Montag, 5. Dezember, 9.45 Uhr

“Ohne weitere Worte”  stehen schon online. Alkoholgetränkt, dank “Sport-Bild”. Sonst wären die Zitate auch sehr trocken geblieben, das gesammelte Material gab nicht viel her. Den spanischen Rotwein von Uli Hoeneß habe ich als Nicht-Rotweintrinker nachgegoogelt, dem rassistischen Satz des AS-Spielers hätte ich gerne noch weitere Worte angehängt, und einen Satz  des US-Krimiautors Donald (!) Ray Pollock über die Motivation von Trump-Wählern habe ich weggelassen, um auch mal eine Nur-Sport-Zitatensammlung zu haben. Den Pollock hebe ich mir auf. Damit habe ich nun Schreib-Pause bis Freitag, es sei denn, die Redaktion setzt einen Notruf ab.

Geschrieben von gw am 5. Dezember 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 4. Dezember, 6.55 Uhr

Kalt und glatt. Soeben ist der Streuwagen vorbei gekommen. Die Jungs sind frühaufsteherig als ich. Gestern erst spät aus dem Bergischen Land zurück gekommen. Aus Lieberhausen, dem Ort, an dem ich vor zwei, drei (vier, fünf?) Jahren schon mal war und bei einer Kirchenführung erfahren  habe, dass das Bergische Land nicht wegen der Berge, sondern seines früheren Feudalherren Berg so heißt. Was ich damals sogleich im Sonntagmorgenblog weitergereicht habe.

Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich in meiner Feuilleton-Kolumne “Nach-Lese”  über “Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum” geschrieben. Mein “Baby” (die “Nach-Lese”, nicht die Raupe oder das Wachstum) ist groß geworden und ist nicht mehr mein Baby, ich babysitte nicht mal mehr, denn es hat nun buchstäblich seinen eigenen Kopf und seine eigenen Ideen. Aber das nur am Rande. Ich komme darauf, weil ich gerade im Archiv herumgeklickt habe, um nach meinem alten Wachstums-Text zu suchen. Weil: Beim Ablesen des Zeitungsstapels bin ich erst jetzt auf einen FAS-Artikel von letzter Woche gestoßen, aus dem ich erfahre, was “im Kern die Botschaft des neuen Berichts an den Club of Rome” ist: “Wachstum vermindern, idealerweise verhindern und auf keinen Fall vermehren”, weil sonst “der Welt nicht mehr zu helfen ist”.

Sag ich doch! Dazu brauchte ich keinen neuen Bericht an den Club of Rome, sondern nur meine alte Kolumne. Als ich sie fand und noch einmal las, wurde ich mittelschwer melancholisch. Nicht wegen der Zukunft der Welt, sondern meiner als Kolumnist. Wäre ich heute noch in der Lage, solch einen kreativ-originalen Text zu schreiben? Ich glaube nicht. Ist das Angabe (Mensch, war ich mal toll!) oder Minderwertigkeitskomplex des Alters (ach ja, ich kann’s einfach nicht mehr)? Weder, noch. Einfach nur Realismus.  Auszüge:

 Kennen Sie das? Lästige Sätze, die im Hirn rotieren, zwischen Nacht, Traum und Tag den Schlaf verscheuchen und selbst nicht zu verscheuchen sind, den ganzen Tag lang. Wie dieser: Die Ideologie des Wachstums ist der fatale Systemfehler unserer Zeit und die »Gewinnwarnung« ihr perverses Symptom. Der Satz rotiert im Hirn, rotiert … und rotiert … und rotiert. Ich bin machtlos dagegen. Ist ein Neuroparasit in meinen Körper eingedrungen, hat das Nervensystem gekapert und das Denken und Verhalten von mir, seinem Opfer, manipuliert? Bin ich ein Zombie?   *   Keine Angst, ich bin nicht völlig übergeschnappt. Das war nur ein kleiner Umweg zu einem Text, der im Wissen -Ressort der Süddeutschen Zeitung erschienen ist (die sich wiederum auf das Journal of Experimental Biology beruft): »Herrscher über die Zombies. – Neuroparasiten dringen in die Körper anderer Lebewesen ein und kapern deren Nervensystem. Dann manipulieren sie das Verhalten ihrer Opfer, um eigene Ziele zu erreichen. Eine bizarre Choreografie des Grauens.«    *    Ja, das ist wirklich »das Grauen! Das Grauen!« (letzte Worte des sinistren Helden in Herz der Finsternis von Joseph Conrad ). Hirnforscher, die die Nichtexistenz des freien Willens rein neurologisch-anatomisch bewiesen zu haben glauben (das In-Thema wissenschaftsfixierter Feuilletons), sollten lieber den hässlichen Monsterminiwürmern auf die eklige Spur kommen, von denen, wenn die Erinnerung nicht täuscht bzw. von diesen Monsterminis nicht aufgefressen wurde, schon meine frühen Lieblingsautoren in meinen frühen Science-Fiction-Fan-Jahren gewarnt haben. Nein, nicht Ron Hubbard ! Der ist selbst solch ein fadenwürmiger Hirnfresser wie der Myrmeconema neotripicom. Dieser »kapert das Nervensystem von Ameisen der Art Cephalotes atratus, die in Südamerika leben, und steuert deren Verhalten. Hat der Parasit die Kontrolle über das Insekt übernommen, färbt er dessen Hinterteil um, sodass es statt schwarz knallrot leuchtet. Ist die Zeit gekommen, gibt der Parasit im Ameisenleib den Befehl, nach roten Beeren zu suchen. Willenlos setzt sich die Ameise zwischen die Früchte, reckt ihren roten Hinterleib in die Höhe und verharrt. Damit beginnt Phase zwei des Fadenwurm-Plans. Er muss in den Verdauungstrakt eines Vogels gelangen, um sich fortzupflanzen, Eier zu legen und diese über den Kot des Wirtes in die Welt zu entlassen. Weil der rote Leib der zum Zombie verwandelten Ameise den Beeren so sehr gleicht, wird irgendwann ein Vogel zupicken. Der Lebenszyklus des Wurms beginnt von Neuem.«    *    So eine fiese Möpp! Und diese ekligen Schmarotzer, deren Erforschung gerade erst beginnt, sollen nicht nur das Verhalten von Tieren, sondern auch das von uns Menschen manipulieren. So steht ein Neuroparasit im Verdacht, das Paarungsverhalten von Frauen zu beeinflussen – indem er Männer befällt. Auf diese Idee kamen die Neuroparasiten-Forscher durch den Toxoplasma gondii: »Weibliche Ratten meiden es normalerweise, sich mit von Parasiten befallenen Männchen zu paaren. Doch mit Toxoplasma gondii infizierte Rattenmännchen üben eine besondere Anziehungskraft auf Weibchen aus: Sie produzieren mehr Testosteron.« Und so vermutet nun das Journal of Experimental Biology , dass auch infizierte Menschenmänner zur Testosteron-Überproduktion gezwungen werden und im Schritt drei Zentimeter größer als nichtbefallene sind, maskuliner und daher attraktiver (im Schritt? Könnte sein. Ist aber ein Freudscher Verschreiber von mir. Entschuldigung, es muss »im Schnitt« heißen).   *   Und was hat das alles mit der Ideologie des wirtschaftlichen Wachstums und der »Gewinnwarnung« zu tun? Manche Menschen halten den Primat des Wachstums für einen Fetisch, für ein Schneeballsystem, und die »Gewinnwarnung« – also die börsenkatastrophale Warnung vor einem Gewinn, nur weil dieser nicht so gewaltig wie erhofft gewachsen ist (aber immerhin: Gewinn) – für eine Perversion, die jeder Vernunftbegabte erkennen müsse. Andere aber, in der tonangebenden politischen/journalistischen/wirtschaftlichen Öffentlichkeit die große Mehrheit, halten das Wachstum für die unabdingbare Voraussetzung für Frieden und Wohlstand.   *   Wie das? Hier kommen die Raupe Nimmersatt und die Baculoviren ins Spiel. Wachstum ist in der Natur und natürlich auch beim Menschen eine vorübergehende Entwicklungsphase, der die viel längere Zeit des Erwachsen- und Gewachsenseins folgt. Das regeln Hormone (zum Beispiel expressis verbis die aus der Dopingologie bekannten Wachstumshormone), die ja nun auch Manipulateure sind, aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu den Raupen: Bei ihnen regelt ein Hormon das Fressverhalten und »gibt das Signal, wenn es Zeit ist, die Mahlzeit einzustellen und sich zu verpuppen«. Baculoviren jedoch produzieren, wenn sie Raupen befallen haben, in ihren Wirtstieren ein Enzym, das das Hormon deaktiviert. Die in Bäumen lebenden Zombie-Raupen werden gezwungen, in die Wipfel zu krabbeln und zu fressen, fressen, fressen. Wachstum bis in den Tod und darüber hinaus: In den Wipfeln der Bäume »birst ihr Körper, ein von Viren verseuchter Platzregen fällt nieder und infiziert neue Opfer auf dem Baum«.    Tja. Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum. Wie viele Neuroparasiten werkeln noch in unseren Köpfen herum? Und vor allem: in meinem? Ich hoffe auf einen Gegenwurm. Wie wär’s mit einem Bücherwurm? Oder einem Zeitungswurm? In und mit seiner Zeitung hat er schon schmerzlich erfahren müssen, was anderen noch bevorsteht: das Ende des Wachstums, der Zwang, mit schrumpfendem Blatt-Laub auskommen zu müssen. Weniger Leser, weniger Anzeigen, dennoch Zeitung. Gute Zeitung für Gerneblattleser. Ohne Gewinnwarnung, aber auch ohne Verlustgeschäft. Schwer möglich? Schwer, aber möglich. Wir versuchen es. Tag für Tag. Wenn es gelingt, wird aus dem alten Zeitungswurm die junge Pionierraupe von morgen, als Vorbild für die Wachstums-Dogmatiker – damit diese aus den Wipfeln ihrer Bäume hinabraupeln, immun gegen den Friss-und-stirb-Befehl der Baculoviren und stattdessen dem Signal zum Erwachsen- und Gewachsensein folgend: Das große Fressen ist vorbei. Verpuppt Euch.

Ungefähr zu gleicher Zeit habe ich diese Gedanken in einem “Anstoß” in einen Satz gepresst:

Unendliches Wachstum, dieser Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus, funktioniert nur zu Beginn von Schneeball-Systemen.

Gefällt mit immer noch. Der Satz steckt auch immer hinter meiner Skepsis bezüglich Energiewende, dem faulen Kompromiss der politisch-medial tonangebenden umweltbewegten neudeutschen Nomenklatura mit dem Wachstums-Wahnsinn, dieser Raupe Nimmersatt in den Köpfen.

Och, schon halb acht. Jetzt aber gedankenfeuerfrei für die Montagsthemen. Mit einem unheimlich starken Abgang, der hessischen Dickwurz und vielleicht auch mit der Raupe Nimmersatt und den schnöselbürschlingsglatten Fachseelen des Neoliberalismus. Mal sehen. Bis dann.

Geschrieben von gw am 4. Dezember 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Mittwoch, 30. November, 10.40 Uhr

Intensive Kolumnen-Woche für den Rentner. Neben Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Sport-Stammtisch auch eine Extra-Kolumne (40/30/20/10) für morgen (steht schon online) und ein “progressiver Alt-Tag” für das Seniorenjournal am nächsten Samstag (die dafür und für mich überhaupt zuständige Chefin hat den morgigen Donnerstag als Abgabetermin angeordnet). Der Alt-Tag ist so gut wie fertig, der Samstags-Stammtisch hat noch Zeit. Aber jetzt muss ich langsam den Zeitungsstapel neben mir herunterlesen. Selbst die Zeit vom letzten Donnerstag liegt da noch obenauf.

Buch-Lektüre momentan: “Sunset” von Klaus Modick. Eine Art biographischer Roman über Feuchtwanger/Brecht. Danach kommt der dritte Teil der Gardam-Romane dran. Oder der letzte Griechen-Krimi von Markaris. Sehr interessant schien mir auch  “Erste Erde” von Schrott zu sein. In seinem Wälzer will er, so sein Rezensent Josef H. Reichholf in der SZ, “die Evolution des Kosmos und des Menschen in Poesie verwandeln”. Ich lese, was Reichholf schreibt, den meine “alten” Kolumnen-Leser kennen, zum Beispiel aus manchen Sätzen zum Reichholf-Buch “Warum wir siegen wollen”, was ich lese, klingt sehr interessant, doch dann: “… Es ist eine sehr schwierige Lektüre, da die Texte (…) in konsequenter Kleinschreibung und nahezu ohne Interpunktion gesetzt sind”. Nein danke, darauf kann ich verzichten. Nahezu ohne Interpunktion – was soll das? Für mich ist die Interpunktion die geschriebene Melodie der Sprache, ein Komma kann wie eine Musiknote wirken (sollen). Ich setze manchmal Kommas gegen die Regeln oder lasse sie aus, um die von mir gewünschte Betonung erkennbar zu machen. Ohne Kommas und Co. fehlt dem Text Entscheidendes. Oder sehe ich das falsch?

Die Glocken läuten. Elf Uhr. Jetzt sollen die Bauern sich langsam vom Acker machen, um pünktlich um zwölf zum Mittagessen zu Hause zu sein. Das nächste Mal läuten die Glocken um fünf – zum Abendessen um sechs. Es gibt hier zwar keine Bauern mehr, und schon um sechs isst man heute nur im Krankenhaus oder Altersheim, aber Traditionen halten sich. Ist ja auch gut so. Mir würde jedenfalls etwas fehlen, wenn die Glocken um elf und fünf still blieben.

Geschrieben von gw am 30. November 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Ungetwittert

Die Energiewende: Faules Arrangement mit dem Wachstums-Wahn.

Geschrieben von gw am 28. November 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 27. November, 6.30 Uhr

Heute auf die Sekunde pünktlich. Wobei “pünktlich” ein Synonym für meine Zwangsneurose ist. Warum muss ich sonntags um 6.30 Uhr am Computer sitzen und den Blog schreiben? Außer “darm” fällt mir keine Antwort ein.

Außer “darm”? Darm? Den Schreibfehler lass ich stehen. Aber es ist nicht der Darm, der mich früh aufstehen lässt. Der Grund heißt einzig und alleine “darum”.

Wäre die allerliebste Zielgruppe  schon auf den Beinen und blickte mir über die Schulter, würde sie augenrollend feststellen: typisch, dieser analfixierte Pipikakahumor. Lass doch den … Scheiß!

Gestern abend habe ich sie zum Kollegen-Treff gefahren. Die Stadtredaktion wanderte von der Sporthalle Ost zur Gaststätte auf dem Schiffenberg. Treffpunkt vor der Halle, zu der ich wohl ein paar tausend Mal gefahren bin. Training mit den MTV-Gewichthebern im Kraftraum, Treppensprünge auf der Tribüne, Eins-gegen-eins-Spielchen gegen MTV-Basketballer vor oder nach deren Training, außerdem viele, viele Termine als Basketball-Schreiber.

Nie werde ich meinen Einstand vergessen. Winter 1972, ich war gerade aus Heidelberg zurückgekommen, Basketball-sozialisiert beim dortigen USC, noch längst kein MTV-Lokalpatriot (obwohl Ur-Gießener), und so schrieb ich über ein Spiel des MTV und seinen damaligen größten Publikumsliebling: “Das Spiel schleppte sich dahin wie der alternde Ron Davis über das Parkett”. Holla! Das gab Ärger. Der verflog bald. Wie es sich für einen “guten” Lokaljournalisten gehört, war ich bald der größte Fan des Vereins.

Warum ich das schreibe? Als ich am Samstag zur Sporthalle Ost fuhr, gedankenlos und dennoch zielsicher wie ein alter Gaul auf dem Weg in seinen Stall, stutzte ich kurz vor dem Ziel. Wo bin ich hier? Ich muss mich verfahren haben! Ich drehte, wollte zurückfahren, da hielt neben mir ein Ex-Kollege. Ich wurde aufgeklärt. Ich war richtig. War im Dunklen nur verwirrt wegen der vielen “neuen” Uni-Gebäude vor der Sporthalle.

Da ging mir auf, wie viele Jahre, ja Jahrzehnte ich nicht mehr hier gewesen bin. Erstens weil ich nicht mehr dort trainiere (na ja, überhaupt nicht mehr), zweitens weil ich nicht mehr über den MTV schreibe, und drittens und entscheidendstens: Seit der MTV nicht mehr MTV heißt und die Spieler nicht mehr Hess, Breitbach oder Koski, sondern sich Saison für Saison als ständig wechselnde Wanderarbeiter die Klinke in die Hand geben, lassen mich die Spiele kalt, denn “Fortysixers” klingt für mich wie falsche Fuffziger. Aber das sollte ich jetzt  überdenken, vielleicht schon in den gleich zu schreibenden “Montagsthemen”, denn dafür steht schon u.a. “RB Leipzig” auf dem Themenzettel, mit den Zusätzen “siehe Spiegel/Populismus”. Neuer Vorsatz: Wieder in die Sporthalle Ost gehen, zu den “46er”. Wenn sie mich reinlassen. Ist ja immer gerammelt voll. Viel voller als in meinen nostalgisch beschworenen Osthallenzeiten.

Damit wäre ja auch schon der Kolumnen-Pfad geebnet. Über, natürlich, die Eintracht, Hoeneß und Red Bull zur Sporthalle Ost. Hoffentlich verirre ich mich nicht so irre wie gestern. Und jetzt geht die Sonne auf, obwohl es noch dunkel ist: KKKK!

 

Geschrieben von gw am 27. November 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.