Sonntag, 15. September, 7.15 Uhr

Wo ist der Vollmond? Weg. Als ich die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten holte – wobei ich durch Spinnenfäden ging, die keine sind; habe aber den Namen dieser Fäden   … irgendwas mit Jungfrau? Nee … weiß nicht … vergessen – (jetzt das Komma nicht vergessen:), strahlte er hell und fett über dem dezent aufglimmenden Morgenrot (Morgenrot? Ist doch ein schlechtes Zeichen; was sagt der Wetterbericht? Sonnig. Erst morgen Regen möglich; warum Morgenrot?), dann lese ich in der FAS, „Koalition plant Förderprogramme für 40 Milliarden Euro“ zum Klimaschutz, denke an die Hockeyschläger-Kurve, von der ich gestern  gelesen habe, erinnere mich, darüber schon geschrieben zu haben, schaue im gw-Archiv nach … schaue auf, und schon ist der Vollmond weg.

Klimawandel. Nicht lange her, dass ich im Blog über meinen Kenntnisstand als Laie  geschrieben habe (also als Nichtwisser). Gestern im Internet (wegen des Prozesses, in dem festgestellt worden sei, dass sich die Hockeyschläger-Kurve wissenschaftlich nicht verifizieren lasse) festgelesen, überwiegend in als obskur geltenden Quellen wie „achgut“. Zum Beispiel:

 

Seit ihrer ersten Publikation 1998 ist die »Hockeystick-Kurve« als Folterwerkzeug der Selbstbezichtigung fester Bestandteil der prophezeiten Klima-Apokalypse. (…) Sie (…) ist ein entscheidender Auslöser einer sich ins Unermessliche steigernden pseudoreligiösen Panik, die ganze Volkswirtschaften zu verschlingen droht. Klimadebatte, Energiewende, Schulstreiks, Sozialistische Tagträume, Flugscham, Autoscham, Fleischscham, Verzicht auf Kinder… die Liste ist endlos. (…) Wann bricht die ganze Hysterie endlich und endgültig in sich zusammen? (…)  Wann erkennen wir wieder an, dass politischer »Konsens« den Tod wissenschaftlicher Neugier bedeutet? (…) Die Küstenerosion lässt die Hauptinsel Fidjis »versinken«, nicht ein Anstieg des Meeresspiegels, und eine beliebige korrupte und kleptokratische Regierung in Afrika treibt millionenfach mehr Menschen in die Flucht, als es der Klimawandel je könnte. Ja, der Klimawandel ist real, das war er immer. Was uns die Hockeystick-Kurve und ihr Erfinder aber einreden wollen, ist das genaue Gegenteil. Die Stabilität wurde zum Normalzustand erklärt und die Veränderung zur Katastrophe.

 

Tja. Eine Meinung. Die offenbar viele teilen. Ich nicht. Weil mir das Wissen fehlt, auf der eine Meinung gründen könnte. Ich weiß nur, dass die große Mehrheit der Wissenschaft anderer Meinung ist. Aber was ist mit der im Urteil festgestellten Nichtverifizierung des Hockeystock-Modells?  Das müsste doch zu klären sein!

Ich mache mich nicht lächerlicher als ich bin und beteilige mich nicht an der Diskussion. Nur der Hockeystock, der ist mein Ding. Schon lange, schon seit -zig Jahren (Auszüge aus gw-Kolumnen):

 

Mit ihm schlugen sich Verkünder und Bestreiter des Klimawandels die Köpfe ein, aber mittlerweile scheint allen klar, dass die Kurve der Erderwärmung einem liegenden Hockeyschläger gleicht (mit langem Griff und kurzer, steiler Kelle). Nur ob und falls ja wie sehr sie menschgemacht ist, wird noch mit Hockeyschlägern ausgefochten.

In kanadischen Nationalparks soll man bei Begegnungen mit den riesenhaften Wapitis einen Hockeyschläger über dem Kopf schwenken, um als Geweihträger ernst genommen zu werden.

Von gabelnden Geweihen ist es nicht allzu weit bis zu »sich nicht gabelnden Kleidungsstücken«. Diese reklamiert ein US-Postbote für sich, weil sie der Anatomie des Mannes besser entsprächen. Er kämpft gegen die Bekleidungsvorschriften der Gewerkschaft und fleht die Kollegen an: »Bitte öffnet eure Herzen und Nähte.« Vergeblich, die anderen Briefträger wollen die Post weiterhin in Hosen und nicht im Rock austragen, dem »sich nicht gabelnden Kleidungsstück«.

 

Das ist mein Niveau! Und dieser Mann ist ein echter Rocker. Vielleicht kann ich es in den Montagshemen konzentrieren, so kurz wie möglich und wie en passant. Zusammen mit Salzburger Nockerln, Hintereggers Problem, aggressivem Tor“jubel“ als gesellschaftliches Symptom, Alcacers Nicht-Aktion und die Statistik, Metzelder (nicht nur er schweigt hartnäckig, alle schweigen plötzlich) , Neuer und Ter Stegen … kommt Zeit, kommt … KKKK. Kaffee, Kuchen, Knicks und … Ja!

 

 

Geschrieben von gw am 15. September 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Montag, 9. September, 18.40 Uhr

Aus dem Blog vom 21. Juli:

In Sachen Empathie schreibt der SPD-Politiker: Wie kommen Sie dazu, Leuten, die es z.B. für nicht von vorneherein human halten, Menschen im MIttelmeer ersaufen zu lassen, also z.B. Leuten wie mir, fehlende Empathie zu unterstellen bzw. die Unfähigkeit, sich in Andersdenkende oder gar nicht Denkende hineinzufühlen? Ich habe ihm geantwortet: Meine sympathisierende und mitleidende Empathie gehört nicht nur den Flüchtlingen im Mittelmeer, sondern auch den armen Menschen, die in viel größerer Zahl schon weit vor dem Mittelmeer elend zu Grunde gehen. Mich würde interessieren, was Sie auf diesen ebenfalls polemischen Satz entgegnen würden: »Wie kommen Sie dazu, Leuten, die es z.B. für nicht von vorneherein als alleinig human halten, Menschen im Mittelmeer retten zu lassen, weil das zum Geschäftsmodell der Schlepper gehört und dadurch noch viel mehr Elend hervorruft, fehlende Empathie zu unterstellen?«
Gerhard Merz hat seine Entgegnung angekündigt. Ich bin gespannt.

Die Antwort von Gerhard Merz ist da (siehe Mailbox). Sie beweist auch, dass Merz nicht nur einer der profiliertesten hessischen SPD-Politiker ist, sondern auch einer der (wenigen? Nein, das wäre zu polemisch), die Probleme tiefer und grundsätzlicher durchdenken. Der Respekt, die Einsicht und die Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen gebieten mir, auf die Antwort nicht noch einmal zu antworten. Zumal ich fast allem zustimme (bis auf Nebensächlichkeiten, zum Beispiel, ob es Schlepperbanden wirklich egal ist, ob Rettungsschiffe unterwegs sind). Nur das möchte ich feststellen: Vielleicht habe ich beim Wort „Einfühlungsvermögen“ nicht klar gemacht, dass sich einfühlen zu können nicht bedeutet, das Eingefühlte auch in irgendeiner Weise positiv zu sehen.

Dass Gerhard Merz seit vielen Jahren die „gw“-Kolumnen liest und sehr freundliche Worte für sie hat („obwohl mir einige Sachen nicht gefallen“), sei hier nur am Rande stolz erwähnt.

***

Sehr traurige Nachricht aus Bad Nauheim: Walther Roeber ist tot. Ein „Anstoß“-Leser der ersten Stunden, der seit dieser Zeit in Reaktion auf die Kolumnen viele profunde und interessante „Randnotizen“, meist nur zur privaten Kenntnis, geschrieben hat. Sein Bruder, Dr. Hubert Roeber, teilte mir die traurige Nachricht mit und schreibt: „Ich bin schon seit langer Zeit aus Bad Nauheim weggezogen,  hatte aber durch ihn regelmäßig Kontakt zur
alten Heimat und war  mit ihm gemeinsam in den letzten Jahren treuer
Leser Ihrer Kolumnen, die uns beiden nicht nur wegen Ihrer Rätsel viel Freude gemacht haben, sondern in denen wir auch viele unserer Ansichten
wiederfinden konnten.“

Walther Roeber ist am Sonntag gestorben. Ich bin betroffen, nachdenklich und werde ihn und seine „Randnotizen“ vermissen.

Geschrieben von gw am 9. September 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 8, September, 7.05 Uhr

Kalt, klamm, die App meldet „Regen in 17 Minuten“. Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Männergrippe katastrophalen Ausmaßes im Anmarsch. Einzig Gutes daran: Stimme wie Lee Marvin. I was boo-orn under a wandering star. Früher sagte der längst nicht mehr lebende Freund dazu: „Fühl mich wie ein vollgeschissener Strumpf.“ Nur wir selbst nahmen uns ernst.

Notiz für meinen „progressiven Alttag“ (in dieser Woche fürs Seniorenjournal zu schreiben): Die Gewissheiten schwinden. Ich traue niemandem mehr. Auch nicht mir selbst.

FAS-Schlagzeile: „Aus für Ölheizung – Umweltministerin kündigt Verbot an.“ Alte böse Heizungen raus, neue gute rein. Der grüne Turbo-Kapitalismus marschiert. Macht uns die Säcke voll und behauptet, Wachstum + Wohlstand + Klimarettung sei die Losung, das Ziel und natürlich machbar. Natürlich nicht, hält der grüne Ober-Fundi in mir dagegen. Ich warte auf den Asperger-Buben, den der Klimawandel von Vernunft zur Hysterie in großer Unbedingtheit umtreibt, der sich vor den Bundestag setzt und sein Schild hoch hält: „Werdet vernünftig!“

Ach ja, die Grünen. Realo Cem verkündet die Kandidatur für den Fraktionsvorsitz … dröhnendes Schweigen im grünen Lande. Als wär’s ein Pups in den Gegenwind.

Der Hustenreiz nervt. Im Gegensatz zur Lee-Marvin-Stimme erregt er kein Mitleid, da er klingt wie der untalentierte Versuch eines Schauspielschülers, der Hustenreiz darstellen soll.

Und dann noch das: „Meine Freundinnen warnten mich vor Dennis.“ Über diese Spielerfrau redet ab jetzt ganz Deutschland. Ina Aogo erzählt alles. Exklusiv! Die vierteilige Bild+ Video-Doku.

Kotz, Grmppf, Würg.

 

 

Geschrieben von gw am 8. September 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 1. September, 6.45 Uhr

Schön frisch. Ganz andere Luft da draußen. Nur in den Zimmern hängt noch der Sommer. Fenster auf!

Top-Meldung der Nacht: Neue Strafzölle treten in Kraft, der Handelskrieg zwischen USA und China bedroht die Weltwirtschaft. Meldung ohne Nachrichtenwert: Hund beißt Mann. Beziehungsweise:  In Texas schießt einer wild um sich, fünf Tote. Alltag in den USA.

Auf der Titelseite der FAS gleich drei Sport-Anreißer: „Maradonas Magie, ein Dokumentarfilm über den Jahrhundertspieler“ im Feuilleton, „Bayern ohne Hoeneß  – wie geht es weiter?“ und „Guckst du? Dennis Schröder liebt Spektakel  – auch bei der Basketball-WM“ jeweils im Sport-Ressort. Sie brauchen uns Sportler. Sogar die FAS.

Der tödlich verunglückte Fahrer in der Formel 2 (in der Stefan-Bellof-Kurve, wenn ich richtig gelesen habe), ist für Formel-1-Weltmeister Hamilton „ein Held“. Und zwar „weil er dieses Risiko eingegangen ist“. Verrückt. Ebenso, nur andersrum: „Hass auf das Auto“ (FAS-Schlagzeile). Industrie und Behörden befürchten „neue Qualität“ der Proteste von „radikalen Ökoaktivisten“ gegen die Automesse IAA. Zum Glück haben wir andere Waffengesetze als die USA.

Das muss für heute früh genügen. Vor den Montagsthemen geht’s als Ersatzmann mit den beiden Hunden raus ins Frische. Mit Strümpfen und Pulli. Ganz neues Gefühl.

Der Sommer war groß. Danke. Jetzt reicht es aber auch.

Bald schon kommen die Tage und Wochen und Monate, in denen wir ihn vermissen werden.

Sogar die Apokalyptiker werden ihn vermissen. Wir sie nicht.

Geschrieben von gw am 1. September 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Mittwoch, 21. August, 18.50 Uhr

Passt ja. Kurz vor einer Radtour am Main bricht mir gestern die Karre zusammen. Freilauf hinüber, und, wie ich heute in der Werkstatt höre, noch andere wichtige Dinge im Hinterrad. Muss bestellt werden, kommt erst nach dem Start. Jetzt fahre ich mit dem alten, uralten an den Bub verliehenen E-Bike, das nur knapp über 20 Newtonmeter hat. Das von meiner Mitfahrerin: 80.

Aber ich wollte eine andere Kurznotiz schreiben. Auf dem Lektüreberg lese ich immer die sportlich brauchbarsten Seiten zuerst herunter, daher komme ich erst spät zu schönen Artikel und Interviews, nur für mich zu lesen, ohne an eventuelle Anstöße für die Kolumnen zu denken. Daher habe ich erst heute ein großes, ein sehr großes, ein fast ganzseitiges Interview in der großformatigen FAZ gelesen. Mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter und dem Filmmusik-Komponisten John Williams. Sehr interessantes, anregendes Interview mit zwei bemerkenswerten Menschen, auch für mich, der zwar manche klassische Musik gerne hört, aber alles andere als ein Kenner ist. In dem riesenlangen Interview geht es fast ausschließlich über die Musik und die Platte (so nenn ich das noch), auf der Mutter Stücke von Williams spielt. Eine Frage zur MeToo-Debatte kommt unvermittelt dazwischen, Mutter sagt nur, dass sie in ihrem Umfeld nie Übergriffe beobachtet habe, sich aber sicher sei, dass es sie gibt. Was sollte sie auch sonst sagen? Die Passage füllt weniger als ein Zehntel des Interviews, aber in der Überschrift steht: „Ich bin mir sicher, dass es Übergriffe gibt.“ War das der Tenor des Interviews, liebe Tante FAZ? Wie bei fast allen heiß diskutierten Themen (Doping  -Hinti! -, Rassismus, Missbrauch) scheinen viele mediale Schaffende von einem gewissen Pawlow konditioniert zu sein. Das schadet der Sache, und wenn es gar zu doof wird, wie bei Hinti oder, subtiler reingemixt, bei der Mutter-Schlagzeile, bagatellisiert das wichtige Thema, dass dann von einer wachsenden Bevölkerungsgruppe höhnisch weggelacht wird.

 

 

Geschrieben von gw am 21. August 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.