Freitag, 18. Mai, 10.45 Uhr

Mit der Kolumne warte ich nicht, bis das Urteil da ist, zumal mir anderes wichtiger ist (Mensch in der Masse), aber ich kann ja mal tippen: Das Ergebnis bleibt, da Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters, und die ist eine Heilige Kuh. Mir ist egal, wie’s ausgeht, da zu beiden Mannschaften größtmögliche Ferne. Rund wird’s nächste Saison gehen, wenn Eintracht und Fortuna zwei Abstiegsendspiele spielen. Ganz eng wird es für den Herthaner, der Stark geschlagen haben soll. Das könnte eine Rekordsperre geben.

Heute wieder die kleine Runde, mit Extraschleife um die Solaranlage. Auf dem ganzen früher zugewachsenen Gelände wächst kaum noch ein Grashalm, obwohl der Boden hier sonst alles wild wuchern lässt. Da müssen Hektoliter an Vernichtungsmitteln geflossen sein. Aber sicher ökologisch höchst korrekt. Nicht korrekt gestern: Es sind nicht fünf, sondern sechs Bauernhöfe, die auf der Route liegen. Und der Rehbock will sich nicht ins Standardprogramm eingliedern lassen, er hat heute geschwänzt. Wenigstens die Hausfrauen (heute im Duo) waren superpünktlich, 9.30 nicht in (dann müsste es ja 9.35 sein), sondern ca. 400 Meter vor der Kurve. Wenn schon, denn schon korrekt: Pferde gezählt, auf der kleinen Runde waren es genau 50. Jetzt ran an die Samstags-Kolumne.

Geschrieben von gw am 18. Mai 2012. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Donnerstag, 17. Mai (Himmelfahrt), 10.15 Uhr

Ich hab’s. Kürzlich in einem Zeit-Interview mit Handke/Bondy gelesen: “Alec Guinness hat einmal gesagt, er sei sich immer wie ein Hochstapler vorgekommen, er war ein Leben lang ein Kind, das einen Erwachsenen gespielt hat, und er war überzeugt davon, dass seine Umgebung ihm draufkommt und ihn im nächsten Moment auffliegen lässt.” Ich und Alec! Und ihr doch auch, ihr abängstenden Machmänner!

Abängstende Machmänner: Soeben noch einmal nachgelesen, wie ich darauf komme. Hab mal in einer Rezension geschrieben: Im digitalen Grimm kann man sich festlesen wie in einem spannenden Roman. Wie reich doch die deutsche Sprache ist! Und wie sehr sie verarmt! Zu Unrecht vergessen sind wunderschöne Wörter wie »abängsten«, durch Angst ermatten, im Grimm mit einem Gryphius-Zitat belegt: »in Jesus namen ruft mein abgeängster geist aus dieser todtengruft.« Todtengruft – das »dt« wurde erst in der Rechtschreibreform von 1901 abgeschafft, wie auch das »th« in Thal, Urtheil – oder in »betheren«, in dem kaum jemand das heutige »beteeren« vermuten dürfte. Abgeschafft bzw. zu Unrecht vergessen ist auch der »Machmann«, obwohl er die Mehrzahl unserer heutigen männlichen (Fernseh-)Prominenz treffend charakterisiert: »einer, der einen mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein, scheinfigur.« Aber sind wir nicht alle nur abängstende Machmänner?

Zurück zu den Hausfrauen. Wenn ich ihnen in der Kurve kurz vor dem Dorf  begegne, ist es viertel vor zehn, wenn ich sie erst von oben herunterkommen sehe, wenn ich schon wieder in den Wald Richtung Parkplatz einbiege, ist es erst viertel nach neun. Meistens begegne ich ihnen um 9 Uhr 35  in der gefährlichen Kurve, in der sich der alte Klassenkamerad die Rippen prellte, weil ich vergessen hatte, ihn vor einer gefährlichen Kurve zu warnen. Heute sehe ich sie überhaupt nicht, denn es ist erst acht. Jetzt ist es halb elf, und wie jeder lesen konnte, ist das Tagesarbeitsprogramm nicht so stressig, um nicht ellenlang rumzurhabarbern, und das nicht einmal als Stein(es)bruch für die Zeitungskolumnen, sondern als reine, zeitungsunverwertbare Bloggerei, vulgo Geschwätz. Für den Sport-Stammtisch werde ich morgen aber noch in dieser Blog-Woche fündig (Relegation und Bayern). Bis dann.

Geschrieben von gw am 17. Mai 2012. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Donnerstag, 17. Mai (Himmelfahrt), 9.30 Uhr

Frühe Rad-Morgenrunde. So früh, dass sich Fuchs und Hase noch nicht Guten Morgen sagen. Eiskalt, aber  strahlend sonnighell. Am ersten Hof vorbei. Der große Raubvogel (Bussard?), der über und neben mir immer an der gleichen Stelle auf dem Baum sitzt, streicht wieder ab ins Feld. Gegenüber der Hof  scheint noch zu schlafen, die vielen kleinen schwarzen Lämmchen (warum sind alle schwarz?) sind jedenfalls noch nicht herausgelassen. Anstieg zum zweiten Hof. Auch irgendwie alternativ. Meine Freunde, die Ziegen, begrüßen mich stumm. So früh am Morgen gibt’s noch nichts zu meckern. Der Bauer graubezopft. Neben dem Hof hat er ein umzäuntes Grundstück mit einem schönen Teich. Auf dem Grundstück steht ein großes Wigwam. Ein paar Meter weiter das Fohlen vom Vorjahr, das ich mittlerweile kaum noch von der Mutter unterscheiden kann. Weiter hinauf, jetzt kommt das anstrengendste Teilstück, vorbei an den Koppeln, auf denen die Pferde des dritten Hofes stehen, des Hofes Nummer eins, der den gleichen Baum-Namen trägt wie die nächsten beiden, die Nummern zwei und drei (damit’s jeder weiß, stehen seit diesem Frühjahr die Zahlen groß am Hof), die dicht an dicht stehen.  Gleich ist die höchste Stelle erreicht, nach drei Kilometern Aufstieg. Oben, auf der Wiese, die Wildschweine wild durchpflügt haben, steht einer, zu dem sich eine wunderbare Freundschaft entwickeln könnte: Ein Rehbock, nicht mehr als zwanzig Meter vom Weg entfernt äsend, sieht mich, wie gestern, äugt mich aufmerksam an, wie gestern, folgt mir mit dem Kopf, wie gestern, äst weiter, wie gestern. Macht er’s morgen wieder, gehört er zum Standardprogramm. Nun fährt’s ein paar Meter abwärts, im Wald, aus dem Wald heraus, nach links und dabei den Blick nicht nach rechts wendend, denn dann fiele er auf  die im Winter voll erblühte Fotovoltaik-Landschaft des ehemaligen NATO-Tanklagers. Den Naturlaunemiesmacher sehe  ich noch früh genug (hat schon Strom für mindestens eine halbe Glühbirnenstunde erzeugt). Geradeaus schweift der Blick weit ins Hinterland, wo sich auf einem Bergrücken die drei Windräder im Winter verdoppelt haben. Kurve, Kurve, geradeaus runter, vorbei am fünften Hof, den der Hundfreund manchmal wieder wild bellend frei bewachen darf. Heute früh aber nicht. In sausender Fahrt zur nächsten Pferdekoppel (an wievielen Pferden komme ich bei dieser Tour vorbei? 50? 100? Noch mehr?), wieder Kurve und in weitem Bogen am Tanklager vorbei. Die beiden “Na ihr Kerle!”-Rappen werden gebührend begrüßt. Die jetzt boulevardbreite Straße, die von der schmalen Landstraße zum Tanklager führt, wird meines Wissens seit Jahrzehnten sich selbst überlassen, ist aber picobello in Schuss, keine Spalten, keine Risse, keine Frostschäden, und trotz der Belastung nicht nur meines Doppelzentners, sondern auch von Megatonnen der gewaltigen Baumstamm-Laster, die hier ihre Fracht abholen. Für die Waldwirtschaft  ist diese Gaga-Straße in schönster Natur ein willkommenes Relikt des Kalten Krieges. Der skurrile Highway wurde in den 70er Jahren gebaut, um Panzer auszuhalten. Warum baut man heute die Straßen so, dass sie nach jedem Winter ausgebessert werden müssen? Seit einiger Zeit werden allerdings weniger Stämme als Riesenhaufen geschnetzelten Holzes hier gelagert und abgeholt. Biomasse, der neue Renner, dafür werden ganze Wälder leergeschreddert, und das Unterholz gleich mit. Im Spätwinter beim Forstamt erkundigt und die Adresse vom Biomasse-Hersteller erfragt. Bei ihm für wenig Geld geschredderte Späne gekäuft, billiger, besser aussehend und länger hältend als Rindenmulch. Eine Nummer größer als die normale Biomasse heißt das geschredderte Holz “Prallschutz” und dient als Unterlage z.B. auf Spielplätzen. Für meine Zwecke ist es sehr schöner Wegebelag im Garten. Mit diesen Gedanken abgelenkt von der Fotovoltaikanlage (wer den Blog noch nicht lange liest und sich für die F. interessiert: Bitte in Herbst-2011-Notizen nachlesen), auf die Landstraße eingeschwenkt, runter zum Dorf und vor dem Ortsausgang beim alten Aldi rechts hoch und wieder hinunter ins Feld. Jetzt kommt das Teilstück, auf dem ich auch ohne Uhr immer weiß, wie spät es ist. Allerdings nur zwischen neun und zehn. Das Hausfrauen-Trio (manchmal nur Duo, manchmal Quartett) bricht punkt neun (Frühstück ist gefrühstückt, Kinder in der Schule, Mann an der Arbeit) zum täglichen Gang auf und ist punkt zehn wieder zu Hause (Essen vorbereiten). Sie stehen dazu, völlig selbstverständlich, genießen dieses Leben fern jeglicher feministischer Selbstverwirklichung und scheinen im Reinen mit sich und der Welt. Manchmal, wenn ich nicht auf Zeit fahre, halte ich und wir reden kurz. Eine sagte mal: “Ach, die paar Jahre noch …” was mich stutzig machte, denn sie dürfte ungefähr so alt sein wie ich. Und ich bin doch erst 14!  (Fortsetzung folgt – muss erst mal ein Zitat von Alec G. nachschlagen).

Geschrieben von gw am 17. Mai 2012. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Mittwoch, 16. Mai, 22.30 Uhr

Dass niemand verletzt wurde, ist kein Argument. Unabhängig von allen anderen Überlegungen, die heute hektisch und hilflos angestellt werden, unabhängig auch von eventuellen sportlichen Konsequenzen: Das Beängstigende ist immer der Mensch in der Masse. Es hätte, auch in der scheinbar nur überschäumenden und aggressionslosen Euphorie, Schlimmstes passieren können. Das Wunder: Niemand wurde verletzt. Ansonsten empfiehlt sich, trotz allgemeiner Empörung und Forderung nach “durchgreifenden” Konsequenzen, eine Denkpause. Keine Pause des Denkens, sondern eine Pause, in der nachgedacht wird. Das muss man wirklich erst mal “sacken lassen” (sorry für die Binse), bevor man handelt. Befürchtung: Es gibt empfindliche Strafen in Form von hohen Geldbußen und/oder Geisterspielen, nach Lage der Dinge auch Sperren für die Spieler, die den Schiedsrichter angegriffen haben sollen, aber dann geht alles weiter wie bisher, mit Ausnahme vielleicht der “Pyrotechnik”, diesem Euphemismus für durchgeknallte Knallerei, die ja nun wirklich kein normaler Fan und kein klammheimlicher Ultra-Beschwichtiger in den Vorständen noch für diskutabel halten kann. Aber spätestens am Samstag, Stichwort One-Issue-Gesellschaft, verliert sich das Thema wieder im Hintergrund: Das Champions-League-Finale beansprucht alle Emotionen und Schlagzeilen.

So, das liest sich ja fast wie das Wort zum Sonntag. Noch mal sorry. Zur Strafe sind heute (es wird wegen eher belustigter als besorgter Nachfragen erwähnt) vier Knöllchen auf einmal eingetrudelt, zweimal 25, zweimal 15 Euro. Ich beantrage den Heuchelheimer Verdienstorden für heldenhaftes Verhalten zum Wohle der Gemeindekasse.

Geschrieben von gw am 16. Mai 2012. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 13. Mai, 11.00 Uhr.

Internet-Zugang war versperrt, daher gab’s auch keinen frühen Sonntagmorgengruß. Dass es keine Montagsthemen online geben wird, hat allerdings damit nichts zu tun: Die Zeitungskolumne wird heute vom Kollegen “ra” geschrieben, der beim Pokalfinale war.  Das macht meinen Sonntag gemütlicher, das machte schon den Samstag gemütlicher, denn da konnte ich das Finale genießen ohne den Druck im Hinterkopf, das Gesehene montagsthematisch und möglichst original/originell zu verwerten. Hat Spaß gemacht. Ein bisschen gegen den Meinungs-Trend: Man sah, dass Bayern im Prinzip doch noch etwas besser ist, dass aber das Prinzip Klopp dem Prinzip Heynckes klar überlegen ist. Für nächsten Samstag aber kein Grund zum Pessimismus: Gegen Barcelona, diese einmalige, ausgereifte Altversion der reifenden jungen BVB-Schwarmwilden, hätten die Münchner trotz der a la Oswald Spengler beginnenden Untergangsphase der abendländischen Barca-Hochkultur keine Chance, Chelsea dagegen ist, nein, so viel Gewissheit nun doch nicht, scheint der ideale FCB-Gegner zu sein: Große, gestandene Alt-Helden mit Fußball als klotziger Hausmannskost, gegen die Bayern aber gegenhalten kann und spielerisch/dynamisch im Vergleich zu Chelsea wirkt wie der BVB gegenüber den Bayern.

Die nächste Online-Kolumne kommt morgen (Ohne weitere Worte), danach ist entweder die neue Wer-bin-ich?-Folge dran, oder ich schreibe eine Zwischen-Stammtischkolumne, falls der Zettelkasten überquillt.

Geschrieben von gw am 13. Mai 2012. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.