Sonntag, 21. August, 10.30 Uhr

Es hat nicht nur geploppt, sondern auch geflutscht. Beim Schreiben der Momtagsthemen war ich dort, wo Sportler sind, wenn es so richtig läuft, und was auch Jogger kennen: im Flow. Leider war ich zu lange im Flow. Diesen Riemen von Kolumne kann ich meinen alten Jungs – und den jungen Jungs, die ich nicht mehr kenne – nicht zumuten, sie würde das Layout der ersten Sportseite verhauen. Also habe ich schon gekürzt und gekürzt. Ist immer noch zu lang, aber in ihrer momentanen Länge habe ich die Montagsthemen schon mal online gestellt (unter den Links rechts “gw-Beiträge Anstoß”). Jetzt versuche ich, mir noch ein paar Wörter, wenn möglich sogar ein paar Sätze abzuringen, was wegzuringen bedeutet, denn es gilt, die Kolumne noch einmal auszuwringen. Auf geht’s und das war’s für heute.

Geschrieben von gw am 21. August 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 21. August, 6.45 Uhr

Heute machen wir’s kurz. Mein Mail-Seismograph sagt mir, dass viele von Ihnen im Urlaub sind und Besseres zu tun haben als im Stein(es)bruch für die Kolumnen zu lesen. Andere aus Gießener Kern- und -Umland liegen noch Stadtfest-geschädigt (oder einfach so) im Bett. Andere Indikatoren habe ich nicht, will ich nicht haben. Klickzahlen kenne ich nicht, will ich nicht kennen, sie interessieren mich nicht. Sonst würde ich immer ein paar Begriffe einstreuen, auf die Suchmaschinen reagieren, zum Beispiel die hochdeutsche Version von “buien”. Dieses manische Wort ist kein manisches im üblichen Sinn, sondern das Manische ist ein historischer Gießener Vorstadt-Slang.

Aber während des Schreibens kommen die Ideen,  daher der Blog als Stein(es)bruch. Ein Satz blinkt und plingt im Kopf auf: “Im Keudor wird gekeuert.” Denn vor einigen Minuten habe ich bei der Sichtung der Meldungen der Nacht wieder einmal vom “Medaillenkorridor” gelesen, in dem deutschbürokratische Stubenhengste zu den Medaillen galoppieren wollten. Korridor sprach ich als Kind hessisch aus, dass der “Keudor”, also der Flur, “Korridor” geschrieben wird, war mir lange Zeit nicht bewusst. Und “Keuern” ist ein manisches Wort für “ärgern”, und zwar mächtig ärgern.

Rio bei Nacht: Ein wunderbarer Speerwurf, eine höchst ehrenvolle Fußball-Niederlage, die fast ein unbewusstes diplomatisches Meisterstück ist (ein Gauck-Nachfolger wird ja noch gesucht. Horst Hrubesch?), und zwei Olympiasieger, die stellvertretend für die sportlichen Probleme von Olympia stehen: Mo Farah als Repräsentant des Nike Oregon Projects (übrigens auch Matt Centrowitz) und Caster Semenya … aber über deren persönliches und das damit verbundene wettkampfsportliche Problem habe ich schon alles geschrieben, was ich dazu schreiben kann und will. Außerdem sagen das Bild und die Art ihres Gold-Laufs mehr als tausend Worte.

Noch ein Stichwort für die Montagsthemen: Höchstens 20 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer werden in zwei Wochen noch die Namen der Hälfte der deutschen Medaillengewinner aufsagen können (der Satz holpert noch, den muss ich später ebnen).

Auch die Anzeigenkampagne der Bundeswehr soll rein, auch die gekonnte Satire der taz dazu (ein Beispiel für Böhmermann, wie man elegante Schmäh-Gedichte bzw. Schmäh-Prosa schreibt), außerdem das übliche Olympia-Fazit, mit Worten, die ich seit 1992 jedes Mal geschrieben habe, die diesmal aber ergänzt werden müssen.

Soo kurz war’ nun auch nicht.

 

Geschrieben von gw am 21. August 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 14. August, 7.30 Uhr

Eine Stunde verspätet, weil in Ergebnislisten, auf YouTube, in Online-Texten und bei den Nachrichtenagenturen den Olympia-Tag rekonstruiert. Aufreger natürlich: Harting. Wird es das große Bruder-Ding der nächsten Jahre? Was ist daran echt, was inszeniert?

Als ich zu Beginn der Saison beim Werfer-Meeting in Wiesbaden den “kleinen” 2,07-m-Harting erstmals hautnah erlebte, dachte ich schon: Oh, der Junge hat was drauf. Und: Oh, der ist speziell. Ich wusste vorher nur, dass er angekündigt hatte, in dieser Saison keine Interviews zu geben. Das fand ich an sich angenehm, wenn sich einer den scheinbaren Zwängen des Gewerbes entzieht, denn es sind ja wirklich nur scheinbare. Kein Journalist hat das Recht, ein Interview zu bekommen, kein Athlet die Pflicht, ein Interview zu geben. Aber ich sah in Wiesbaden auch, dass Christoph Harting ein seltsames Gehabe pflegt. Als ob da einer cool und locker und unverwechselbar und ein echter Typ sein wolle, der diese Rolle aber untalentiert und verkrampft spielt. In der Theater-AG der Schule ein belächelter, in der großen Öffentlichkeit ein peinlicher Auftritt. Steckt in Hartings Gehampel mehr Arroganz oder mehr Unsicherheit? Und wie viel davon ist Absetzbewegung vom großen Bruder, dem jahrelang Erfolgreichen, in dessen Schatten er stand? Ich weiß es natürlich nicht. Aber wir werden es wohl in den nächsten Jahren erfahren. Auf dem Zettel für die Montagsthemen steht bisher nur ein Satzbrocken: verkrampftes Gehabe der Unsicherheit.

Die höhnisch-höfische Geste der Verneigung: Soll das ein Ritual werden? Na ja, Malachowski hat ein Ritual, das noch seltsamer ist. Vor jedem Wurf rupft e mächtig an seinem Gemächt. Gesagt hat er aber etwas Kluges: »Jeder hat so einen Harting in seinem Leben, an dem er sich abarbeitet. Ich habe zwei.«

Christoph Harting hat auch zwei: Robert und sich.

Der Trainer der beiden bringt es auf den Punkt: “Christoph muss aufpassen, dass er nicht frei dreht.” Also zum Dollbohrer wird. Im Englischen gibt es den Ausdruck “loose cannon” an Bord, eine schwere Kanone, die weggebrochen ist, hin und her schlittert und alles an Bord zerschlägt. Christoph Harting muss aufpassen, dass er nicht die “loose cannon” an Bord seines Lebens wird (weia, welch ein verkrampft-lockeres Bild …).

Ich habe mal schnell nachgeschaut, ob ich die loose cannon richtig geschrieben und verstanden habe. Wikipedia:

In Englischen bezeichnet eine loose cannon (dt. eine unvertäute („lose, entfesselte“) Kanone) eine unberechenbare Person (Situation, Gegebenheit), von der eine reale und ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Der Begriff suggeriert auch, dass es besser wäre (oder notwendig ist), diese Person wirklich unter Kontrolle zu bekommen, ehe die drohende Katastrophe passiert.[32]

Der Begriff wird der Seemannssprache ab dem 17. Jahrhundert zugeschrieben, obwohl es keine Belege gibt, dass dieser Begriff bereits so früh verwendet wurde. Kriegsschiffe waren mit Kanonen ausgerüstet, die zum Transport und zur Ausrichtung durch Räder manövrierbar waren. Zur Sicherheit waren diese Kanonen vertäut, hatten aber Spiel, so dass die Taue den Rückstoss beim Abschuss abfangen konnten. Löste sich die Vertäuung, konnte die Kanone frei hin und her rollen und dabei Aufbauten beschädigen und Personen verletzen.

Es wird angenommen, dass diese Gefahr zuerst von Victor Hugo 1874 in seinem Werk Quatre−vingt−treize[33] literarisch dargestellt wurde. Im zweiten Buch La Corvette Claymore beschreibt Hugo im Abschnitt IV. Tormentum Belli:

„Eine Kanone, die von ihren Standplatz ausbricht, wird plötzlich eine unbeschreibliche, übernatürliche Bestie. Es ist eine Maschine, die sich in ein Monster verwandelt. Diese Masse bewegt sich auf ihren Rädern, einer Billardkugel gleich, den Kopf gesenkt, schlingernd, vorwärts hechtend mit den Stampfen des Schiffes, sie kommt und geht, hält an, scheint nachzudenken, nimmt ihren Lauf wieder auf, überquert das Schiff pfeilschnell von einem Ende zum anderen, dreht sich, bricht seitlich aus, entweicht, bäumt sich auf, verletzt, bricht durch, tötet, vernichtet.[34]

Henry Kingsley griff dieses Bild in seiner Novelle Number Seventeen[35] (1875) auf: „Natürlich sofort war das Schiff in einem Wellental, eine weit schrecklichere, gefährliche Zerstörungsmaschine als die berühmte entfesselte Kanone von Herrn Victor Hugo.“[36][37] 1889 erschien die loose cannon als Metapher in einer amerikanischen Zeitung.[35][

 

Dazu stieß ich unter “Kanone” auf viele schöne Ausdrücke, von Kanonenfutter bis Kanonenangst. Vielleicht ein Anstoß für die Montagsthemen. Aber jetzt kommt erst mal KKKK.

 

Geschrieben von gw am 14. August 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 7. August, 11.30 Uhr

Montagsthemen geschrieben, stehen schon online (für neu Hinzulesende: Link rechts unter “gw-Beiträge Anstoß”). Gefühl: so lala. Mal wieder das schriftlich getan, was mir mündlich nie passiert: verplaudert. Redselig bin ich unschriftlich eher wie Katsche (siehe Erwähnung in den Montagsthemen).

Nachteil (oder Vorteil? Was weiß denn ich?!): Nur einen Bruchteil vom Themenzettel untergebracht. Dabei habe ich mich auf meine Grimmsche Besserwisserei über den Putsch gefreut. Kommt aber noch. Demnächst. Auch Semenya/Chand und der US-Propagandafilm kommen noch. Daran muss aber viel gefeilt werden. Mit jedem der beiden Themen könnte ich Serien von Kolumnen füllen. Aber wer will das lesen? Die Kurzfassung, wenn sie denn lesbar und informativ sein soll, kostet viel mehr Zeit als das ungekürzte Schreiben.

Seit halb sieben sind die Jalousien runter. Es blendet zu sehr. Beim schreiben. Fürs Radfahren scheint das Wetter blendend zu werden. Kurze, knackige Tour mit dem Treckingrad, bergruff un runner und ruff un runner? Da grüßen die anderen Rad-Silberrücken auf ihren Rennrädern, da gehöre ich noch dazu. Oder gemütlich mit dem Pedelec eine 50-km-Runde? Da gibt es nur verächtliche Blicke hinunter zu meinem Akku. Ach was, ihr Neu- und Spätsportler, was juckt mich eure Geringschätzung! “KIA KAHA!”, sag ich mir. Stay strong! Außerdem gibt die KKKK-Mitradlerin sowieso vor, mit welchem Rad wir fahren.

Sowieso? Habe ich das Wort heute nicht schon ein- bis zweimal geschrieben? Und in letzter Zeit inflationär? Daran muss ich arbeiten. Jetzt ist Schluss mit Schreiben, jetzt kommt das nächste Sonntagsvergnügen. Ja, der Frühsonntagsmorgenblog ist auch eines. Sowieso.

 

Geschrieben von gw am 7. August 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 7. August, 6.45 Uhr

Leicht verspätet, weil ich im Internet  noch die Einschaltquoten gesucht habe. Noch nichts Richtiges gefunden, außer dass in den ersten Stunden der Eröffnungsfeier bis 3.00 Uhr 1,87 Millionen zugeschaut haben. Die Zahl an sich ist nicht das Ding an sich, sondern der Marktanteil: 29,1 Prozent. Was gucken 70,1 Prozent, also nach  Turnvater Riese oder Rechenmeister Jahn, nee, nach mir, ich peile über den Daumen: fünf Millionen Menschen nachts um 3 Uhr im Fernsehen, wenn die Eröffnungsfeier läuft, sie die aber nicht einschalten? Vermutung: nichts. Dunkel erinnere ich mich, vor vielen, vielen Jahren über die Unerheblichkeit dieser GfK-Messungen geschrieben zu haben. Mit interessanten Infos über die Hintergründe, von denen ich gelesen hatte. Und über die Zahlengläubigkeit. Alles vergessen. Muss nachher mal nachschauen, vielleicht gibt es Material für die Montagsthemen. Ebenfalls nachprüfen: Was ich in all den Jahren über Medaillenspiegel geschrieben habe. Am besten mit Stichwort Simbabwe, das weiß ich noch, da war mal was wg. einer Rangliste, wie viel ein Land für jede Medaille ausgegeben hat. Wenn man bei Deutschland alles mitrechnet, auch die “Staatsamateure” bei der Bundeswehr, hängen wir weit hinten drin. Natürlich zusammen mit anderen Großsportnationen.

Der erste und letzte deutsche Papst hatte vor der Relativeritis gewarnt, aber es ist halt alles relativ (sein Bruder war schon vor dem aktuellen Papst ein relativ großer Freund der kräftigen Ohrfeige als Erziehungsmittel, was ich absolut scheiße finde, aber das ist ein anderes Thema). Den eigenen Absolutheitsanspruch in Frage zu stellen. lohnt sich immer, in jeder Beziehung. Bei Facebook stoße ich auf diesen Post des Gießener Grünen-Fraktionsvorsitzenden Klaus Dieter Grothe:

Ja, das ist wirklich interessant, wie die deutschen Medien berichten. Ich bin ja nun wahrlich kein Freund von Erdogan und finde mich da in guter Gesellschaft mit vielen Türken Bei weitem nicht alle Türken sind Erdoganisten, noch nicht mal die Mehrheit! Und ich möchte nicht wissen, wie in Deutschland reagiert würde, wenn Scientology hier über Jahrzehnte ein breites Netzwerk aufgebaut hätte und dieses mit einem Militärputsch mit immerhin 400 Toten “gekrönt”.

Damit wird Grothe vor allem auch in den eigenen Reihen Widerspruch buchstäblich erregen, wie schon in der Flüchtlingsfrage. Der Mann ist aber über jeden auch nur ansatzweise unmöglichen Verdacht erhaben, ihn in eine unangenehme Ecke zu stellen. In Sachen Erdogan/Gülen habe ich mangels Türkei-Kenntnis keine Meinung, aber es ist nie die schlechteste Methode, ein Problem von allen Seiten zu betrachten, nicht nur von der eigenen aus.

Mein kleines Problem sind die Montagsthemen. Viele kleine Notizen, zu viele, aber kein roter Faden in Sicht. Vielleicht Einschaltquoten/Zahlengläubigkeit? Mit Juxerei über meine Zahlenschwäche, auch wegen der 80 Millionen Lichtjahre. Sind Lichtjahre nicht sowieso nur Schall und Rauch im Raum? Acht, 80 oder 80 Millionen, das sind doch nur die Volt, mit denen Gott (oder wer auch immer) den Zaun der Erkenntnis geladen hat, in dem seine Schäfchen leben und denken und glauben und glauben zu wissen. Mäh!

Handfestes für die Kolumne: Brasiliens offizielles Ziel, unter die ersten Zehn im Medaillenspiegel zu kommen, sollte man kennen, wenn man nebenbei erfährt, dass im Land vier Wochen vor den Spielen alle Dopingtests gestoppt worden sind.

Der ausgepfiffene Zwischendurch-Präsident Temer wird Putschist” genannt. Schöne Gelegenheit, mein im “Grimm” gesammeltes Wissen über die Herkunft des Wortes anzubringen. Stichwort Zürichputsch.

Weitere Stichworte: Semenya und Chand und das “Bizarre Getto Frauensport” (Uralt-”Kontra”-Kolumne von mir) / Kia Kaha!, Valerie Adams und Jean-Pierre E. und Magglingen / Der US-Propagandafilm über Montreal 1976, dazu die Montreal-Amiwerfer und ihre Angst wg. der Anabolika-Latrinenparole / …och, das war’s ja schon. Sonst nichts auf dem Zettel. Dann mach ich mal Päuschen. Sacken lassen. KKKK. FAS und SZ. Gibt sicher weitere Notizen. Bis dann.

 

 

Geschrieben von gw am 7. August 2016. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.