Reinhard Mailahn: Doktorarbeit

Ich teile Ihre Ansicht: Alle, die sehenden Auges waren, konnten es wissen, und die jetzige “Sensation” ist einigermaßen heuchlerisch. Ein Zusatz aus meinem Umfeld: Zu Beginn der 70-er, meiner Erinnerung nach vor den Spielen 1972, organisierte ich in Worms-Herrnsheim eine Übungsleiter-Fortbildung, bei der Prof. Manfred Steinbach referierte und ganz offen dafür plädierte, auch bei uns in der BRD durch Einsatz von Dianabol ü.ä. im Jugendbereich Chancengleichheit zu erreichen. Talentierte Jugendliche sind gezielt zum Werferzentrum Darmstadt gewechselt.

Wahrscheinlich ist Ihnen das nicht unbekannt, auch die gesundheitlichen, nicht beweisbaren Folgen, für einige dieser Leichtathleten. (Reinhard Mailahn)

Geschrieben von gw am 27. März 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, Mailbox.

Ohne weitere Worte (vom 28. März)

Schweinsteiger-Mania in Chicago (Bild-Schlagzeile)

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Schweinsteiger schlägt große Skepsis entgegen (Schlagzeile in der Frankfurter Rundschau)

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Gibt es heute einen Spieler, der mit dem Zidane von damals vergleichbar wäre? – »Definitiv nicht.« (…) – Weil Sie einfach einzigartig waren? – »Damit bin ich einverstanden. Ich war einzigartig.« (Zinedine Zidane im Welt-Interview)

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Nach zwei Metern seines Jubels realisierte er, dass er sich da gerade ein Denkmal gesetzt hat. Eines das für ewig bleibt. Auf das keine Tauben scheißen oder Vollidioten pinkeln können. (…) Weil man bemerkte, dass mit Poldis Abschied irgendwie auch ein eigener Lebensabschnitt zu Ende geht. Der letzte Schultag, der letzte Kuss mit der Liebe deines Lebens, Poldis letzter Knaller. So was kommt nie wieder. (Benjamin Kuhlhoff im Fußball-Magazin 11Freunde)

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Man muss ja nicht immer Tränen vergießen, um Emotionen zu zeigen. (Lukas Podolski nach dem Spiel)

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»Wir haben Fans, die kommen von überall her in unser Stadion. (…) Für die es billiger ist, sich in London in eine Maschine zu setzen, rüberzufliegen, hier eine Eintrittskarte zu kaufen, als sich Premier League in ihrer Heimatstadt anzuschauen.« (St.-Pauli-Trainer Ewald Lienen im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)

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»Es muss alles auch sozial verträglich sein. (…) Wie viel Wachstum ist noch möglich? Das liberale Wirtschaftsdenken (…) – kann man das noch so weiterführen, oder passiert irgendetwas? Solche Bereinigungen gab es in der Geschichte immer mal, durch Kriege, Inflation (…) oder andere Ereignisse. So einen Einschnitt kann es auch mal im Fußball geben.« (Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff im Interview der Frankfurter Allgem. Sonntagszeitung)

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Gefeiert werden (Anm.: Manuel Neuers Hochzeit) soll angeblich in einem Städtchen, das sich »mitten im Absatz des Stiefels von Italien« befindet: »Wie passend für einen Fußballer!«, meint Bunte. Logisch, Bunte, weil Fußballer ja auch ständig mit dem Absatz spielen, vor allem Torhüter wie Neuer. Aber ein Land, das wie ein Handschuh aussieht, ließ sich für die Hochzeit auf die Schnelle wohl nicht finden. (»Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der FAS)

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Wenn Sie 100 Menschen auf der Straße fragen, sagen 95, Afrika sei ein Land.« (Entwicklungsminister Gerd Müller, zitiert in Bild)

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Das Goldene Blatt: »Lilly Becker (40) hat sich ihr Lieblingsland auf die Rippen tätowieren lassen. (…) Dort prangt jetzt der Umriss des afrikanischen Kontinents..« Womit wir immer noch nicht ihr Lieblingsland kennen, aber Das Goldene Blatt kennt halt auch nicht den Unterschied zwischen Land und Kontinent. (Thomann/»Herzblatt-Geschichten«/FAS)

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»Ich (…) sagte im US-Fernsehen im breitesten Sächsisch: ›Ei kähm tu Tzschintzschinättie tu winn mei teitel bäck.‹« (Katarina Witt im Spiegel-Interview über die WM 1987 in Cincinnati)

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»Für einen Amerikaner oder Europäer der Gegenwart ist Coca-Cola die größere Bedrohung als al-Qaida.« (Yuval Noah Harari, israelischer Historiker, im Spiegel-Interview über die Folgen von Übergewicht)

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Nach Trumps Wahl kündigten Sie an, all Ihr Geld in einen Bunker zu investieren … – »… den fülle ich mit Büchern, Platten und Alkohol! Wir graben uns ein und kommen erst in vier Jahren raus. Dann werden auf der Erde nur noch Skorpione übrig sein, und Keith Richards.« (Krimi-Bestsellerautor Ian Rankin im SZ-Interview)

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»Ich mochte Sex nie. Das Körperliche schon, aber dieses Rammeln … scheußlich!« (Ex-Sex-Symbol Ingrid Steeger, 70, im Bild-Interview)  (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 27. März 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 27. März)

Ein Sportwochenende zwischen Aserbaidschan und Australien, einem Pflicht-Kick und dem Kick-Start von Sebastian Vettel. Dazwischen die USA, in deren NBA Dirk Nowitzkis Mavericks langsam die Playoffs verdaddeln und ein 20-Jähriger 70 Punkte erzielt, was nur von einem 70-Jährigen getoppt werden könnte, der 20 NBA-Punkte sammelt.
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Im Dreieck zwischen Aserbaidschan, Australien und den USA springe ich mitten ins deutsche Dopingland der Sechziger und Siebziger Jahre. Wie nah mir Vettel und Nowitzki sind, wie fern die alten Zeiten! Als wär’s kein Stück von mir. Aber sie holen mich ein, als ich am Samstag vor dem Fernseher sitze und vor dem (starken!) ZDF-Krimi die Tagesschau sehe.
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Am vergangenen Donnerstag erwähnte ich im »Rück-Blog« die Doktorarbeit des Sohnes eines früheren Dreispringers, der dafür auch Teile aus meinem »Sport-Leben« (zu finden im Online-Blog »Sport, Gott & die Welt«) verwendete. Alte Geschichten, heute nicht mehr von Belang, dachte ich, außer für solch eine historisch-dokumentarische wissenschaftliche Arbeit. Dass auch in der alten Bundesrepublik flächendeckend gedopt wurde, aber nach »föderalistischem« statt zentralistischem DDR-System, dass Doping zudem bei uns staatlich und medial gefordert und gefördert wurde … alte Hüte, die ich seit Jahrzehnten (zu) oft in den Ring geworfen und die Leser damit manchmal gequält und, schlimmer noch, gelangweilt habe.
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Aber damit scheinen unsere Leser immerhin exklusives Wissen erhalten zu haben. Darauf bilde ich mir nichts ein, denn dass und warum ich aufklären konnte, ist kein persönliches Ruhmesblatt, sondern liegt am Wissen aus erster Hand, aus meiner. Andere konnten nur aus zweiter Hand informieren, und von erster zu zweiter Hand geht immer viel an Wahrheit verloren (übrigens ein immanentes Problem des investigativen Journalismus). Da sitze ich also vor dem Fernseher, und in der Tagesschau, die bzw. deren Schluss in den letzten Monaten vom Wintersport dominiert worden war, folgte statt Ski und Rodel plötzlich der Bericht über die Doktorarbeit von Simon Krivec, jenes Dreispringer-Sohnes, unter der »brandaktuellen« Schlagzeile des flächendeckenden Dopings in der alten Bundesrepublik.
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Klar, die Doktorarbeit ist wichtig. Krivec hat offenbar verdienstvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet (so weit ich das nach den paar Seiten beurteilen kann, die er mir – über mich – vorab überlassen hat). Sehr akribisch, sehr genau, sehr zutreffend. Aber er hat »nur« wissenschaftlich exakt bewiesen, was alle wussten bzw. zu wissen glaubten, wie ein Axiom, das so offensichtlich ist, dass es des Beweises nicht bedarf. Wie das Wissen von der Sonne, die morgens aufgeht, was auch jeder weiß, der die astrophysikalischen Hintergründe nicht kennen sollte.
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Im Tagesschau-Bericht kam Klaus-Peter Hennig zu Wort, ein früherer Weltklasse-Diskuswerfer. Ein guter Zeitzeuge, klug, überzeugend und sachlich auftretend, ein gebildeter Mann, dezent und frei vom Verdacht der Sensationshascherei. Dass die Nicht-Sensation zu einem großen Ding aufgeblasen wird, ist am wenigsten ihm anzulasten. Auch nicht Simon Krivec, obwohl ihm das seltsame Aufsehen nicht ungelegen kommen und den Erfolg der Dissertation unterstützen dürfte. Immerhin hat er mit seinem Ein-Mann-Unternehmen jetzt schon mehr erarbeitet als in Freiburg die Evaluierungskommission, die zur Aufklärung angetreten war und sich in Grabenkämpfen selbst zerlegt.
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Zurück in die Zukunft. Tennis-Exstar Yannik Noahs Sohn Joakim wird für die nächsten 20 Spiele gesperrt. Wegen Anabolika. Bei durchschnittlich drei bis vier Spielen pro NBA-Woche ergibt das eine Sechs-Wochen-Sperre – bei uns bekäme er vier Jahre plus lebenslängliche Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.
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Während ich diese Zeilen schrieb, raste Vettel zum Auftaktsieg. Autorennen liegen mir so fern wie Australien, aber dass der Eintracht-Fan wieder ganz vorne dabei ist, streichelt den einzigen Nationalstolz, den ich habe. Den hessischen. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 26. März 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Sonntag, 26. März, 6.50 Uhr

Gestern war’s um diese Uhrzeit noch eine Stunde früher. Die fehlende versickerte heute Nacht in der Sommerzeit und taucht zur Winterzeit wieder auf. Kinder, wie die Zeit vergeht, dachte ich auch gestern. Zwei Mal. Erst schaufelte ich die 80 cm tiefe, ein Meter lange und 60 cm breite Grube wieder zu, die wir vor fünf Wochen ausgehoben hatten. Für unsere Methusalemin von Hund, die nicht mehr fraß, apathisch war, hinten nicht mehr hoch kam, von Tumoren übersät, von denen der des Lungenkrebses der unwesentlichste war (damit, nicht davon stirbt so ein alter Hund)  - ein Bild des Elends. Der schwere Entschluss war gefallen, die Tierärztin schon im Haus, letztes Gespräch vor dem Einschläfern … wir konnten es noch nicht, verschoben die Aktion um einen oder zwei Tage … und ein kleines, ein großes Wunder geschah. Als sei sie in einen Jungbrunnen gefallen, erholte sie sich von Stunde zu Stunde und ist jetzt fast wieder die “Alte”. Klar, auch dank hammerharter Medikamente. Aber sie leidet nicht und hat Freude am Leben. Kaum zu glauben, wie furchtbar sie darnieder lag. Natürlich wissen wir: nur ein Aufschub. Aber ein Geschenk.

Wie nah mir das ist, und wie fern die alte Sportlerzeit. Als wär’s  kein Stück von mir. Aber sie holte mich ein, als ich nach getaner Schaufel- und sonstiger Gartenarbeit rechtschaffen müde vor dem Fernseher saß und vor dem (bärenstarken) ZDF-Krimi die Tagesschau sah. Kürzlich erst schrieb ich hier im Blog (und am Donnerstag im “Rück-Blog” für die Druckausgabe) über die Doktorarbeit des Sohnes eines früheren Dreispringers, der dafür auch Teile aus meinem “Sport-Leben” (siehe Link rechts) verwendete. Alte Geschichten, heute nicht mehr von Belang, dachte ich, außer für solch eine historisch-dokumentarische Doktorarbeit. Dass auch in der alten Bundesrepublik flächendeckend gedopt wurde, aber nach “föderalistischem” statt zentralistischem System, dass Doping zudem bei uns staatlich, medial und öffentlich gefordert und gefördert wurde … alte Hüte, die ich seit Jahrzehnten oft und viel zu oft in den Ring geworfen und die Leser, wie ich vermutete, damit manchmal gequält und, schlimmer noch, gelangweilt habe.

Aber damit scheinen unsere Leser immerhin exklusives Wissen erhalten zu haben. Darauf bilde ich mir nichts ein, denn dass und warum ich aufklären konnte, ist kein persönliches Ruhmesblatt, sondern es liegt ja am Wissen aus erster Hand, aus meiner, und alle anderen Journalisten konnten allenfalls aus zweiter Hand berichten, und von erster zu zweiter Hand geht immer viel an Wahrheit verloren (übrigens ein immanentes Problem des investigativen Journalismus). Dann sitze ich also gestern Abend vor dem Fernseher, und am Schluss der Tagesschau, die in den letzten Monaten vom Wintersport dominiert worden war (der mich ebenso nervte wie vermutlich manchen Leser meine in den Ring geworfenen Doping-Hüte), folgte statt Ski und Rodel plötzlich der Bericht über die Doktorarbeit von Simon Krivec, des Dreispringer-Sohnes, unter der “brandaktuellen” Schlagzeile des flächendeckenden Dopings in der alten Bundesrepublik. Und heute früh sehe ich auch bei Bild online und anderswo sooo große Schlagzeilen zum “brandaktuellen” Fall. Komische Geschichte(n).

Klar, die Doktorarbeit ist wichtig. Krivec hat offenbar verdienstvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet (so weit ich das nach den paar Seiten beurteilen kann, die er mir – über mich – vorab überlassen hat). Sehr akribisch, sehr genau, sehr zutreffend. Vielleicht veröffentliche ich in ein paar Tagen längere Ausschnitte oder schon in den Montagsthemen kürzere. Aber er hat “nur” wissenschaftlich einwandfrei bewiesen, was alle wussten bzw. zu wissen glaubten, wie ein Axiom, das so offensichtlich ist, dass es des Beweises nicht bedarf, um zu “wissen”: Dass morgen die Sonne aufgeht, zum Beispiel, was ich auch weiß, wenn ich die astrophysikalischen Hintergründe nicht kennen sollte.

Im Tagesschau-Bericht kam Klaus-Peter Hennig zu Wort, ein früherer Diskuswerfer gehobener Klasse (also höher als meine Kugelstoßer-Klasse). Ein guter Zeitzeuge, da klug, überzeugend und sachlich auftretend, ein gebildeter Mann, dezent und frei von jeglichem Verdacht der Sensationshascherei. Mit ihm habe ich vor ziemlich genau einem Jahr gesprochen, anlässlich des Oldie-Werfertreffens beim Diskus-Saisonauftakt in Wiesbaden. Da erinnerte er mich an eine alte Geschichte: Wie er beim Länderkampf gegen die USA in Durham seine Sporthose vergessen hatte und sich meine zuvor beim Kugelstoß-Wettkampf getragene auslieh. 1976 war’s, und wie damals üblich, trug ich meine Sporthose eher wie einen Slip, nämlich in Größe fünf, was bei meinen damaligen 130 kg (Hennig war nicht viel zarter gebaut) aus heutiger Sicht absonderlich gewirkt haben musste.

Von Simon Krivec’ Vater weiß ich noch, dass er einmal verkündet hatte, 18 Meter weit springen zu wollen. Damals eine völlig und vor allem für ihn utopische Weite. Ich, ein paar Jahre jünger, war davon aber überaus beeindruckt. Heute weiß ich, dass solche Ziele nur ein Vehikel sind, um sich mit aller Macht in das Training stürzen zu können. Als ich meine Bestweite von 20,12 m stieß und dpa einen Hintergrundartikel schrieb, übernahmen sie ein (zutreffendes) Zitat in die Überschrift: “20,12 Meter sind nur eine Zwishhenstation .” Hätte ich gewusst, dass sie schon die Endstation waren, wäre ich viel früher ausgestiegen.

Upps, ich schreibe und schreibe und merke, dass dies schon Montagsthemen in Langform sein könnten. Kürzen und komprimieren, ein oder zwei Themchen dazu, und fertig  ist die Montags-Kolumne. Zumal Formel 1 (trotz ihres hessischen Sympathieträgers) für mich kein Thema ist und das WM-Qualifikationsspiel zu spät kommt – spätestens gegen Mittag lasse ich sonntags den Griffel fallen und nehme Gartengeräte in die Hand. Oder das Rad. Fußball gucke ich dann später nur noch zur Entspannung. Oh, schon acht. Also netto sieben. Sommerzeit für KKKK. Der Kaffeeautomat gurgelt schon.

Geschrieben von gw am 26. März 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt.

Sport-Stammtisch (vom 25. März)

Prinz Poldi ist im Volk schon beliebter als König Ludwig jemals war, und dieses kolossale Monument von Tor verschlägt uns mehr den Atem als Japanern der Anblick von Neuschwanstein. Schon sind wir beim Stichwort Kitsch und Thomas Müller. Als Regisseur wäre ihm diese Geschichte zu kitschig. Sagte er. Und seine Augen und Mundwinkel verrieten: Kitsch kann sooo schön sein!
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Außer dieser Sekunde für die Ewigkeit war das Spiel selbst keine fünf Pfennig wert, daher durften wir ja auch kostenlos zuschauen. Der schwache Scherz leitet zu einem starken Stück über. Jedenfalls wird als solches kritisiert, dass immer mehr Fußball immer öfter nur im Bezahlfernsehen zu sehen ist und die Champions League demnächst vielleicht zur Gänze. Aber warum auch nicht? Wir haben das gleiche Recht auf Champions League für lau wie auf kostenlose Liveübertragung von, sagen wir mal, einem Rolling-Stones- oder Adele-Konzert. ARD und ZDF sollten sich zur Grundversorgung auf Randsportarten konzentrieren und gar nicht erst um teure Fußball-Rechte mitbieten. Aber das ist illusorisch.
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Kontrastprogramm: Fairness. Kann sich jeder leisten, ist kostenfrei zu haben. Eintracht-Coach Niko Kovac erhielt in dieser Woche den ehrlich verdienten Fair-Play-Preis des deutschen Sports. Zur Erinnerung: Der Eintracht-Coach tröstete die Nürnberger Spieler nach dem Relegationsspiel, bevor er bei seinen Jungs mitfeierte. Im Begleitprogramm der Preisverleihung in Wiesbaden gab es eine Podiumsdiskussion über Doping, Sport, Gott und die Welt, wobei dann doch wieder der schnöde Mammon die Hauptrolle spielte. Alle waren sich einig: Die Nicht-Profikicker unter den Sportlern erhalten zu wenig Geld für ihre Leistung. 20 000 Euro für eine Goldmedaille seien »viel zu wenig«, schimpfte Ex-Werder-Manager Willi Lemke. Die bisherige Förderung nannte er »einen Witz«.
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Aber der Witz wird noch viel schlechter, wenn auf ihn der geforderte Ernst einer De-facto-Sofortrente folgen sollte. Rund 50 Medaillengewinner pro Olympia, dazu die Welt- und Europameister, überhaupt alle Kaderathleten, die paralympischen mit ihren kaum überschaubaren Schadensklassen sowieso, und das bei einer Verweildauer von etwa fünf Jahren im Leistungssport und mehr als 50 Jahren in der Sofortrente – das geht über die Jahre hinweg in die Milliarden. Wer soll, wer will das bezahlen?
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Wichtiger noch: Was wird aus den vielfach so vielen Sportlern, die genauso hart trainieren, genauso ausschließlich auf den Sport setzen, zumal wenn die Sportrente winkt, die es aber nicht in die förderungswürdige Spitze ihrer Disziplin schaffen? Überhaupt, alle die Nur-Sportler, die nichts gelernt haben werden als Leichtgewichtsringen oder Modernen Fünfkampf (um mal zwei ehrbare, traditionsreiche, aber eben doch Nischen-Sportarten zu nennen)? Wollen wir uns ein Proletariat von alten Exsportlern schaffen, das sich in der staatlichen Förderung »hartzend« einrichtet? .
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Alte »Anstoß«-Leier: Kapitalismus nach Angebot und Nachfrage für die populären Stars, soziale Marktwirtschaft für die anderen. Diese ist in der bestehenden Förderung gegeben. Zu verbessern ist jedoch die Infrastruktur des gesamten Sportgeflechts. Aber das ist ein weites Feld. Und auf dem wachsen nun mal weniger Medaillen als auf einem genmanipulierten Versuchsfeld, das nur den Zweck hat, Medaillenfetischisten beim Blick in den Spiegel ihrer Begierde zu befriedigen.
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Na ja, so rechtschaffen empört, wie das klingt, bin ich gar nicht. Macht doch, was ihr wollt! Anderes Thema: Armin Hary feierte am 22. März 80. Geburtstag. Ihm fehlen heute die »Typen« in der Leichtathletik, außerdem seien die Spiele von Rom 1960 die letzten ohne Doping und Kommerz gewesen, und Usain Bolt »hätte gegen mich keine Chance gehabt«. Starke Stücke aus diversen Geburtstags-Artikeln. Hary war in der Tat eine echte »Type« im Vergleich zu heutigen Mustermännchen. Dass aber bei seinem Gold-Lauf in Rom noch kein Kommerz im Spiel gewesen sein soll, lässt jeden schmunzeln, der gesehen hat, wie Hary in Puma lief und in Adidas zur Siegerehrung erschien. Und dass er sogar einem Usain Bolt davon gelaufen wäre? Zu gerne wäre ich als romantischer Nostalgiker bereit, das zu glauben, als nüchterner Sportler, der Aschenbahn, Schuhe, Handstoppung, Startblöcke und ähnliche Boni und Mali einkalkuliert, bin ich aber sicher, dass er den Peking-Bolt nur von weit hinten gesehen hätte.
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Nachträgliche Glorifizierung hätte Hary gar nicht nötig, er war einzigartig. Ein wenig erinnert das an Nestor, jenen alten Griechen, den der Name unsterblich gemacht hat, und der in Erinnerung an seine Jugend ausrief: »Da kam kein Mann mir gleich, damals schien ich hervor unter den Helden!«
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Wir alten Hessen rühmen uns etwas realistischer: »Was warn mir Kerle! Was hu mir Bäuch!« Leider ist der kurze Trend zum »Dad Boy«, der die gemütliche kleine Plauze zum Sex-Symbol machen wollte, schon vorbei und an uns sowieso unsexy vorüber gegangen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 24. März 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Baumhausbeichte - Novelle