Sonntag, 14. Juli, 6.30 Uhr

„Stromausfall in New York“, „Falsche Ärzte immer schwerer zu erkennen“ und „Neue schwere Unwetter in Deutschland“ (nicht bei uns in Mittelhessen) zu erwarten. Damit sind die Meldungen der Nacht abgehakt.

Jahresband 1954 des Sport-Magazins (Kicker-Vorläufer).  Einst dem großen Bruder geschenkt, jetzt zurückgeerbt. Mittendrin aufgeschlagen die Nr. 27 vom 5. Juli. Titelblatt natürlich: „Deutschland ist Weltmeister“, Seite umgeschlagen, auf Seite zwei eine Kolumne von Richard Kirn. Eine Kolumne im Sinne des Wortes, eine „Säule“ (lat. „columna“), eine Spalte in der Zeitung, eine „journalistische Kleinform“ (Wikipedia), in diesem Fall auch eine echte Spalte, nämlich eine ganze (im dreispaltigen Format des Sport-Magazins), und die von Richard Kirn, von dem ich nur in Erinnerung hatte, dass er Sportjournalist UND Feuilletonist war, ist ein Meisterwerk, an einem Montag erschienen und frühe „Montagsthemen“ in Idealform. Der Kolumnist von heute ist hingerissen. So würde er gerne seine Kolumnen schreiben, vor allem die Montagsthemen: Die großen Themen nur anreißend (und gab es ein größeres als das „Wunder von Bern“ tags zuvor?), und über sie hinaus scheinbar ziellos zu  „Sport, Gott & die Welt“ abschweifend, dem Blog-Titel, der eigentlich über allen gw-Kolumnen stehen müsste, nicht nur über den Montagsthemen. Kirns Kolumne „Mein Mosaik“ ist die Idealform und bleibt unerreichbar, zumindest für mich, und das ist kein eitles Understatement.

Es beginnt mit dem Epochalen:

Ich bitte Sie, einen Augenblick den Atem anzuhalten, Sie alle, Hochbegeisterte, Hingerissene, Hymniker und Ekstatiker (…), Sie alle frage ich: Wie haben Sie sich an dem Tag verhalten, an dem der 1. FC Kaiserslautern gegen Hannover 96 unterging?

Zur Erinnerung: Vor der WM hatten Fritz Walters Lauterer das DM-Endspiel verloren, Sepp Herberger wurde hart kritisiert, dass er fünf Lauterer zur WM mitnahm und keinen Spieler aus Hannover (Hannover! Man stelle sich bloß vor, Herberger hätte statt fünf Lauterern fünf Hannoveraner nominiert!)

Es ist erst ein paar Wochen her. Ich gestatte mir, submissest  daran zu erinnern. Oh, dieses ewige „Hosianna!“, dem das ebenso ewige „Kreuziget ihn!“ folgt.

Nichts hat sich geändert, nur verschärft. Aber schon kommt Kirn scheinbar vom Weg ab, in Wahrheit aber auf Kolumnen-Kurs.

Grotesker Zufall: Deutschland hatte es in der Weltmeisterschaft mit Österreich, Ungarn, Türkei zu tun. Das wäre der Dreibund von 1914. Ist das nicht seltsam? Jugoslawien kann man ausnehmen: Es gehörte 1914 noch dem mächtigen Reich der Habsburger an.

Anschließend zitiert Kirn aus der damaligen FAZ einen Artikel über „Kunst im Schatten des Fußballs“ und streift dann anderen aktuellen Sport („Die Weltmeisterschaft ist vorbei, in Wimbledon hat Tony Trabert verloren“), weist auf ein „Vorschauheft auf die Tour de France“ hin und endet mit einer Schmunzelgeschichte über eine 110 kg schwere indische Ringerin namens Hamila , die zu Hause alle Männer aufs Kreuz gelegt hat und jetzt auf Europa-Tournee geht. PR-Clou: Wer sie besiegt, den will sie heiraten. Dazu Kirn, der aus Worms stammt und seine Nibelungen kennt: Wer glaubt …

… in mir den richtigen Partner für Hamila entdeckt zu haben, hat sich getäuscht. Wenn man aus Worms stammt, ist man noch lange nicht imstande, jede Brunhilde aufs Kreuz zu legen. In bin kein Siegfried.

Und ich kein Richard Kirn. Einfach genial!

Ich denke daran, die Kirn-Kolumne so wie oben und noch etwas komprimiert in die Montagsthemen zu übernehmen. Aber auf dem Zettel stehen auch Armstrong und Trump, Radunfälle und Statistik, hessischer Bossanova (mit zwei Leser-Mails), ein „Bitte kein Graffiti. Danke“-Schild im „Hohlspiegel“ mit dem drübergeschmierten Graffito: „O.k.!“ (herrlich! Mein Humor!).

Armstrong und Trump schon mal kurz anformuliert: Der altböse Feind (von uns Ulle) antwortet auf die NBC-Frage, warum er gedopt habe, Europa sei schuld. Die Europäer hätten gedopt wie die Teufel, deshalb hätte auch er „in den Waffenladen“ gehen müssen. Aber ob gedopt oder ungedopt, er hätte sowieso gewonnen, weil er einfach der Beste war. Und so hat er Amerika schon früh „great again“ gemacht…

Dreist wie Trump. Leider gibt es einen Unterschied. Armstrong ist bei allen untendurch, Trump aber umso mehr obenauf, je heftiger er angegriffen wird. Aus dem „linksliberalen Mainstream“ (Wort von Harald Schmidt/siehe „Sport-Stammtisch“). Denn ihm (nicht Schmidt, sondern dem Mainstream) fehlt die Empathie, das Hineinfühlenkönnen auch in den Andersdenkenden oder gar nicht Denkenden, der Trump um so eher wählen wird, je mehr dieser von Menschen angegriffen wird, die ihm (dem Anders- bzw. Nichtdenkenden) unangenehm aufstoßen. Ich denke da an eine hochgejubelte US-Fußballerin, fast schon eine Ikone des Anti-Trump-Bewegung, einen gewissen US-Dokumantarfilmer oder an Unbekannte wie den Widerling, der (bzw. die) einen Trump-Sohn angespuckt hat – allesamt gut für ein paar Wahl-Prozentpunkte mehr. Für, nicht gegen Trump.

Da fällt mir das Posting eines (eher linken) SPD-Politikers ein, der zumindest ab und zu (jedenfalls früher) gw-Kolumnen gelesen hat und schon von daher alle meine Sympathien besitzt. Er zitiert ein Wort des  US-Autors Mencken von 1920, der sinngemäß sagte, wenn die Demokratie sich weiter entwickelt wie bisher, spiegele der Präsident “ immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines großen und glorreichen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weiße Haus mit einem wahren Idioten verziert sein.“ 99 Luftballons … ne, Jahre später ist der Herzenswunsch erfüllt.

Der SPD-Politiker fügt hinzu, auch ansonsten lohne es sich, Mencken zu lesen. Hab ich getan. Und finde (in Auszügen im Internet) bei Mencken Sätze wie: ,,Demokratie ist die Theorie, dass das gemeine Volk weiß, was es möchte, und verdient es zu bekommen, und zwar von vorne und hinten.“

Wie hab ich zu verstehen, dass sich Mencken-Lesen lohne?

 

 

 

 

Geschrieben von gw am 14. Juli 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Donnerstag, 11. Juli, 18.30 Uhr

Soeben die WBI-Runde ausgewertet und den Text geschrieben, den ich in die morgen zu schreibende „Stammtisch“-Kolumne einbauen will (ob komplett, wird daran liegen, wie ich mit den anderen Themen zu Rande komme). Daher hier schon mal vorab der WBI-Teil, um etwaige Korrekturen noch berücksichtigen zu können:

 

 

Bleiben wir bei den Radfahrern. Damit zur »Wer bin ich«?-Auflösung. »Oh, oh – erste Klippe: kein optischer Hinweis; offenbar eine besondere Art der Vorqualifikation, dass nur der mitraten kann, der ›Anstoß‹ bis zum letzten Viertel liest.«  (Prof. Peter Schubert). »Na, wollten Sie mal testen, ob auch alle alles lesen?« (Manfred Stein). – Genau! Aber die WBI-Spitzengruppe kam nicht ins Straucheln, sondern gemeinsam ins Ziel. 13 Richtige bei dieser superschweren Etappe. Respekt!
*
Gesucht wurde »der zweite schwarze Sportler der Sportgeschichte, der Weltmeister wurde« (Wolfram Spengler). »Als 14 jähriger führte er einem Fahrradhändler Kunststücke auf dem Rad vor, der steckte ihn in eine Uniform und ließ so Werbung für sich machen, so kam er zu seinem Beinamen Major« (Paul-Gerhard Schmidt). Er wurde »von andersfarbigen ›Mitsportsportlern‹ gemobbt« (Helmut Bender) und verlor wegen Fehlinvestitionen und der Weltwirtschaftskrise sein gesamtes Vermögen« (Wolfgang Egerer). »Der Gesuchte heißt Marshall Walter ›Major‹ Taylor«, meldet Rüdiger Schlick, der Meister aller WBI-Klassen, lapidar wie immer.
*
»Wieder eine harte Nuss geknackt und Interessantes dazugelernt« (Dieter Neil) und »wieder viel gelernt« (Thomas Buch). – Die 13-köpfige Etappenspitze: Helmut Bender (Linden), Thomas Buch (Friedberg), Wolfgang Egerer (Rosbach-Rodheim), Dieter Neil*(Großen-Buseck), Walther Roeber* (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick* (Reichelsheim), Horst-Günter Schmandt* (Pohlheim), Reinhard Schmandt* (Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Mücke-Nieder-Ohmen), Prof. Peter Schubert* (Friedberg), Wolfram Spengler* (Hüttenberg), Manfred Stein* (Feldatal), Ingrid Wittich* (Mücke-Merlau) – Die neun  mit * Markierten führen mit je vier Punkten gemeinsam die Jahreswertung an).

 

Das Überfallartige und optisch nicht Erkennbare der WBI-Runden in diesem Jahr dient zum einen dem oben genannten Grund, zum anderen der Realisierung der Reduzierung von gw-Kolumnen im „Anstoß“ auf die drei Herzstücke „Sport-Stammtisch“, „Montagsthemen“ und „Ohne weitere Worte“ (mit peu a peu vermehrten Pausen). Ich möchte nicht zu den Alten gehören, die nicht mit der Zeit gehen, weil sie gar nicht gehen wollen (und, wegen eventueller früherer Meriten und Ehrfurcht vor schlohweißen Haaren, als buchstäbliche Alt-Lasten achselzuckend geduldet werden). Aber ich gehe gaaanz langsam, verspreche ich denen, die an gw-„Anstößen“ hängen (die anderen müssen sich gedulden). Als Kolumnist (nur das liegt in meiner Hand) möchte ich jedenfalls die Neil-Young-Zeile, die Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief zitiert hat, zu dieser umdrehen: „It’s better to fade away than to burn out.“

Geschrieben von gw am 11. Juli 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Ungetwittert

Wenn die Erderwärmung, an der kaum noch wissenschaftliche Zweifel bestehen, überwiegend menschengemacht ist, was wissenschaftliche Mehrheitsmeinung ist, dann kommt die Mehrzahl der Kinder, die dagegen protestieren, aus den Milieus, die dafür hauptverantwortlich sind.

Geschrieben von gw am 11. Juli 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sonntag, 7. Juli, 6.25 Uhr

Kühl, es nieselt, Straße ist nass, die Hitzewelle vorerst vorbei. Nur richtiger Regen will nicht fallen.

Joao Gilberto ist gestorben, mit 88 und verarmt, lese ich in den Meldungen der Nacht. Der „Vater des Bossa Nova“. Schon summt in mir als Reverenz „The Girl from Ipanema“ von Gilbertos Frau Astrud. Ein magisches Lied, leicht, lässig, locker, leise, einmal im Kopf, will es nicht mehr raus.

daa … dadada …dadaa …dadada…dadaa…dadada…dadaa…

Wer hat den Bossa Nova in Deutschland bekannt gemacht? Wäre eine nette Frage für „Was  bin ich?“, aber viel zu leicht. „Schuld war nur der Bossa Nova“ von Manuela. Sehr deutsch, drei Mal so laut, aber ein Ohrwurm.

Italiens rechte Krawallschachtel Salvini will nicht, dass Deutschland Italien zur „Müllhalde Europas“ macht. Nur weil er es sagt, muss es in der Sache nicht falsch sein. Nur die Wortwahl ist natürlich niederträchtig.

Da rollt was auf uns zu. „Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange“, vulgo E-Scooter. Unfallbilanz 2018 bei einem Test in Portland/USA mit 2000 dieser Roller. Es gab 176 schwere und unzählige bzw. nicht gezählte leichtere Unfälle. Obwohl großer Skeptiker der neuen „Bewegung“, kann ich diese Zahlen nicht glauben. Wenn mich meine leider sehr bescheidenen Rechenkünste nicht täuschen, wäre fast jeder Zehnte schwer verunfallt – man stelle sich das bloß bei Auto oder Fahrrad vor.

Wenn der E-Scooter-Hype hält, werden die Elektrokleinfahrzeuge mit Lenkstange noch schnell für Tokio olympisch gemacht. Abfahrt, Slalom, Riesenslalom. Kombination, Einzel- und Gesamtwertung, Mixed – wer nennt die Namen, zählt die Medaillen? Natürlich aus Elektroschrott.

Letzteres stimmt wirklich. Für Olympia 2020 (Zwanzigzwanzig, 20.20, wie man will) ruft das OK die Japaner auf, ihre alten Handys zu spenden. Aus den Innereien sollen die Medaillen gepresst werden. Wieder einmal eine publicityträchtige „gute“ Sache, eine Geste, die nichts kostet, nichts bringt und das wahre Problem verniedlicht und versimpelt. Warum gibt es so viele alte Handys? Weil es so viele neue gibt, die unwesentlich mehr können als die „alten“, meist nur Schnickschnack, aber immer „Musthaves“, um mal ein Mich-schüttelt’s-Wort aus dem neuen Wörterbuch des digitalen Unmenschen aufzugreifen. Galoppierender Wachstumswahnsinn, wohin man blickt. Bei allen sonstigen Vorbehalten: Die einzige leise Hoffnung, das sich was dreht, liegt in den Schüler-Demos (falls sie nicht, siehe oben, pure schicke Geste bleiben; wo sind sie jetzt? In die Ferien gejettet? Hoffentlich wenigstens mit Flugscham. Könnte Wort des Jahres werden).

Oha, im frühen Sonntagsmorgenflow vor mich hin schreibend, fällt mir auf, dass dieser/dieses Blog wieder einmal als Stein(es)bruch für die Kolumne dienen könnte. Dazu zwei größere Brocken (Tour mit Baron Merckx und dem verfemten Ulle / Fußball als Mixed-Gender-Sport in 50 Jahren) sowie als kleiner hessischer Gag eine hübsche FR-Überschrift („Der Grabi war besser wie ich“). Was mich aber meisten interessiert, bleibt wohl draußen, mangels Interesse der geneigten Leserschaft. Habe gestern auf Youtube ein Video gefunden, eine brasilianische Doku über den Fast-23-Meter-Stoßer Romani. Zuvor sah ich zwei andere Videos: Romani, 1,88m/140kg, ein furchteinflößendes Monster, beim 22,61-m-Stoß in Stanford und eine Trainingsaufnahme beim Bankdrücken, mit 300 Kilogramm (meine Bestleistung, wenigstens mit der war ich Weltspitze: 240 kg). Allerdings drückt Romani nicht wie ich mit enger Armhaltung (für den Trizeps) und ohne  Hilfsmittel, sondern breit (für den größeren, daher stärkeren Pectoralis) und wie Udo Beyer und Ulf Timmermann in alter DDR-Manier offenbar mit Brett und Schaumstoff unter dem Trainingsanzug, die Hantel darauf krachen lassend und den Rückschwung ausnutzend. Das macht 30 bis 40 kg aus. Interessant, was? Gähn? Schon gut, lass ich ja draußen. Ätzend öde für 99,9 Prozent der Leser.

 

 

 

 

«Das Mädchen aus Ipanema» beispielsweise wurde zunächst von Gilbertos Frau Astrud

Geschrieben von gw am 7. Juli 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Donnerstag, 4. Juli, 9.25 Uhr

Beim Schreiben der Datumzeile fällt mir auf: Heute vor 65 Jahren, 3:2, die Helden von Bern, dem Fritz sei Wetter, Wankdorf-Stadion – langsam scheint die Gloriole zu verblassen. Zuvor wurde jede runde und halb runde Wiederkehr gefeiert.

„Gloriole“ … ist mir so rausgerutscht, wie so vieles im Blog, aber passt das Wort? Mal nachschauen. Aha, richtig: „Heiligenschein, bildungssprachlich“. Also kleine Hochstapelei. Sorry.

Die verschiedenen Schlagzeilen der Woche sind im Grunde in einer zuammenzufassen: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

Noch mal, nach dem Spontan-Satz, die Überprüfung … ach, das wusste ich nicht (mehr?), der Satz stammt aus einem Gedicht von Emanuel Geibel, geschrieben schon 1861. Ich dachte, er sei in den Jahren vor dem I. Weltkrieg entstanden, als Ironie gegen Wilhelm-II-Mentalität. Vermutlich ist die Zeile damals zu diesem Zweck wiederentdeckt worden (Einschub zwei Stunden später: Nee, nee, später nachgeschaut: Der Kaiser hat’s selbst gesagt)

Ist ja auch egal. Jedenfalls: Am deutschen Wesen soll nicht die Welt genesen, sondern am eigenen Wesen das von sich selbst wohlig bewegte deutsche Herz und Gemüt. Koste es, was es wolle. Zum Beispiel nach direkter Lebensrettung die indirekte Verantwortung für viele, die sich ermutigt fühlen und auf dem Weg zu uns, fern aller Kameras,  jämmerlich verrecken werden. Allerdings, wenn mich nach dieser kühlen Logik jemand fragt, würdest du die, die durchkommen, im Meer ersaufen lassen? Natürlich nicht, müsste ich antworten. Rettung ist nicht nur Christen-, sondern auch Menschenpflicht.

Wie mir das so geht im Blog, bin ich spontanschreibend noch gar nicht dazu gekommen, warum ich heute früh überhaupt etwas notieren will. Nämlich zum Tod von Prof. Armin Klümper. Gestorben mit 84 in seinem Rückzugs- und Verbitterungs-Asyl in Südafrika. In ersten Reaktionen tauchte auch aus der Anti-Doping-„Aktivisten“szene das böse verdrehte, unchristliche Wort auf: „Viel zu spät …“

Klümper hatte Fans und Feinde, dazwischen gab es nichts, nur einen tiefen Graben. Ich habe ihn nicht weiß, nicht schwarz gesehen, auch nicht grau, sondern immer mit dem Weißen und Schwarzen gleichzeitig. In der morgen zu schreibenden Kolumne will ich in möglichst kurzer Form ausformulieren , was ich dazu notiert und aus meinem Archiv geholt habe. Ich fürchte jetzt schon: kurz und knapp wird das nicht gelingen. Daher hier schon mal die – bereits gekürzte und komprimierte – Materialsammlung:

Eine Ehrenerklärung des Freundeskreises Prof. Klümper, unterschrieben von hunderten deutscher Spitzensportler und in deren Namen unterschrieben u.a. von Eberhard Gienger (und endformuliert von gw) (Nov. 84): „Wir betrachten Prof. Klümpers Wirken als eine Pionierleistung auf dem Sektor der Sporttraumatologie. Diese hat besondere Würdigung verdient und nicht Angriffe aus Kollegenkreisen und öffentliche Diffamierung.
Aus eigener Erfahrung haben wir uneingeschränktes Vertrauen zu Prof. Klümpers Methoden. Unsere Erfolge sind auch seine Erfolge. Ein Sportmediziner wie Prof. Klümper hat Unschätzbares für den deutschen Sport getan. Er hat vielen von uns auch bei privaten Problemen freundschaftlich zur Seite gestanden. Er hat nicht von ärztlicher Ethik geredet – er hat danach gehandelt.“

2.7.87:  Sonderseite über und von Klümper, danach heiß begehrt bei Sportmedizinern und ihnen auf Wunsch als Sonderdruck zugeschickt: „Über Möglichkeiten und Grenzen der Sportmedizin unter der besonderen Berücksichtigung von Medikamenten im Hochleistungssport.“

Sonderseite »Über die besondere Gefährdung des Bewegungsapparates im Leistungssport« (29.11.80), ebenfalls mit Klümper als Autor.

Auszüge aus „Eine Kugel für das Leben“ (siehe auch Link rechts): Er liebt seine Patienten wie sie ihn, er hasst seine Feinde wie sie ihn. Von beiden hat er mehr als jeder andere Sportarzt in Deutschland.

Ich lerne, dass es auch unter den Ärzten, wie im Sport, Kreismeister und Weltmeister gibt. Auch Weltmeister haben ihre dunklen Seiten, auch beim »Doc« wird mich in Zukunft manches irritieren. Aber ganz gewiss ist er in seiner Disziplin kein Kreis-, sondern ein Weltmeister.

Auf den »Doc« lasse ich nichts kommen, obwohl sich im Lauf der Jahre Handlungen und Äußerungen häufen, die mich mehr und mehr stutzen lasse.
Später, aber erst nach meiner Sport-Laufbahn, breche ich den Kontakt zum »Doc« gänzlich ab. Bei meinem letzten Besuch weiht er mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein, dass er Multiple Sklerose heilen könne. Es müsse aber unter uns bleiben, da ihm sonst die ganze Welt die Bude einrennen würde. Manchmal scheint es mir, als erschaffe er sich eine ebenso irrationale Welt wie ich mit meinem Kugelstoßen. Manchmal, wenn ich von neuen »Skandalen« höre, die auch mir unbegreiflich bleiben, denke ich auch: Jetzt knallt er durch.

Trotz aller Irritationen bleibe ich als Kugelstoßer treu und fest an der Seite des »Doc«. Ein Mann wie er ist mir tausendmal lieber als alle mächtigen Moralapostel, die mit dem einen Beschluss Doping ächten, mit dem anderen fordern und fördern.

Wie das alles in drei, vier Sätzen zusammenfassen? Dazu noch einige erstaunliche Ergebnisse aus Stanford (Klosterhalven, der Brasilianer, Semenya) mit möglichst lapidaren Anmerkungen, ein Seitenblick zum Fußball, auch noch ein Überraschungs-Absätzchen – aber jetzt schalte ich ab. Morgen wieder. Heute erstmal an die die frische Luft, so lange sie noch so frisch ist wie jetzt um zehn.

 

Geschrieben von gw am 4. Juli 2019. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.