Sport-Leben Teil 1. Ungekürzt, aber neu bearbeitet.
Manche steigen aus, indem sie nach Nepal trampen, sich in Indien einer Sekte anschließen oder in Deutschland eine anarchistische Wohngemeinschaft gründen. Auch ich steige aus. Ich werde Kugelstoßer.
Den Entschluß fasse ich im Sommer 1968. Ich bin 21 Jahre alt, fast zwei Meter groß, 82 Kilogramm schwer, schlank und breitschultrig.
Das Studium von Sport und Germanistik fällt mir leicht, obwohl mich die Germanistik anödet. 1968 aber stehe ich vor dem fünften Semester und damit vor der Entscheidung, nun doch noch drei oder vier Semester lang zu pauken, mit dem drohenden Lebensziel, als Oberstudienrat an einem Gymnasium zu enden, oder aber von der Uni Gießen nach Mainz zu wechseln und dort den bequemeren Weg zum Diplomsportlehrer zu gehen.
Ich tue weder das eine noch das andere. Ich entscheide mich für das Lebensziel, eine 7,257 Kilogramm schwere Kugel so weit wie möglich zu stoßen.
Dieser Beschluß revolutioniert mein Leben. Dreizehn Jahre lang werde ich außerhalb gängiger Normen leben, auf Selbsterfahrungstrip in einem konspirativen Untergrund, der allerdings staatlich sanktioniert und gefördert wird.
Doch davon ahne ich in jenem Sommer noch nichts. Und in meiner Umgebung ahnt niemand, daß ich ausgestiegen bin.
Ich fühle mich befreit. Zuvor habe ich in eine rabenschwarze Zukunft gesehen, weil ich mich dem Erwachsenen-Leben nicht gewachsen glaube. Nun schließe ich die Augen und sehe rosarot.
Andere flüchten in eine der aufkommenden Sekten zwischen Baghwan und RAF oder suchen Selbstverwirklichung im Alkohol-, LSD- oder sonst einem Rauschzustand. Ich flüchte ins Kugelstoßen und finde dort Rausch und Selbstverwirklichung. Glaube ich. Hoffe ich.
Obwohl ich in der höchsten deutschen Liga Handball spiele, vom Zehnkampf-Bundestrainer zum Nachwuchslehrgang eingeladen und von Ruder-Trainern, die Olympiasieger, wie sie es ausdrücken, >>gemacht<< haben, massiv umworben werde, mangelt es mir an sportlichem Selbstvertrauen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Handball-, Zehnkampf- oder Ruder-As werden zu können. Ich bewundere die großen Stars dieser Sportarten, wie ich überhaupt ein großer Bewunderer bin, was für mich gleichzeitig ausschließt, jemals in die Rolle eines Bewunderten hineinwachsen zu können.
Auch bei dem befreienden Entschluß, Kugelstoßer zu werden, spielt Hoffnung auf Gold oder gar Ruhm keine Rolle. Ich denke nicht an 20 oder 21 Meter – das wäre mir wie eine Blasphemie gegenüber Weltrekordlern und Olympiasiegern wie Dallas Long und Randy Matson erschienen -, sondern nur an meine persönliche Bestleistung. Ich will über mich hinauswachsen.
Ohne das Training aufgenommen, ohne eine Hantel angefaßt zu haben, nur mit der Euphorie des Aussteigers, melde ich meine Teilnahme an einem Sportfest an.
Ich bin ungeschickt, knochig und erbärmlich dürr gegenüber den kräftigen, selbstbewußten Konkurrenten, die fast so aussehen, wie ich einmal aussehen will, eingebettet in Muskelmassen.
Bereits bei diesem ersten Wettkampf kämpfe ich nicht gegen die anderen Teilnehmer, sondern nur mit mir selbst. Tatsächlich steigere ich meine Bestleistung um fast einen halben Meter auf 14,75 Meter, was mich mit tiefem, stillem Stolz und Befriedigung erfüllt.
In mich versunken, an die unerhörte Weite von 15 Meter denkend, die ich im nächsten Jahr zu stoßen hoffe, insgeheim Blicke auf die Muskelpakete der anderen Kugelstoßer werfend und ihr selbstsicheres Auftreten, das dröhnende Lachen und ihre joviale Art bestaunend, registriere ich nur am Rande, daß diese Männer mir gratulieren, mit festem, kernigem Händedruck, denn ich habe gewonnen.
Na ja, ich fühle mich auch als Sieger, mehr als je zuvor und leider auch mehr als nach den meisten Wettkämpfen späterer Jahre, denn Sieg bedeutet für mich, den zu besiegen, der ich zuvor gewesen bin, und das kann nur gelingen, wenn man seine eigene Bestleistung verbessert.
Ich weiß, daß ich nun lange und hart arbeiten muß, bevor ich diesen 14,75-m-Stoßer besiegen kann.
Meinen Trainingsbeginn lege ich auf den 1. September 1968 fest.
Während andere zu den ersten Go-, Teach- oder Sit-Ins gehen, gehe ich in Wetzlar täglich in den Keller der Turnhalle am Goldfischteich, wo in einem als Schwimmbecken geplanten, im Rohbau steckengebliebenen Vier-mal-drei-Meter-Betonbecken ein Mini-Kraftraum eingerichtet ist, in dem mich zwei Ständer, eine Hantelstange, einige Gewichtscheiben, nasse, rissige Betonwände und klamme Kälte erwarten – wenn ich der Hausmeisterin den Kellerschlüssel abgebettelt habe. Was nicht einfach ist und immer schwieriger wird, je öfter ich außerhalb der Turnverein-Trainingsstunden in das Betonbecken will. Da ich in der Regel täglich zweimal in den Keller gehe, der Turnverein aber wöchentlich nur zwei Übungsstunden-Termine hat, muß ich mindestens zehnmal in der Woche bei der herrischen Hausmeisterin um den Schlüssel bitten. Die entnervte Frau, die mich trotz ihrer Barschheit eigentlich recht gerne mag, empfängt mich im besten Fall griesgrämig, im schlechtesten Fall mit einem kernigen Fluch – >>Was willst denn du schon wieder hier, du Idiot!<< – , rückt das Objekt meiner Begierde aber schließlich doch heraus. Dafür darf sie mich gerne beschimpfen.
Da niemand weiß, was ich vorhabe, fragt auch niemand: Warum ausgerechnet Kugelstoßen? In einem Text von Dürrenmatt lese ich über einen Reisenden, dessen Zug in einen Tunnel einfährt. Ein noch junger Mann, ziemlich dicklich, der sich mit seinen Fettschichten vor der Welt schützen zu können glaubt, wozu auch eine dickrandige Hornbrille und Wattebäusche in beiden Ohren beitragen sollen. Dieser junge Mann sitzt allein in seinem Abteil, wird sich während der scheinbar endlosen Fahrt durch den Tunnel immer deutlicher seiner selbst bewußt – und merkt schließlich, daß der Zug immer schneller wird, mit rasender Geschwindigkeit abwärts durch den Tunnel rast, und er erkennt, daß die Fahrt kein Ende haben, daß der Zug den Tunnel nie mehr verlassen wird.
Mein Kugelstoßen als Dürrenmattscher Tunnel? Dieser Gedanke ist mir zu hochtrabend und außerdem unbehaglich.
Meinen Gewichtszuwachs kontrolliere ich regelmäßig am Bahnhof. Ich stecke einen Groschen in den Schlitz der Personenwaage und stelle mich im schweren Kleppermantel und mit der Aktentasche in der Hand auf die Plattform. Ich will unbedingt zunehmen. Die 14,75 Meter habe ich mit 82 Kilogramm Körpergewicht gestoßen, aber die Weltbesten wiegen weit über 120 Kilogramm, also muß ich so schnell wie möglich mindestens 100 Kilogramm wiegen.
Als die Waage im Frühjahr endlich ein Billett mit dem Aufdruck >>100,5 kg<< ausspuckt, starre ich glücklich auf diese Zahl und stelle fest, daß ich auf meinem Lebensweg als Kugelstoßer den ersten wichtigen Meilenstein erreicht habe. In weiter Ferne lockt die Utopie, irgendwann einmal auch ohne mitgeführten Kleppermantel- und Aktentaschen-Ballast über 100 Kilogramm zu wiegen.
Um dieses Ziel zu erreichen, trinke ich, der Milch nicht mag und zuvor nie getrunken hat, täglich zwei Liter Vorzugsmilch. Ich kenne zwar den Unterschied zwischen dieser und normaler Milch nicht, aber interpretiere den >>Vorzug<< meiner Milch als vorzügliches Mittel der Gewichtszunahme.
Zwei Liter Milch zu trinken, das ist kein großes Problem – ganz im Gegensatz zum Essen, mit dem ich mich schwertue. Aber ich weiß, ich muß essen, viel mehr, als bloß den Hunger zu stillen, denn Hunger habe ich kaum noch, da die Milch mich mehr als satt macht.
In einer Apotheke lasse ich mich beraten. Gibt es appetitanregende Mittel? Es gibt sie, rezeptfrei. Der Apotheker empfiehlt Ce-Ferro, ein Vitamin-Eisen-Präparat. Zwar warte ich vergeblich auf den erhofften Hunger-Schub, aber ich nehme das für meine Zwecke ebenso harmlose wie unwirksame Mittel noch jahrelang ein. Einziger sichtbahrer Effekt: tiefschwarzer Stuhlgang.
In diesen ersten Monaten läuft alles so, wie ich mir das vorgestellt und aus heißem Herzen gewünscht habe. Die Erkenntnis, daß stetiges, hartnäckiges Training, pausenlos und unverdrossen, im Lauf der Zeit zwangsläufig, wie >>von selbst<<, eine steile Leistungsentwicklung mit sich bringt, versetzt mich in Euphorie. Daß ich alles aus eigener Kraft schaffe, macht mich stolz.
Ich weiß, daß ich nicht ganz richtig ticke. Ich habe es immer gewußt. Zumindest, daß ich nicht in dem Takt ticke, um reibungslos über Schule, Studium und Beruf einen ordentlichen Platz in einem ordentlichen Leben zu finden. Manchmal wäre ich gerne ein anständiger Spießer in einem heimeligen, spießigen Leben. Aber schon früh weiß ich, daß mir ein solcherart normales Leben verwehrt bleiben wird.
Die Anforderungen des Alltags haben mich seit meiner Kindheit in panischen Schrecken versetzt. Später hasse ich die Schule, aber sie bleibt ein Halt. Sie drangsaliert, macht Vorschriften, hält mich aber auf Kurs, da ihr nicht zu entkommen ist. Mit Grauen sehe ich dem Abitur entgegen, das mich ins feindliche Leben entläßt, in dem ich untergehen muß.
Noch habe ich meine Mutter, die für mich sorgt. Seit ich ein Kleinkind war, kümmert sie sich um mich wie um ein Kleinkind, auch jetzt noch. Morgens liegen neben dem Bett die gewaschenen und gebügelten Kleider, die ich anziehen soll, abends lege ich mich in ein gemachtes Bett, neben das ich einen unordentlichen Kleiderhaufen lege.
Sie kocht mein Essen, kauft meine Kleidung, putzt mein Zimmer und hält die Wohnung in Ordnung, die ich in Unordnung bringe.
Ich lehne mich gegen die überwältigende Fürsorge auf und nutze sie gleichzeitig aus. Meine Mutter lechzt nach einem lieben Wort, einer netten Geste, aber ich verweigere mich, kapsele mich ab.
Gerne wäre ich der Sohn, den sie sich wünscht. Es ist mir nicht möglich.
Meine Mutter glaubt, ich studiere weiterhin fleißig. Die Wahrheit will ich ihr nicht sagen. Auch meinem Vater nicht, der sich der Familie ähnlich entzieht wie sein jüngster Sohn.
Acht Monate nach Trainingsbeginn wiege ich auch ohne Ballast 100 Kilogramm und breche schon in einem der ersten Wettkämpfe des Jahres 1969 mit 15,63 Metern den Bezirksrekord, der 30 Jahre bestanden hatte.
Mein erster Rekord. Sieger einer Konkurrenz im Fernvergleich. Kein primitiver Mann-gegen-Mann-Wettkampf mit bösen Blicken und direkten Duellen wie im Wilden Westen, sondern einsamer Wettkampf in fernen Räumen und Zeiten. Ich habe einen Rekord gebrochen, der vor meiner Geburt aufgestellt worden ist, von einem Menschen, den ich nicht kenne, der aber Deutscher Meister gewesen ist. Und im Vergleich mit der Masse der Weltbevölkerung habe ich, obwohl Hunderte von Kugelstoßern in aller Welt noch besser sind, mit diesem Leistungssprung Tausende von namenlosen Amerikanern, Russen und Deutschen überholt.
Da fühle ich mich, als habe ich einen Zipfel des Kleppermantels der Geschichte in der Hand.
Ich spüre an jedem Tag, daß ich stärker und besser werde. Kaum ein Training ohne Bestleistung, kein Wettkampf ohne neuen persönlichen Rekord. Mit Kreide schreibe ich alle Bestleistungen an die Betonwand in meinem Schwimmbecken. Staunend blicke ich auf die Zahlen zurück, mit denen ich angefangen habe. Von 82 auf 105 Kilogramm Körpergewicht gesteigert, im Kugelstoß-Wettkampf von knapp über 14 auf deutlich über 16 Meter, im Hantelstoßen von 60 auf 95 Kilogramm, und als ich mit dem Bankdrücken anfange, also die Hantel im Liegen von der Brust nach oben drücke, gibt es kein Halten mehr mit den Bestleistungen.
Bankdrücken liebe ich. Das ist die wichtigste Trainingsdisziplin der stärksten Kugelstoßer, hat mein Schulfreund Günter berichtet, der einer der besten deutschen Speerwerfer ist und in Heidelberg studiert. Dort trifft sich die deutsche Kugel-Elite regelmäßig zu Lehrgängen, und ich mache große Augen und Ohren, wenn Günter in den Semesterferien von den >>Tieren<< berichtet, die dort unglaubliche Lasten heben.
Mit Feuereifer mache ich mich ans Bankdrücken. Mit 70 Kilogramm stelle ich meine erste Bestleistung auf, Woche für Woche kommen fünf oder gar zehn Kilogramm dazu. Schnell habe ich die Zwei-Zentner-Marke übertroffen, hebe mehr, als ich wiege, und immer noch verlangsamt sich die verblüffende Geschwindigkeit nicht, mit der ich mich in allen Bereichen steigere.
Meine Trainingsprogramme stelle ich aus der Lehrbeilage der Fachzeitschrift >>Leichtathletik<< zusammen. An die Zusammenarbeit mit einem Trainer denke ich nicht. Ich will die tiefe Befriedigung über meine Leistungsentwicklung nicht mit anderen teilen. Alles auf eigene Faust! Niemandem für Tips dankbar sein! Und schon gar nicht das Gefühl haben müssen, die Verbesserungen nicht ausschließlich mir selbst, sondern teilweise einem anderen zu verdanken!
Ich verzichte daher auch auf die Hilfe von Sepp Christmann. Der alte Mann lebt in Wetzlar, gilt als Guru der Wurfdisziplinen und hatte 1936 die Grundlage für einige Goldmedaillen deutscher Athleten gelegt. Christmann ist in früheren Jahren einmal von einem fünfzehn Pfund schweren Wurfhammer am Hals getroffen worden, hat die lebensgefährlichen Verletzungen aber gut überstanden. Nur ein leicht schief gehaltener Kopf und die stets heisere, fast tonlose Stimme erinnern noch an den Trainingsunfall.
Nur einmal und nie wieder trainiere ich mit Christmann, der sich nicht im geringsten für das interessiert, was ich im Keller der Goldfischteichhalle anstelle. Krafttraining existiert für ihn nicht, ausschließlich Theorie und Praxis von Stoß und Wurf faszinieren ihn. Bei mir ist es umgekehrt: Mir sind nur Körpermasse und -kraft wichtig, dann kommt die Kugelstoßweite von alleine, glaube ich und beweise es Woche für Woche. Christmann dagegen ist höchst zufrieden, als ich bei einem Trainingsstoß widerwillig alle seine Anweisungen befolge und einen nach Meinung des Trainers optimalen Stoß hinlege. Jetzt kann man, meint Christmann, täglich die >>Etüden<< üben, die Stoßbewegungen isoliert und konzentriert trainieren, dann würde ich die Weite oft wiederholen und vielleicht sogar um ein paar Zentimeter steigern können.
Bei dieser Perspektive werde ich wütend. Aus Respekt vor dem alten Mann sage ich nichts, verabschiede mich höflich und komme nie mehr zu ihm. Ein paar Zentimeter, und das auch nur vielleicht – die Zentimeter würde ich schon morgen oder spätestens übermorgen erreichen, im Lauf der Zeit würden es viele, viele Zentimeter sein, immer mehr, immer weiter, ohne Stillstand, ich muß nur immer noch ein bißchen schwerer und noch ein bißchen stärker werden, mich äußerlich immer mehr den >>Tieren<< angleiche, von denen Günter berichtet hat.
Obwohl mit jedem Trainingstag die Möglichkeit schwindet, doch noch irgendwie auf den Weg in die Realität einzuschwenken, fühle ich mich großartig. Wenn mich einmal eine innere Stimme bange fragen will, wie das denn alles enden solle, trickse ich mich selbst aus und bringe die Stimme zur Ruhe, indem ich ihr vorwerfe, daß negative Gedanken schädlich für die sportliche Leistung sind.
Das Leben ist schön und aufregend. Nur einmal ärgere ich mich in diesen Sommermonaten des Jahres 1969, als mein Freund Christian, ein ehemaliger Klassenkamerad, eine Geburtstagskarte schickt, auf der Christians Freund Jörg anmerkt: >>Die Geburtstagspackung Dianabol kommt später.<< Was soll das bedeuten? In letzter Zeit höre ich des öfteren merkwürdige Anspielungen, die sich auf etwas namens Dianabol beziehen. Jörgs Postscriptum ist offensichtlich ein geheimes Kennwort für Eingeweihte, das irgendwie irgendetwas mit meinem Sport zu tun hat.
Mich packt die Wut, als ich nicht nur erfahre, was Dianabol ist, sondern auch, was die Erwähnung des Wortes im Zusammenhang mit meiner sportlichen Leistungsentwicklung bedeuten soll: Mißachtung, Verächtlichmachung monatelangen Trainings. Jörg zieht die einzige echte Leistung in meinem Leben in den Schmutz, indem er sie nicht als ureigene Leistung anerkennt, sondern den für ihn unerklärlichen Leistungssprung einfach und boshaft mit der Einnahme von Medikamenten erklärt.
Ich will Jörg gründlich die Meinung sagen, aber ich treffe ihn nie mehr wieder. Jörg macht eine schnelle, steile Karriere als Journalist im Springer-Verlag, später verliert sich für mich Jörgs Spur irgendwo in Amerika.
In diesem Jahr begegnet mir während des Trainings in der Gießener Universitätssporthalle ein Mainzer Sprinter, der kürzlich, ebenso wie einige seiner Sprint- und Staffelkollegen, die Fachwelt mit hervorragenden Zeiten verblüfft hat. Er gibt mir den gutgemeinten Rat, Dianabol zu nehmen. Er selbst und seine Kameraden hätten sich durch das Hormonpräparat um mindestens zwei Zehntelsekunden verbessert, über 200 Meter sogar um eine halbe Sekunde. >>Alle nehmen es.<< Ein Kugelstoßer würde mit Hilfe von Dianabol einen bis zwei Meter an Weite zulegen können.
Oder nehme ich es vielleicht doch schon, wie der Sprinter mit einem skeptischen Blick fragend hinzufügt; denn der spätere Professor der Sportwissenschaft, derzeit auf seinem akademischen Höhenflug in Gießen zwischengelandet, kann meine bisherige sportliche Entwicklung nicht mit meiner Naivität des Dianabol-Verzichts auf einen Nenner bringen.
Aber ich verzichte nicht. Verzicht würde bedeuten, dem eigenen Drang nach Dianabol zu widerstehen. Ich spüre keinen Drang. Meine Logik: Nur die guten Sportler nehmen Dianabol, ich bin noch kein guter Sportler, also darf ich kein Dianabol nehmen.
Außerdem beunruhigt mich die Erkenntnis, daß es neben der bekannten, üblichen Abhängigkeit – Trainer, Betreuer, Funktionäre, Mediziner – eine weitere gibt, die chemische Abhängigkeit. Doch da die Unabhängigkeit bis zu diesem Zeitpunkt meine entscheidende Motivationshilfe ist, steht für mich fest: kein Dianabol.
Das neue Selbstbewußtsein veranlaßt mich, einen letzten Versuch mit der Germanistik zu wagen. Ist es auch hier möglich, aus eigener Kraft, nur mit Energie und Begeisterung, zum Erfolg zu kommen? Ich versuche mein Glück im Hölderlin-Oberseminar, in dem ich bisher die Zeit zwischen Morgen- und Abendtraining verdöst habe. In Wetzlar, wo ich wohne, durchforste ich die heimelige Stadtbücherei, in der ich vor Jahren viele schöne Schmöker-Stunden verbracht habe, nach Spezialliteratur über Hölderlin. Im Germanistischen Seminar an meinem Studienort Gießen arbeite ich mich durch die gängigen Werke für das Oberseminar. In der Pathologie befrage ich den Professor, bei dem ich Sportmedizin höre, über Hölderlins Krankheit. Diese Arbeit macht mir einige Wochen lang fast genauso viel Freude wie das Kugelstoßtraining.
Eines Tages will ich das Wissen umsetzen. Professor H., ein angesehener Germanist, wirft die Frage auf, warum Hölderlin seinen Hyperion als Briefroman geschrieben habe. Ich zucke zusammen. Das ist meine Stunde! In der Literatur, die für dieses Oberseminar bearbeitet werden soll, hatte ich nur wenig überzeugende Interpretationen gefunden, aber in meiner Wetzlarer Stadtbücherei bin ich auf einen Brief Hölderlins an einen Freund gestoßen, in dem der Dichter geschrieben hatte, daß der Geschmack der Zeit zum Briefroman tendiere, und da vor allem Frauen Briefromane vorzögen, schreibe er seinen Hyperion nun entsprechend um. Ich platze fast vor Stolz, als ich mich erstmals zu Wort melde und meine Forschungsergebnisse verkünde.
Die Runde schweigt und geht zur Tagesordnung über. Hat meine Stimme versagt? Heselhaus und seine beiden Star-Studenten diskutieren wieder über die Hölderlin-Interpretationen von Pierre Berteux und Georg Lukacz, so als hätte ich kein Wort gesagt. Die anderen Studenten, Banausen wie ich es gewesen bin, dämmern sowieso nur vor sich hin, genauso wie ich bisher. Aber warum reagieren der Professor und seine beiden Talente nicht? Warum staunen sie nicht? Warum loben sie mich nicht? Warum machen sie mich nicht wenigstens fertig?
Jetzt diskutieren sie die Frage, wann Hölderlin wahnsinnig geworden sei. Man ist sich einig, daß es aus dem Werk heraus zu erklären ist. Eines ganz bestimmten, germanistisch abgesicherten Tages geht Hölderlin spazieren, er überquert eine Brücke, kommt zurück und ist verrückt. Nur – wird er verrückt, als er auf dem Hinweg über die Brücke geht, oder erlebt er auf dem Rückweg etwas Traumatisches, das ihn beim zweiten Gang über die Brücke, auf dem Heimweg, in den Wahnsinn stürzt?
Herr Professor, ich weiß was! Aus mir bricht die Frucht meiner zweiten intensiven Hölderlinforschung hervor. In der Wetzlarer Stadtbücherei hatte ich in einer – von der Germanistik offensichtlich vernachlässigten – Hölderlin-Biographie den Obduktionsbefund des Dichterhirns gefunden. Mit den medizinischen Fachausdrücken konnte ich nichts anfangen, daher legte ich sie meinem Anatomie-Professor vor. Dieser erklärte den Befund: Hölderlin litt laut Obduktionsbericht an einer Krankheit, die man gemeinhin Wasserkopf nennt, aber an einer selteneren Variation, einer Art inneren Wasserkopfes. Diese Krankheit zerstöre im Lauf der Zeit durch Wasserdruck im Schädel die Gehirnzellen. Ich fragte den Pathologen, ob diese Krankheit spontan, von heute auf morgen, ausbrechen könne. Natürlich nicht, antwortete er, das sei eine ganz langwierige Geschichte, beginne meist schon im Mutterleib, rufe schon sehr früh erkennbare und immer deutlicher werdende geistige Störungen hervor und ende nach schleichender, jahre- und jahrzehntelanger Krankheit unweigerlich im totalen Wahnsinn.
Stellen Sie sich vor, Herr Professor H., diese Diskussionen über den Brücken-Wahnsinn sind völlig überflüssig, ja absurd, Hölderlin war schon immer verrückt, erst ein wenig, dann immer mehr, die Hölderlin-Geschichte muß neu geschrieben werden!
Ich sprudele meine Erkenntnisse heraus. Die große Masse döst weiter. Das kann ich verstehen. Der Professor schaut mich abwesend an. Die beiden Musterschüler schauen den Professor an.
Und palavern wieder über die Brückentheorie. Als hätte ich keinen Ton gesagt, als sei nur die Ahnung eines üblen Windes durch den Seminarraum geweht. Sie sind nicht böse, nicht empört, sie haben mich überhaupt nicht gehört, nicht registriert.
Man soll einem Naturvolk im brasilianischen Dschungel einmal einen Fernsehapparat auf den Dorfplatz gestellt haben. Die Eingeborenen haben nicht bemerkt, daß auf der Mattscheibe Bilder flimmerten. Sie schauten sich den schönen Kasten an, strichen über das feingemaserte Holz, klopften auf die Mattscheibe – aber daß ein Film lief, bemerkten sie nicht. So etwas kann es nicht geben, also gibt es das nicht.
Ist H. mein Eingeborener? Oder bin ich der größte Depp unter der Gießener Uni-Sonne? Noch ist mein Kugelstoßer-Selbstbewußtsein nicht groß genug für die Eingeborenen-Theorie, aber groß genug, um vor aller Augen meine Konsequenzen zu ziehen.
Ich stehe auf, sage >>Danke, das war´s dann wohl<<, verbeuge mich vor dem Professor, winke seinen beiden Knaben zu und verlasse den Raum. Ich blicke mich nicht um, vermute aber, daß auch diese Aktion unbeachtet bleibt.
Mit der Germanistik bin ich fertig. Endlich nur noch Kugelstoßen!
Der Abschied von Gießen fällt leicht. Ich freue mich auf Heidelberg. Der USC Heidelberg freut sich auf mich, denn ich gelte als hoffnungsvoller Nachwuchs-Kugelstoßer, der in den damals noch ernster genommenen Mannschaftswettkämpfen wichtige Punkte sammeln kann.
Günter hat den Kontakt zum Universitäts-Sport-Club geknüpft. Ich bekomme eines der begehrten Zimmer in einem der Studenten-Hochhäuser im Neuenheimer Feld. Ich muß keine Miete zahlen. Außerdem stellt mich das Sportinstitut, in dem der USC das Sagen hat, als wissenschaftlichen Hilfsassistenten ein. 250 Mark im Monat, dafür soll ich zweimal in der Woche mit einem Lieferwagen die Post für das Sportinstitut abholen. Später ändere ich mein wissenschaftliches Aufgabengebiet und leite zweimal pro Woche praktische Leichtathletik-Übungen für Sportstudentinnen. Bei Sprint und Sprung ergeben sich interessante Berührungspunkte, und bei Prüfungen bevorzuge ich bei meinen Favoritinnen, die oft beklagenswert kurz springen und langsam laufen, die notenstützende semiobjektive Meßmethode. Die angenehmen Nebeneffekte meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft halten mich aber nicht von meiner Hauptaufgabe ab: immer besser, immer weiter stoßen, und zu diesem Zweck immer schwerer, immer stärker werden.
Im Sommer 1970 wiege ich 108 Kilogramm, drücke auf der Bank 150 Kilogramm und stoße im Training 16,50 Meter weit. Ich berste vor Zuversicht und mache mir keine Gedanken über die Zukunft. Als Kugelstoßer werde ich meinen Weg machen, alles andere ist ferner denn je. Im Sportstudium beende ich das letzte Seminar mit der Note >>sehr gut<<, jetzt müßte nur noch das Staatsexamen folgen, aber dazu benötige ich auch den Germanistik-Abschluß. Halbherzig entschließe ich mich, das in Gießen abgebrochene Oberseminar nachzuholen. Im Vorlesungsverzeichnis entdecke ich ein mir zusagendes Angebot: Statt Hölderlins Wahnsinn wird die Leidenschaft des jungen Goethe behandelt. Der junge Goethe! Fast ein Spezialgebiet von mir, denn seit den durchschmökerten Wetzlarer Stadtbücherei-Stunden als literarisch ambitionierter Schüler bin ich mit der Zeit des stürmenden und drängenden Goethe am Wetzlarer Reichskammergericht, mit Werther und Jerusalem, Lotte und Kestner bestens vertraut. Schon im ersten Proseminar in Gießen hatte ich mich in das Thema verrannt. Allerdings mit geringem Erfolg. Meine Hausarbeit wurde nur mit einem >>Befriedigend<< benotet, obwohl ich intensiv gearbeitet und rund 50 Werke der Sekundär- und Tertiärliteratur studiert hatte. Rund 50 mehr als viele meiner Kommilitonen, die sich vorwiegend mit Scripten und Protokollen älterer Semester durchschlugen. Der Dozent begründete die angesichts des Arbeitsaufwandes schlechte Note schriftlich in höchster Empörung: >>Ihnen fehlt die poetische Ader!<< Ich hatte gewagt, die in der germanistischen Literatur fast im Stil von Lore-Romanen überhöhte Liebe Goethes zu Charlotte Buff eher prosaischer und biologisch mitmotiviert zu sehen, wozu es nach meinem Literaturstudium auch einigen Anlaß gab.
Dennoch mache ich mir vor, es noch einmal versuchen zu wollen. Dank der wissenschaftlichen Lieferwagenfahrten sowie abendlicher Altstadtexkursionen rund um unsere USC-Stammkneipen kenne ich mich in Heidelberg gut aus, doch kann ich, als seit Monaten eingetragener Heidelberger Germanistik-Student, im Gewirr der kleinen Gassen das Germanistische Seminar nicht finden. Ich akzeptiere gerne diesen Wink des Schicksals. Zwar werde ich ohne Germanistik kein Staatsexamen ablegen können, aber was soll´s, als kugelstoßender Aussteiger brauche ich kein derartiges Diplom.
Dennoch schließe ich das Studium ein Jahr später erfolgreich mit einem akademischen Zeugnis ab. Dazu benötige ich keine weiteren Anstrengungen im Studium, sondern nur hartes Kugelstoß-Training und die Unterstützung des USC Heidelberg.
Ich genieße die letzten Wochen des ungebremsten sportlichen Aufschwungs, denn ich weiß nicht, daß es die letzten Wochen sein werden. Die Begegnung mit den besten deutschen Kugelstoßern und die Aufnahme in den Nachwuchskader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes lassen mich auf Wolke sieben schweben. Ich gehöre dazu!
Wir USCler sind wie eine große Familie. Leichtathleten und Basketballer des Vereins, damals deutscher Rekordmeister, sind befreundet, wir spornen uns im Training an, unternehmen viel gemeinsam. Finanzielle Sorgen habe ich keine. Zusätzlich zur freien Wohnung und den 250 Mark Honorar für Forschung und Lehre im Lieferwagen und für wissenschaftliche Sportstudentinnen-Betreuung bekomme ich Studienförderung nach dem Honnefer Modell und Überweisungen von meinen Eltern.
Mittags und abends esse ich im Würzburger Hof in Handschuhsheim, wo Graupner, der bärbeißige, stets grummelnde Wirt, anschreibt und mir alle sechs oder sieben Wochen die Rechnung präsentiert. Mittags schaffe ich nur zwei Portionen und trinke literweise Cola und Limo. Abends verschlinge ich mindestens drei Portionen, erst Schnitzel, dann Rumpsteak, Leberkäse, oft gelingt mir abschließend noch ein halbes Hähnchen, und ich spüle alles mit viel Bier hinunter, denn Bier gehört zu den besten Helfern im Kampf um mehr Gewicht. Wenn Graupner die Rechnung für diese vielwöchige Völlerei auf den Tisch legt (>>Bezahl´, wenn Du mal genug Geld hast<<), beträgt sie nur zwei- oder dreihundert Mark. Der gute Graupner, ich danke meinem Sponsor. Bezahlen kann ich ihn aber erst, wenn meine Eltern in Wetzlar meinen schriftlichen Wunsch erhören und ihre monatliche Überweisung mit einem zusätzlichen Essens-Bonus aufstocken.
Meine Eltern erfüllen den Wunsch immer, obwohl sie außer diesem Schrei nach Geld nie viel von mir hören. Sie sind nicht gerade reich, müssen sich das Geld für mich mit Mühe zusammensparen, tun es aber gerne für ihren jüngsten Sohn, der so fleißig studiert und bald sein Examen machen wird.
Wenn ich Wettkämpfe bestreite, steigert sich meine Euphorie noch. Meistens stoße ich einen Meter weiter als im Training, so daß es mich nicht überrascht, als ich bei den Süddeutschen Meisterschaften in Weinheim 17,82 Meter erreiche. Persönliche Bestleistung. 18 Meter rücken näher. Ich kann es kaum fassen, daß ich mich in knapp zwei Jahren um fast vier Meter verbessert habe, und obwohl ich es kaum fassen kann, träume ich schon von 19, 20, 21 Metern. Alles scheint möglich nach diesem Leistungssprung. Ich bin stolz auf mich.
Bei den Wettkämpfen drücken mir Freunde vom USC die Daumen, feuern an. Der Bundestrainer kümmert sich um mich, was mir schmeichelt, und gibt Ratschläge, die ich ignoriere, denn immer noch und mein ganzes Kugelstoßerleben lang verschließe ich die Ohren für gutgemeinte und konstruktive Anweisungen, da mich stets die panische Angst begleitet, nach einem hilfreichen Tip anderen Menschen für einen Leistungssprung danken zu müssen. Ich will weiterhin alles alleine machen, aber auf chancengleichem Niveau.
Dazu gehört leider, daß ich im Bankdrücken nur noch 130 Kilogramm schaffe. Bislang hatte ich mich im Liegen mit den Füßen an einem kleinen Turnerkasten abgestemmt, mit viel Hüftschwung und Bogenspannung im Körper gearbeitet, so daß der Rücken zwischen Gesäß und Schulterblättern eine Brücke bildete. Nun sehe ich bei den Lehrgängen, daß die anderen Kugelstoßer ohne Abstemmen, Hüftschwung und Bogenspannung drücken. Ich kann meine 150 Kilogramm nicht mit den Leistungen der anderen vergleichen, also drücke ich wie alle und schaffe gerade mal 130 Kilogramm.
Zur Chancengleichheit gehört aber auch, daß ich mit den gleichen Mitteln arbeite wie die anderen. Ich beschließe, daß ich nach der Steigerung von gut 14 auf knapp 18 Meter jetzt in der Leistungsklasse bin, in der man Anabolika zu nehmen hat.
Im Studentenhochhaus wohne ich in einem Zimmer mit Abdullah, einem Jordanier, der mir stolz zu verstehen gibt, daß er Al-Fatah-Mitglied ist. Ich interessiere mich im Sommer 1970 nicht für den israelisch-arabischen Konflikt und weiß kaum etwas über Al Fatah. Abdullah will mich über den Kampf seines Volkes aufklären, doch da er dies regelmäßig erst ab drei Uhr morgens tut, stößt er bei mir auf wenig Gegenliebe. Abdullah stellt mittags den Wecker, schläft bis in die Nacht und reißt sich und mich um Punkt drei aus dem Schlaf. Er schaltet das Licht ein, öffnet das Fenster, setzt sich an seinen Schreibtisch und sucht in seinem Weltempfänger den Al-Fatah-Sender. In Minutenschnelle ist die Zimmerdecke schwarz von Fliegen und Faltern. Ich grunze Abdullah grimmig an, wenn er seinen Al-Fatah-Vortrag halten will, drehe mich auf die andere Seite und gleite, von aufgeregten arabischen Stimmen und orientalischer Musik sowie Knarz-, Piep- und sonstigen Kurzwellen-Störungen geleitet, zurück in den unsanft unterbrochenen Schlaf. Ich mache im Dienste der Völkerverständigung zunächst gute Miene zum nächtlichen Spiel, doch als ich erstmals Stagnation auf der Waage feststelle, ist meine Toleranzgrenze überschritten. Schlafmangel zehrt am Gewicht und damit an der Leistung, Schluß mit Völkerverständigung. Als in der nächsten Nacht der Wecker rappelt, schreie ich Abdullah wütend an: >>Noch einmal, und ich schmeiße ihn aus dem Fenster!<< Abdullah reagiert nicht, fummelt am Radio. Ich schlafe ein. Plötzlich kniet Abdullah auf meinem Bett, rüttelt mich, brüllt mir begeistert ins Ohr: >>Hör zu, das ist beste jordanische Sängerin.<< Aus Nahost schallt eine klagende Stimme an mein Ohr, angereichert mit dissonantem Wellensalat. Unwillig schüttele ich den Schlager-Fan ab, das Leichtgewicht Abdullah kullert auf den Boden. Ich schlummere endlich wieder ein. Plötzlich tobt der Wecker erneut los. Ich springe auf, schnappe ihn mir und werfe ihn im hohen Bogen aus dem neunten Stock. Abdullah schaut entgeistert zu, funkelt mich furchtsam-böse an und stürzt zur Tür hinaus.
Am nächsten Morgen ist Abdullah verschwunden. Er kommt nicht wieder, jedenfalls nicht, wenn ich im Zimmer bin. Manchmal treffe ich ihn noch im Flur, Abdullah scheint bei einem Landsmann Asyl gefunden zu haben. Ich kann wieder schlafen, nehme zu und bleibe guten Mutes.
Mit einem anderen Mitbewohner teile ich meine erste Dianabol-Pille. M., der später zur Bundestrainer-Riege des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gehören wird, schneidet die Fünf-Milligramm-Tablette mit einem Küchenmesser in der Mitte durch. Ich lege meine Hälfte auf die Zunge, er hat seine auch schon im Mund. Wir schauen uns bedeutungsvoll an, schlucken den Stoff hinunter, spülen mit Milch nach und bleiben schweigend am Tisch sitzen. Nun gehören auch wir zum Geheimbund.
Ich spüre, wie die Pille machtvoll wirkt. Ich weiß nicht, ob mir schon damals klar ist, daß dies nur ein Placebo-Effekt sein kann. Hauptsache, es wirkt, egal wie. Eine Stunde später gehe ich in den Kraftraum und verbessere meine erst gestern aufgestellte Bankdrück-Bestleistung von 140 auf 145 Kilogramm. Das ist der Beweis: Dianabol funktioniert!
Unter allen Kugelstoßern treffe ich nur einen, der die Einnahme von Anabolika ablehnt. Rolf, ebenfalls Mitbewohner im Studentenhochhaus, stößt ungefähr genauso weit wie ich und hat wie ich nie Anabolika genommen. Behauptet er, und ich glaube ihm. Auch, daß er nie etwas nehmen wird. Mir glaubt er nicht, daß ich noch nie etwas genommen habe. Vielleicht wirke ich wegen der halben Pille zu schuldbewußt.
Ich mag Rolf. Ein komischer Typ. Auch die anderen aus seiner Clique, in die ich freundlich-herablassend aufgenommen werde, mag ich. Wir spielen jeden Abend Skat, nur unterbrochen von Rolfs schrillem Schrei, wenn draußen ein Schmetterling um die blaue Lampe herumtanzt, mit der der Biologie-Student seine Opfer anlockt, und von den Begeisterungsschreien aller, wenn Drei-Bock-drei-Ramsch angesagt ist, denn dann steht mit mir der zahlende Verlierer schon fest.
Rolf wird schon bald seine Kugelstoßer-Karriere beenden. Er sattelt um auf Basketball, wird sogar Nationalspieler, geht aber auch als Basketballer eigenwillige Wege. Zum letzten Mal höre ich von ihm, als er sich während der Universiade vor einem Spiel gegen Israel weigert einzumarschieren. Vielleicht sind Rolf und Abdullah Freunde fürs Leben geworden.
Am Tag nach meinem Sündenfall sieht mir ein junger Sportarzt beim Training zu. Zwanzig Jahre später gehört er zu den bekanntesten deutschen Sportmedizinern und gilt als Vertrauensarzt einer Tennis-Heroine. Mir wird zugetragen, daß er meine Figur begutachtet und festgestellt hat: >>Der sieht aus wie ein typischer Anaboliker.<< Die sachlich völlig abwegige Folgerung ist zwar ein hirnrissiger Vorwurf, der mich ärgert – aber er ärgert mich längst nicht so maßlos wie damals der Anabolika-Gruß von Jörg; denn diesmal habe ich kein reines Gewissen mehr, schließlich entfesselt in mir die halbe Dianabol-Tablette völlig neue Kräfte.
Die Kraft der Einbildung stelle ich auch bei anderen fest. Eines Tages schenkt mir ein Arzt, Trainer von Heidelberger Bundesliga-Basketballerinnen, eine Riesen-Vorratspackung Fortabol. 800 Pillen, ganz umsonst, ohne Gegenleistung, nur als freundschaftliche Geste unter Gleichgesinnten. Das Anabolikum Fortabol ist das Konkurrenz-Präparat von Dianabol. Manche schwören drauf. Ich nehme zwei Pillen, gehe ins Training und habe einen ziemlich schwachen Tag. Anschließend wiege ich mich: ein Kilo abgenommen! Dieses Teufelszeug Fortabol! Nichts wie weg damit! Niemals mehr werde ich auch nur eine Pille davon anrühren. Von Fortabol nimmt man ab, bilde ich mir ein, genauso wie die Kraft der Einbildung nach einer halben Pille Dianabol zur Bankdrück-Bestleistung verholfen hatte. Helmut, Mitkugelstoßer aus dem Nachwuchskader, nimmt mir die restlichen 788 Pillen gerne ab. Ich schenke sie ihm, warne ihn aber vor der unerwünschten Wirkung. Ein paar Tage später gibt er zu, das Zeug die Toilette runtergespült zu haben, denn auch er hat sich, inspiriert von meinen schreckeneinflößenden Erzählungen, eine akute Gewichtsabnahme eingebildet.
Einige Jahre später sehe ich kurz vor den Olympischen Spielen in Montreal samstags das Aktuelle Sport-Studio des ZDF. Studiogäste sind eine berühmte Diskuswerferin und ein ebenso berühmter Hammerwerfer. Der Hammerwerfer erzählt eine Moritat, an die er offensichtlich so fest glaubt wie ich an die muskelverschlingende Wirkung von Fortabol. Er habe ein einziges Mal in seinem Leben Anabolika genommen, direkt nach der Einnahme hätten sich aber seine Sinne verwirrt und er sei in ein Delirium gefallen, das tagelang angehalten habe. Die Diskuswerferin steht dem Hammerwerfer nicht nach. Nachdem dieser den Anabolika die Weihen eines überdosierten LSD-Trips verliehen hat, hält sie eine Predigt gegen die drogensüchtigen Anabolika-Schlucker. Der Moderator hört gebannt zu, ich ducke mich im Fernsehsessel gequält zusammen. Die Diskuswerferin beendet ihre Philippika gegen den Anabolika-Mißbrauch mit der persönlichen Beteuerung, aus ethischen, moralischen und allen möglichen anderen ehrenwerten Gründen niemals im Leben Anabolika einzunehmen oder gar schon einmal eingenommen zu haben. Gleichzeitig wettert sie, völlig berechtigt, gegen die gegenüber den offiziellen IOC-Normen intern erhöhten Olympianormen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, die nur bei Einnahme von Anabolika zu erreichen seien, daher habe sie sich nicht für Montreal qualifizieren können. Der Moderator drückt ihr beindruckt die Hand – und ich frage mich, ebenfalls als ein Montreal nicht erreichendes Normen-Opfer, auf welch wundersame Weise die Dame ihre besten Weiten früherer Jahre erzielt hat, die deutlich über der Anabolika-Norm von 1976 lagen.
Heute ist die Werferin eine geachtete Politikerin, die immer noch mit der Überzeugungskraft ihrer aktiven Leichtathletik-Jahre gegen das Doping-Unwesen zu Felde zieht.
Daß nicht der Verstand den Willen, sondern der Wille den Verstand beherrscht, weiß ich nicht nur durch die Welt um mich herum, sondern vor allem durch die Welt in mir. Daher nehme ich es auch niemandem übel, wenn er sein tatsächlich gelebtes Leben dem Leben anpaßt, das er gerne geführt hätte. Schade nur, daß dadurch die zur Ehrlichkeit gegen sich selbst notwendigen Be- und Erkenntnisse zu Anklagen gegen andere umfunktioniert werden. Bei mir dauert es zwanzig Jahre, bis ich ohne einen vom Willen vergewaltigten Verstand auf meine Kugelstoßer-Jahre zurückblicken kann.
Meine Heidelberger Vereinskollegin Brigitte ist seit vielen Jahren die nur zweitbeste deutsche Diskuswerferin, hat also das sportliche Los schon fast hinter sich, das ich noch vor mir habe. Nicht nur deshalb spüre ich ein kameradschaftliches Band der Sympathie zu dieser großgewachsenen, starkknochigen, aber schlanken Frau. An guten Tagen wirft Brigitte den Diskus 60 Meter weit. Sie glaubt nicht, daß die zum Teil viele Meter weiter werfende Weltelite auf Anabolika verzichtet – so wie sie. Womit sie natürlich recht hat. Männliche Hormone machen einen männlichen, gesunden, austrainierten und ausgewachsenen Mann kaum zu einem besseren Sportler (was ich leider erst zwanzig Jahre zu spät erkenne), aber sie machen jede Frau männlicher, was allen feministischen Bestrebungen zum Trotz bedeutet: Sie werden körperlich leistungsfähiger, und zwar um so frappierender, je mehr Anabolika eingenommen werden.
Brigitte wird diese anscheinend traumatischen Erfahrungen zusammen mit ihrem späteren Ehemann auf ihre eigene Weise verarbeiten. Das Paar wird zur Galionsfigur der Anti-Doping-Kämpfer, die mit viel gutem Willen unwillentlich dazu beitragen, daß Deutschland im Ausland als das Land der selbstgerechten Doping-Heuchler gelten wird.
Die Versorgung mit dem >>Stoff<< ist kein Problem. Humanmediziner, Zahnmediziner und Studenten aus dem Umfeld des USC Heidelberg besorgen mir viel mehr als ich benötige, kostenlos, aus solidarischer Sportkameradschaft. Rezepte brauche ich nicht. Man will mir etwas Gutes tun, und ich nehme die unterstützenden Geschenke gerne an, auch wenn ich schon längst gut genug versorgt bin. Ablehnung wäre ein unfreundlicher Akt.
Später werden medizinische Fachleute über meinen geringen Anabolika-Verbrauch lachen und versichern, daß diese Dosierungen in keinem Fall die Leistung steigern oder der Gesundheit schaden könnten. Dennoch habe ich ein beklommenes Gefühl, als ich drei Wochen lang zwei Pillen täglich schlucke.
Was bei der späteren Durchsicht der Trainingsbücher sofort auffällt, bleibt mir Zeit meines Kugelstoßer-Lebens verborgen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, daß die nach dem Sommer 1970 folgenden Stagnationen, Enttäuschungen und Rückschläge zeitlich durchweg mit Anabolika-Einnahme zusammenfallen. Solange ich >>sauber<< bleibe, von Herbst bis in den Frühsommer, läuft alles so, wie ich es anstrebe. Aber sobald ich Anabolika einnehme, nimmt das Chaos von mir Besitz und zerschlägt in unschöner Regelmäßigkeit nicht nur meine übersteigerten Träume, sondern auch alle realistischen Erwartungen.
Im Lauf der Jahre kehrt sich das Verhältnis Training/Wettkampf völlig um. Kann ich bis zur Frühsaison 1970 in wichtigen Wettkämpfen regelmäßig einen Meter, manchmal mehr, auf meine beste Trainingsweite draufpacken, so werde ich zehn Jahre später im Wettkampf mit ebensolcher Regelmäßigkeit einen Meter und mehr unter meinen Trainingsweiten liegen.
Erstmals macht sich dieser Effekt bei den Deutschen Meisterschaften 1970 in Berlin bemerkbar. Wenige Wochen nach den 17,82 m von Weinheim verbessere ich mich in der Qualifikation mit großer Leichtigkeit auf 17,85 m, so daß der zuschauende Weltklasse-Hammerwerfer Uwe, den ich bewundere, Wetten annimmt, daß ich im Endkampf über 19 Meter stoßen werde. Es schmeichelt mir, daß er überhaupt auf mich aufmerksam geworden ist. Aber da ich nach der halben Einstands-Pille meine erste echte Anabolika->>Kur<< hinter mir habe, bin auch ich sicher, daß ich deutlich über 19 Meter stoßen werde. Doch dann spüre ich im Endkampf erstmals keine energische Freude, sondern verzagte Hektik. Ich stoße noch einmal 17,85 m, diesmal aber mit verkrampfter voller Kraft. Meine erste Wettkampf-Enttäuschung hält sich aber noch in Grenzen, denn Bestleistung bleibt Bestleistung.
Im nächsten Jahr konzentriere ich mich total auf die Deutschen Meisterschaften in Stuttgart. Dort will ich erstmals 19 Meter übertreffen, mich für die Europameisterschaften qualifizieren und dort über 19,50 Meter stoßen. Ich halte dies angesichts meiner bisherigen Entwicklung für eine äußerst bescheidene Zielsetzung und notiere sie in meinem Trainingsbuch. Werner, Freund und Kugelstoß-Bundestrainer, schreibt darunter: >>Ich würde mich sehr freuen, halte aber die beiden letzten Weiten<< – er meint die DM- und EM-Ziele – >>für nicht möglich. Falls Dich Deine schriftlich fixierten Leistungen stimulieren, so ist dies in Ordnung, wenn sie aber Dein Bewußtsein derart beeinflussen, daß Du unumstößlich daran glaubst, wirst Du von Mißerfolgserlebnissen nicht verschont bleiben. Darin sehe ich die Gefahr. Ich zweifle nicht, daß Du 19,30 im nächsten Jahr bringen kannst, halte aber für dieses Jahr 18,70 für real.<<
Ich nehme Werner diese Einschätzung sehr übel. Innerlich kündige ich ihm die Freundschaft. Selbst meine Minimalziele traut er mir nicht dazu, dabei müßte er doch wissen, wie hart ich trainiere, wie gut im Winter und Frühjahr alles läuft, und daß mit Beginn der Anabolika-Einnahme Anfang Juli meine Leistung im Wettkampf explodieren wird.Ich lasse ihn meinen Unmut nicht spüren. Ich habe ihn ja auch nie merken lassen, daß ich im gemeinsamen Kugelstoß-Training viel von meiner Konzentration benötige, um aus seinen technischen Anweisungen das herauszufiltern, was zu meinen eigenen Vorstellungen paßt und daher befolgt werden kann, und alles zu eliminieren, was ich als Fremdeinfluß einschätze. Obwohl Werner ein ausgezeichneter Trainer und Vermittler der nicht unkomplizierten Angleittechnik ist, bleibe ich bis zum Ende meiner Karriere technisch auf dem Stand von 1970 stehen. Da ich mir mindestens jeden Monat einmal eine neue Technik-Variante ausdenke, meist kaum zu erkennende Modifikationen von Impulsen und Krafteinsätzen, bleibt meine Technik sehr anfällig, da sie wegen meiner ständig neuen Ideen nicht automatisiert werden kann. Außerdem hindert mich fast immer ein Sekunden-Blackout daran, an der Technik zu feilen. Jedesmal, wenn ich zum Auftakt der Angleitbewegung ansetze, ist das, was ich mir technisch vornehme, wie weggewischt. Bis zum Ausstoß bleibt es rot vor meinen Augen und leer im Kopf, mit Ausnahme des dröhnenden Befehls, so weit wie möglich zu stoßen. Im selben Moment, in dem die Kugel die Hand verläßt, beginnt mein Hirn wieder zu arbeiten. Meistens mit einem strengen Verweis wegen Nichtbefolgung der eigenen Anweisungen.
Als ich im Herbst 1997 das Trainingsbuch von 1970/71 erstmals wieder in die Hand nehme, bin ich gerührt von Werners Anmerkungen. Er hat mich absolut realistisch eingeschätzt, dies auf eine fast liebevolle Art niedergeschrieben, konnte aber nicht wissen, daß meine eigenen Ziele noch viel höher waren als die schriftlich angegebenen, und daß ich an diesen selbstgesetzten, Anabolika-inspirierten Zielen scheitern werde.
Bis zu den Deutschen Meisterschaften läuft alles planmäßig. Im Abschlußtraining stoße ich 18,50 Meter, was nach meinen bisherigen Erfahrungen 19,50 Meter bei den >>Deutschen<< und klar über 20 Meter bei den Europameisterschaften bedeuten wird, denn schließlich habe ich gerade erst mit der Anabolika-Einnahme begonnen. Ich wiege 116 Kilogramm, so viel wie noch nie. Auch im Bankdrücken schaffe ich Rekord: 175 Kilogramm. Ich kann den Wettkampf kaum erwarten.
In Stuttgart stoße ich 17,30 Meter.
Dies ist so unbegreiflich, daß ich zunächst kaum enttäuscht bin.
Erst allmählich erfasse ich, was geschehen ist. Dann packt mich die Enttäuschung mit voller Wucht. Ich bin entsetzt, am Boden zerstört, weiß nicht mehr weiter.
Zum Glück setzt schon nach wenigen Stunden ein Selbstrettungsmechanismus ein, der mir in Stuttgart und später noch viele weitere Male über die abgrundtiefe Verzweiflung hinweghelfen wird. Ich nehme mir vor, das Krafttraining völlig neu zu gestalten, die gerade erst begonnene Anabolika-Kur abzubrechen, neu aufzubauen und erst im Herbst wieder Anabolika zu nehmen. Dann würde ich zuschlagen! Ob ich in Helsinki oder Heidelberg über 20 Meter stoße, soll mir egal sein.
Als ich nach Hause fahre, bin ich schon wieder frohen Mutes und pfeife laut vor mich hin. Ich freue mich auf das Training am Montag.
Mit neuer Motivation, müde vom einwöchigen harten Training, aber gutgelaunt, stoße ich in einem kleineren Wettkampf 18,67 Meter weit. Bestleistung. Fast soweit, wie Werner für diese Saison erwartet hat. Aber Werner wird staunen, daß dies nur der Auftakt ist. Ich trainiere hart wie nie, bis Mitte September. Ich platze vor Kraft, stoße im Training über 18,50 Meter
Jetzt beginnt die dreiwöchige Anabolika-Kur, mit gesteigerter Dosis, 15 Milligramm täglich.
Ende September beginne ich bei lokalen Sportfesten die herbeigefieberte Wettkampfserie. Ich mache mir Sorgen, ob meine zu erwartenden Rekordstöße in der Provinz auch offiziell anerkannt werden können.
Ich beginne am 1. September in Haiger mit 17,12 Metern und gebe erst am 26. Oktober in Schwetzingen auf, wo ich mit 17,09 Metern gewinne, mich aber als Verlierer des Jahres fühle.
Ich habe nicht einmal Werners Prognose erfüllt. 1972 werde ich sogar noch weiter davon entfernt bleiben.
1971 lerne ich Jan kennen. Jan ist Diskuswerfer, kann aus dem Stand über 58 Meter werfen, was ansonsten nur absolute Weltklassewerfer schaffen. Mit der Drehung kommt er aber nicht zurecht, bleibt meist deutlich unter seinen Standwurf-Weiten. Nun wechselt er zum Kugelstoßen, weil er glaubt, die lineare Angleitbewegung besser erlernen zu können als die Diskus-Drehung.
Obwohl Jan nicht, wie ich, aus heißem Herzen Kugelstoßer wird, sonder aus nüchternen Aufwand-Ertrag-Überlegungen, verstehen wir uns auf Anhieb. Eine Freundschaft entwickelt sich, die noch nach Jahrzehnten hält, obwohl wir später völlig unterschiedliche Lebenswege gehen. Diese Freundschaft basiert zunächst aber vor allem auf einem für Außenstehende kleinsten gemeinsamen Nenner, der Solidarisierung zweier schwacher Esser.
Die anderen Kugelstoßer haben keine Gewichtsprobleme. Daß manche von ihnen abnehmen wollen, ist für uns kein Gewichtsproblem, sondern eine exotische Perversion. Einer wog schon als 15jähriger über 130 Kilogramm und hat kürzlich zwanzig Kilogramm abgenommen. Er wiegt nur noch 135 Kilogramm, sagt er, und flunkert dabei wahrscheinlich ebenso viele Kilogramm weg, wie ich bei mir hinzumanipuliere, indem ich mich nur abends wiege, weit nach vorne beuge, der Nadel dadurch noch ein bißchen nachhelfe und erst im letzten Moment das angezeigte Gewicht ablese, kurz bevor ich nach vorne über die Waage abkippe.
Auch für Jan resultiert die Kugelstoßweite aus der Kraft, die Kraft aus der Masse, und die Masse muß schwer erarbeitet werden. Da die Zeit der Eiweißkonzentrate noch nicht gekommen ist, würgt er massenhaft Weizenkleie hinunter. Eine heroische Tat, die mich maßlos beeindruckt. Ich kaufe im Reformhaus ebenfalls Weizenkleie. Auch ich bin ein Held und kaue tapfer. Es ist harte Arbeit, die schlecht schmeckt und Muskelkater im Unterkiefer verursacht. Aber immer noch besser, als zum Frühstück zehn Rühreier mit Speck zu verspeisen, wie es manche kugelstoßenden Naturburschen bei Lehrgängen mit größtem Appetit tun. Kann sich jemand vorstellen, wie die fettigen Dünste des gebratenen Specks frühmorgens in unsere Nasen steigen, wenn Jan und ich die Weizenkleie in unsere zu dieser Tageszeit noch zusammengeschrumpften und hartnäckigen Widerstand leistenden Mägen zwingen?
So werden wir Freunde fürs Leben und die Naturburschen dieser Kugelstoßerwelt zu feindlichen Symbolfiguren.
Zu den Lehrgängen kommen und gehen die merkwürdigsten Eß-Typen. Alle freudvollen Esser sind uns ein Dorn im Auge. Ein Neuzugang schmatzt vor Behagen wie ein Schwein, ein anderer ißt drei halbe Hähnchen hintereinander, erzeugt unglaubliche, zermalmende Geräusche – und hinterläßt nicht das kleinste Knöchelchen auf dem Teller.
Ich bleibe einigermaßen tolerant, höre und schaue weg, aber Jan kann, fasziniert-angeekelt, den Blick nicht abwenden. Er leidet geistig und körperlich, bekommt Schweißausbrüche, seine Lippen ziehen sich zu einem messerscharfen Wutstrich zusammen. Nur bei einem besonders deftigen Schmatzen oder beim krachenden Zermalmen der größten Knochen kann er ein scharfes >>Was war DAS denn!<< oder ein ungläubiges >>Das ist doch nicht mehr MENSCHLICH!<< unterdrücken. Dann lachen alle dröhnend und amüsieren sich köstlich über uns komische Typen.
Nach ein paar Jahren sind Jan und ich leistungsmäßig so weit, daß wir ganz alleine die A-Gruppe der deutschen Kugelstoßer bilden. Meistens treffen wir uns mit dem Bundestrainer in Berlin. Aber bis dahin muß noch einiges ausgehalten werden.
Eines Tages wird ein neuer Kugelstoßer in die Lehrgangsgruppe aufgenommen. Es ist ein wortkarger Mann, der nur mit zum Boden gerichteten Blick spricht, aber beim Essen laut wird und die geräuschvolle Runde mit noch nie gehörten Klack- und Knarr-Tönen seiner Zähne erfreut. Zum dreitägigen Lehrgang kommt er nur mit einer kleinen Plastiktüte nach Heidelberg angereist. Inhalt: ein Paar Sportschuhe und ein Stapel Pornohefte, die er uns vor dem Abendessen freudig-erregt zeigt. Nun taut er auf. Begeistert deutet er mit dem Finger auf nackte Männer und Frauen, die die Geschlechtsorgane von Schweinen, Hunden, Hühnern und weiteren unidentifizierbaren Tieren traktieren.
Auch am dritten Lehrgangstag hat er noch die Kleider vom ersten Tag an, sowohl beim Training als auch beim Essen oder dem abendlichen Kneipengang. Zum Glück hält er als Kugelstoßer den Anschluß n’cht, er wird nicht mehr zum Lehrgang kommen. Wahrscheinlich sein Glück, denn Jan sieht bei Lehrgangsende wie ein Mörder aus.
Diese Episode schenkt mir immerhin zwei Aha-Effekte: Erstens weiß ich nun, daß Schweine zwei Ringelschwänzchen haben, und zweitens festigt sich mein Vorurteil gegen einen Berufsstand, der in diesen Jahren in Mode kommt. Jener Kugelstoßer studiert Psychologie und wird bald Diplom-Psychologe sein.
Mein erster Länderkampf wird ein Reinfall. Deutschland tritt gegen Frankreich an. Wer gewonnen hat, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls verloren.
Länderkampf-Ergebnisse interessieren mich auch später nie, die meisten Mitsportler aus der deutschen Nationalmannschaft denken ebenso. Leichtathleten sind Individualisten. Wenn ich schlecht abschneide, was interessiert mich der Mannschaftssieg? Wenn ich gut abschneide, was interessiert mich die Mannschafts-Niederlage? Alle, die ich kenne, denken so. Das kann man nicht einmal als grenzenlosen Egoismus bezeichnen, denn die Leistungen der anderen Sportler interessieren schon. Wer schwach ist, wird getröstet, wer gut ist, beglückwünscht, aber niemand setzt diese Einzelleistungen mit dem Mannschafts-Endresultat in Verbindung. Das tun nur die Funktionäre, die in der >>blauen Stunde<< nach dem Länderkampf an uns vorbeireden.
Nach der blauen Stunde gibt es ein gemeinsames Abendessen, dann teilen sich die nationalen Kämpfer in viele Grüppchen auf. Heute aber haben die Franzosen nach dem Abendessen zunächst noch eine ganz besondere Darbietung auf dem Programm. Mit geheimnisvollem Getue ziehen sie sich zurück, um kurz darauf kreischend vor Vergnügen wieder aufzutauchen. Einige sind total nackt, haben sich in Mehl gewälzt, aufgeblasene Präservative an den Ohren hängen. Sie schütten Mehl über die deutschen Sportler, klatschen ihnen auf die Schultern, blasen neue Präservative auf, verschenken sie, und in diesem Tohuwabohu ertönen immer wieder schrille Schreie und schallendes Gelächter.
Ich sitze abseits und bleibe von diesem Ausbruch französischen Humors verschont. Einige deutsche Sportler lachen verschämt, andere wirken leicht konsterniert, aber eine Gruppe deutscher Werfer rettet die teutonische Ehre und antwortet nach kurzem Bedenken mit deutscher Humor-Gegenoffensive. Sie stehen auf, brüllen, grölen, springen auf den Tisch, schwingen die Hüften, greifen sich Teller und Tassen und schleudern sie gegen die Wand. Sie gewinnen diesen Humor-Länderkampf, denn die Franzosen ziehen sich stumm und geschlagen mit großen, furchtsam aufgerissenen Augen von der Scherben-Orgie zurück.
Schade, daß Jan bei diesem Länderkampf nicht dabei ist. Er wird nicht glauben, was ich ihm erzählen werde.
Im. Januar 1972 kehre ich nach Gießen zurück und beginne ein Zeitungs-Volontariat. In Heidelberg hatten mich Gerüchte alarmiert, man müsse das Studium nach dem zehnten Semester mit dem Staatsexamen abgeschlossen haben, ansonsten werde man von der Universität verwiesen. Das will ich mir und meinen Eltern nicht antun, deswegen bewerbe ich mich in Gießen und werde sofort angenommen.
Wieder einmal rutsche ich ohne äußeren Leidensdruck in neue Lebensumstände. Meine Mutter, der Verein, der Verband, die Sportartikel-Firma – alle nehmen mir seit der Kindheit die kleinen und großen Probleme des Alltags ab, denen ich auch als 25jähriger nicht gewachsen bin, weil ich ihnen nicht gewachsen sein will und auch nicht sein muß. Wenn mich einmal die eisige Ahnung packt, daß ich, auf mich allein gestellt, untergehen würde, rette ich mich in die überschaubare Leidenswelt des Kugelstoßens und plane Leistungskurven, bastle Trainingspläne, hebe schwere Lasten und fühle mich sicher, obwohl meine Kugelstoßziele immer unsicherer werden.
Daß man nach dem zehnten Semester von der Universität verwiesen würde, muß ich mir damals eingebildet haben. Ich erkundige mich nicht weiter. Ich nutze vielmehr die Gelegenheit, um wenigstens mein Sportstudium erfolgreich abzuschließen. Dank der Symbiose von USC und Sportinstitut erhalte ich ein Akademisches Abschlußzeugnis, das mir bescheinigt, alle für das Studium der Sportwissenschaft notwendigen praktischen Übungen, Vorlesungen, Seminare und Prüfungen mit der Gesamtnote >>gut<< abgeschlossen zu haben. Dieses Abschlußzeugnis garantiert mir, sagt der Sportinstituts-Chef, die Qualifikation zum Diplomsportlehrer. Das reicht, denke ich, zur Beruhigung meiner Eltern. Ich selbst benötige das Zeugnis nicht, denn zu den wenigen Grundsicherheiten meines Lebens gehört, auf keinen Fall Lehrer zu werden.
Meinen Universitätsabschluß verdanke ich ausschließlich der Fürsorge, die mir als Kugelstoßer zuteil wird. Alles in diesem Zeugnis ist korrekt, die Noten habe ich mir redlich verdient – aber diese Form des Abschlusses ist in der Universitätsordnung nicht vorgesehen.
Dennoch sind meine Eltern nicht in dem Maße beruhigt, das ich erhofft hatte. Beamter soll ich werden, Studienrat, da hätte ich meine Sicherheit. Journalist sein gehört für sie eher in die Rubrik gescheiterte Existenz, stellt mich auf eine Stufe mit Schaustellern und sonstigen >>Nichtsnutzen<<. Später werde ich herausfinden, daß sie so sehr unrecht nicht haben.
Die kleinen Turbulenzen sind schnell geglättet, das Leben läuft weiter in den bisherigen geordneten Bahnen, also im Kugelstoßer-Untergrund, abgeschieden vom normalen Alltagsleben der Erwachsenen, zu denen ich nur biologisch gehöre.
Als Volontär verdiene ich 400 Mark brutto im Monat, aber ich werde von meinen Fürsorgern moralisch und finanziell unterstützt, so daß ich alle Energien auf das Kugelstoßen richten kann. Ich verbringe mein Volontariat in der Sportredaktion, deren Ressortleiter indirekt auch zu meinen selbstlosen Sponsoren zählt: Er duldet und fördert sogar, daß ich die Arbeitszeit zunächst als Erholungsphase zwischen zwei Trainingseinheiten gestalte.
Nach den Enttäuschungen des Jahres 1971 starte ich optimistisch und mit überschäumendem Tatendrang in das Olympiajahr 1972.
Strukturen beginnen sich zu festigen, deren Gefangener ich in den nächsten knapp zehn Jahren sein werde: Nach mehrwöchiger totaler Pause, verbunden mit starker Gewichtsabnahme, da ich in dieser Zeit nur nach Appetit esse, beginne ich im Herbst übergangslos mit härtestem Aufbautraining. Vier Wochen lang absolviere ich zweimal täglich ausschließlich und ausgiebig Hantelkrafttraining. Die lange Pause und die folgende Überstrapazierung führen dazu, daß ich in den ersten Tagen vor Schmerzen kaum laufen kann, und daß ich nach drei Wochen, wenn ich die Kugel erstmals wieder in die Hand nehme, auf das Leistungsniveau meines Trainingsbeginns im Sommer 1968 zurückfalle. In jedem Jahr beginne ich von neuem am gleichen Ausgangspunkt. Ich weiß, daß dies unvernünftig ist, doch ich tue es immer wieder, Jahr für Jahr.
Warum trainiere ich nicht vernünftig? Vernünftig wäre: Statt totaler Pause ein leichtes Erhaltungstraining, nach dem ich sachte und mit einem Basis-Leistungsvermögen zwischen 17 und 18 Metern behutsam ins Wintertraining einsteige. Warum mißachte ich die simpelsten Grundregeln der Trainingslehre, die ich doch so gut kenne?
Langsam klettern meine Leistungen in den vier Haupt-Kontrolldisziplinen Bankdrücken, Kniebeugen, Körpergewicht und Kugelstoßen wieder höher. Nach knapp einem Jahr erreiche ich im Sommer fast immer exakt die Werte, die im Herbst zuvor als Ziel im von mir in vielen Stunden ausgetüftelten Jahrestrainingsplan vorgesehen sind.
Ungefähr drei Wochen Wochen vor dem ersten Saisonhöhepunkt, es sind meist die Deutschen Meisterschaften als Qualifikation für den zweiten, absoluten internationalen Höhepunkt, nehme ich zwei Wochen lang Anabolika. Genau acht Tage vor dem Wettkampf setze ich sie ab. Bis dahin habe ich zehn Monate lang völlig >>sauber<< trainiert, obwohl die Anabolika gerade im Aufbautraining ihre besonderen Wirkungen entfalten sollen. Doch ich verzichte auf sie und glaube, daß sie erst nach dem Übergang zum weniger belastenden Wettkampftraining bei mir für den Leistungssprung sorgen werden, den die anderen sich schon vorher gönnen.
Doch pünktlich mit Einnahme der Anabolika stagnieren meine Kugelstoßleistungen. Zwar werde ich zunächst noch etwas schwerer und stärker, doch dieser Effekt müßte sich wegen der Trainingsumstellung automatisch ergeben, auch ohne Anabolika. In den Jahren meiner größten Leistungsfähigkeit nehme ich pro Saisonvorbereitung in den anabolikafreien Monaten rund 20 Kilogramm zu, steigere mich im Bankdrücken von 150 auf 230 Kilogramm und im Kugelstoßen von vierzehneinhalb auf zwanzig Meter. Dann schlucke ich Anabolika, nehme schnell noch zwei, drei Kilo Körpergewicht und maximal zehn Kilo an Bankdrückleistung zu, stoße aber beim Saisonhöhepunkt für gewöhnlich nur knapp 19 Meter, was mich kurzfristig in totale Verzweiflung stürzt und mir durch Nichterreichen des Qualifikationszieles den zweiten Saisonhöhepunkt nimmt. Wenn dieser ansteht, sei es Europameisterschaft, Europacup-Endkampf oder Olympia, plane ich schon voll neuer Begeisterung und höchster Ziele das Training für den Wettkampfhöhepunkt im folgenden Jahr.
Meine Vermutung klingt wie aus einer Erstsemester-Vorlesung im Fachbereich meines Ringelschwänzchen-Sportkameraden: Ich mache meinen Körper im Herbst mit Bedacht nieder, damit ich monatelang das Gefühl auskosten kann, aus eigener Kraft eine erstaunliche Leistungsfähigkeit aufzubauen, ähnlich wie in der rauschhaft erlebten Zeit des ersten Wintertrainings 1968/69. Wenn ich aber im Sommer mit der Anabolika-Einnahme beginne, straft mich mein Über-Ich für die frevelhaft empfundene Tat ab, indem es mich versagen läßt. Frevelhaft, glaube ich, empfindet mein Über-Ich nicht den Verstoß gegen die Dopingregeln. Da alle Kugelstoßer meiner und höherer Leistungsklasse gegen die Dopingregeln verstoßen, sorgt dieser Verstoß nur für die wünschenswerte sportliche Chancengleichheit. Nein, mein Über-Ich straft mich ab, weil ich mein eigenes Ideal verletze: das des von fremder Hilfe unabhängigen Einzelkämpfers, der ganz alleine für seine sportliche Leistung verantwortlich ist und daher ohne Abstriche stolz auf sich sein kann.
Aber vielleicht mache ich mir nur etwas vor. Wenn ich auf Anabolika verzichtet hätte, hätte ich auch auf die Träume von 22 und 23 Metern verzichten müssen. Mir wäre klar geworden, daß es bei mir allenfalls für eine Bestleistung von 21 Metern reicht. Dies wäre aber nach den ersten, gewaltigen Verbesserungssprüngen eine nicht zu akzeptierende Perspektive gewesen. Anabolika sind meine mentale Hilfskonstruktion, um die Lücke zwischen Möglichkeiten und Zielen schließen zu können.
Ich brauche die Illusion. Mit realistischen Zielen hätte ich die langen, mühseligen Aufbau-Monate nicht durchgestanden. Ich hätte das Kugelstoßen aufgeben müssen. Auch heute überkommt mich noch ein banges Gefühl, wenn ich daran denke. Was hätte ich bloß ohne Kugelstoßen tun sollen ?
Ostern 1972 schaffe ich während eines zweiwöchigen Trainingslagers in Barcelona erstmals 200 Kilogramm im Bankdrücken. Eine magische Zahl, ähnlich wie 100 Kilogramm Körpergewicht oder 20 Meter Kugelstoßen. Nachts feiere ich das historische Ereignis auf der Ramblas. Da eine glückliche Fügung des Schicksals mein Erinnerungsvermögen schon bei mittelschwerem Alkoholgenuß ausknipst, wundere ich mich nicht allzu sehr, daß ich in den nächsten Nächten in einigen sehr obskuren Kneipen von den spanischen Stammgästen begeistert empfangen werde. Alkohol macht mich zu einem geselligen, unterhaltsamen Menschen, sagt man, freundlich und angenehm, rundweg sympathisch. Schade, daß ich so wenig davon weiß.
Ein wenig peinlich nur, daß in einer besonders zwielichtigen Kneipe eine taubstumme Prostituierte mit Wespentaille, knappem Pulli und überdimensioniertem Busen Nacht für Nacht mit markerschütternden, spitzen Schreien begeistert auf mich zuläuft, herzt und küßt. Sie spricht zärtlich mit mir, indem sie schrille, unartikulierte Töne herauspreßt. Wie mag ich bloß den 200-Kilo-Rekord gefeiert haben?
Tagsüber werde ich von deutschen Kugelstoßern, die ich noch vor drei Jahren im Fernsehen bewundert habe, als gefährlicher neuer Konkurrent im Kampf um einen Olympiaplatz beachtet. Nachts verschwistern sich spanische Helden und Heldinnen der Nacht mit mir. Ich fühle mich großartig.
Wir trainieren zweimal täglich, was für mich normal, für andere aber ein Härtetest ist. Manchmal lege ich tagsüber heimlich noch eine dritte Trainingseinheit ein, um den anderen, die Mittagsschlaf halten, voraus zu sein.
Schlaf finde ich kaum. Abends bin ich von den aufregenden Trainingsstunden noch zu aufgewühlt, außerdem liegt eine auch für Spanien ungewöhnliche Oster-Hitzeglocke über Barcelona. Daher verbringe ich zwei Wochen lang die Nächte bei meinen neuen Freunden in der Ramblas, komme selten vor vier Uhr in der Frühe nach Hause. Um neun Uhr beginnt das erste gemeinsame Training. Ich bin immer pünktlich, frisch und fit zur Stelle. In mir herrscht Ausnahmezustand
Einige Wochen später sitze ich im Bus nach Brüssel. Erste Olympia-Sichtung für die Nominierung der München-Mannschaft. Die vier bis dahin besten deutschen Kugelstoßer starten in Deutschland bei einem Länderkampf gegen Rußland, Traugott und ich müssen im B-Länderkampf gegen Belgien unser Können zeigen. Für den Routinier Traugott ein Affront, für mich Nachwuchsstoßer eine gute Sache, immerhin bin ich dabei.
Der weichgefederte Komfortbus schaukelt durch die Ardennen. Oder sind es die Vogesen? Bei Wettkampfreisen interessiere ich mich nie für die Landschaft, sondern frage nur bang: Wie ist das Bett? Wie ist das Essen? Wie ist der Kugelstoßkreis?
Und jetzt frage ich mich: Wieso ist mir so schlecht? In den engen Serpentinen schiebt sich das Vorderteil des Busses geradeaus über Abgründe, während die Räder schon durch die Kurve fahren. Mit Verzögerungseffekt schwankt das Vorderteil den Rädern hinterher, um auf der anderen Seite wieder langsam auszuscheren und schnell den Rädern nachzuschwenken.
Neben mir sitzt Thomas, Hochspringer und Sohn eines berühmten Geigers. Ich kenne ihn noch nicht, aber er scheint ein netter Kerl zu sein. Aber warum redet er so viel? Mir ist schlecht.
Thomas redet und redet und redet auf mich ein, über Gott und die Welt, Sport und Philosophie, immer eindringlicher, aber ich kann ihm nicht antworten, ihn kaum anschauen, denn sobald ich meinen Blick vom Busvorderteil löse, wird mir noch schlechter. Ich muß mit den Augen jede Bewegung des schwankenden Busses mitvollziehen, sonst ist es vorbei.
Jetzt ist es vorbei. Thomas stößt mich an, verlangt eine Antwort, ich schaue ihn an, und mir kommt es hoch.
Unter dem Johlen der Sportkameraden stehe ich am Straßenrand und übergebe mich. Eine komplette Eiweiß-Trainingseinheit liegt auf der Straße. Das kann ja was werden!
Der schlechte Auftakt versetzt mich in eine unbegreifliche Stimmung. Was ist nur los mit mir? Mir ist nicht mehr schlecht, im Gegenteil, ich vibriere vor positiver Aufregung. Ich freue mich auf das Kugelstoßen und fahre schon drei Stunden vor dem Wettkampf mit dem Taxi ins alte, baufällige Heyselstadion, das Jahrzehnte später durch eine Europacup-Katastrophe traurige Berühmtheit erlangen wird.
Ich inspiziere den Kugelstoß-Kreis. Sehr schön. Die letzte Linie zieht sich bei der 19-Meter-Marke durch den Sektor auf dem Ascheplatz, ein halber Meter dahinter beginnt der Rasen. Optisch optimal.
Jetzt müßte ich mit dem Taxi zurück ins Mannschaftsquartier fahren, mich noch ein Stündchen hinlegen, danach mit leichter Gymnastik ganz allmählich auf den Wettkampf vorbereiten. Frühestens zwanzig Minuten vor dem ersten Wettkampfstoß dürfte ich die Kugel erstmals in die Hand nehmen, zwei, drei leichte Stöße ausführen, einmal etwas fester >>drücken<<, und dann mit aller Energie, ausgeruht und mit voller Kraft in den Wettkampf einsteigen.
Ich fahre nicht ins Quartier zurück. Ich spiele mir leichtes Erstaunen vor, daß ich zufälligerweise schon meine Kugelstoßschuhe dabei und unter dem Trainingsanzug das Nationaltrikot angezogen habe.
In den Katakomben des Heysel-Stadions beginnt anscheinend ein Lautsprecher-Check. Eine hohe, klagende Frauenstimme, nicht >>beste jordanische Sängerin<<, sondern unverkennbar Joan Baez, singt ein zu meiner aufgerüttelten Stimmung passendes, suggestives Lied. >>Here´s to you<<, höre ich, und immer wieder den gleichen Refrain. Noch zweieinhalb Stunden bis zum Wettkampf, das Heysel-Stadion ist menschenleer, die sauber hergerichtete Kugelstoßanlage mit der 19-Meter-Linie und dem Rasen dahinter lockt, die Kugeln liegen neben dem Stoßkreis bereit. >>Here´s to you<<, endlos, ist das Lied zu Ende, beginnt es nach wenigen Sekunden von neuem.
Ich halte es nicht mehr aus. Here´s to you. Ich nehme bedächtig eine Kugel in die Hand. Nur mal fühlen, wie sie sich anfühlt. Ganz leicht! Sie fliegt fast von alleine. Tatsächlich. Ich stoße locker aus dem Stand, und die Kugel fliegt und fliegt. Geht´s mit Angleiten genauso leicht? Ja, noch leichter. Wie von selbst weit über 18 Meter. Here´s to you, Joan Baez bleibt bei mir. Noch einmal. Über 19 Meter, ohne jede Anstrengung.
Meine Nase blutet. Ich reibe über mein Gesicht, verschmiere das Blut auf dem T-Shirt, das ich über dem Nationaltrikot trage. An dem T-Shirt putze ich nach jedem Stoß die Kugel ab. Erde und Blut, ich habe keine Zeit, den Kopf in den Nacken zu legen, die Blutung zu stoppen. Here´s to you. Ich bin nicht mehr zu bremsen. Den Wettkampf, der in zweieinviertel Stunden beginnt, vergesse ich. Es ist einfach zu schön, zu aufwühlend, zu unvergleichlich, was ich hier erlebe. Das längst verloren geglaubte Gefühl kehrt zurück: Nach langem, harten Training nun im Wettkampf die Früchte aller Anstrengungen zu ernten, durch die gelungene Trainingsperiodisierung zum richtigen Zeitpunkt topfit zu sein, die Kugel nicht als lästig schweres Eisengewicht zu empfinden, sondern ein fast schwereloses Fluggerät auf die Reise zu schicken. Und wie es fliegt! Schon habe ich den Rasen erreicht, die blutverschmierte Kugel bohrt ihre Löcher einen Meter hinter der Linie ins Gras, ich stoße fast 20 Meter weit, immer wieder, von Here´s to you angefeuert, zehnmal, zwanzigmal.
Ich bin immer noch allein an der Kugelstoßanlage. Niemand hat gesehen, daß ich blute. Nun blute ich nicht mehr. Runter mit dem verräterischen T-Shirt, das wie rotgebatikt aussieht. Im Nationaltrikot mache ich weiter.
Allmählich verlagern sich die Einschläge vom Rasen auf die Asche. Nur noch knapp 19,50 Meter. Traugott, der eine Stunde vor Wettkampfbeginn kommt, staunt dennoch. Er ist beeindruckt. Am liebsten hätte ich ihm zugerufen: Mach dir nichts draus, das geht nicht gegen dich, es macht ganz einfach Spaß, so leicht so weit zu stoßen. Here´s to you!
Noch zwanzig Minuten. Traugott stößt sich ein. Ich interessiere mich nicht dafür. Ich bin bei 19,20 Metern angelangt und noch immer nicht alarmiert.
Zehn Minuten vor meinem ersten Wettkampfstoß muß ich aufhören. Ich treffe nur noch die 19-Meter-Linie, muß jetzt die Anlage räumen, die noch einmal gesäubert wird. Diejenigen deutschen Sportler, die sich für die lästige Eröffnungspflicht zur Verfügung gestellt haben, marschieren ein. Die Hymnen ertönen. Kein Here´s to you mehr.
Der Länderkampf beginnt mit dem Kugelstoßen. Ich fühle mich immer noch wie in Trance, koste in Gedanken die 20-Meter-Stöße aus und stoße nicht einmal 19 Meter weit. Ich werde Zweiter, einen Zentimeter hinter Traugott, der alle Kraft in seine Wettkampfstöße legt, deren bester mit 18,90 Meter gemessen wird.
Ich bin nicht enttäuscht. Ich habe eine Stunde lang fast 20 Meter weit gestoßen, eine weitere Stunde lang, mit fallender Tendenz, zwischen 20 und 19 Metern. Was will ich mehr? Demnächst beginnt meine Anabolika-Kur, danach erst steht der entscheidende Wettkampf zur Olympia-Qualifikation auf dem Programm.
Nach derartigen – seltenen – Wettkämpfen, die enttäuschend enden, ohne daß ich sie als enttäuschend empfinde, verändere ich mich. Wer mich dann erlebt, meint: sehr zu meinen Gunsten. Mit einigen deutschen Mitsportlern im Schlepptau ziehe ich durch das Brüsseler Nachtleben. Trotz der Sprachbarrieren finde ich schnell Kontakt, meine ungewöhnliche Figur, die aufgeräumte Stimmung öffnen mir buchstäblich alle Türen. Am wohlsten fühle ich mich bei anderen Außenseitern der Gesellschaft, die mich ebenfalls sofort in ihr Herz schließen. Barbesitzer, Zuhälter, Prostituierte, Schöne der Nacht beiderlei Geschlechts umarmen mich, mögen mich, und ich mag sie.
Langsam lichtet sich mein Schlepptau. Mal knüpfe ich hier Kontakt für einen Mittelstreckler, mal dort für einen Speerwerfer. Am nächsten Tag werden sie mir dankbar berichten, daß ich ihnen den Weg zu ganz außergewöhnlichen Abenteuern geebnet habe. Erst dann werde ich denken: Warum hast du nicht selbst . . . ?
Aber an so etwas denke ich in den frühen Morgenstunden nicht. Ich sitze mit Rolex- und Goldkettchen-beladenen Männern zusammen und philosophiere, englisch-französisch-deutsch kauderwelschend, über das Kugelstoßen, die pralle Lebenskraft, den Sinn des Lebens und über die >>Weiber<<, an denen alles scheitert, wie mir die Goldkettchen versichern, deren >>Hühner<< langsam ihre Schicht beenden und den Verdienst treu und brav abliefern.
Wie schön und einfach ist das Leben, wenn man als Nachwuchs-Kugelstoßer in der Aufbau-Trainingsphase ohne Anabolika fast 20 Meter stößt. Auch wenn es niemand sieht.
Der Stimmung von Brüssel werde ich in Zukunft oft und immer vergeblich nachjagen. Noch einmal in diesen Zustand geraten, aber rechtzeitig zum Wettkampf, nicht schon Stunden vorher, dazu nach Anabolika-Kur in Bestform sein – das wäre die Erfüllung.
Erste Voraussetzung: Das Joan-Baez-Lied muß gefunden werden. Ich überwinde meine Hemmungen und summe Verkäuferinnen in Plattengeschäften den Refrain vor. Nach mehreren vergeblichen Liedvorträgen erkennt eine Fachfrau in meinem Brummen Musik aus >>Saccho und Vanzetti<<, einem Film über die beiden Märtyrer der Gewerkschaftsbewegung. Trotz leichter Ernüchterung kaufe ich die LP.
Erstes Problem gelöst. Das zweite wird komplizierter: Wie arrangiere ich es, die anfeuernde Musik kurz vor dem Wettkampf und zwischen den Stößen zu hören?
Nur an mein Wohl und Wehe im Kugelstoßen denkend, erfinde ich `mal schnell den Walkman. Ich nerve den Besitzer eines Gießener Rundfunk- und Phonogeschäfts mit Spezialwünschen: Ich brauche den kleinsten auf dem Markt befindlichen Kassettenrekorder, dazu Stereo-Kopfhörer. Da die kleinen Rekorder nur Anschlüsse für sirrende, rauschende Ohrknöpfchen haben, deren blecherne Musikwiedergabe mich nicht in Stimmung bringen kann, legt der Phonofachmann einen neuen Anschluß für Stereo-Buchsen, und ich habe meinen Walkman.
Leider hat die Technik noch nicht die heutigen Miniformate entwickelt. So ist mein Walkman kein Walk-man, da der Kassettenrekorder immer noch größer und schwerer als ein Brockhaus-Band ist.
Im Wettkampf kann ich damit nicht herumwalken. Daher stecke ich das Gerät vorher in meine Sporttasche, lege mich während des Aufwärmens auf den Boden, mit dem Kopf auf der Tasche, fummele umständlich die Kopfhörer hervor, lege ein großes Handtuch um meinen Kopf, den ich nun in die Tasche stecke, und versuche, mich von >>Here´s to you<< anturnen zu lassen. Es gelingt nicht. Zu groß ist die Angst, entdeckt zu werden. Hätte jemand das Handtuch weggezogen und gesehen, daß ich mit großen Kopfhörern um die Ohren mit dem Gesicht in der Sporttasche liege, wäre ich zum Gespött geworden. Noch ist die Zeit für den Walkman nicht gekommen, Sony wird ihn sich erst zehn Jahre später patentieren lassen. Der kugelstoßende Daniel Düsentrieb muß auf dieses legale Doping verzichten.
Deutsche Meisterschaften in München. Die besten drei Kugelstoßer qualifizieren sich für die Olympischen Spiele. Ein fairer, gerechter Modus.
Drei Wochen vorher bin ich gut in Form, genau in der körperlichen Verfassung, die ich im Herbst zuvor geplant habe. Jetzt nehme ich Dianabol, zwei Wochen lang 15 Milligramm am Tag, dann kommt eine Woche Pause, damit ich beim Wettkampf dopingfrei bin. Bei oraler Einnahme genügt diese Woche Karenzzeit völlig, wir Bundesdeutsche spritzen nicht, da der Doping-Nachweis bei intramuskulärer Verabreichung der Anabolika in Ausnahmefällen unkalkulierbar lange möglich ist.
Jetzt müßte meine Leistung im Training hochschießen, ohne Dianabol erkennbar, mit Dianabol explosionsartig. Statt dessen stagniere ich. Ich bin verunsichert.
Zu allem Überfluß fährt die Hausmeisterfamilie meiner Wetzlarer Trainingshalle in Urlaub. Mein Kraftraum ist verschlossen und bleibt es auch. Ich komme nicht auf die Idee, als – immerhin – Olympia-Kandidat der Kleinstadt Wetzlar dafür sorgen zu lassen, daß ich in mein Trockenbassin darf. Wahrscheinlich hätte man sich gefreut, mir diesen kleinen Gefallen tun zu dürfen. Warum bemühe ich mich nicht?
Drei Wochen ohne Krafttraining. Eine Katastrophe. Jeden Tag stoße ich im Training ein paar Zentimeter weniger, bei jeder Gewichtskontrolle verliere ich ein halbes Pfund hart erarbeiteter Körpermasse.
Am Tag vor dem Wettkampf fahre ich nach München. Ich wohne im Olympischen Dorf. Näher werde ich Olympischen Spielen nie kommen.
Um den Masse- und Kraftverlust auszugleichen, erfinde ich eine neue Abart des Kugelstoßens: Holzbeintechnik. Auf Lehrbildreihen von DDR-Stoßern habe ich gesehen, daß sie ihr linkes Bein optimal stützend einsetzen, während ich es nach dem Angleiten nur kurz am Balkenrand aufsetze und, gleichzeitig mit dem Einsetzen des Armstoßes, sofort zurückziehe. Um so lange >>stützen<< zu können wie die DDR-Athleten, gebe ich mir vor dem Stoß den selbsthypnotisierenden Befehl, mein linkes Bein möge sich in ein schweres Holzbein verwandeln, das ich an den Balkenrand schleudere, wo es fest und unbeweglich in den Boden gerammt wird. Über diesen nicht wegziehbaren Widerstand kann ich meine Stoßkraft voll entfalten, die ohne >>Holzbein<< durch das Wegziehen meistens verpufft. Glaube ich. Ganz fest.
So schnell wie in München habe ich mein linkes Bein noch nie weggezogen. Ich habe das beweglichste, schnellste Holzbein, ein Wunderwerk der Kugelstoßtechnik.
Ich versage, werde mit 18,72 Metern Sechster, ohne jede Qualifikationschance. Wieder in einer Sackgasse gelandet, diesmal auf dem Holzweg.
Jan gewinnt, wird Deutscher Meister und stößt erstmals über 20 Meter. Bei den Olympischen Spielen wird auch er kläglich versagen.
Die Spiele beginnen heiter and must go on. Allen Ernstes glaube ich, Abdullah unter den Terroristen zu entdecken. Aber viel mehr als das Olympia-Attentat beschäftigt mich die Trainingsplanung für 1973.
Ich sitze nicht wehmütig vor dem Fernsehgerät, sondern stelle diffizile Trainings-Periodisierungspläne auf und zeichne meine zu erwartende Leistungskurve. Ich nehme großformatige Zeichenblätter, damit ich mit der steilen Kurve nicht über den oberen Blattrand komme. Als der Pole Wladislaw Olympiasieger wird, steige ich frühzeitig im Spätsommer ins Wintertraining ein.
Knapp ein Jahr später kehre ich nach München zurück: Länderkampf gegen die USA.
Beim Abschlußtraining nach einem Lehrgang in Heidelberg gerate ich in Brüssel-Stimmung. Die Kugel fliegt fast von alleine. Ich stoße schnell und ohne Anstrengung knapp über 20 Meter, so weit wie nie zuvor und nie danach im Training.Ich bin jetzt 119 Kilogramm schwer und habe am Tag zuvor mit 212,5 Kilogramm Bestleistung im Bankdrücken geschafft. In den verbleibenden acht Jahren werde ich knapp 135 Kilogramm schwer und drücke 240 Kilogramm auf der Bank. Aber so weit und so gut wie an diesem Tag in Heidelberg werde ich nicht mehr stoßen. Nachdem ich die 20 Meter ohne Mühe übertroffen habe, versuche ich, diese Weite mit immer weniger Anstrengung zu halten. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, als ich schließlich den Krafteinsatz so sehr drossele, daß ich gerade noch die Angleit- und Stoßbewegung einigermaßen flüssig durchführen kann. Und dennoch immer noch fast 20 Meter!
Ich komme nicht in Versuchung, mich anzustrengen und weiter zu stoßen. Was interessiert mich, ob ich im Training 20 oder 21 Meter weit stoße, wenn im Wettkampf eher 22 Meter angesagt sind . . .
Das wäre nebenbei die Krone aller persönlichen Bestleistungen: Weltrekord. Mein höchstes Ziel.
Al hat es schon erreicht, er hält mit 21,82 Metern den Weltrekord. In München gewinnt Al vor Jan, der eine stößt um 21, der andere knapp über 20 Meter.
Mein Weltrekord-Vorhaben beginnt mit einem Stoß auf 18,12 Meter. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe auch nicht, warum ich im fünften Versuch plötzlich fast eineinhalb Meter weiter stoße und mich im sechsten und letzten sogar auf 19,88 Meter steigere.
Ich verbessere meine Bestleistung um über einen halben Meter, ich werde – für alle anderen überraschend – Dritter, man gratuliert mir.
Die allgemeine Aufmerksamkeit schmeichelt mir, obwohl ich mich für dieses als primitiv empfundene Gefühl schäme. Ich bin nicht Kugelstoßer geworden, um von anderen Menschen anerkannt zu werden, sondern um meine ganz persönlichen Ziele anzustreben. Oder etwa doch nicht?
Mein Ziel habe ich weit verfehlt. Wieso stoße ich im Wettkampf gerade `mal so weit wie bei meinem zwanzigbesten der locker-leichten Trainingsstöße von Heidelberg? Warum stoße ich nur im Winter einen Meter weiter als im Training? Warum werde ich in Zukunft im Sommer nicht einmal meine Trainingsweiten erreichen, sondern im Katastrophenfall mehr als einen Meter darunter bleiben? Warum tritt der Katastrophenfall immer nur dann ein, wenn der Saisonhöhepunkt ansteht, für den ich mich doch mit Dianabol zusätzlich fit mache?
Das tue ich auch jetzt, denn die Deutschen Meisterschaften stehen vor der Tür. In Berlin, Jans Heimatstadt. Ich fühle mich in glänzender Verfassung. In solchen Momenten denke ich ein wenig bang an das Aufsehen, das ich erregen werde. Bin ich dem zu erwartenden Medienansturm gewachsen? Am liebsten wäre mir, ich würde in Berlin mit Weltrekord gewinnen, man würde es mit Hochachtung zur Kenntnis nehmen, mich ansonsten aber völlig in Ruhe lassen.
Man läßt mich in Ruhe, was mir dann aber auch nicht recht ist.
Bereits der erste Aufwärmstoß vor dem Wettkampf landet genau auf der 20-Meter-Linie. Genauso locker gestoßen wie in Heidelberg – aber jetzt werde ich mich anstrengen!
Es klappt nicht, je mehr ich mich anstrenge, desto kürzer werden die Stöße. Im Wettkampf rette ich schließlich mit 19,54 Meter ganz knapp den zweiten Platz. Jan wird Deutscher Meister und stößt deutschen Rekord.Er ist zwar mein Freund, doch gerecht finde ich das nicht.
Aber in diesen Wochen registriere ich die sommerliche Wettkämpfschwäche nur mit Selbstbefremden, noch nicht mit der Verzweiflung späterer Jahre. Ich bin noch jung für einen Kugelstoßer, trainiere erst im fünften Jahr, und obwohl sich die Wettkampf-Blackouts häufen, bin ich schon fast bei 20 Metern angelangt. In Berlin habe ich, der große Bewunderer, sogar – außer Jan – alle von mir früher heftig bewunderten deutschen Kugelstoß-Größen geschlagen. Das ist zwar neben meinem Bestleistungs-Oberziel Weltrekord nur eine Sekundärtugend, aber ich bin dennoch ein bißchen stolz.
Da kommt mir eine glorreiche Idee: Ich befinde mich zwar im Moment in Hochform und würde in einem der nächsten Wettkämpfe zwangsläufig 20 Meter stoßen, egal welche Selbstbefremdlichkeiten ich noch auf Lager haben sollte – aber warum kleckern, wenn man ein Klotz ist? Ich beschließe, die Saison vorerst zu beenden, eine Woche Erholungspause einzulegen und dann in einem Crashkurs ein superhartes Aufbautraining hinzulegen. Sechs Wochen später, kurz vor Ende der Wettkampfsaison, würde ich wieder auftauchen. Und wie. Ich denke nicht an popelige 20 Meter. Ich strenge mich sogar an, nicht an 22 Meter zu denken. Doch 21 Meter, nebenbei deutscher Rekord, sind ja wohl ein vernünftiges, fast bescheidenes Ziel.
Es gelingt mir, dieses Ziel mit solch einer Wucht anzustreben, daß ich nach sechs Wochen völlig fertig bin. Zwar nehme ich seit zwei Wochen Dianabol, doch stoße ich kaum noch 17 Meter. Ich nehme es mir nicht krumm. Dann halt nächstes Jahr!
Dieses Jahr 1974 läßt sich gut an. Nach der üblichen langen Pause, in der ich das Nicht-Essenmüssen genieße, nach den langen, schönen, befriedigenden Herbst- und Wintermonaten, in denen ich mich ohne jede fremde Hilfe und ohne leistungsfördernde Medikamente, seien sie erlaubt oder nicht, im Training von knapp 15 auf achtzehneinhalb Meter hocharbeite, stoße ich deutschen Hallenrekord und gewinne bei den deutschen Hallenmeisterschaften überlegen mit 19,69 Meter.
Angeblich werden in einem geheimen Test sechs von acht Endkampfteilnehmern der Meisterschaften positiv dopinggetestet. Ich sei auch darunter. So ein Quatsch! Ich bin seit sechs Monaten total >>sauber<<. Ein anderer, der zugibt, gerade erst >>Stoff<< genommen zu haben, soll dagegen dopingfrei sein. Mein Vertrauen in die Doping-Analytik wird nicht gerade gestärkt.
Da in Kürze Hallen-Europameisterschaften stattfinden, nehme ich mir vor, dort schon einmal anzudeuten, was im Sommer Sache sein wird. Zu diesem edlen Zweck lege ich, entgegen meiner winterlichen Gepflogenheit, mal schnell eine Dianabol-Kurzkur ein.
Wieder einmal Abschlußtraining in Heidelberg beim Bundestrainer. Werner staunt, wie stark ich bin. Ich stoße um neunzehneinhalb Meter weit. Aber warum knicke ich beim Ausstoß in der Hüfte gefährlich stark ab? Er wundert sich, ich wundere mich auch, denn das Abknicken in der linken Hüfte wird immer besorgniserregender, da scheint sich ein völlig neuer Fehler einzuschleichen. Zwar stoße ich weiterhin über 19 Meter, doch nun schmerzt jeder Stoß. Letzter Versuch. Ich nehme mir vor, 20 Meter zu stoßen, um bei den Europameisterschaften meinen jahreszeitlichen Ein-Meter-Bonus zulegen zu können. Das wären immerhin 21 Meter, eine ordentliche Zwischenstation auf dem Weg in die Sommer-Hochzeit.
Im Ausstoß legt sich mein Oberkörper fast waagrecht über die linke Hüfte. Schmerz zuckt durch den unteren Rückenbereich, die Kugel fällt ungestoßen auf den Boden. Zum erstenmal in meinem Leben ziehe ich mir eine echte Sportverletzung zu. Aus ist es mit der Europameisterschaft.
Nicht so wichtig, bin ich überzeugt. Erst im Sommer gilt es. Ich bleibe unverdrossen.
Doch durch das elendige Abknicken habe ich mir eine Verletzung der Lendenwirbelsäule eingehandelt, die nicht heilen will. Ich kann zwar Krafttraining absolvieren, aber nicht Kugelstoßen. Da nun die Zeit des erneuten Kraft-Aufbautrainings gekommen ist, mache ich mir zunächst keine Sorgen. Als ich jedoch nach sechs Wochen immer noch nicht stoßen kann, gehe ich erstmals freiwillig zu einem Sportarzt.
Der richtige Arzt gehört zu den wichtigsten Statussymbolen der Spitzensportler. Den Nimbus hebt es am meisten, wenn man zu den Patienten vom >>Doc<< in Süddeutschland gehört.
Ich habe keinen Sportarzt. Ich gehe nie zum Arzt. Ich weiß, daß ich zur Hypochondrie neige. Gerade deswegen meide ich Ärzte und Krankenhäuser. Als ich in der Klinik die Abteilung vom >>Doc<< suche, schlendere ich angestrengt pfeifend über die Krankenhausflure. Seht her, ich bin gesund, mir geht es gut.
Den Termin hat mir Werner besorgt. Ich kenne den >>Doc<< nicht. Daß ich sein Patient werden soll, werte ich als endgültigen Beweis, daß ich zu den Besten und Hoffnungsvollsten zähle.
Zum Ritual des >>Doc<< gehört, daß man stundenlang warten muß, egal wie bekannt man ist. Erst vom Super-VIP-Status aufwärts – Staatssekretäre und Ministerpräsidenten, vielleicht noch der eine oder andere Olympiasieger – darf man auf eine gewisse zeitliche Bevorzugung hoffen.
Nach dreieinhalbstündiger Autofahrt sitze ich pünktlich morgens um halb acht im Wartezimmer, das ein Krankenhausgang ist, auf dem in regelmäßigen Abständen offensichtlich schwerkranke ältere Patienten zur Bestrahlung herbeigerollt werden.
Abends um halb sieben bin ich an der Reihe. Der >>Doc<< gibt mir die Hand. Ein liebenswürdiger, immer ein wenig abwesend, fast zerstreut wirkender Mann, der aussieht wie ein Sechzigjähriger. Alles falsch, außer der Liebenswürdigkeit: Der >>Doc<< soll erst um die 40 sein, und er ist nicht zerstreut, sondern verblüffend präsent. Er merkt sich alles, vergißt nichts. Er liebt seine Patienten wie sie ihn, er haßt seine Feinde wie sie ihn. Von beiden hat er mehr als jeder andere Sportarzt in Deutschland.
Ich schildere ihm, wie es zu meiner Verletzung kam. Ich muß die Bewegung vormachen. Den Schmerz kann ich nur vage benennen, aber nicht auf den Punkt lokalisieren.
Der >>Doc<< tastet die Lendenwirbelsäule ab, seine Hände flattern wie eine Wünschelrute, plötzlich bohrt er einen Finger in meinen Rücken. Ich schreie auf. Er hat den Punkt haargenau getroffen.
Seit diesem Zeitpunkt gehöre ich zu den Anhängern und Bewunderern des >>Doc<<. Ich lerne, daß es auch unter den Ärzten, wie im Sport, Kreismeister und Weltmeister gibt. Der >>Doc<< ist ein Weltmeister. Auch Weltmeister haben ihre dunklen Seiten, auch beim >>Doc<< wird mich in Zukunft manches irritieren. Aber ganz gewiß ist er in seiner Disziplin kein Kreis-, sondern ein Weltmeister.
Nach diversen Röntgenaufnahmen, Bestrahlungen und Spritzen erhalte ich den Auftrag, trotz der späten Stunde noch zum Kugelstoß-Training zu gehen und morgen Bericht zu erstatten.
Morgen? Ich soll nicht nach Hause fahren, sondern mir ein Zimmer nehmen. Stolz und hektisch meldet der neue Patient des >>Doc<< die unvorhergesehene Komplikation nach Hause.
Beim abendlichen Kugelstoßtraining schmerzt die linke Hüfte zunächst wie gewohnt, auch die leidige Blockade ist nicht besser geworden. Nach einigen Stößen blubbert es in der Lendenwirbelsäule, der Schmerz ist weg, die Blockade verschiebt sich auf die rechte Seite. Beim nächsten Stoß rollt die Blockade nach links, beim nächsten löst sie sich in Wohlgefallen auf. Ich bin wieder fit, >>Doc<< sei dank!
Auf den >>Doc<< lasse ich nichts kommen, obwohl sich im Lauf der Jahre Handlungen und Äußerungen häufen, die mich mehr und mehr stutzen lassen.
Meine Anabolika-Dosierung werde ich erhöhen. Zwar bleibe ich im Winter >>sauber<<, doch mit jeder enttäuschten Sommer-Hoffnung nehme ich ein paar Milligramm mehr. Schließlich hat der >>Doc<< versichert, daß 50 Milligramm pro Tag eine völlig unbedenkliche Dosierung seien, erst ab 100 Milligramm täglich müsse man aufpassen. Rezepte für Dianabol stellt er wie selbstverständlich aus. Ich nehme sie gerne, da sich mein früherer Heidelberger Freundeskreis langsam auflöst.
Ich nehme weder 100 noch 50, aber immerhin bisweilen bis zu 30 Milligramm, zwar nur wenige Tage lang, aber mit großen hypochondrischen Bedenken. Ich leide plötzlich unter den unterschiedlichsten Krankheiten, die angeblich durch Anabolika verursacht werden können. Man wird durch Anabolika impotent? Ich bin´s. Am nächsten Tag lese ich: Anabolika verursachen sexuelle Raserei. Ich rase. Das Herz wird schwer geschädigt? Ich kontrolliere alle fünf Minuten meinen Puls und stelle besorgniserregende Rhythmusstörungen fest. Leber? Niere? Darm? Mir bricht vor Angst der Schweiß aus, was ich ebenfalls als besorgniserregendes Zeichen werte: schwere Stoffwechselstörungen.
Nur eine Nebenwirkung stelle ich leider nie fest: Wer Anabolika nimmt, wird bösartig aggressiv, sagt man. Ach wär´ das schön! Nur einmal im Wettkampf bösartig aggressiv sein, wilden Blickes herumstampfen, die Kugel als gehaßtes Objekt betrachten, an dem man die Aggression ausläßt – der Weltrekord gehörte mir.
An manchen Abenden komme ich als letzter Patient an die Reihe und sitze danach allein mit dem >>Doc<< im Behandlungszimmer. Er klagt über seinen endlosen Kampf mit Universität und Krankenkassen. Überall Nichtskönner und Bürokraten. Der >>Doc<< deutet auf ein Aktenregal: >>Wenn die Kassen an diese Ordner rankommen, machen sie mich fertig.<< Er kümmert sich nicht um universitäre Winkelzüge, nicht um pflegliche Behandlung von Kassenvertretern. Der >>Doc<< macht, was er will, und er will in jedem Fall seinen Patienten helfen. Solange diese zu ihm halten und ihm blind vertrauen, nimmt er allen Ärger mit Universitätsverwaltung, Kassenrevisoren, mißgünstigen Ärzten und inkompetenten Journalisten nicht nur gerne in Kauf, sondern sucht ihn sogar. Ich sage ihm: >>Manchmal kommen Sie mir vor, als reißen Sie Ihr Hemd auf, stellen sich den Dolchen Ihrer Feinde entgegen und schreien: `Bitte, stoßt nur zu!´<< Das Bild gefällt dem >>Doc<<.
Manchmal läuft der >>Doc<< an solchen Abenden bei viel Kaffee, Zigaretten und etwas Cognac (ich mag nichts davon) zu großer Form auf. Er schießt verbale Breitseiten gegen den anderen prominenten Sportmediziner seiner Klinik ab, der seinen Kollegen ebenso innig liebt, aber bei passender Gelegenheit mit dem Florett zurückzustechen pflegt, während der >>Doc<< den Vorschlaghammer schwingt.
Dieser Kollege des >>Doc<< berichtet mir später süffisant von einem Bundesliga-Fußballtorwart, der wegen einer Anabolika-Spritze des >>Doc<< eine längere >>Verletzungspause<< einlegen mußte. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich aber schon aus eigener Erfahrung, daß der >>Doc<< manchmal zu weit geht. Eines Tages entdecke ich zufällig, daß eines der rezeptierten Medikamente einen zwar schwachen, aber immerhin anabolen Wirkstoff beinhaltet. Der >>Doc<< hat mir nichts davon gesagt. Es seien harmlose Substitutionsmittel. Möglicherweise sind sie wirklich harmlos, aber wenn ich das Mittel genommen und zu einem Wettkampf mit Dopingkontrolle angetreten wäre . . .
Der >>Doc<< kümmert sich. Für seine Patienten tut er alles. Je enttäuschender meine Leistungsentwicklung verläuft, desto intensiver suche ich seine Hilfe, da ich die Gründe für die Stagnation überwiegend in kleineren Verletzungen und Zipperlein suche. Aber ich lasse mich nur akut behandeln. Wenn es mir wieder gut zu gehen scheint, vermeide ich Besuche beim >>Doc<<. Auch die Multi-Medikamentierung mache ich nicht mit, um vor mir selbst den Schein der Unabhängigkeit zu wahren, des Einzelkämpfers, der keine fremde Hilfe nötig hat. Anabolika klammert mein Ich dabei aus, aber mein Über-Ich bleibt wachsam und straft mich immer wieder ab.
Das Ritual des Hilfesuchens beim >>Doc<< mit anschließender Betonung der Eigenständigkeit veranlaßt ihn zu rührend besorgten, aber gleichzeitig auch besorgniserregenden Briefen wie diesem: >>Obwohl ich seit Juli von Ihnen nichts mehr gehört habe, läßt mir die Situation Ihrer unteren LWS keine Ruhe. Wie das derzeitige subjektive Empfinden ist, weiß ich nicht; die objektive morphologische Veränderung bedarf jedoch mit Wiederaufnahme des Trainings sicher einer gezielten vorbeugenden Maßnahme, damit Sie nicht wieder in die gleiche Situation wie im Juli hineinkommen. Ich schicke Ihnen mit gleicher Post Rezepte über verschiedene Medikamente. Irgendwelche Nebenwirkungen sind sicher nicht zu erwarten. Ich möchte Sie bitten, folgenden Plan einzuhalten: Morgens und abends 1 Dragee DH 112-Holzinger, täglich 3×1 Kapsel Spondylonal, täglich 2×1 Kapsel Xobaline, täglich 3×1 Dragee Dona 200 S Retard und täglich 3×15 Tropfen Lymphdiaral; bei auftretenden Beschwerden bis zu 3×1 Tablette Arlef 200 zu den Mahlzeiten. Als begleitende Maßnahmen sollten jetzt durchgeführt werden: Täglich 3×1 Kapsel Inzelloval, täglich 2×1 Trinkampulle Frubiase calc. 100, 1 Stunde vor dem Training 1 Dragee Inosin comp., morgens 2 Dragees Phoselit, mittags 1 Dragee Phoselit, täglich 2×1/2 Meßbecher Ferlixir triplex, täglich 3×1 Dragee B 15 Kattwiga und nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen 1 Dragee Inosin cardiacum. Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr . . .<<
Auf das Pillen-Bombardement verzichte ich. Von anderen weiß ich, daß sie diese und andere Medikamente regelmäßig und in größerer Quantität einnehmen.
Nachdenklich stimmt mich auch, daß der >>Doc<< bei mir nach mehrjähriger Behandlung plötzlich einen angeborenen Becken-Schiefstand diagnostiziert. Wenn dieser ausgeglichen werde, würde meine Leistung wieder steil ansteigen. Ich bin begeistert und tue, was der >>Doc<< empfiehlt: Ich lasse die linke Sohle an allen meinen Schuhen um einen halben Zentimeter erhöhen. Das geht nicht auf Rezept, ich muß selbst bezahlen. Da ich alle meine Schuhe kostenlos von einer Sportartikelfirma bekomme, halten sich die Kosten in Grenzen.
Nach kurzer Zeit sind alle Schuhe umgerüstet. Ich komme mit den ungleichen Höhen nicht gut zurecht. Von Leistungsverbesserung keine Spur. Als ich langsam feststelle, daß immer mehr Patienten vom >>Doc<< links oder rechts erhöhte Schuhe tragen, werfe ich meine ungleichen Paare in den Müll und decke mich bei meinem Ausrüster völlig neu ein, mit ganz normalen Schuhen. Trotz aller Verklärung meines verehrten Arztes fühle ich mich als Opfer einer Marotte. Für manch einen Sportler bleibt es eine Art Statussymbol, vom >>Doc<< verschieden hohe Sohlen verordnet zu bekommen.
Zu einem anderen Zeitpunkt verschreibt mir der >>Doc<< nach einem >>Hexenschuß<< ein sündhaft teures Medikament, das die Krankenkasse bezahlen soll. Eine kleine Schachtel kostet 300 Mark. Die Pillen bestehen aus dem Extrakt einer exotischen Pfahlmuschel. Auch darauf verzichte ich und bin zudem unangenehm berührt.
Später, aber erst nach meiner Sport-Laufbahn, breche ich den Kontakt zum >>Doc<< gänzlich ab. Bei meinem letzten Besuch weiht er mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein, daß er Multiple Sklerose heilen könne. Es müsse aber unter uns bleiben, da ihm sonst die ganze Welt die Bude einrennen würde. Rund um seine Privatalambulanz – mittlerweile hat der >>Doc<< die Uniklinik verlassen und seine eigene Heilstatt gebaut – würde eine riesige Zeltstadt entstehen, das wolle er sich nicht zumuten.
Der >>Doc<< baut eine Wagenburg und kämpft mit seinen Getreuen als der Beste von allen gegen die Inkompetenz der heuchlerischen Welt, gegen Neid und Mißgunst. Manchmal scheint es mir, als erschaffe er sich eine ebenso irrationale Welt wie ich mit meinem Kugelstoßen. Manchmal, wenn ich von neuen >>Skandalen<< höre, die auch mir unbegreiflich bleiben, denke ich auch: Jetzt knallt er durch.
Trotz aller Irritationen bleibe ich als Kugelstoßer treu und fest an der Seite des >>Doc<<. Ein Mann wie er ist mir tausendmal lieber als alle mächtigen Moralapostel, die mit dem einen Beschluß Doping ächten, mit dem anderen fordern und fördern. 1976 werden sich diese Heuchler austoben, mit mir als einem von vielen Opfern.
Obwohl ich immer stärker und schwerer werde, verbessere ich im Jahr 1974 erstmals nicht meine Kugelstoß-Bestleistung. Daß ich mich im Wettkampf enttäusche, seit ich Anabolika nehme, ist mir bis dahin nicht aufgefallen. Für die Experten gelte ich wenigstens noch als hoffnungsvolles Talent. Daß ich seit Inanspruchnahme sportmedizinischer Betreuung, mit der eine Erhöhung der Anabolika-Dosierungen einhergeht, auch aus Sicht der Fachleute immer krasser versage und bald als hoffnungsloser Fall gelte – der Zusammenhang wird mir künftig ebenfalls nicht bewußt.
Angefangen habe ich als Einzelkämpfer. Unabhängig, ehrlich, ohne Trainer, ohne Betreuer, ohne Pillen und ohne Ärzte katapultierten Ehrgeiz und Begeisterung die Leistung in die Höhe. Aber seit ich meine sportliche Unschuld verliere, treibt mich das unbewußte Schuldbewußtsein in immer groteskere Versagenssituationen. Nun habe ich die Unschuld endgültig verloren, und je mehr ich strample, desto tiefer sinke ich.
Bei der Nominierung für die Europameisterschaften in Rom steht mein Name nicht einmal auf der Kandidatenliste.
Jan wird Vizeeuropameister. Wir bleiben Freunde, aber als Kugelstoßer trennen sich unsere Wege. Er gilt bis zum Schluß als hoffnungsvolles Talent, von dem sich die deutsche Leichtathletik Rekorde und Medaillen verspricht. Mich nimmt man nicht mehr wahr.
Nicht, daß es mich gestört hätte. Da ich die Realität nicht anerkenne, glaube ich weiterhin an eine Wiederholung der Leistungsexplosion von 1969/70.
Die scheinbar logische Konsequenz: Ich kündige trotz sportfreundlicher Fürsorge des Ressortleiters meine Stelle als Sportredakteur und werde Kugelstoß-Profi, allerdings mit sehr amateurhaften Leistungen und ohne Verdienst. Ich bekomme ein paar Mark Sporthilfe.
Daß dies ein recht ungewöhnlicher Schritt ist, wird mir nicht bewußt. Ich solle wenigstens freiwillig >>kleben<<, wird mir empfohlen. Ich erkundige mich, was das bedeutet, und verzichte, da ich mir freiwillige Rentenbeiträge nicht leisten könnte. Außerdem: Ich denke an Weltrekord, nicht an Rente. Der Weltrekord liegt nah, die Rente fern. I
Ich melde mich nicht arbeitslos. Daß ich als Arbeitsloser Geld vom Staat bekäme, weiß ich nicht; auch nicht, daß es segensreiche Erfindungen wie Sozialhilfe gibt. Ich bin schließlich nicht arbeitslos, bin kein Sozialfall, sondern ein Kugelstoßer, für den als Pionier der menschlichen Leistungsfähigkeit andere Gesetze gelten, auch andere Sozialgesetze.
Ich steigere noch einmal den Trainingsaufwand. In den Aufbaumonaten trainiere ich bis zu sechs Stunden täglich im Kraftraum, den ich in einem Schuppen neben dem Haus in einem Dorf zwischen Gießen und Wetzlar eingerichtet habe, in dem ich seit meiner Rückkehr aus Heidelberg lebe.
Ich brauche nur eine Hantel, zwei Ständer, eine Bank und viele Gewichtscheiben. Das reicht für das Krafttraining. Alles andere ist für mich Fitneßstudio-Firlefanz für Friseusen.
Die Hälfte der Trainingszeit, oft sogar noch mehr, brauche ich für das Bankdrücken. Die anderen Übungen – Reißen, Umsetzen, Kniebeugen, Sit-Ups – gehören zum ungeliebten Pflichtprogramm. Da mein Brustkorb von Natur aus zwar breit, aber flach ist, ich zudem relativ lange Arme habe und die Hantel mit engem Griff – der Kugelstoß-Bewegung folgend – nach oben drücke, sind meine Bankdrückleistungen nicht mit denen von Bodybuildern zu vergleichen, die die Hantel auf ihren gewaltigen Brustkorb legen, mit weitem Griff drücken und daher mit der Hantel einen deutlich kürzeren Weg zurücklegen.
Als ich auf meine Art 240 Kilogramm hebe, weiß ich, daß dies auf der ganzen Welt nur wenige Athleten schaffen, seien es Kugelstoßer, Diskuswerfer, Bodybuilder oder Gewichtheber. Ich bin stolz darauf, obwohl kaum jemand weiß, wie stark ich bin. Ich denke an die 70 Kilogramm im Beton-Bassin der Goldfischteichhalle. Ich bin weit über mich hinausgewachsen. Wie schön.
Um von 150 Kilogramm im Herbst auf 240 Kilogramm im Sommer hochzukommen, muß jede Trainingseinheit genauestens geplant und strikt eingehalten werden. In der ersten Phase, zwei, drei Monate lang, hebe ich täglich in zwei Trainingseinheiten je zehn mal fünfmal hintereinander ein Gewicht, das so schwer sein muß, daß ich die fünfte Wiederholung mit letzter Kraft schaffe. Wenn ich 2 x 10 x 5 x 175 Kilogramm schaffe, ist das Aufbautraining beendet. Ich wechsle zum Pyramidensystem über, mache weniger Wiederholungen, aber mit höheren Gewichten, und dies nicht mehr zweimal, sondern nur noch einmal täglich. In den Wettkampfwochen hebe ich nur noch vier- bis fünfmal in der Woche, stets mit den höchstmöglichen Gewichten, wenigen Wiederholungen und häufigen Rekordversuchen.
Dabei kommt es in der Einsamkeit meines Kraftschuppens zu dramatischen Szenen. Häufig mißlingt ein Rekordversuch, ich liege unter der 242,5 Kilogramm schweren Hantel auf der Drückerbank, fast fünf Zentner lasten schwer auf meiner Brust, und ich rolle die Last zentimeterweise, vergeblich nach Luft schnappend, unter hektischen Zappelbewegungen der Beine über Brust, Bauch und Becken auf die Oberschenkel ab. Erst dann kann ich mich aufsetzen und mich mit einer letzten Kraftanstrengung von der Hantel befreien.
Ich will nicht wahrhaben, daß dies lebensgefährliche Situationen sind. Ich genieße sie fast wie einen gelungenen Rekordversuch.
Tags darauf bilden sich auf meinem Körper großflächige, tiefblaue Blutergüsse, die sich über die Brust, rund um den Bauchnabel, die Leiste und die Oberschenkel ziehen. Ich trage die Blutmale wie Kriegsauszeichnungen.
Einmal lasse ich die Hantel auf die Brust herunter, und in dem Moment, in dem ich zum Drücken ansetze, schießt ein dünner Blutstrahl aus meiner Nase bis an die Decke des Schuppens. Es tut nicht weh und ist sofort vorbei. Kein Nasenbluten, nur ein dünner, schneller, hoher Blutstrahl. Wenn ich den Blutfleck an der Decke sehe, fühle ich das Gefühl, das ich ganz am Anfang meiner Kugelstoßer-Laufbahn herbeigesehnt hatte: Ich bin ein Pionier, bewege mich jenseits bekannter Grenzen, ich erobere weiße Flecken auf der Landkarte des Lebens, die andere nie erreichen werden.
Außerhalb des Schuppens gibt es gottlob keine weißen Flecken.Man sorgt und kümmert sich um mich. Der tollkühne Abenteurer hat viele bequeme Basislager. Sie heißen Familie, Verein oder Verband. Nur im Kraftschuppen und im Kugelstoßring bin ich alleine. Dort will ich es sein. Nur dort fühle ich mich als der Pionier, der seine Grenzen und die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit überhaupt immer weiter in immer unbekanntere Gebiete hinausschiebt.
Beinahe sterbe ich den Pionier-Tod. Bei einem Bankdrück-Rekordversuch gebe ich nicht rechtzeitig auf. Ich drücke und drücke verbissen, die Hantel zittert fünf, zehn, vielleicht mehr Sekunden lang kurz vor Vollendung der Hochstrecke. Ich will es schaffen, ich muß es schaffen. Mir wird rot vor Augen, dann schwarz, ein dumpfer Ton hallt in meinem Schädel, mir schwinden die Sinne, ich werde ohnmächtig.
Als ich die Augen aufschlage, liege ich auf dem Boden, links neben mir steht die Drückerbank. Über mir hängt die 242,5-Kilogramm-Hantel, das rechte Ende am Boden, das linke liegt auf der Bank. Ich muß in der beginnenden Ohnmacht heruntergerutscht sein, dabei aber weiter gedrückt haben und die Hantel in einem günstigen Winkel auf Boden und Bank sinken lassen, so daß die Bank nicht umstürzte und das Gewicht der Hantel mich daher nicht zermalmen konnte.
Ich denke nicht daran, daß ich dem Tod von der Bank gesprungen bin. Ich genieße das Grenz-Erlebnis und nehme mir vor: Morgen schaffe ich die 242,5 Kilogramm! Und heute hänge ich noch fünf Fünferserien mit 200 Kilogramm dran.
gw
Fortsetzung folgt
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