtfertigt dies öffentlich mit dem Satz: >>Die beiden sind so gute Freunde, da wird Jan mit Sicherheit verzichten, wenn er fühlt, dass er schwächer ist.<<
Jan denkt nicht daran zu verzichten. Ich bin enttäuscht, verstehe ihn nicht. Wir beide sind Einzelkämpfer gegen das Establishment, und nun rechtfertigt er sich öffentlich und kläglich: >>Was kann ich dafür, dass ich nominiert werde? Dann muß ich auch antreten. Mein Freund tut mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. Die Verantwortung trägt der deutsche Verband, nicht ich.<<
Das ist würdelos. Jan weiß es nur zu genau. Er schämt sich, aber er kann ganz einfach nicht verzichten. Er muß der Beste kann, kann nicht freiwillig zurückstehen.
Was Jan als Kugelstoßer beginnt, setzt er nach Ende der sportlichen Laufbahn konsequent und noch extremer fort. Er ist und bleibt mein Freund. Aber welch ein Leben!
Doping im Sport betrifft lediglich einen verschwindend geringen Promillesatz der Bevölkerung. Doch das Dopingproblem im Sport ist nur ein kleiner Aspekt einer allgemeinen Dopingmentalität, die über den Sport weit hinausgeht.
Als Jan mit dem Kugelstoßen aufhört, ist dies nicht sein freier Entschluß: >>Am liebsten würde ich bis 50, 60 auf höchstem Niveau weitermachen und dann tot umfallen.<< Alt werden, krank werden, unbedeutend werden, das ist sein Alptraum. Ein besonders schrecklicher Alptraum, denn er muss wahr werden. Jan weiß es, und er versucht, es zu verdrängen. Er muß mit 32 Jahren seine sportliche Laufbahn beenden, da er Probleme mit den Nieren bekommt und trotz härtesten Trainings und maximaler Eiweißzufuhr an Gewicht und Leistung verliert. Als er bei einem Trainingstest nur noch 16 Meter schafft, hört er endgültig auf.
Ich verabschiede mich schon ein Jahr zuvor vom Kugelstoßen. Jans Entschluß aufzuhören hängt wohl auch damit zusammen. Als wir noch gemeinsam kugelstoßen, telefonieren wir oft mehrmals täglich und halten uns auf dem laufenden. Trainingszustand, Gewichtskontrolle, Besprechung aller Zipperlein, von denen wir uns geplagt fühlen, Hoffnungen, Wünsche, Ängste, alles bezogen auf das Eine, das Wichtige, das Kugelstoßen. Mein Interesse an diesen Gesprächen schwindet schon wenige Wochen nach meinem Abschied vom Leistungssport. Hatten bis dahin nackte Zahlen - >>237,5!<<, >>5x5x205!<<, >>154!<< - auf dem Weg zwischen Berlin und Hessen am anderen Ende der Leitung für erstauntes, mitleidiges oder beeindrucktes Echo gesorgt, gefolgt von endlosen Analysen und Prognosen, so stößt dies auf der zur Einbahnstraße gewordenen Leitung bei mir nur noch auf bemühtes Eingehenwollen auf die sportlichen Existenzprobleme des Freundes. Jan fehlt der Resonanzboden. Niemandem außer mir kann er damit imponieren, dass er im Training 50 Mal die gewünschte Weite von 87,5 Prozent seiner derzeitigen Wettkampfbestleistung zielsicher erreicht. Nur 85 Prozent wären ebenso eine Katastrophe wie ein unkontrolliert weiter Stoß von 90 Prozent. Diese Fixierung auf Zahlen, das lustvolle Einpassen in ein selbstgewähltes, starres Korsett, die unerbittliche Konsequenz des Einhaltens eines selbst vorgegebenen Plans charakterisieren ihn ebenso wie mich der ständige, manchmal tägliche Wechsel von einer Trainingsmethode zur anderen. Aus meinen Ideen, manchmal kreativ, manchmal wahnwitzig, fischt er zielsicher die wenigen heraus, die ihm nützlich erscheinen, und arbeitet sie langfristig in seine Programme ein. All´ das fehlt ihm nun. Er gibt auf.
>>Was soll ich bloß tun?<< Das Leben, das vor ihm liegt, macht Jan Angst. Er fühlt Beklemmung, wenn er an sein Restleben denkt. Er bekommt nach seiner Kugelstoßkarriere die Existenzprobleme, die ich vor meiner hatte. Mir hilft das Kugelstoßen, trotz aller Erbärmlichkeiten und Enttäuschungen, mich später einigermaßen zurechtzufinden. Ich tauche gerne in die Normalität zurück, ihn packt eiskalter Schrecken, wenn er an ein >>normales<< Leben denkt. Und so tut er alles, um ein normales Leben zu vermeiden.
>>Warum bin ich so?<< Diese Frage, dazu die leidenschaftliche Erörterung unserer jeweiligen Beziehungsprobleme, ersetzt die Themen unserer früheren Telefonate. In den folgenden 15 Jahren treffen wir uns nur maximal ein-, zweimal im Jahr, aber wir telefonieren weiterhin fast täglich, in Krisenzeiten sogar mehrmals am Tag.
Die Krisenzeiten überwiegen erst später. Zunächst einmal findet Jan eine neue Leidenschaft: Squash. Er ist über zwei Meter groß, immer noch 135 Kilogramm schwer und alles andere als ein Ballspieltalent, und dennoch gehört er schon nach einem Jahr zu den gutklassigen Berliner Squashern. Er spielt sechs und mehr Stunden täglich, fast immer um Geld, wobei die Einsätze immer höher werden.
Jan kann es sich leisten. Er verdient viel Geld als Roulette-Veranstalter. Unrechtsbewußtsein fehlt ihm. Warum ist es kriminell, wenn er doch nur das tut, was der Staat im großen Stil tut? Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Die notorischen Spieler der Berliner Szene kommen gerne zu Jan, da sie wissen, dass sie hier absolut korrekt behandelt werden. Alle wissen zwar, dass beim regelmäßigen Spielen nur die Bank, also Jan, gewinnt, aber jeder Zocker glaubt, dass er der einzige ist, auf den dieses Gesetz nicht zutrifft. Und so machen sie Jan reich.
Er fährt teure Mercedes- und Porsche-Modelle, läßt sich die Luxusgefährte in Spezialwerkstätten kostspielig tiefer legen, legt sich eine Rolex für 80 000 Mark zu, läßt sie mit Diamantsplittern und ähnlichem Schnickschnack zu einer 120 000-Mark-Uhr aufmotzen, und er fragt mich dennoch: >>Warum bin ich so? Warum mach´ ich das? Was soll ich bloß tun?<<
Aber diese Momente des Selbstzweifels will er verdrängen. Er hetzt durch sein Leben und will nicht zur Besinnung kommen. Als er beim Squash an seine Grenzen stößt, wechselt er zum Tennis. Auch hier ist er ein Anti-Talent, doch er gewinnt schon nach einem halben Jahr täglichen Trainings klar gegen mich. Wir machen ein Drei-Satz-Match um Geld. Mir zuliebe spielt er nur um Peanuts: Wenn ich mehr als drei Spiele gewinne, bekomme ich für jedes gewonnene Spiel 20 Mark. Für jedes weniger gewonnene Spiel muß ich 20 Mark bezahlen. Jan, der sich beim Aufschlag den Tennisball direkt vor die Nase hält und das Racket wie einen Teppichklopfer behandelt, spielt trotz aller tenniskulturellen Defizite mit einer beeindruckenden Schärfe und Präzision und gewinnt 6:0, 6:0, 6:0. Er ist glücklich.Er dampft vor Zufriedenheit und will auch von mir immer wieder wissen: >>Das ist es doch, oder? Das ist es doch!? Mensch, Junge, komm nach Berlin, das wär´s. Wir beide!<<
Ich freue mich, dass er sich freut. Noch mehr freue ich mich für ihn, als er kurz danach seine endgültige Lebensbestimmung zu finden glaubt: Bodybuilding. Das kann er auf höchstem Niveau machen, bis er 50 ist, mindestens, frohlockt er, und wirft sich mit voller Wucht ins Bodybuilding-Leben.
Sein Langzeit-Ziel: Teilnahme an der Mister-Universum-Wahl innerhalb der nächsten zehn Jahre. Dieses Ziel füllt ihn einige Jahre lang völlig aus. Keine Selbstzweifel mehr. >>Was soll ich bloß tun?<< Jetzt weiß er es.
Körper-Tuning. Neben dem stundenlangen, eintönigen Krafttraining der Bodybuilder gehören dazu weitere körperbildende Maßnahmen wie Solarium, blendend weiße Zähne, Ganzkörperrasur, Spiegelbildkontrolle, Posingtraining zur Musik und vor allem eine mörderische Extrem-Diät: Nach monatelangem Muskelaufbautraining mehr als drei Zentner wiegen, danach mit fettloser Diät innerhalb von drei bis vier Wochen über 30 Kilogramm abnehmen, den Körper austrocknen, zur besseren >>Definition<< kommen - dem Zauberwort der Bodybuilder -, so dass alle Adern und Sehnen plastisch hervortreten. Am Tag X, dem imaginären Mister-Universum-Wahltag, führt Jan vor einem einzigen, für diesen Termin verpflichteten Fotografen sein Wettkampf-Programm vor. Auf diesen Bildern sieht er älter aus, als er werden wird. Noch zwei, drei Jahre, hofft er, und er wird die USA erobern - ein klein wenig wie Arnold Schwarzenegger.
Ich mache mir Sorgen. Dieses Leben kann kein Mensch lange durchhalten. Während der Mastkur zum Muskelaufbau nimmt Jan immer höhere Anabolika-Dosierungen. Zuletzt schluckt und spritzt er eine im Vergleich zu seinen Kugelstoßerjahren mehr als hundertfache Jahresdosis, dazu kommen weitere gefährliche Mittel, die er mir genau beschreibt, was aber an meinen Ohren vorbeirauscht. Dutzende von Medikamenten, das eine hierfür, das andere dafür. Ein Mittel merke ich mir: Ein Hormonpräparat wird aus dem Urin von Frauen gewonnen, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant ist der Vatikan - dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter an einem Ort. Dieses Mittel erlaubt es den Bodybuildern, die Pausen zwischen den Anabolika-Kuren zu verkürzen, ohne dass die Anabolika ihre Wirkung verlieren. Andere Medikamente, mit denen er nach ärztlicher Anleitung experimentiert, dienen dazu, den Körper in der Definitionsphase zusätzlich zu entwässern. Da diese künstliche Entwässerung bei gleichzeitiger Anabolika-Einnahme und härtestem Training riskant ist, dienen weitere Medikamente zur Vorbeugung gegen drohendes Nierenversagen, Leber- und Magenschäden. Als Jan auch noch ankündigt, Wachstumshormone nehmen zu wollen, warne ich ihn eindringlich. Er hat auf dem Schwarzmarkt Ampullen aus dem ehemaligen Ostblock erworben und in einer konspirativen Aktion nachts auf einem Autobahnparkplatz übernommen. Er verspricht, die Ampullen, die er zu Hause im Eisfach des Kühlschranks aufbewahrt, vorerst nicht zu benutzen, auch weil er fürchtet, dass sie gepanscht sind und lebensgefährlich sein könnten.
>>Warum machst Du das bloß?<< Jetzt stelle ich die Frage. Ich mache ihm klar, dass ich sein Bodybuilding als Midlife-Crisis-Symptom ansehe. Ich halte Bodybuilding für eine lächerliche Angelegenheit. Früher machten wir uns gemeinsam lustig über aufgeblähte, nutzlose Muskeln dieser, wie wir damals einig waren, Nichtsportler, und über das bizarre Verhalten beim Posing, und nun ist Bodybuilding für Jan der einzige wahre Sport. Wenn er damit glücklich wird, na gut. Aber dass er sich ruiniert, darf ich als Freund nicht akzeptieren. Jan akzeptiert, dass ich es nicht akzeptiere, aber er leugnet, dass der ständige Wechsel von Mast und Diät, begleitet von hochdosierter Multimedikamentierung, gesundheitsschädlich sei.
Wie verhält man sich als Freund? Ständig den Zeigefinger erhoben? Für Jan scheint es fast lebensnotwendig, mich bis ins Detail über seine Fortschritte und Rückschläge zu informieren, und er erwartet mitfiebernde Anteilnahme. Ich tue ihm den Gefallen. Wir einigen uns darauf, dass ich sein Verhalten prinzipiell für gefährlichen Wahnsinn halte, dass ich aber diesen Wahnsinn mit der konstruktiver Anteilnahme verfolge, die man von seinem besten Freund erwarten kann.
Eines abends ruft Jans Frau Maria an. Nach einer seiner regelmäßigen USA-Reisen ins Golden Gym in Los Angeles hat er urplötzlich hohes Fieber bekommen. Die Feuerwehr hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Über 41 Fieber. Man packt seinen Körper in Eis, erst nach drei Tagen sinkt das Fieber. Die Ärzte rätseln, das Wort Myokarditis fällt. Herzmuskelentzündung durch ein Virus. Lebensgefährlich. Drei Tage später wird Jan auf eigenen Wunsch entlassen. Tags darauf trainiert er wieder.
Jan glaubt fest daran, dass ihn ein Virus erwischt hat, das nach ein paar Tagen Ausschwitzen verschwunden ist. Meine besorgten Gedanken, dass sein Bodybuilding-Wahn diese Krankheit zumindest gefördert hat, weist er als absurde Unterstellung zurück. So etwas kann jedem passieren. Und jetzt ist alles wieder gut.
Mit dem Begriff Doping ist sein Verhalten nicht zu erklären. Er will niemanden betrügen, er absolviert keine Wettkämpfe, er unterliegt keinem Doping-Reglement. Alles reine Privatsache. Er ist Überzeugungstäter und will auch andere überzeugen. Bei mir hat er keine Chance, er weiß, was ich vom Bodybuilding halte. Aber er versucht erfolgreich, junge Fitneßbegeisterte - Jan betreibt seit Jahren auch Fitneßstudios - vom Bodybuilding zu überzeugen, mit allen medikamentösen Konsequenzen. Da Jan vor allem für unbedarfte Möchtegern-Muskelmänner in Auftreten und Erscheinung ein bewundertes Vorbild ist, leistet er erfolgreiche Überzeugungsarbeit. Bald muß er nicht nur für sich, sondern auch für einige junge Bodybuilder den Stoff besorgen. Dies bleibt nicht unerkannt. Bei einer Razzia in seiner Wohnung wird die Polizei nicht fündig. In das Eisfach schauen die Beamten nicht, und die Pistole in der Schrankwand entdecken sie auch nicht.
Immer noch entwickelt Jan kein Unrechtsbewußtsein. Von der Razzia erzählt er wie von einem Spiel, das er gewonnen hat. Die Versorgung der jungen Bodybuilder mit Anabolika und dem ganzen weiteren Spektrum an Medikamenten ist für ihn nur väterlicher Freundschaftsdienst zum Selbstkostenpreis.
Er meißelt aus seinem Körper eine Statue heraus, mit der auch ein Schwarzenegger in Hochform nicht mithalten könnten. Meine ich als Laie. Jan hat nur ein bitteres Lächeln dafür übrig. Die Definition! Da hapert es. Außerdem seien gewisse kleine Muskelgruppen in ihrem Verhältnis zu den größeren nicht gut genug herausgearbeitet. Und der Bauch! Trotz nun schon jahrelanger Fron bleiben Fettrestrückstände, wegen der Altlast >>des idiotischen Kugelstoßens<<, die nicht wegzutrainieren seien. Jan zieht die ihm einzig möglich erscheinende Konsequenz: Fettabsaugen. Er läßt sich operativ das Bauchfett entfernen und gleichzeitig ein paar harmlose Fettgeschwulste zertrümmern. 12 000 Mark kostet die Schönheitsoperation, Jan findet, er habe sein Geld nie sinnvoller investiert.
Aber das soll nur der Anfang sein. Von einem bekannten Bodybuilder und Kraftsportler - Nimbus: größter Oberarmumfang der Welt - weiß er, dass der sich Paraffin in den Bizeps spritzt. Das kostet zwar rund 15 0000 Mark monatlich, da das Paraffin die perfide Angewohnheit hat, spurlos zu verschwinden und daher ständig nachgespritzt werden muß, aber Jan kann und will sich auch diese Investition leisten. Nachdem sein Bauchproblem behoben ist, stört ihn die vergleichsweise schwach entwickelte Wadenmuskulatur. Da muß Paraffin `rein! Doch dazu kommt es nicht mehr.
Von der Pistole erfahre ich schon einige Jahre zuvor. Jan hat Beziehungsprobleme. Er liebt seine Frau über alles, glaubt er, und lebt dennoch gleichzeitig auf unterschiedlich intensiven Beziehungsebenen. Ich bin der einzige, der über alle komplizierten Arrangements Bescheid weiß. Als er von seiner Geliebten Nummer zwei, die gerade erst um eine Position abgerutscht ist, erfährt, dass sie einen ihrer früheren Geliebten getroffen hat, wertet er dies als unverzeihlichen Racheakt. Obwohl er sich gerade in Nummer eins verliebt hat und wechselnde Liebschaften Nummer drei und vier pflegt, wirft ihn dieser >>Vertrauensverrat<< in eine tiefe Krise. Von dem Verrat hat er auf einer Tournee durch Westdeutschland erfahren, wo er in Bodybuildingstudios gutbezahlte Vorträge über das ideale Training hält. Er ruft mich an und sagt, dass er die entsicherte Pistole an der Schläfe habe. Er wolle sich von seinem einzigen Freund verabschieden. Ich halte es nur für eine theatralische Inszenierung, mit der er vor allem sich selbst von seinem tiefen Gefühl überzeugen will. Dennoch gebe ich vor, ihn ernst zu nehmen. Ich beschwöre ihn, auf der Stelle nach Gießen zu kommen, um in Ruhe über alles zu reden. Jan kommt sofort. Stundenlang gehen wir schnellen Schrittes den Seltersweg, Gießens Einkaufsmeile, auf und ab. Jan redet hektisch auf mich ein, ich nicke beschwichtigend alles ab. Bald sind wir uns einig: Die Weiber, die Weiber, die machen uns fertig. Hauptsache, wir haben uns, dann stehen wir alles durch. Echte Männerfreundschaft ist durch nichts zu ersetzen. Schon beim nächsten Telefonat hat Jan alles verdrängt. Er erinnert sich nur an einen schönen Nachmittag in Gießen, fast wie in alten Zeiten. Von Selbstmordankündigung will er nichts wissen.
Jan fühlt sich schlapp, unendlich müde. Nachts kann er nicht schlafen, im Liegen plagt ihn Atemnot. Die Nächte verbringt er sitzend, tagsüber kann er keine drei Schritte laufen, ohne nach Luft zu japsen. Er schildert telefonisch seine Leiden, doch will ich sie zunächst als hypochondrische Übertreibungen werten.
Dass er lebensgefährlich erkrankt ist, dass er dies auch weiß, wird mir erst nach und nach klar. Da Jan im Gegensatz zu mir nicht zu Übertreibungen neigt, muß ich gegen meinen Willen nun doch ernst nehmen, was er berichtet: Sein Herz ist irreparabel geschädigt, wahrscheinlich durch die Myokarditis. Seine Lebenserwartung ist um 20 bis 30 Jahre verkürzt. Irgendwann in naher Zukunft, spätestens in zehn Jahren, muß er mit einer Transplantation rechnen. Die Befunde sind eindeutig. Jan hat die bekanntesten Berliner Herzspezialisten konsultiert.
Den niederschmetternden Befund trägt er mit Fassung. dass er Kandidat für eine Herztransplantation ist, beunruhigt oder ängstigt ihn nur wenig. Für sein mechanistisches Körperverständnis bedeutet eine Herztransplantation nicht viel mehr als ein Austausch des Motors in einem Formel-1-Rennwagen. Aber dass sein Körper die Formel-1-Leistungsfähigkeit verliert, das bringt Jan völlig aus der Fassung. Kein Bodybuilding mehr. Absolutes Verbot.
Jan will es nicht wahrhaben. Als sich sein subjektives Befinden bessert, nötigt er den Ärzten die Erlaubnis ab, ganz leichtes Fitneßtraining zu absolvieren. Wenn die Mediziner wüßten, was Jan unter leichtem Training versteht! Zwei Stunden täglich Hantelarbeit, bald schon berichtet er stolz, dass er wieder Zehnerserien im Kniebeugen mit einer 150-Kilogramm-Hantel schafft.
Zwei Stunden Bodybuilding füllen Jan natürlich nicht aus. Er findet einen neuen Wettkampf, in dem er sich beweisen kann: Kampf der Geschlechter. In dieser Disziplin gehörte er auch zuvor schon zu den Spitzenkräften, doch nun eskaliert es. In letzter Zeit hatte Jan nur eine langjährige Geliebte, von der seine Frau nichts wissen durfte, und wechselnde, flüchtige Kurzbeziehungen, von denen weder Frau noch Geliebte wissen durften. Nun stellt er Monat für Monat neue persönliche Bestleistungen auf und konstruiert ein hochkompliziertes Beziehungsgeflecht. Ich diene ihm dabei als applaudierendes Publikum, Trainer und Betreuer, manchmal auch als letzter und einziger Trost, da ich zunächst der einzige bin, dem er alle seine Wettkampfleistungen anvertraut. Manchmal verliert er Wettkämpfe, und dann ist Lebenskrise angesagt.
Ein schwer herzkranker Mann macht täglich herzschädigendes Training und stürzt sich zusätzlich in einen männermordenden Beziehungsmehrkampf. Und was macht der Freund? Erst rate ich ihm dringend, Golf zu spielen, die Beziehungen zu beenden und sich nur noch Maria zu widmen, die über alles zu lieben er immer noch steif und fest behauptet. Dolch solch einen Rat könnte und würde ihm jeder geben, dazu braucht man keinen Freund. Wir einigen uns wieder auf die Bodybuilding-Vereinbarung: Ich mißbillige das, was er tut, aber wenn er es schon tun zu müssen glaubt, stehe ich ihm mit Rat und Tat zur Seite.
Als Jan erfährt, dass Spezialisten in Italien bei der Behandlung von Herzinsuffizienzen mit Wachstumshormonen experimentieren und vielversprechende Erfolge vorzuweisen hätten, bekniet er seine Berliner Ärzte, ihn mit diesen Hormonen zu behandeln, die im Leistungssport der 80er und 90er Jahre die Anabolika der früheren Jahre verdrängen oder zumindest ergänzen. Die Behandlung schlägt an. Jans dramatisch gesunkene Herzleistungswerte, die laut Schulmedizin auch bei bester Behandlung höchstens gehalten, keinesfalls aber gebessert werden könnten, steigern sich deutlich. Ich bleibe zwar skeptisch, aber biete Jan an, einen Artikel über diese mögliche Revolution in der Herzmedizin zu verfassen. Jan stimmt zu. Sein Arzt sei sogar bereit, mir ein Protokoll der Behandlung zu überlassen. Es kommt nicht mehr dazu. Später gibt sich keiner seiner Ärzte zu erkennen.
Jans Leistungswille im Kampf der Geschlechter eskaliert. Alles das reicht ihm noch nicht. Obwohl seine Geschäfte fast von alleine laufen und er außer den zwei Stunden täglichen Bodybuildings nichts zu tun hat, hetzt er von früh morgens bis in die Nacht von Termin zu Termin, immer von der panischen, lustvollen Angst begleitet, dass er >>auffliegt<<.
Als zusätzlichen Kick baut Jan seine Backgammon-Liebhaberei zu einer Erwerbsquelle aus, die ihn mindestens einmal pro Woche eine ganze Nacht kostet. Jan hat einen Partner gefunden, mit dem er um Beträge spielt, deren Höhe ich niemandem außer Jan glauben würde. Sein Partner, der seinen Hauptwohnsitz in Norddeutschland hat, besitzt eine Fluglinie, deren Geschäfte er für gewöhnlich einmal in der Woche von Berlin aus führt. Der Mann habe wahrscheinlich dreihundert Millionen Mark, vermutet Jan. Wenn der in Bezug auf Zahlen und Daten manisch akkurate Jan solch eine Vermutung äußert, könnte ich sie getrost als Tatsache werten. Ich tue es nicht, bis ich den Namen des Backgammon-Partners als handelnde Figur in groß aufgemachten Zeitungsberichten lese: Er hat eine marode Reisegesellschaft aufgekauft, kurze Zeit später verkauft er sie an den deutschen Branchenführer.
Innerhalb von eineinhalb Jahren gewinnt Jan beim Backgammon fast eine Million Mark. Er informiert mich akribisch genau über den jeweiligen Stand. Als er die Millionengrenze übertreffen will, erlebt er ein Desaster. Normalerweise gewinnt er pro Backgammon-Sitzung zwischen 20 000 und 50 000 Mark, selten weniger, selten mehr, nur manchmal verliert er, ebenfalls ungefähr in diesem Bereich. Gewinn und Verlust werden jeweils spätestens am nächsten Tag in bar ausbezahlt. Nach einer durchzockten Nacht ruft er mich aus dem Auto an. >>Rate mal, was ich jetzt mache.<< Er erzählt es mir. Es ist seine einzige Freude an diesem traurigen Tag, dass er mir von dieser negativen Sensation seines sensationellen Lebens berichten kann. >>Ich habe verloren. Neben mir liegt ein brauner Briefumschlag. Er ist gar nicht so dick, wie man meinen könnte. Ich bringe ihm das Geld in sein Büro. 132 000 Mark. Stell dir das vor.<<
Ich stelle es mir vor und rate ihm, das Geld wieder zurück in sein Bankschließfach zu bringen und die Backgammon-Partien zu beenden. Sein Partner scheint bockig zu werden, hat schon mehrmals den unter Zockern streng verpönten Wunsch geäußert, seinen Verlust nicht sofort zu bezahlen, sondern beim nächsten Mal bei diesem Stand weiter zu spielen. Ich kenne diese Mentalität, ich kann sie nachempfinden, um so eindringlicher rede ich auf Jan ein. Doch ihm ist diese Mentalität wesensfremd: bei Verlust nicht zahlen, sondern darauf hoffen, beim nächsten Mal zu gewinnen? Und wenn beim nächsten Mal nicht gewonnen wird, beim übernächsten Mal alles verrechnen? Und wenn man nie gewinnt, irgendwann leise, still und heimlich zu verschwinden? Jan kann nicht glauben, dass so etwas möglich ist. Seine Zocker-Ehre, gepaart mit Geradlinigkeit und völliger Phantasielosigkeit, läßt ihm keine Wahl. Er liefert die 132 000 Mark ab. Wenigstens hat er mir davon erzählt und mich, wie er glaubt, in meiner provinziellen Spießer-Idylle mächtig beeindruckt. >>Das ist ein Leben! Mensch, wär det geil, wenn du auch nach Berlin kommen würdest!<< .
In den nächsten Wochen fühlt Jan sich bestätigt. Sein Partner zahlt wieder, allerdings pendeln sich die Gewinne und Verluste bei zehn-, zwanzigtausend Mark pro Spiel-Session ein. Jan gewinnt mehr, als er verliert, aber deutlich weniger als zuvor. Wenn er einen höheren Betrag gewinnt, ziert sein Partner sich und tut beleidigt, wenn Jan auf Bezahlung besteht. Ich rate ihm wieder, diesen nun auch finanziell nicht mehr interessanten Kick aufzugeben. Doch Jan kann nicht aufgeben, da er mittlerweile auf die Backgammon-Einkünfte angewiesen ist. Denn er hat seinen Todesengel kennengelernt - Caro.
Nun beginnt die Endphase der Selbstzerstörung. Jan drängt in die physische und psychische Abhängigkeit von Caro. Sie küssen und sie schlagen sich, liefern sich zerstörerische Eifersuchtsgefechte, fallen manchmal schreiend, schlagend, spuckend und kratzend übereinander her, was fast immer im Sexuellen endet. Aus seinen Erzählungen schließe ich, dass Caro ihn belügt und betrügt. Da Jan sein Leben lang davon überzeugt war, dass Menschen, mit denen er zu tun hat, ihm immer die Wahrheit sagen (>>Warum sollten sie lügen?<<), wird er selbst bei den dreistesten Lügen nicht mißtrauisch. Seine Eifersucht beschränkt sich darauf, Caro zu beschuldigen, auf >>geile Blicke<< von anderen Männern nicht abweisend genug zu reagieren. Ganz offensichtlich schlecht und dumm konstruierte Lügengeschichten schluckt er aber. Ich wittere die Chance, ihn von dieser zerstörerischen Beziehung zu befreien. Ich versuche, ihn mißtrauischer zu machen, ihn auf die logischen Fehler in den Ausflüchten und Entschuldigungen von Caro hinzuweisen, wenn sie wieder einmal zu spät oder gar nicht kommt oder nicht dort ist, wo sie hätte sein müssen. Widerwillig läßt Jan sich überreden, Mißtrauen zuzulassen. Gründlich wie er ist, packt er das Übel an der Wurzel. Er engagiert zwei ehemalige Stasi-Leute, die in die Wohnung von Caro einbrechen und unter dem Sessel eine Wanze anbringen. Doch schon vor der ersten Abhöraktion bricht Jan in die Wohnung ein und entfernt die Wanzen wieder.
Langsam beginnen mich derartige Geschichten anzuöden. Es wirkt immer unglaubhafter, was ich höre, aber da ich Jan kenne, weiß ich, dass alles wahr ist. Mit Antje, seiner langjährigen Hauptgeliebten, macht Jan in aller Freundschaft Schluß. Er finanziert ihr ein Haus, in das sie mit ihren Eltern einzieht. Jan begründet das Ende der Beziehung mit dem Entschluss, sich schweren Herzens für seine Frau entschieden zu haben. Antje ist todunglücklich. Alle ihre Zukunftspläne sind zerstört. Sie wollte doch so gerne ein Kind von Jan, obwohl sie weiß, dass ein Kind für Jan die größtmögliche Katastrophe seines Lebens wäre. Doch jahrelang hatte sie gehofft, dass sich seine Einstellung ändert. Nun ist es vorbei. Den wahren Grund ahnt sie nicht. Es gibt nur noch Caro sowie Eine-Nacht-Quickies, mit denen er seine Abhängigkeit von Caro zu bekämpfen vorgibt.
Das Geld fließt Jan durch die Hände, es ist ihm egal. Er nimmt Caro mit auf seine jährliche USA-Tournee, obwohl diesmal auch Maria mitfliegt. Caro soll nachkommen, darf Mutter und Bruder mitnehmen. Hektisch jettet Jan zwischen New York, Las Vegas und Los Angeles hin und her, seine Frau wundert sich ein wenig, bleibt aber noch arglos. Die Reise kostet ihn 40 000 Mark, danach ist Jan mit der Kraft und den Nerven am Ende, zumal er trotz hochdosierter Medikamentierung sein Herz spürt.
Schließlich fliegt er auf. Caro schickt ihm nach einem weiteren heftigen Streit ein Abschiedspaket. Darin sind kleine Geschenke von Jan und ein Abschiedsbrief. Das Paket ist mit rosa Schleifchen umwunden, groß prangt Caros Adresse darauf. Maria öffnet das Paket, was der Sinn der Sache ist. Nun ist geschehen, was geschehen mußte, was Jan immer verhindern wollte, weil für ihn an oberster Stelle steht, Maria niemals weh zu tun.
Fast erleichtert erzählt er, dass Maria ihn nicht verlassen wird. Sie sei zwar tief getroffen, er habe die Sache aber im Griff. Er habe Maria versichert, die Beziehung schon zuvor abgebrochen zu haben, daher das Paket. Er werde Caro nie mehr sehen. Mir sagt er: Er komme gerade von Caro, es habe eine fürchterliche Auseinandersetzung gegeben, danach eine grandiose Versöhnung. Er komme einfach nicht von ihr los. Maria müsse eben mit seiner Notlüge leben. Wenn sie fest daran glaube, werde es ihr bald wieder gut gehen. Notlügen sind keine Lügen.
Ich fühle mich in der Rolle des älteren, vernünftigen Bruders unwohl. Es ist mir auch zu banal, Jan auf offensichtliche psychische Macken hinzuweisen. Trotz der Erfahrungen mit unserem Ringelschwänzchen-Kugelstoßer rate ich ihm, einen vertrauenerweckenden Psychologen zu suchen. Der würde ihm vielleicht überzeugender vermitteln können, was ich vermute, aber nicht richtig ausdrücken kann. Vor Jahren schon hatte ich Jan >>Die Grundformen der Angst<< geschickt, ein psychologisches Standardwerk. Ich sah in dem darin beschriebenen analen, zwanghaften Typ verblüffend viele Übereinstimmungen mit Jan. Damals las Jan den entsprechenden Abschnitt sogar, stellte auch erstaunt fest, dass fast alles auf ihn zutrifft - und dann vergaß er lieber ganz schnell, was er gelesen hatte.
Nun aber geht er in seiner Not tatsächlich zu einer Psychologin, später auch zu einem Psychologen, ausgerechnet einem ihm gut bekannten Bodybuilder.
Warum bin ich so? Warum diese innere Leere? Warum die hektische Aktivität um diese Leere herum? Warum Rolex und Porsche, warum diese Körperfixiertheit, warum die zwanghafte Pünktlichkeit, die extreme Ordnungsliebe, der Waschzwang? Warum die Überbetonung materieller Werte? Warum die mechanistische Vorstellung vom eigenen Körper als Hochglanzobjekt, das man mit Pillen und Spritzen sowohl aufpolieren als auch reparieren kann? Warum gewisse sexuelle Vorlieben? Warum die wahllosen One-Night-Stands mit 18jährigen, über die er mir wenige Stunden später klagt: >>Du kannst dir nicht vorstellen, wie saublöd die ist. Was für ein dummes Zeug ich quatschen mußte! Bis ich die erst mal los war! Furchtbar!<< Mein Mitleid hierfür hält sich in Grenzen.
Groß ist mein Mitgefühl aber, als Jan erkennt, was mit ihm los ist. Zunächst einmal erstaunt er mich, als er mir empfiehlt, ein Buch mit dem Titel >>Die Grundformen der Angst<< zu lesen. Da stehe alles über ihn drin. Es sei gespenstisch. Als ob der Autor ihn und seine Geschichte gekannt habe. Es habe ihn umgehauen.
dDass er dieses Buch früher schon einmal gelesen hat, will er nicht glauben, obwohl er zugibt: >>Irgendwie war da mal was, vielleicht hast du recht.<<
Mein Vorurteil gegenüber psychoanalytischen Aufarbeitungen ist laienhaft und mag falsch sein, bei Jan bewahrheitet sich aber meine Vermutung: Der Mensch verdrängt aus Selbsterhaltungstrieb. Wenn man das Verdrängte zurückholt, weiß man zwar, was man verdrängt hat, erkennt die daraus resultierenden Verhaltensformen, doch was nützt das, wenn das Grauen wiederaufersteht und man sich ihm erneut stellen muß?
Jans Mutter starb, als er ein Jahr alt war. Seine spätere Stiefmutter stellte Jans Vater vor die Wahl: Der Junge oder ich. Und so wuchs Jan bei einer Tante in Berlin auf. Immer wenn er den Vater in Wiesbaden besuchte, wurde er von dessen neuer Frau gedemütigt. Er mache alles falsch, sei dumm, unwürdig, so wie er aussehe, ungeschickt im Auftreten, unschicklich in der Kleidung, könne er dem Vater doch nicht unter die Augen treten. Jan sei ein Nichts, der Vater aber ein großer, verehrenswürdiger Mann, dem er nicht würdig sei.
Ob es wirklich so war, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass Jan es als Wirklichkeit empfand. Früher hatte er mir oft versichert, er würde seine Stiefmutter ermorden, wenn er absolut sicher sein könne, dass er nicht erwischt würde. Wenn ich Zweifel anmeldete, stellte er kategorisch fest: >>Wenn du sie kennen würdest, würdest du mich verstehen. Du würdest sie auch umbringen.<<
Jans Psychologen stellen übereinstimmende Diagnosen. Sie beantworten seine Frage, warum er so ist, wie er ist, mit der wenig hilfreichen Feststellung, dass er zeitlebens um die Anerkennung des Vaters gefleht habe. Da der Vater ihn nicht so geliebt habe, wie er ist - sonst hätte er nicht die Stiefmutter, sondern seinen Sohn gewählt - flehe Jan mit seiner Rolex, seinem Porsche, seinen Muskeln, seinem Reichtum, seinem Erfolg um die Anerkennung und Liebe des verehrten, geliebten Vaters. Auch die über alles geliebte und dennoch permanent betrogene Ehefrau, die wechselnden Beziehungen, die Angst, der Ekel vor einer eigenen Vater-Rolle, die deutlich empfundene innere Leere sowie die selbstzerstörerische Leidenschaft für eine Frau, die er verabscheut, passen ins psychoanalytische Raster. Auch die Kugelstoßerjahre werden frühkindlich bestätigt. Auch dass er nicht für mich auf den Europacup-Start verzichten konnte, findet seine Erklärung. Was hätte sein Vater davon gehalten? Ich erinnere mich an einen Wettkampf in Mainz, bei dem sein Vater Zuschauer war. Ich führte anfangs, Jan gewann aber. Danach offenbarte er mir, dass sein Vater ihm mißbilligend gesagt habe, dass er doch wohl nicht >>gegen den da<< verlieren wolle.
So einfach und einleuchtend alles klingt, so wahr es gewesen sein mag, so kontraproduktiv wirkt es. Immer verzweifelter, immer hektischer stürzt er sich in ein Leben, das geprägt ist von dem Verlangen, mit äußeren Werten zu glänzen, da ihm die inneren Befindlichkeiten Angst machen.
Um zu beweisen, welch ein menschliches Monster Caro ist, will er sie mir vorstellen. Wir treffen uns in Bad Homburg. Ich bin rechtzeitig am Eingang des Spielkasinos, Jan sieht mich, aber erkennt mich nicht sofort. Zu diesem Zeitpunkt telefonieren wir täglich und ausgiebig, haben uns aber schon zwei Jahre nicht gesehen. In Jans Vorstellung bin ich wieder zu seinem dicken Kugelstoßer-Freund geworden, so dass er den fast schlanken, mittelalten Mann vor ihm zunächst nicht erkennt.
Caro enttäuscht mich. Eine schlanke, große Blonde, durchtrainierte Figur, zu viel Make-up, Mini-Rock, Mini-Top, hochhackige Schuhe, aber dennoch keine Frau, die einen Mann in den Wahnsinn treiben könnte. Meine ich. Ohne ihre Aufmachung wäre sie sehr durchschnittlich, eine ganz normale junge Frau eben. Wir unterhalten uns zwei Stunden lang, das heißt, Jan erzählt ihr Anekdoten aus unserem Kugelstoßerleben, ich gebe die Stichworte. Caro hält sich zurück. Sie wirkt völlig anders, als Jan sie beschrieben hat. Ich kann sie beim besten Willen nicht unsympathisch oder gar zerstörerisch finden. Eher beliebig, uninteressant, eines der üblichen blonden Accessoires, wie ich sie aus der gehobenen Bodybuilding-Szene kenne.
Ich sehe Jan zum letzten Mal: einen zwei Meter großen, gepflegten Sieger-Typ in feinstem Zwirn, Typ erfolgreicher Manager, der mir lässig, aber dennoch fast liebevoll aus seinem in der Nachmittagssonne blitzenden und blinkenden Mercedes-Kabrio zuwinkt, neben sich ein weiteres Insignium von Macht und Erfolg, das blonde Accessoire. Dass Jans Augen müde wirken, seine Haut unter der braunen Solariums-Auflage fahl und grau zu sein scheint, dass sein scheinbar lässiges Winken wie ein optischer Hilferuf aussieht, könnte ich mir auch nur einbilden.
Schon zwei Stunden später klingelt das Telefon. Jan ruft aus einem Wiesbadener Hotel an, nutzt die günstige Gelegenheit, denn Caro ist soeben im Bad verschwunden. Flüsternd fragt er meine Eindrücke ab. Er ist enttäuscht, dass ich seine Einschätzung nicht bestätigen kann. >>Die hat sich verstellt, die Schlampe. Die kann das. Die wußte, wie wichtig mir dein Urteil ist, deshalb hat sie die unscheinbare, nette Maus gespielt.<< Als mir als einziger negativer Eindruck das übertriebene Make-up einfällt, hakt Jan sofort ein: >>Ja, das muß sie machen. Ohne dicke Make-up-Schichten sieht man sonst, wie verwüstet ihr Gesicht schon ist.<< So redet er über eine Frau, mit der er zwei Stunden vorher in der Öffentlichkeit geturtelt und geschnäbelt hat wie ein verliebter Siebzehnjähriger.
Dass Jan und ich nun schon seit 25 Jahren Freunde sind, obwohl wir sportliche Konkurrenten waren und gegensätzliche Lebenswünsche haben, versuche ich ihm und mir mit angelesenen Bruchstücken aus der Verhaltensforschung zu erklären: Er ist ein Alpha-Tier, ich ein Beta-Tier. Als Alpha-Tier kämpft er mit anderen Alpha-Tieren permanent um die Macht. In Wolfsrudeln gibt es stets nur ein Alpha-Tier, das alle anderen Beta-Tiere beherrscht. Erst wenn es Schwächen zeigt, wird es von den Beta-Tieren gnadenlos zerrissen, und das stärkste von ihnen nimmt die Alpha-Stellung ein. Von mir als Beta-Tierchen weiß Jan, dass ich artfremd bin. Ich interessiere mich nicht für die Alpha-Rolle, würde auch nicht mit anderen Beta-Tieren um sie kämpfen. Trotz des Rollen-Unterschieds bleibt unsere Freundschaft auf gleichberechtigter Ebene, denn er ist nur eines von vielen Alpha-Tieren, ich aber eine Ausnahme unter den Beta-Tierchen.
Als solches muß ich einsehen, dass alle meine gut gemeinten Ratschläge fruchtlos sind. Meine Tips, meine Überlebensstrategien helfen einem Alpha-Tier nicht. Einem Alpha-Tier ist nicht zu helfen. Es kennt nur Sieg und Niederlage im Kräftemessen mit den anderen. Auch Jan ist als Alpha-Tier ein ganz besonderer Typ: Er weiß, dass menschliche Alpha-Tiere im Sieg über andere ihre Niederlage vor sich selbst vergessen wollen. Andere wissen es nicht, verdrängen es zumindest. Jan ahnte es schon vorher, nach den Sitzungen mit seinen Psychologen weiß er es nur zu genau, kennt die tiefen, demütigenden Gründe für die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Dagegen hilft kein Doping mehr, dagegen hilft nur besinnungsloses Hetzen durch Tag und Nacht.
Dagegen hilft scheinbar auch das Verrennen in eine sexuelle Abhängigkeit. Ich versuche ihm hilflos zu erklären, warum ich seine Abhängigkeit nicht als eine von Caro verstehe, sondern dass ich ihn als abhängig von sich selbst, abhängig von der Panik über seine innere Leere sehe. Wenn er die spektakuläre, nervenzerfetzende Beziehung zu Caro beendet, wenn er auf die ebenso gesundheitsschädlichen Backgammon-Marathons verzichtet, wenn er aufhört, junge Mädchen rumzukriegen, die ihn bewundern, die er aber verachtet - was bliebe ihm dann? Darüber will er gar nicht erst nachdenken. Es wäre zu grauenhaft.
Jan steigert sein Tempo. Ich sehe beziehungsweise höre zu, und ich kann und will ihm nicht mehr helfen. Alles ist gesagt, mir fällt nichts mehr ein. Er weiß, dass ich ihn für einen Selbstmörder halte. Er bläst sein Leben auf wie einen Luftballon, jeden Tag ein bißchen praller. Ich weiß nicht, wann der Ballon platzen wird, aber er wird platzen. Jan nimmt dieses Bild auf, akzeptiert es, fast freudig. Wenn er wieder einmal nach durchzockter Nacht einen Schreikrampf-Tag mit Caro erlebt, nachts darauf um die Häuser zieht, ein Disco-Mädchen aufreißt, um anschließend angeekelt doch wieder zu Caro zu fliehen, in Gnade aufgenommen zu werden, sich danach unter Schlägen und Tränen zu trennen, beim Training abzureagieren, mit Valium vollzupumpen (>>sonst platze ich wirklich<<), gleichzeitig mit jedem seiner wachsenden Zahl von Freunden über seine Abhängigkeit von Caro zu diskutieren, um respektvolles Verständnis und neidvolle Anerkennung zu diesem reichen, turbulenten Leben zu ernten, treibt es ihn dennoch immer zu mir, er muß mir alles haarklein erzählen. Ich gehe nicht mehr auf ihn ein, schäme mich aber dafür, wenn ich seine Anrufe, die mir im hektischen Redaktionsalltag lästig werden, nach ein paar Minuten genervt beende.
Ich erlebe ihn nur noch angefeuert von Champagner - in den Mister-Universum-Jahren trank er keinen Tropfen Alkohol - oder mit valiumbeschwerter Zunge, so dass ich ihn kaum verstehe. Mittlerweile nimmt er keine Wachstumshormone mehr, die Ärzte sind gespannt, ob die Herzleistungswerte konstant bleiben. Aber er nimmt ein neues Mittel ein, dessen Wirkung er mir genau beschreibt. Er habe es aus Amerika. Es helfe ihm in seinem Vielfronten-Geschlechterkampf. Es wirke einfach frappierend. Keine Probleme mehr, im Gegenteil. Mit einer Aerobic-Lehrerin testet er die Wirkung am ausgiebigsten.
Ich kann es einfach nicht mehr hören. Ich beschließe, auf Jans Anrufe nicht mehr einzugehen, ihn damit zu veranlassen, immer seltener mit mir zu sprechen, um auf diese Weise unsere Freundschaft langsam, aber sicher zu beenden.
Am Tag nach diesem Entschluß werde ich krank. Erstmals seit zehn Jahren bekomme ich Fieber. Grippaler Infekt. Von meiner Frau angesteckt, glaube ich. Bevor ich am frühen Abend ins Bett wanke, höre ich den Anrufbeantworter ab. Maria. Sie schluchzt. Weinend bittet sie um Rückruf.
Ich weiß sofort: Der Ballon ist geplatzt. Ich wähle Jans Nummer, höre aber eine unbekannte Stimme. Verwählt. Noch zweimal wähle ich die Nummer, die ich seit Jahrzehnten auswendig kenne und daher nicht notiert habe. Immer falsch verbunden.
Ich habe die Nummer vergessen. Bei der Auskunft kann ich nicht nachfragen, Jan hat eine Geheimnummer. Ein Versuch mit Jans Handy-Nummer. Seine Stimme, vom Band. Es ist das letzte Mal, dass ich ihn sprechen höre. Ich gebe auf.
Morgens um halb sieben holt mich das Telefon aus Fieberträumen. Maria: >>Jan ist tot.<< Langes Weinen. Ich stammele irgendetwas. Sie legt auf.
Meine Frau fragt, was los sei. Ich antworte: >>Jan ist tot.<< Drehe mich auf die Seite, tauche wieder in Fieberträume ab.
Stunden später sinkt das Fieber. Von Jans Frau erfahre ich Näheres. Bei einer Besprechung mit Bodybuilding-Kollegen sei ihm schlecht geworden, er habe sich ans Herz gefaßt, sei umgekippt. Der Notarzt sei schnell dagewesen, habe aber keine Chance gehabt. Kammerflimmern, bei solch einem kranken Herzen, nichts mehr zu machen. Wiederbelebungsversuche zwecklos.
Auch Antje ruft an, völlig aufgelöst. Sie will Einzelheiten wissen. Maria weiß nichts von Antje, Antje weiß nichts von Caro, Caro weiß nichts von Antje, alle wissen nichts von der Aerobic-Lehrerin - wie sage ich wem nur das Richtige?
An die Todesumstände glaube ich nicht. Maria will ich nicht fragen, daher denke ich daran, mich mit Jans Bekannten in Verbindung zu setzen. >>Besprechung mit Bodybuilding-Kollegen<< - unwahrscheinlich. Doch Maria klärt mich tags darauf ungefragt auf. Ich weiß nicht, ob sie es von Anfang an wußte. Mir als seinem besten Freund wolle sie es sagen, ich müsse aber schweigen. Ich verspreche es. >>Jan ist im Bett einer Frau gestorben.<< Ich spiele ihr keine Überraschung vor, frage nur: >>Wo?<< Und gebe selbst die Antwort, indem ich den Berliner Stadtteil nenne, in dem die Aerobic-Lehrerin wohnt. Denn mittlerweile habe ich die zeitlichen Zusammenhänge rekonstruiert. Jan letzter Anruf kam aus seinem Auto, auf dem Weg zur Aerobic-Lehrerin. Die Pille wirke schon. >>Denk mal gleich an mich!<< Kurz darauf starb er, und ich wurde gleichzeitig und plötzlich krank.
Beinahe hätte ich schon wieder lachen können: Jan ist der erste deutsche Viagra-Tote. Ein finaler Rekord. Ich bin sicher: Jan würde seinen Spaß daran haben.
Meine Frau wundert sich zunächst über meine Teilnahmslosigkeit. Ich auch. Doch bald merken wir beide, dass dies nur meine Art ist, unter Schock zu stehen. Es dauert mehrere Wochen, bis ich den Schock überwunden habe.
Genaugenommen bis zu Jans Beerdigung. Da es in Berlin einen Urnengrab-Engpaß gibt, wird der im Februar Verstorbene erst im Frühjahr beigesetzt.
Dass wir in Berlin einen Selbstmörder begraben, weiß ich nun sicher. Mich hatte Jan auf meine besorgten Vorhaltungen stets beruhigt: Er könne keinen Herzinfarkt bekommen. Seine Herzkrankheit sei anders gelagert. Sein Herz würde nicht plötzlich aufhören zu schlagen, sondern nur allmählich immer schwächer werden. Und ob er in acht, zehn oder zwölf Jahren ein neues Herz bekomme, sei schließlich nicht so entscheidend. Ich glaubte ihm und stellte mir das Platzen des Ballons auch ganz anders vor: Mord, Totschlag, tödlicher Unfall, weil Caro ihm ins Steuer greift, oder sie ersticht ihn, er erschlägt sie - alles hielt ich für durchaus möglich, irgendeine letzte, tödliche Auseinandersetzung sogar für wahrscheinlich, möglicherweise unter Drogeneinfluß, und wenn es das nicht wäre, dann banales Organversagen wegen Medikamentenmißbrauchs. Der finale Countdown lief schon lange, so oder so oder wie auch immer.
Aber kurz nach seinem Tod offenbart Maria, dass Jan mich angelogen hat. Er muß gewußt haben, dass diese Lüge notwendig war, um sich meine Anteilnahme, mein Mitbangen und Miterleben seines wilden Lebensrausches zu erhalten. Jan hat mir verschwiegen, dass in allen seinen Befunden auf die akute Gefahr von Herzkammerflimmern hingewiesen wurde. Herzkammerflimmern bei einem derart vorgeschädigten Herzen muss tödlich enden. Jan wußte es, sagte mir aber nichts. Jede Aufregung, von der er leidend-stolz erzählte, jedes Training mit schweren Gewichten hätte tödlich enden können. Jan wußte es. Er wußte, wie er den Ballon zum Platzen bringen würde.
Maria hat den Termin von Trauerfeier und Urnenbeisetzung geheimgehalten. Nur wenige von ihr informierte Menschen begleiten Jans letzten Weg. Antje, Berthe, Caro und die Aerobic-Lehrerin fehlen natürlich. Doch auch sein Vater, seine Stiefmutter sind nicht da. Aber Werner. Grau geworden, kränkelnd. Udo und Ulf sind ebenfalls dabei, die beiden ehemaligen Weltrekordler. Einige junge Bodybuilder, die ich nicht kenne und für die Jan fast eine Vaterfigur gewesen sein soll, geben der Zeremonie ein filmreifes Ambiente. Braungebrannte Muskelmänner mit Pferdeschwänzen und mit unbewegter Miene hinter verspiegelten Sonnenbrillen - beinahe hätte ich laut gelacht, zumal jetzt in der kleinen Kapelle Whitney Houston vom Band losröhrt: >>One moment in time<<. Ein Laienprediger verstärkt die surreale Atmosphäre, indem er seine Standardansprache mit Versatzstücken ausschmückt, die er einem Gespräch mit Maria entnommen und falsch verstanden haben muß.
Als die kleine Trauergemeinde hinter der winzigen Urne zum Grab geht, bleibt ein herrenloser Kranz in der Kapelle zurück. Da ich als letzter gehe, drückt ihn mir ein Friedhofsangestellter in die Hand. Als ich auf die Kranzschleife blicke, schießen mir Tränen in die Augen - vor Anstrengung, denn es gelingt mir heldenhaft, einen Lachkrampf zu vermeiden. In den mehr als 25 Jahren unserer Freundschaft gehörte es zu Jans größten Freuden, wenn Fremde meinen Nachnamen falsch aussprachen oder schrieben, was oft genug der Fall war. Wenn ich an Hotelrezeptionen oder am Flughafen meinen Namen buchstabierte und dennoch ein Steins, Steiners, Stein, Steinmetz oder Steiner herauskam, amüsierte er sich jedesmal königlich. Und nun gehe ich mit einem Kranz hinter seiner Urne her, der wohl schon länger herumliegt, denn er stinkt penetrant nach Hundeurin, und auf ihm steht: >>Ein letzter Gruß von Dr. Stein<<. Ich höre Jan im Himmel wiehernd lachen.
Die Trauergemeinde löst sich auf. Hintereinander gehen wir Richtung Ausgang. Da kommt eine blonde, schwarzgekleidete Frau den Weg hoch, stapft stöckelnd durch den Kies. Schwarzer Hut, Schleier. Ich glaube sie zu erkennen. Caro. Als sie an mir vorbeigeht, sehe ich Tränenspuren auf dicker Schminke und bilde mir dennoch ein, Triumph aus ihren Augen blitzen zu sehen. Ich sage nichts, blicke mich unauffällig um. Niemand scheint sie zu bemerken. Kann es sein, dass nur ich Caro kenne? Maria ist schon unauffällig verschwunden, Antje weint sich wohl irgendwo die Seele aus dem Leib, und Caro hat irgendwie den Beerdigungstermin erfahren und nimmt jetzt ganz alleine am offenen Grab Abschied.
Jan ist tot. Er wollte nicht alt werden, nicht dahinsiechen. Das Leben, das vor ihm lag, ängstigte ihn nicht nur, es widerte ihn schon an, nur daran zu denken. Lieber kurz und schmerzlos sterben. Auf dem Höhepunkt. Schon mit 47 Jahren. Es ist ihm gelungen.
Jans Geschichte mag manchen befremden. Er wusste es, störte sich aber nicht daran. Ihm war dieses Manuskript wichtig, in all seiner Schonungslosigkeit. >>Das ist echt, das ist kein Gesülze. Wer mich verstehen will, wird mich verstehen. Die anderen können mich mal.<<
Einen Freund wie Dich wird es nie mehr geben.
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