Mittwoch, 17. Januar, 10.30 Uhr

Es dauert eine Weile, bis ich alle Passwörter eingegeben habe, um loslegen zu können. Vor allem, wenn ich dabei mal kurz aus dem Fenster schaue, weil es wieder schneit und ich gerade erst Schnee geschippt habe. Mist, denke ich, und schwupps, bin ich raus aus dem Automatismus, der die Wörter am Bewusstsein vorbei in die Finger zu schicken pflegt. Ich beginne zu denken, das dauert, manchmal ohne Erfolg, dann muss ich suchen, wo ich sie notiert habe und ob überhaupt … und irgendwann schalte ich den Computer aus, an, befehle Nullstrom ins Hirn … und schon fließen die Wörter wieder.

 

Es sind Wörter, keine Worte. Beim Unwort des Jahres machen sich manche darüber lustig, dass es nicht ein Wort ist, sondern deren zwei. Wie bei Horst Hrubesch: “Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!” Mein ewiges Unwort des Jahres hat sogar drei Wörter: “Unwort des Jahres”. Aber meine Alternative für alternative Fakten, quasi ein Synonym dafür, hat nur ein Wort: Trump. Lustig am Lustigmachen ist aber vor allem, dass man sich über die Sichlustigmacher lustig machen könnte, die den Unterschied zwischen Worten und Wörtern nicht kennen.

 

Wenn ich schon mal die Hürde der Passwörter (es sind keine Worte!) genommen habe, kann ich auch im Stein(es)bruch des Herrn St. arbeiten, Brocken für Brocken, zwecks eventueller späterer Formung und Polierung für die Kolumnen. Alex Meier, lese ich gerade, ist “vom Fußball-Rentner weit entfernt”. Er sagt es, er glaubt es, er will es glauben, ich kann es verstehen, weil es nur allzu sportsmännlich ist, aber ich weiß es, wir wissen es, und auch Meier selbst weiß es und verdrängt es, dass … nein lieber ein zehntes “es”: ES wäre gar zu schön, wenn Alex Meier, den ich schon in seiner Frankfurter Anfangszeit, als ihn die meisten Fans noch gnadenlos auspfiffen, als einmalige, außergewöhnliche Erscheinung mit überragender Spielintelligenz und einem golden Fuß empfunden und beschrieben hatte, zur Krönung und zum Abschluss seiner Karriere in der Schlussphase des Pokalfinales eingewechselt würde und das Siegtor gegen Manuel Neuer schösse, aber leider müsste das Fußball-Schicksal noch verschlungenere Wege gehen als ich mit diesem extrem verbauten hypotaktischen Satzgefüge, um den darin enthaltenen Wunschtraum wahr werden lassen zu können.

 

Mit der Zeitungs- und Zeitschriften-Sichtung bin ich in Verzug. Heute früh erst habe ich die Zeit durchforstet, morgen kommt schon die neue. Drei Seiten zur, nun ja, Seite gelegt: über Dagmar Manzel, die Afrikanische Schweinepest und das Interview mit Trump-Bestsellerautor Wolff.

 

Ebenfalls auf dem Stapel: “Sphinx ohne Geheimnis” ein Porträt von Theresa May in der FAZ. Ohne Geheimnisse? Ich würde gerne wissen, woher Mays merkwürdige Körperhaltung kommt. Als Kind habe ich einen Befund auswendig gelernt, nach dem ich in ein Korsett gesteckt werden sollte: “Vermehrte Skoliose bei verminderter Reklination und Seitneige”. Hat sich zum Glück ohne das Schreckgespenst Korsett einigermaßen verwachsen.

 

Auch eine andere Diagnose aus der Kindheit habe ich mir gemerkt: “Senk-Spreiz-Knick-Füße mit ausgeprägtem Hallux Valgus.”  Ich war immer sehr enttäuscht über den Verlauf meiner sportlichen Karriere, aber ich hätte wohl sehr zufrieden sein sollen, denn wer stößt schon mit diesen Handicaps 20 Meter?

 

Die Alterserkennung bei jugendlichen Migranten soll ja, wenn überhaupt, nicht per Röntgen erlaubt werden. Wegen der Strahlenbelastung. Als Kind war ich fasziniert von dem Durchleuchtungs-Apparat  im Schuhhaus Darre im Gießener Seltersweg. Als Kind bekam ich zwar keine Schuhe gekauft, wir waren so arm, dass mir Lumpen um die Füße gewickelt wurden, aber ich schlich oft ins Darre und steckte meine Füße in den Apparat (und schnorrte an der Kasse ein Lurchi-Heftchen). So oft, dass mein halluxvalgusartiger Senkspreizknickfuß ganz sicher von dem Teufelsapparat kommt. Erspart den 30-jährigen Migrantenkindern mein Schicksal!

 

Ich kann auch ernsthaft. Interview mit Ungarn-Orban in der Welt gelesen. Was er über Flüchtlinge, Migranten, EU und Deutschland sagt, entspricht fast durchweg meinem Gefühl. Was mir peinlich ist, denn Orban gilt ja als menschliche No-go-Area. Zur Beruhigung habe ich noch mal den Wahlomat getestet. Ergebnis: Ich bin ein Mann der GroKo, mit nicht geringen Berührungspunkten mit allen anderen Parteien. Ja, auch mit der … Ich scheine also fast ein typischer Herr Mustermann der Bundesrepublik zu sein. Und genauso ratlos.

 

 

 

Geschrieben von gw am 17. Januar 2018. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 14. Januar, 6.35 Uhr

Kalt, klar, trocken. Obwohl – so richtig kalt ist es natürlich nicht, wir haben schließlich Hochwinter. Oder müsste das Gegenstück zum Hochsommer Tiefwinter sein? Wenn ich jetzt noch vom Gegenstück zum Frühlingserwachen schreibe, drifte ich schon zu Beginn des Sonntagfrühmorgensblog in den Halbwahnsinn ab. Aber es juckt mich. Also gut. Spätrechtseinschlafen. Jetzt aber Schluss damit. Dunkel war’s der Mond schien helle. Imposant, im Hintern Steine, im Arsch Geröll. Gibt es auch ein schriftliches Tourette-Syndrom? Hat es mich am Wickel? Zur Sprachberuhigung aktiviere ich meine Selbstheilungskräfte … aber jetzt kommt mir der Babycaust dazwischen, Favorit auf das Unwort des Jahres. Noch nie gehört, aber im nächsten Satz gelesen, dass es sogar aus Gießen kommt. Mein Unwort des Jahres bleibt wie jedes Jahr: “Unwort des Jahres.”

Cool down. Mit “am Wickel haben”. Woher kommt das? Neben mir liegt das Smartphone, ich gucke nach … aha, kommt nicht vom Wickeln des Babys, das man dann am Gewickelten halten kann, sonden … upps, zwischen “sonden” und den drei Punkten liegt ein Systemabsturz, weil ich beim Hantieren mit dem Handy den Laptop dappisch berührt habe. Außerdem muss “sonden” “sondern” heißen. Also:…. sondern “entweder das Band, mit dem die Haare zusammengebunden wurden, oder die im Nacken zusammengebundenen Haare selbst”. Gleich danach die Einschränkung: Nichts Genaues weiß man nicht. Ist ja dappisch. Aber das schlage ich jetzt nicht nach. Habe ich bestimmt schon mal, und genauso bestimmt finde ich es im eigenen Archiv, denn in 45 Jahren “gw”-Schreiben habe ich die Prozedur bestimmt schon ein paar Mal durch – Wort schreiben, nachgucken, was es bedeutet, Bedeutung schreiben. Ich schau mal kurz in mein Papier-Stichwortverzeichnis rein. Geht von A (Aberglaube/16.12.97/Capello) bis Z (Zwanziger, Dr. Theo/14.7.2010/wg. Amerell). Die Unterabteilung “Sprache alphabetisch” geht von “abängstende Machmänner (8.2.2010) bis “Zeugma” (5.4.2003). “Dappisch” ist gar nicht dabei.

Dappisch war der Fehlalarm  auf Hawaii. Da hat jemand einen noch größeren Atomknopf gehabt als Trump, einen so großen, dass er beim Hantieren mit dem Handy dappisch den Knopf berührt hat.

So, jetzt mal seriös: In einer der letzten Kolumnen verglich ich den Digitalisierungs-Hype mit dem um die Atomenergie in meiner frühen Jugend. Damals die große Enttäuschung im Kino, wenn der Vorfilm (ja, liebe Kinder, so was gab’s, dauerte manchmal eine halbe Stunde, mindestens gefühlt) wieder einmal eine öde Ode an die Kernenergie war. Mit Besuch im Atommeiler, alles blitzblank dort, futuristisch, aber soooooooooo langweilig. Bis endlich 20 ooo Meilen unter dem Meer kam.

Auf Hawaii gerieten auch die Golf-Profis in Panik. Einer von ihnen twitterte “mit meiner Frau, Baby und Schwiegereltern unter Matratzen in der Hotelbadewanne”. Die USA bleiben das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Wannen gibt’s da! In meine passe ich nicht mal halb, auf Hawaii tauchen ganze Familien in einer unter, mit Matrazen drüber.

In unserer deutschen Atom-Hype-Zeit genügte bei Gefahr eine Aktentasche, die man über den Kopf ziehen  sollte. Die beiden Alten, so an die 90, die ich sehr viel später sah, nach Tschernobyl, hatten keine Aktentaschen zur Hand, als es zu regnen anfing. Panisch hasteten sie humpelnd heran, unter unserem Vordach Schutz suchend. Spätschäden fürchtend.

Mich juckt es auch, das bis jetzt Geschriebene gleich noch einmal durchzulesen und einige der Albernheiten in die Montagsthemen zu übernehmen. Dazu schon seit gestern Abend auf dem Zettel: Diekmeier mit den meisten Einwürfen zum Gegner / Füllkrug kein lupenreiner Hattrick / Samstagnachmittag zu Hause, Rolf Italiander (?), Zustand der Liga / Moody Blues (B-Seite) / Julio Iglesias.

Ach, noch was, ist ja noch früh. Sachen gibt es, die sind so verrückt, dass man kaum noch daran denkt und sie für völlig normal hält. Zum Beispiel gestern. Zum Blumengießen in der Wohnung vom Bub. Der mit Kleinfamilie am anderen Ende der Welt überwintert. Monatelang hatte das Wasser in der neu bezogenen Wohnung keinen Druck, es tröpfelte nur aus dem Hahn, es nervte die Familie ganz gewaltig. Irgendein größeres Problem, der Hausbesitzer war ratlos, es dauerte und dauerte, es tröpfelte weiter. Gestern drehe ich den Hahn auf, und ein satter Strahl kommt heraus. Ich zücke das Handy, nehme das Wunder auf, beame es zigtausende Kilometer weit, und Sekunden später ploppt auf: Juhu! Wunder der … Digitalisierung.

 

Geschrieben von gw am 14. Januar 2018. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 7. Januar, 11.40 Uhr

Ich sollte öfter verpennen. Montagsthemen sind geflutscht wie selten. Ziemlich länglich geworden, obwohl der Themenzettel nicht abgearbeitet werden konnte. Zum Beispiel die Gemeinsamkeit von Jenninger und Özdemir. Oder MeToo und ein früherer Ersatztorhüter von Real Madrid (Ja, klar, Julio Iglesias). Oder Birkenstock, die Tennis-Socken und die Nogos von früher als Trendsetter von heute. Und und und. Aufgeschoben und aufgehoben.

Aus Umgestaltungsgründen meiner liebsten Innenarchitektin muss ich meine Bücherregale umstellen und, ja, das wird mal wieder Zeit, ausmisten. Aus weit über 2000 müssen ca. 1500 werden. Was manchmal einfach ist, wie bei diversen Griechenland-Führern, die ich drei- und vierfach habe, weil jeweils die neue, aktuelle Ausgabe gekauft (ja, liebe Kollegen dort draußen in der deutschen Welt, gekauft. Kennt ihr das Wort?). Das Ausmisten zieht sich aber hin, denn ab und zu rutscht aus einem Buch etwas heraus, ich nehme es in die Hand, sinniere… wie über den Parkausweis der “Commune di San Vito Lo Capo”. “Autorizzizione N.2613″, “Valida dal 05.09.97 al 08.09.97.”,”Veicolo: Fiat Tempra.” Haben wir dort und damals nicht auf dem Hotelzimmer im Fernsehen Elton John gesehen, Trauerfeier, Lady Di? Klar. Und schon zieht die gesamte Reise am Gedächtnis-Horizont vorüber. Oder die Fährschilder der Minoan Lines, gut sichtbar im Auto zu platzieren. “Patras” für hin, “Venice”für zurück. Oder der bröckelige Stein, echte erstarrte Lava vom Ätna. Um die Bücher herum Millionen an Lire, ein Platzschildchen vom Ristorante Belvedere in Cinque Terre (vorne, welches der Städtchen war es?). Eine Schnee(!)schüttelkugel von Naxos. Und was mache ich mit den Kicker-Sammelbänden von 1950 bis 1966? Rare Sammlerstücke. Zwei Bände schon vor Jahren verschenkt, einen zum Geburtstag einem Kollegen, den, ausgerechnet!, von 1954 an meinen Bruder. Ich sitze, denke, und alle halbe Stunde wird schweren Herzens ein Büchlein aussortiert. Aber ich glaube, Sie kennen das.

Geschrieben von gw am 7. Januar 2018. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 7. Januar, 7.30 Uhr

Andere brechen ihre Vorsätze schnell, ich halte einen, den ich mir gar nicht vorgenommen habe. Mal nicht Sonntag morgens um halb sieben auf die erste Taste zu drücken und mich von der zwanghaften Routine zu befreien, die niemanden außer mich interessiert, das war kein Vorsatz, sondern, da ich meine Zwanghaftigkeit kenne, ein utopischer Wunsch, den ich mir mangels Realisierungschance niemals als Vorsatz vorgenommen hätte (denn realisierbare Vorsätze halte ich, da bin ich genauso zwanghaft) … und da verpenne ich heute einfach. Prima. Tut gar nicht weh.

Wenn nicht gehaltene Vorsätze schreien könnten, wäre Jürgen Klopp der größte aller Schreihälse. Ist natürlich nur ein bemühter Gag von mir, werde es nachher in den Montagsthemen mit zwei Zitaten belegen.

Neue Nachrichtensprecherin in der Hessenschau. Jung, unaufgeregt (wirkend), zurückgenommen (nicht ich bin wichtig, sondern die Nachricht), professionell, neutral, angenehm. Den Namen muss ich mir noch merken. Auch den Namen des sympathisch aufgeregten Mannes vergessen, der interviewt wurde, ich glaube in Sachen Polizei, aber das Thema konnte ich mir erst gar nicht merken, da ich fasziniert nur darauf achtete,  wie oft er von den “Kolleginnen und Kollegen” sprach. Ich glaube, in der Kürze des Interviews fast zehn Mal. Wenn alle Kolleginnen und Kollegen, Bürgerinnen und Bürger, Parteifreunde und Parteifreundinnen abgekürzt würden und die gewonnene Zeit addiert werden könnte, ein fast endloses Ommmmm würde lautlos und fast endlos um die Welt schallen. Ein Innehalten als Globalisierungseffekt, der keine Gegner fände. Kollis, Bürgis … und dann … ohhhmmmmm.

Ui, das kommt in die Montagsthemen. Ein bisschen Spaß muss sein. Hoffentlich vergesse ich’s nicht, so wie Roberto Blanco nach zehntausend Auftritten den Text seines Lebenshits. Außerdem die Vorsätze, Klopp, Tyson und der Sport als Berufsvorbereitungsmaßnahme, das Maskottchen, die perfid stabil geniale Bild-online-Schlagzeile (Wurde Stoch zum Triumph getrickst?) und der Text darunter (Eher nicht) undsoweiter. Bis dann, liebe Lesis!

Geschrieben von gw am 7. Januar 2018. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Mittwoch, 3. Januar, 23.00 Uhr

Soeben mit freundlicher Genehmigung die Mail von Dr. Sylvia Börgens in die Box gestellt und festgestellt, dass es die eintausendste ist, die seit Zählung (seit ca. 2011/2012) in die Mailbox aufgenommen worden ist.

Schönes Zusammentreffen, das Jubiläum und gerade diese Zeilen.

Geschrieben von gw am 4. Januar 2018. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Baumhausbeichte - Novelle