Walter Dietz: Biathlon-Inflation und Rückpass-Verbot

Ich bin ständiger Leser Ihrer Beiträge, aber nur sehr, sehr gelegentlicher Schreiber hierzu.  Letztmalig war dies der Fall, als “Premiere“ (Vorgänger von “Sky“) mich vor vielen Jahren über den Tisch ziehen wollte und Sie mich, durch Veröffentlichung des Schriftwechsels in Ihrer Anstoß-Kolumne, unterstützt haben, die miesen Praktiken dieses Bezahlsenders publik zu machen.

Biathlon und Fußball in Ihren heutigen Anstoß-Montagsthemen haben mich nunmehr zu dieser weiteren schriftlichen Meinungsäußerung veranlasst.

Da ist zunächst das Thema Biathlon, bei dem ich –  wie fast immer –  mit Ihnen einer  Meinung bin. In Ermangelung anderer wirklich großer Sportereignisse wird Biathlon vorzugsweise von ARD und ZDF hochgepuscht und vollkommen überdimensioniert als „Event“ verkauft. Die Tatsache, dass man aus ehemalig einem Biathlon-Wettbewerb (Olympische Winterspiele 1960) mittlerweile annähernd fünfzehn Disziplinen gemacht, sagt alles aus. Hier geht es offensichtlich gar nicht in erster Linie um Sport, sondern einfach nur um Klamauk und Kommerz in schlimmster Form. Welchen Einfluss auf den laufenden Wettbewerb die hoch wissenschaftlichen Gesichter der sogenannten Biathlontrainer haben, nach einem Blick durch wahrscheinlich extrem teure Fernrohre, dies hat sich mir ohnehin noch nie erschlossen.

Zweites Thema Fußball. Hier bin ich der Meinung, dass eine kleine, einfache Regeländerung dem Fußball unerhört gut tun würde:

„In der eigenen Hälfte darf der Ball nicht zurück gespielt werden.“

Bei Verstoß gibt es Freistoß für den Gegner, von dort, wo der Rückpass erfolgte.

Die Auswirkungen wären meines Erachtens grandios. Kein langweiliges, ewiges hin- und herschieben des Balles in der eigenen Hälfte. Vermehrt wieder das, was sich jeder Fußballfan wünscht, es wird noch vorne gespielt. Das Spiel wird schneller. Techniker sind gefragt. Selbst Schiedsrichter würden in Ihrer Beurteilung vor keine Probleme gestellt.

Was spricht eigentlich dagegen? (Walter Dietz/Reichelsheim)

Geschrieben von gw am 20. Februar 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, Mailbox.

Montag, 20. Februar, 12.00 Uhr

Woher ich den Trompetenstoß von Knox habe (siehe Montagsthemen)? Gehört er zu meinem unermesslichen Bildungsfundus? Ist er mir in meiner akademischen Karriere begegnet? Oder bin ich Privatgelehrter? Althistoriker? Mit der Antwort auf solche und ähnliche Fragen lasse ich gerne die Luft raus, auch wenn ich mich gar nicht aufgeblasen habe. Denn gefunden habe ich ihn nicht in einem historischen oder sonstigen geisteswissenschaftlichen Werk, sondern bin über Name und Trompete bei Ian Rankin und seinem Ermittler Rebus gestolpert. Denn zur Zwischendurch-Lektüre gehörte letzte Woche auch eine Krimi-Kurzgeschichtensammlung von Rankin/Rebus, da stieß ich auf den Trompetenstoß, notierte ihn, nicht wissend, ob er eine Erfindung von Rankin oder historische Wahrheit war, googelte es später nach, voila, den Typen und sein Werk gibt es wirklich – und schon landete er auf dem Kolumnen-Themenzettel zwecks nächst möglicher Verwendung.

So mach ich das. Und falls ich mich vorher bildungshuberisch aufgeblasen hätte, wäre jetzt die Luft raus …. pffffft.

Um mich noch eine Nummer kleiner zu machen: Auf den albernen Reim am Schluss, auf den bin ich wirklich stolz. Obwohl er nur eine Abwandlung eines alten Reims aus dem pubertären Leben ist … und aus der Ferne hört man mit Grausen / die Eierschleifmaschine sausen …. Pfui. Schluss jetzt.

Geschrieben von gw am 20. Februar 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Ohne weitere Worte (vom 21. Februar)

Carlo Ancelotti (…) wird einem in diesen Tagen immer sympathischer. (…) Wenn man ihn so sieht mit seinem weder vom Triumph noch von der Niederlage beirrbaren Bärengesicht und seinen wissenden, von Schwermut nicht ganz freien Augen, denkt man: Der wäre jetzt gerade der ideale Präsident der Vereinigten Staaten. (Peter Kümmel in der Zeit)
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Wir haben ein Monster erschaffen, sagte Donald Trump, bevor er den Startschuss zur Tour de Trump gab. Das Radrennen gab es wirklich, 1989 und 1990. (…) Er tönte damals in der üblichen Manier, dieses Radrennen werde einmal größer sein als die Tour de France. (…) Die Trump-Tour wurde nach zwei Jahren in TourDuPont umbenannt; der Magnat hatte sich zurückgezogen. (Markus Völker in der taz)
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Im nächsten Moment fällt einem dann der wirkliche amerikanische Präsident ein, der nun gar nicht wie ein Diplomat wirkt, sondern wie ein von Adrenalin besoffener Provinzfußballpräsident, ein Tribun, der seinen Trainer im Furor verließ und die Mannschaft nun selbst schindet. (…) Man wünschte sich, es käme ein Zauberer, der über Nacht die Rollen der beiden Männer vertauschte. (Kümmel/Zeit)
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»Endlich spielt Arsenal wie Barcelona. Alles wie gehabt in der Champions League. Bayern zertritt Arsenal und Arsene Wenger schaut wie ein verwundetes Reh. Sein Klub scheint sich an Barcelona zu orientieren.« (Zeit Online nach den hohen Champions-League-Niederlagen von Arsenal und Barcelona)
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»Diese 50-plus-1-Regel, die die Stimmenmehrheit für die Kapitalanleger verhindert, sollte die Liga unbedingt beibehalten. Sie ist der Damm, der euch vor Premier-League-Zuständen schützt. Ich habe gelesen, dass Leipzig diese Regel schon umgeht. Wenn man nicht aufpasst, wird Leipzig euer Chelsea.« (Englands Exnationalspieler und BBC-Moderator Gary Lineker im Spiegel-Interview)
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»Ich war 17 Jahre alt, das Geld war knapp. Da konnten wir (…) nur eins: entweder ins Stadion gehen oder uns ’ne Tüte Pommes holen. Dann haben wir uns ’ne Tüte Pommes geholt, sind zu Fuß zum Stadion Rote Erde gegangen, sind die großen Eichen hochgekrabbelt. Und wenn das Stadion nicht ausverkauft war, durften wir in der zweiten Halbzeit umsonst rein.« (BVB-Fan Karin Fehn, 73, im Interview der Südd. Zeitung )
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Sie nehmen eine Menge auf sich, um ihren Biathleten so nahe wie möglich zu sein. Die Hardcore-Fans kommen schon mal in Windeln daher, weil sie ihren Platz in der ersten Reihe partout nicht durch Nebengeschäfte verlieren wollen. (Claus Dieterle in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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»Also ging ich mit 17 Jahren zur Royal Air Force. (…) Ich fragte (…), ob ihnen klar sei, dass ich schwul sei.. (…) Ich musste umgehend das Gelände verlassen, durfte nicht mal meinen Spind ausräumen. So als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich kam kurz in die Psychiatrie, wo man nichts feststellte, dann war ich frei. Unter all den Vollverrückten, die dachten, sie seien die Königin von England, war ich dann doch erschreckend normal.« (der englische Performance-Künstler Lindsay Kemp, einst mit David Bowie liiert, im Interview des Zeit-Magazins)
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»Ich wusste sehr früh, ich kann nur berühmt werden. Es ist das Einzige, was ich gut kann.« (Tom Neuwirth alias Conchita Wurst im Welt-am-Sonntag-Interview)
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Im Schloss Bellevue residierten plötzlich Typen wie Köhler, Wulff, Gauck (und seine Freundin). Eine kongeniale Weiterführung dieser Reihe wäre vermutlich Günter Netzer, den ich angesichts des komplexen Weltgeschehens tatsächlich gerne die Lage erklären sähe, aber der hatte im vergangenen Jahr einen Herzanfall und würde sich diesmal nicht selbst einwechseln können. (Martin Sonneborn, Satiriker und für »Die Partei« Mitglied des Europäischen Parlaments, in einem Gastbeitrag in der FAS, in dem er seinen Vater als Steinmeier-Gegenkandidaten präsentierte)
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Immer wenn ich irgendwas zum Widerspruch Einladendes schreibe, kommen Briefe, in denen es heißt, ich sei zu alt. Ich sähe die Dinge nicht richtig, weil ich einfach zu alt sei. (…) Leute, die mein Alter kritisieren, haben mich voll auf ihrer Seite. Ich bin mir selber zu alt, das ist Fakt. (Harald Martenstein in seiner Kolumne im Zeit-Magazin)
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Nur wem Selbstvertrauen fehlt, hat es nötig, ein Riesen-Ego vor sich her zu tragen und anderen den Tag zu verderben.« (Hollywoods Promi-Friseur Peter Savic  im SZ-Magazin) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 20. Februar 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Sonntag, 19. Februar, 11.45 Uhr

Montagsthemen sind gut geflutscht und nach meinem Empfinden und für meine Verhältnisse wirklich gut. Aber das kann täuschen, muss ich immer anfügen. Das Urteilsvermögen für eigene Texte ist begrenzt.

Ich wollte auch über David Storl schreiben, aus Interesse an der eigenen früheren Disziplin, habe es aber gelassen, aus Platzgründen (Kolumne ist eh zu lang geworden, sorry, Jungs in der Redaktion) und weil mein Interesse ganz sicher nicht dem der Lesermehrheit entspricht. Hier im Blog kann ich aber loslegen: 2012 in London sagten alle, auch der polnische Olympiasieger, dass nun die Zeit von Storl anbricht, eine neue Ära im Kugelstoßen. Auch ich war sicher, dass der Junge in neue Dimensionen vorstoßen würde. Aber Storl kam in die besten Athletenjahre , wurde aber nicht besser, sondern schlechter als in jungen Jahren. Jetzt, bei der Hallen-DM, wird er von den Journalistenkollegen schon gepriesen, weil er weit vor der deutschen Konkurrenz lag. Das darf aber für ein Jahrhunderttalent wie Storl kein Kriterium sein. Auch nicht, dass er die Hallen-Jahresweltbestenliste anführt. Mit etwas über 21 m . Den DM-Titel gewann er mit etwas unter 21 m. Zum Vergleich: Gerade eben  habe ich die Ergebnisse des Kugel-Meetings in Auckland gegoogelt. Olympiasieger Crouser gewann vor ein paar Stunden mit 22,02, Walsh stieß als Zweiter 21,46. Jacko Gill, das zweite Jahrhunderttalent, wurde Dritter mit 20,69m.

Crouser, Kovac und Walsh könnten langsam in Weltrekordnähe kommen, dorthin, wo ich Storl schon für 2013, 2014 erwartet hatte. Warum, wieso diese Entwicklung? Keine Ahnung, bin mittlerweile zu weit weg vom wirklichen Geschehen. Andere raunen natürlich von Doping und Nicht-Doping, aber so weit weg bin ich nun doch nicht, um es mir so einfach zu machen.

Geschrieben von gw am 19. Februar 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Montagsthemen (vom 20. Februar)

»Was fasziniert die Deutschen am Biathlon?«, fragt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das frage ich mich schon seit Jahren. Leider werde ich durch die Antworten der FAS nicht schlauer. »Würden sie heute noch auf Luftballons schießen wie bei der ersten WM 1958, wären sie belächelte Außenseiter geblieben.« Wieso? Zerplatzende Luftballons – das wäre doch was, da würde ich schon eher zugucken.
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»Einschaltquoten wie die Bundesliga« habe Biathlon wegen seiner »Innovationen und Experimente«. Wie dem auch sei, Innovationen und Experimente täten auch dem Immer-noch-Nummer-eins-Sport gut. Man muss dabei ja nicht über das Ziel hinaus schießen wie Fifa-Ideengeber Marco van Basten, der das Abseits abschaffen will. Wer diesen Vorschlag zu Ende denkt, der weiß, dass Fußball ohne Abseits eine ganz andere Sportart wäre, was fast alle modernen systemtaktischen Tüfteleien gegenstandslos machte. Beziehungsweise obsolet, um auch hier einmal das Mode-Synonym anzubringen.
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Aber alles, was die im Fußball besonders große Gerechtigkeitslücke füllt, täte dieser Sportart gut. Sie füllt sich ja auch schon, siehe demnächstige Video-Hilfe für den Schiedsrichter. Hilfreich wäre auch, die Nachspielzeit nicht über den Daumen zu peilen, sondern, wie in anderen Sportarten, bei Spielunterbrechungen die Uhr zu stoppen. In Berlin zum Beispiel hätte niemand über einen Bayern-Bonus lamentiert, da sogar die nachgespielten sechs Minuten sehr knapp angesetzt waren. Außerdem hätten angehaltene Uhren auch einen frappierenden gesundheitsfördernden Aspekt, denn sie lösten jeden Hertha-Krampf sofortigst auf, buchstäblich stante pede.
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So aber registriert die Bundesliga nach ihrem fünfzigtausendsten auch noch ihr spätestes Tor. Beide und alle ähnlichen Rekorde werden im Irrglauben an die Allmacht der simplen Zahl aufgestellt, die der Pi-mal-Daumen-Schätzung übergestülpt und dadurch verabsolutiert wird. Siehe Bayern-Tor, siehe die Zahl 50 000. Wer hat letztere wie gezählt? Wie wurden Tore wie jene von Kießling oder Helmer gewertet? Wie die An- und Aberkennung von Toren und Punkten, zum Beispiel rund um alte (Stichwort Bielefeld) und jüngere (Hoyzer) Bundesliga-Skandale? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich auch nicht. 50 000 ist nur eine beliebige Zahl.
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Heute wollen wir alles messen, auch das nicht Messbare. Die nackte Zahl gibt Halt, sie ist ein Strohhalm, an dem wir uns in schwankenden Zeiten festhalten. Das mag auch der Grund für die Neuentdeckung mechanischer Uhren sein, gerne auch alten, die als Statussymbole gelten und angeblich jüngst sogar zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken gehörten (ich hab leider keine gekriegt).
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Die Uhr tickt. Unerbittlich. Und wem haben wir das zu verdanken? Uns! »Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die mechanischen Uhren erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden Zeit« (Oswald Spengler/»Untergang des Abendlandes«). Na ja, in Deutschland wurden danach  auch noch andere schauerliche Symbole erfunden, aber das ist ein anderes Thema.
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Wir halten uns nicht am Strohhalm der Zahl fest, sondern am Sport. Eintracht. Rot. Elfmeter. 0:2. Die verpasste Riesenchance, sich vorne festzusetzen und den Traum weiter zu träumen. Sehen wir das Positive:Wie angenehm unaufgeregt Niko Kovac die umstrittenen Entscheidungen hinnahm, vergrößert, wenn überhaupt möglich, noch die Sympathien für den Eintracht-Trainer: Rot hier und Elfer dort, diese Entscheidungen konnte man treffen oder auch nicht. Da hätte übrigens auch kein Video-»Beweis« geholfen, daher bleibt er für mich ja auch nur die Video-Hilfe für den Schiedsrichter, heute wie vor -zig Jahren, als sie für Fußball-Altvordere nur (m)eine spleenige Idee war.
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Und sonst? Dortmund sollte die Südtribüne generell sperren, dann klappt’s wieder mit dem Toreschießen. – »Warum tut sich Bruchhagen den HSV an?« Die Antwort auf meine vorwitzige Frage beginnen der HSV und Bruchhagen auf dem Platz zu geben, trotz des 2:2. Vorläufig. Wird ein Trend daraus, sehe ich ganz schön alt aus. Soll mir nur recht sein. Ich bin’s ja auch. – Und dass Ancelotti sein Kaugummi so prollig kaut und walkt wie einst Ferguson? Auch das scheint nicht mehr zu stimmen. Hat ihm ein Stilberater den Stinkefinger gezeigt? Du, Carlo, das passt nicht zum lieben Onkelotti? Und dass er sich den Stinkefinger schnell mal ausgeliehen und den fiesen Spuckern gezeigt hat? Recht so! Ist ja fast schon gentlemanlike, auf eine derart eklige  Attacke nicht verbal oder gar tätlich zu reagieren, sondern nur optisch und mit unbewegter Miene.
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Noch mal zur Popularität des Biathlons. Womöglich hat sie etwas mit Frauen-Power zu tun. Kati, Uschi, dann die unvergleichliche Magdalena, jetzt Laura – die Symbolfiguren sind rein weiblich. Die Männer laufen nur hinterher, selbst wenn sie mal vorneweg laufen. Wann beenden sie die Beliebtheits-Herrschaft, die eine Damschaft ist? Wann ertönt der »erste Trompetenstoß gegen das monströse Frauenregiment?«
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Auf den wartete schon der verknorzte Calvinist John Knox im 16. Jahrhundert vergeblich. Vielleicht sind die Biathleten Kerle wie ich: Wir tun mannhaft unser Bestes, fühlen uns aber im Matriarchat am wohlsten. Und in der Ferne sehen wir mit Grausen, John Knox rotierend im Grab rumsausen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 19. Februar 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.